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13.02.12Leser-Kommentare

Arbeitsüberlastung: Im Hamsterrad des eigenen Egos

Stellt Euch vor, Ihr macht morgens den Computer an und es ist - keine E-Mail im Postkasten. Absolut nichts. Niemand hat an Euch gedacht, Tote Hose. Was würdet Ihr tun?

Wer - wie wir öfters vorschlagen - den E-Mail-Verkehr verringern, die Produktivität steigern, sich weniger abhängig von elektronischer Kommunikation machen will, der müsste sich darüber freuen. Denn nun ist endlich Zeit, Liegengebliebenes aufzuarbeiten, das zu tun, was man die ganze Zeit mal machen wollte, sich einen Tag frei zu nehmen (eher für Selbständige) und und und. Wäre es nicht einfach toll, keine E-Mails im Postkasten zu haben?

Keine E-Mails - endlich mehr Zeit?

Die Wahrheit sieht, so behaupte ich mal, anders aus. Das merkt man immer sehr schön, wenn dann mal wirklich nichts los ist - etwa zum Jahresende. Oder weil der Server, auf dem die E-Mails liegen, plötzlich ausfällt. Dann setzt eine gewisse Ernüchterung ein, über die kaum einer redet (weil irgendwie ist es ja ein wenig peinlich) - aber manchmal dann doch. So twitterte etwa Kai Müller, Macher des Blogs Stylespion, am 5. Januar 2012 nachmittags «Inbox Zero. Und das war nicht mal ein alberner Vorsatz für 2012.» Fand ich gut und ehrlich.

Der Glück der Unerreichbarkeit?

Viele sind nicht so ehrlich. Und suchen den Fehler für Burnout-Syndrome nicht bei sich, sondern bei anderen. So wie Miriam Meckel, Lebensgefährtin von TV-Moderatorin Anne Will und  Professorin und Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. Meckel hat eine beeindruckend Karriere hinter sich gebracht: Zunächst Journalistin, im Jahr 1999

jüngste Lehrstuhlinhaberin Deutschlands, 2001 Staatssekretärin und Regierungssprecherin von Nordrhein-Westfalen, schließlich Professorin. Und Meckel hat 2007 ein Buch zu ihrer Überforderung durch die moderne Technik geschrieben, Das Glück der Unerreichbarkeit. Darin zeigt sich Meckel beispielsweise als Sklavin ihres Blackberrys, der sie unentwegt zur Kommunikation zwingt, ihr keine Zeit zu notwendigen Ruhepausen lässt und auch in jede noch so private Situation eindringt. Auf Seite 139 charakterisiert sie treffend, wohin ihrer Meinung nach die  Reise für den Wissensarbeiter der Zukunft geht:

Neo-Nomaden werden Schritt für Schritt zum Normalfall unserer Arbeits- und Lebenswelt. Arbeit wird immer stärker «virtualisiert», Stichwort Conference Call. Wir können alles überallhin mitnehmen, was wir zum Arbeiten brauchen. Das erleichtert einerseits die Mobilität und lässt es beispielsweise zu, schon donnerstags nach Hause oder erst dienstags ins Büro zu fahren. Andererseits bedeutete es, dass zu Hause eben nicht das Privatleben beginnt, sondern die Arbeit unter anderen Vorzeichen und in anderer Umgebung fortgesetzt wird.

Will Goldmund nicht mehr Narziss sein?

Meckel ist gerade deshalb ein so gutes Beispiel ihrer eigenen These, weil sie kurze Zeit später an Burn-out erkrankte. Die logische Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der nur am Ball bleibt, wer ständig erreichbar ist und schnellst möglich reagieren kann? Das klingt beängstigend logisch – und ist doch die falsche Schlussfolgerung. Denn beim Lesen von Meckels Buch scheint immer wieder durch, dass das eigentliche Problem nicht die Technik, sondern vor allem unser Umgang mit ihr ist: Denn vereinfacht gesagt ist das Grunddilemma unser Wunsch nach Liebe, gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg. Sarina Pfauth hat Meckels Problem in der Süddeutschen Zeitung treffend analysiert:

Wie kann sich jemand überhaupt nach einem Burn-out zurückziehen, wenn er zuvor in einem solchen Geschwindigkeitsrausch gelebt hat? ... Will so jemand in die offensichtliche Bedeutungslosigkeit eines kleinbürgerlichen Lebens verschwinden? Nein. Will Goldmund nicht mehr Narziss sein? Nein.

