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09.07.12

Demut und Social Media: Facebook – das Ende der Bescheidenheit?

Dazu besteht Einigkeit: Social Media sind zur Selbstdarstellung da - ich und mein Frühstück, ich und mein bester Urlaub, ich und mein neues Auto. Bei soviel Konsens reizt uns der Widerspruch: Machen Facebook & Co. in Wirklichkeit demütig?

Die Vorbehalte gegen dieses Internet sind in Deutschland noch immer groß – das merke ich bei Vorträgen, Seminaren, Kundengsprächen oder sogar Kommentaren im Blog immer wieder. Doch neben diffusen Datenschutz-Ängsten und der schlichten Unwissenheit haben viele noch ein weiteres Problem mit dem Netz: Vielen ist es als reines Selbstdarstellermedium schlicht suspekt. Oder kurz: Ihnen fehlt die Bescheidenheit.

Da stellte sich die Frage: Kann man im Internet bescheiden sein? Kann man im Gegenteil nicht sogar vom Internet Bescheidenheit lernen, weil es einem beibringt, zu den eigenen Fehlern zu stehen?

Demut im Netz?

Anfang Juni war hörte ich in Berlin einen Vortrag von Daniel Rehn. Es war an einem Dienstag morgen kurz nach 8 im Berliner BaseCamp und nur wenige Zuhörer hatten sich zu dieser frühen Stunde versammelt. Schade, denn die kleine Frühstücksveranstaltung samt anschließender Diksussion war mal was ganz anderes als das Gerede, das man sonst so in Berlin zu hören bekommt: Rehn sprach über Demut. An sich nichts Ungewöhnliches – wenn man aber weiß, dass Rehn PR-Berater mit Focus Social Media ist und damit einer Zunft angehört, die gemeinhin eher nicht zur Demut neigt, dann ist das schon ein wenig ungewöhnlich. Und genau darum ging es dann auch: Darüber ob und wie sich die Selbstdarstellerei im Internet mit demütigem Verhalten vereinbaren lässt.

Echt nachhaltig oder Greenwashing?

Ich gebe zu, anfangs war ich skeptisch: Zu oft habe ich erlebt, wie solche Themen dazu herhalten müssen, Leuten mit eher fragwürdigten beruflichen Tätigkeiten eine weiße Weste zu verschaffen – «Greenwashing» in eigener Sache sozusagen. Und so merkte ich denn in der anschließenden Diskussion auch an, dass es da Unterschiede gebe zwischen echter Demut und Demut zu Marketingzwecken.

Was folgte, war eine sehr spannende und erstaunlich philosophische Diskussion, die zeigte, wie sehr solche Fragen die Gemüter bewegen: Kann man im Internet überhaupt bescheiden sein oder ist das nicht ein Widerspruch in sich? Und können Unternehmen, die sich ja in der Regel zu Marketingzwecken im Netz bewegen, überhaupt demütig sein oder ist nicht Marktschreierei zwingend erforderlich, um auf sich aufmerksam zu machen?

Was zählt, sind die Klicks, nicht der Inhalt

Das Ergebnis unserer Diskussion: Social Media und Bescheidenheit müssen sich nicht zwingend ausschließen. Im Gegenteil, so fasste Daniel Rehn zusammen: Klar könne (und müsse) man auch Selbstdarstellung betreiben, aber entscheidend sei die Haltung, mit der man das tue: Was letztlich zählt, sei nicht, wieviel Klicks jemand bekäme, sondern der Inhalt. Dass wir uns angewöhnt hätten, nur noch Headlines und Klicks wahrzunehmen, dafür machte Sachar Kriwoj, Leiter Digital Public Affairs bei E-Plus, Facebook verantwortlich. Facebook sei das Ende der Demut.

Wenn überhaupt ist also nicht das Netz Schuld an der fehlenden Bescheidenheit, sondern was wir daraus machen. Denn, so unser Fazit an jenem Tag: Es kommt im Internet nicht darauf an, der schönste, klügste und tollste zu sein, sondern Wissen zu teilen – und dabei anzuerkennen, dass andere etwas besser wissen als wir selbst. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, das Internet zwingt uns regelrecht zur Bescheidenheit. Jemand hat mal getwittert, eine Runde im Berliner S-Bahn-Ring lehrt Demut. Ich sage: Fange an zu bloggen.

Warum das so ist und wie wir das umsetzen können, beschreibe ich im zweiten Teil dieses Artikels.

Bild: Ambuj Saxena auf flickr.com (CC BY 2.0)

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