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21.05.14Leser-Kommentare

Selbstoptimierung per Fitnesstracker: Es kehrt Ernüchterung ein

Fitnesstracker haben aus dem bisherigen Nischentrend der Selbstquantifizierung ein über Early-Adopter-Kreise hinaus verbreitetes Phänomen gemacht. Doch jetzt kehrt Ernüchterung ein.

Man sieht sie immer öfter, und nicht mehr nur an Orten, auf denen sich besonders technologieaffine Menschen zusammenrotten: oft farbenfrohe, intelligente Fitnessarmbänder, die ihre Träger mit Informationen über zurückgelegte Distanzen, getätigte Schritte, verbrannte Kalorien, Schlafstunden und andere Kennzahlen versorgen, die Auskunft darüber geben können, wie gesund und körperbewusst der eigene Alltag ist. Der übergeordnete Trend lautet Selbstquantifizierung oder Quantified Self. Die Vermessung des Körpers und seiner Funktionswerte soll den Menschen dabei helfen, leistungsfähiger, gesünder, produktiver und effektiver zu werden. So zumindest die Theorie. Ich beobachte den Selbstquantifizierungs-Trend seit langem mit einer gewissen Ungläubigkeit. Wieviel Energie, Zeit und Geld manche darin investieren, Daten zu erheben, auf deren Basis sie dann Erkenntnisse erhalten, die sie ohnehin schon kannten (»Ich bewege mich zu wenig«, »Ich schlafe zu wenig«), fasziniert und verwundert mich. Wobei sicherlich der spielerische, experimentelle Aspekt, den ich gut nachvollziehen kann, nicht zu unterschätzen ist.

Aber abgesehen vom Neuigkeitswert und der Möglichkeit, coole Statistiken und grafische Darstellungen über sportliche Betätigungen und Schlafzyklen abrufen zu können, war ich bisher der Überzeugung, dass sich der praktische Nutzwert von am Körper getragenen Fitnesstrackern für den Alltagsgebrauch in Grenzen hält.

Es kann meine selektive Wahrnehmung sein, aber in letzter Zeit mehren sich die kritischen Stimmen rund um die Selbstquantifizierung - auch von ehemals überzeugten Anhängern. Malte Goesche entledigte sich seiner Armbänder von Jawbone und Fitbit, nachdem er einsah, dass die Produkte im aktuellen Stadium zu wenig Nutzen bieten und zu viel aktive Pflege und Aufmerksamkeit erfordern. Frank Chimero findet, dass Wearables ganz generell ein elementares Problem mitbringen: Sie erhöhen die »Schmerzen« und reduzieren das Vergnügen. Und Dick Talens widerspricht der Ideologie hinter Fitnesstrackern, nach der das Erreichen einer guten körperlichen Verfassung ein Datenproblem sei: »Perfekte Daten helfen oft nicht, wenn menschliche Emotionen involviert sind«.

Dass Nike kürzlich ankündigte, die Produktion seine Fitnessarmbands FuelBand einzustellen, konnte man als Indiz dafür werten, dass das Segment seine vom Hype getriebene Wachstumsphase erst einmal hinter sich gelassen hat. Denn nach längeren Einsatzperioden sind viele Selbstoptimierer an einen Punkt gelangt, an dem sie ihre Gadgets auf den Prüfstand stellen. Bei manchen landen sie dann erst einmal in Schubladen.

Das aktuelle Hinterfragen von Fitnesstrackern heißt nicht, dass das Thema Selbstquantifizierung und -optimierung vom Tisch ist. Doch solange der Aufwand der Datenerhebung größer ausfällt als die eigentlichen, die Fitness und das Wohlbefinden verbessernden Aktivitäten, wird es ein Thema für Early Adopter und Zahlenfetischisten bleiben. Die restliche Bevölkerung wird sich damit abfinden müssen, dass nicht das richtige smarte Armband den Schlüssel zum Erfolg darstellt, sondern Selbstdisziplin, eine ausgewogene Kost und gelegentlicher Verzicht auf bestimmte Genussmittel.

Kommentare

  • David Blum

    21.05.14 (10:15:25)

    So ist es. Meine Erkenntnis war genau die Gleiche: das Armband bringt mir nichts. Habe ich damals verbloggt: http://davidblum.ch/post/63404002697/fitness-armbaender

  • Olaf

    21.05.14 (13:32:27)

    Man kann natürlich üner Sinn und zweck streite, aber: " Doch solange der Aufwand der Datenerhebung größer ausfällt als die eigentlichen, die Fitness und das Wohlbefinden verbessernden Aktivitäten, wird es ein Thema für Early Adopter und Zahlenfetischisten bleiben." schein mir doch sehr gewollt. Einmal eingerichtet muss man den tracker mit sich führen und schaut dann einmal am Tag nach den Ergebnissen. Wo ist da Aufwand bei der Datenerhebung?

  • Florian Schumacher

    21.05.14 (14:49:38)

    Ich habe da genau entgegengesetzte Erfahrungen gemacht. Klar kann man die Erkenntnisse, zu denen einem Quantified Self Tools verhelfen manchmal auch abstrakt herleiten. Entscheidend ist beim Beispiel Aktivität-Tracker jedoch, dass die Geräte einen durch ihre physikalische Anwesenheit permanent daran erinnern was Sache ist und einen so zu mehr Aktivität motivieren können. Diese Feedback Loops und das daraus resultierende Bewusstsein sind ausschlaggebend für den Erfolg beim Self-Tracking. Das klappt nicht bei allen, aber durchschnittlich gehen Leute mit Tracker 40% mehr als ohne, wie eine Studie der Standford University herausgefunden hat. Da es sich dabei im Besten Fall um eine nachhaltige Gewohnheitsänderung handelt, ist es ja auch völlig ok, wenn man als aktiver Menschen nach einiger Zeit den Tracker ablegt. Ansonsten hat Quantified Self aber auch das Potential wertvolle und verborgene Erkenntnisse zu fördern. Spannend sind zum Beispiel Blutbild Analysen mit denen man Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten oder Nährstoffmängel abklären und begegnen kann. Sinn macht das natürlich alles nur, wenn man eine Lösung für ein Problem sucht und den Wunsch hat, etwas in seinem Leben zu verändern.

  • Zauberweib

    22.05.14 (21:14:41)

    Ich seh das noch viel kritischer im Zusammenhang mit Datenschutz bzw. -Verwertung. Irgendwo werden die Daten ja gespeichert - meistens in irgend einer Cloud. Das alleine wäre mir schon zu befremdlich; wenn ich mir dann aber noch vorstelle, dass die Krankenkassen mittels solcher Daten ganz neue Preiskonzepte ausarbeiten könnten... einige "locken" ja bereits: http://www.computerbild.de/artikel/Pressemitteilung-03-Mai-2014-10081178.html Nee, also ehrlich - wir sind so schon gläsern genug, da mach ich doch nicht auch noch aktiv mit bei solchen Datenerhebungen. Ich hab ein Blutdruckmessgerät, das mir letztlich aber auch nur bestätigen kann, dass mein Kreislauf im Keller ist. Wenn ich zu wenig Schlaf bekomme, merke ich das daran, dass ich leicht reizbar bin und noch mehr friere als sonst. usw. usw. Unser Körper und unser Gemüt liefert uns doch bereits alle Daten, die wir brauchen. Wir müssen halt nur den Geist dazu schalten, um diese auch auszuwerten :)

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