Das, was Miriam Meckel beschreibt, trifft auch auf viele andere Nutzer des Internets zu: Sie geben sich die größte Mühe, bedeutend zu sein – und wundern sich dann über ihre eigene Arbeitsüberlastung. Denn noch schlimmer als ein überfülltes E-Mail-Postfach ist für viele Menschen eines, in dem gähnende Leere herrscht. Denn das bedeutet ja, um Himmels Willen, dass wir völlig unbedeutend sind und uns keiner braucht! Und vielleicht ist dadurch sogar der Job in Gefahr und die Existenz bedroht? Eine Horrorvorstellung! Praktisch Liebesentzug! Kein Wunder also, dass wir immer wieder auf Menschen stoßen, die lautstark am Flughafen oder im Zug mit dem Handy die eigene Wichtigkeit betonen. Jeder vierte Mobilfunknutzer hat sogar schon einmal ein Handy-Gespräch simuliert, um vor anderen besser dazustehen, wie James E. Katz herausgefunden hat. Vereinfacht könnte man sagen: Arbeitsüberlastung durch mobiles Internet und Social Media resultiert vor allem aus dem Wunsch nach Anerkennung und Respekt durch Chef, Kollegen und Bekannte.

Bewusst ins Hamsterrad

Was für mich daraus folgt: Statt ständig über das Hamsterrad zu klagen, sollte man sich klar machen, dass man sich dieses Leben bewusst ausgewählt hat. Oder es ändern. Aber auf keinen Fall über die ständige Überlastung klagen und nichts wirklich daran ändern. So wie die Journalistin Meike Winnemuth, die bei einer Weltreise feststellt:

Das Hamsterrad, aus dem ich so froh war auszusteigen für ein Jahr? Das habe ich mir selbst zusammengelötet, es ohne fremde Hilfe bestiegen und mit allen Kräften in Gang gehalten. Ich habe wie wir alle oft gestöhnt über all die To-Dos: Blödsinn. Man muss so viel weniger, als man sich eingesteht. Ehrlicher wäre gewesen, ich hätte gesagt: Ich will. Ich hatte mich für das Hamsterradleben entschieden. Und sollte ich in das Rad zurückkehren, dann bewusst und ohne Murren.

(An der Stelle Danke an imgriff-Leser Lars Zapf für den Hinweis auf das tolle Zitat).

Artikelbild: Stephanie bei flickr.com (CC BY 2.0)

Kommentare

  • Michael Kieweg

    13.02.12 (07:45:59)

    Auf dem Geburtstag einer Freundin vor ein paar Tagen, wurde diese Situation ganz plakativ deutlich. 20 Leute, die sich höchstens ein- oder zweimal im Jahr überhaupt treffen, weil sie fast alle selbständig sind und sehr unterschiedliche Leben führen, sitzen bei Wein und Tapas am Tisch. Neben ungefähr 15 Weingläsern liegt ein Smartphone bereit. Als ich dann gesprächsweise erwähne, daß ich gar kein Handy mitgenommen habe, herrscht sekundenlang ungläubige Stille am Tisch. Keiner kann sich noch vorstellen, nicht erreichbar zu sein. Meine Aussage, daß ich an manchen Tagen, wenn ich viel zu tun habe, das Handy oder Telefon ignoriere und einfach meine Arbeit mache, stieß auf völliges Unverständnis, genauso wie der Hinweis auf Mailbox, Anrufbeantworter und die Möglichkeit des späteren Rückrufes.

  • Michael

    14.02.12 (09:35:25)

    toller artikel....am puls der zeit ;-) der mensch will immer das gegenteil von dem was er hat. ist menschlich. ist er überall erreichbar, ist er genervt. ruft keiner an (oder keine mail) bekommt er panik und bekommt paranoia....schon komisch. ich denke das....wie alles im leben...die goldene mitte ausmacht. ich habe tage, da gehe ich ab wie ein hamster auf drogen ;-) und es gibt tage, da verschwinde ich aus der bildfläche...wo mich später freunde fragen ob ich noch am leben sei ;-)

  • Paul

    14.02.12 (23:08:27)

    eMails lese ich im Büro erst nach den Mittag, am Vormittag ist meine Arbeit dran. Am Vormittag ruht auch das Handy, es sei denn es ist dringend und der Anrufer spricht mir auf die Mailbox mit einer kurzen Info worum es geht. Ein einfaches "ruf mal zurück" wird dabei jedoch vormittags genauso ignoriert wie ein Anruf ohne Mailbox Nachricht.

  • Caro

    15.02.12 (22:58:34)

    Ein halbes Jahr habe ich das Experiment gewagt Handyabstinent zu sein. Das stieß im Freundes- und Bekanntenkreis auf starke Ablehnung. Für mich selbst ergaben sich genau 5 Situationen in denen ich ein Handy 'wirklich' gebraucht hätte. Anfangs habe ich es natürlich auch vermisst sms zu schreiben. Alles in allem habe ich es aber als ziemliche Erleichterung gesehen. Obwohl ich also eigentlich gar kein Handy brauche bin ich jetzt wieder up to date. Die Leute, die sich am meisten über die Veränderung beschwert hatten rufen nach wie vor am wenigsten an ;)

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