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03.08.11

Schneller, besser und effizienter werden: Datensammler als Selbstoptimierer

Kürzlich habe ich hier über das Ende des Zeitmanagements geschrieben: Weniger Effizienzsteigerung, mehr Gelassenheit durch ein selbstbestimmteres Leben. Nun habe ich in der Süddeutschen über die Anhänger der Quantified-Self-Bewegung gelesen und festgestellt: Es scheint Leute zu geben, die genau das Gegenteil tun: Mehr Effizienz durch Selbstoptimierung mit technischen Hilfsmitteln. Eine andere Zukunftsvision?

 

Auch wenn der Günder der Website Quantified Self, der  Journalist Gary Wolf  (der schon das Wired Magazin mitbegründet hat) in Berkley, Californien, lebt, neben San Fransico, der Keimzelle, scheint New York die heimliche Hauptstadt der Quantified-Self-Anhänger zu sein: Während die Mitgliederzahlen in anderen Städten zwischen 80 und 300 pendeln, gibt es in New York 650 Mitglieder. Und das passt auch ins Bild: New York ist die Stadt, in der kein Jogger je eine Pause an der Ampel einlegen würde (sondern auf der Stelle weitertrippelt), in der Obst und Salat in kleinen Portionen als Fast Food verkauft wird. Und es ist die Metropole, die sich auch sonst durch eine besonders rege Geschäftigkeit auszahlt, die sich spürbar auch auf den eigenen Pulsschlag auswirkt.

 

Die Freunde von Quantified Self glauben an "Self knowledge through numbers":  Sie zählen Kalorien, die Zeiten, die sie beim Laufen für X Kilometer gebraucht haben, wann sie wo wieviel gegessen oder sogar mit wievielen Leuten sie geschlafen haben. Aktuell steht da zum Beispiel "Joost Plattel quantifies 67% of his life. His dataset from 2010 has 40,000 data points." Hilfsmittel dabei sind Computer, Internet und vor allem Smartphones. In Deutschland gibt es offenbar noch keine Anhänger - wenn ich mir aber anschaue, welchen Zuspruch sich Selbst-Tracking-Apps wie Runtastic erfreuen, mit denen man zum Beispiel seine sportlichen Aktivitäten aufzeichnen kann, dürfte das nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das zu ändern beginnt.

Der Schritt zum perfekten Menschen?

Vordergründig geht es darum, Daten über sich zu sammeln, wie das auch Unternehmen wie Google tun. Gary Wolf wird mit den Worten zitiert, es sei nur fair, wenn man so viel über sich selbst wisse, wie es auch Google oder Facebook schon tun. Das hört sich harmlos an, doch eigentlich steckt mehr dahinter, denn die Selbst-Tracker sammeln ihre Daten nicht nur, um den Überblick zu behalten: Sie werten diese Daten auch aus und vergleichen sie miteinander. Das soziale Netzwerk Daytum hilft ihnen dabei. Wie steht auf der Startseite: DAYTUM HELPS YOU COLLECT, CATEGORIZE AND COMMUNICATE YOUR EVERYDAY DATA. Die Benutzer entscheiden sich, welche Daten Sie tracken und wie sie diese kategorisieren wollen. Aber das ist noch nicht alles: Angeboten werden auch verschiedene Methoden, wie sie diese Tracking-Ergebnisse darstellen könnten - etwa als Balkengrafik oder Tortendiagramm.

Genau an der Stelle fängt für mich die Sache an, bedenklich zu werden. Es leuchtet mir noch einigermaßen ein, dass jemand sich selbst gut kennen und sein eigenes Tun und Handeln möglichst nachvollziehen möchte. So wie manche Leute ein Haushaltsbuch über ihre Ausgaben führen, um nicht zu viel Geld auszugeben. Allerdings muss man sich auch hier schon fragen, inwieweit diese genaue Kenntnis die Handlungen dann beeinflusst. Wenn ich zum Beispiel jedes mal aufzeichne, wie schnell ich gelaufen bin, mache ich das nicht nur um das zu wissen: Ich will einfach besser werden. Das mag ein Ansporn zu Leistungsverbesserung sein. Wenn ich mich aber nur noch zwanghaft auf die Ergebnisse konzentriere, tritt das eigentliche Ziel, Gesundheit und Wohlbefinden zu verbessern, schnell in den Hintergrund. Es geht nur noch um die Verbesserung der Zahlen, kaum noch um die Sache selbst.

«Ich hab' mehr als Du!» bis zur Depression

Dieser Effekt verschlimmert sich noch, wenn man die Ergebnisse nicht nur für sich behält, sondern auch noch mit anderen teilt. Klar kann man sich auf diese Weise auch gegenseitig Tipps geben, die vielleicht bei der Selbstoptimierung helfen. Aber letztendlich geht es doch, gerade wenn man klar zu beziffernde Zahlen miteinander vergleicht, nur um eines: Die Frage "Wer hat mehr?" Dieses Konkurrenzdenken kennen wir ja bereits aus anderen Sozialen Netzwerken - so gibt es z.B. für Google+ bereits Charts...

Nun mag der Wunsch, sich mit anderen zu vergleichen, etwas zutiefst Menschliches sein. Anders gesagt: Konkurrenz belebt das Geschäft. Hinter Zahlen scheinen klare Aussagen zu stehen. Wie sinnvoll die aber sind, wird selten hinterfragt. Und viele lassen sich durch die ständige Vergleicherei in Sozialen Netzwerken unter Druck setzen. Das ist wie in dieser „Mein Haus, Mein Auto, Mein Boot“-Werbung: Wer feiert die meisten Partys, hat die meisten Freunde oder besteigt die meisten 8000er? In den USA ist daraus bereits ein neues Krankheitsbild entstanden, die Facebook-Depression. Behandelt werden Menschen, die in Sozialen Netzwerken weniger Freunde haben als andere und sich dadurch minderwertig fühlen.

Selbstoptimiert oder fremdbestimmt?

Mir scheint, wenn man nahezu sein gesamtes Leben in Zahlen bemisst und zum Vergleich freigibt, dann fehlt am Ende jede Rückzugsmöglichkeit, wenn es mal nicht so läuft. Denn niemand kann überall der Beste oder die Beste sein. Dauerneid und Dauerstress bis hin zum Burnout scheint fast zwangsläufig die Folge davon. Der selbstoptimierte Mensch ist also ganz weit weg von einem selbstbestimmten Leben, weil er bald nur noch dem Zwang, das Soll zu erfüllen, hinterherhechelt. Was für eine traurige Vorstellung!

Selbstoptimierung - das klingt verheissungsvoll, weil man auf diese Weise vermeintlich das Beste aus sich machen kann. Letztendlich ist dieser scheinbar perfekte Mensch aber der erste Schritt in die Abhängigkeit und ein fremdbestimmtes Leben, in dem man nur noch einem Ideal hinterherhechelt. So was möchte ich lieber nicht erleben!

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