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27.04.07Leser-Kommentare

Die Renaissance des Notizbuchs

Hightech-Spezialisten und Geeks finden zurück zum Notizbuch: Vom Nutzen handschriftlicher Gedankenstützen.

«Ich benutze ein kleines (9 mal 14cm) Moleskine-Notizbuch, das ich leicht mitnehmen kann, wenn es unbequem wäre, ein grösseres Buch herumzuschleppen ... Moleskines sind ausserordentlich praktisch. Sie passen exakt in die Gesässtasche eines Paar Levi's. Ihr zähes Einbandmaterial steckt nicht nur Misshandlungen weg, sondern gewinnt an Charakter durch die Schläge und Kratzer. Das Leinen-Lesezeichen ist unverzichtbar, und die Ticket-Tasche auf der Umschlag-Innenseite wird zum Aufbewahrungsort vieler Schätze.»

Paul Saffo

«Ein "b" am Rand eines Eintrags markiert Ideen, die einen Beitrag in meinem Blog wert wären. Ein kleiner Kreis bedeutet "zu erledigen"; ein "x" bedeutet "erledigt". Und mehrere grössere Kreise um einen kleinen Kreis bedeuten "sollte endlich erledigt werden!"»

Stan James

Es gibt gute Gründe (und sehr schöne Produkte), auch im digitalen Zeitalter immer ein kleines Notizbuch mit sich herumzutragen. Vorteilhaft ist die chronologische Folge aller Notizen (wir denken zeitliniear, und wir suchen entsprechend), die leichte Archivierbarkeit und nicht zu vergessen das angenehme Gefühl, wichtige Dinge schwarz (oder blau oder koloriert) auf weiß zu haben.

Wer mich von diesem Anachronismus überzeugt hat? Der berühmteste Zukunftsforscher des Silicon Valley, Paul Saffo.

 

Der Reihe nach. Ich hasse meine Handschrift. Sie ist hässlich, und wenn es eilt (und wann tut's das nicht, wenn ich was notiere), mutieren die ungelenken Haken häufig zu einem Gekritzel, das ich später kaum mehr lesen kann. Deshalb war ich glücklich, als vor rund 15 Jahren der erste Palm-Personal-Computer auf den Markt kam: Fortan, dachte ich, werd ich alles digital notieren.

Denkste. Wenn ich heute mein Treo-Smartphone am Ohr hab, suche ich so verzweifelt wie alle andern nach Papier und Stift, wenn ich etwas wichtiges höre. Selbst zu Hause am Arbeitsplatz, bewehrt mit einem Telefon-Headset für längere Recherchegespräche, kritzle ich Stichwörter lieber auf die herumliegenden Zettel, als dass ich meinen Gesprächspartner mit dem Tastaturgeklapper nerve.

Entsprechend mühsam gestaltet sich später die Suche nach Terminnotizen, Namen und Passwörtern. Die kreuz und quer beschriebenen losen Seiten fristen ein endloses Dasein auf meinem Pult, weil ich es nicht wage, sie wegzuwerfen - in irgendeiner Ecke steht garantiert etwas Unverzichtbares, was ich noch nicht in meine definitive Passwort-Ablage eingetragen habe.

blog1Im Herbst letzten Jahres habe ich im Silicon Valley Paul Saffo getroffen, den wohl bekanntesten Zukunftsprognostiker der Hightech-Szene. Wir saßen in einem Starbucks (dessen Lage ich ihm geheimzuhalten versprechen musste, weil "die Venture-Capitalists es noch nicht entdeckt haben und man deshalb hier in Ruhe reden kann") und zückten unsere Geräte: Audio-Recorder, Cellphones - und er zog ein kleines, schwarzes Notizbuch und einen Tuschefüller hervor.

Guter Einstiegspunkt, dachte ich: Wie kann ein Vordenker des digitalen Zeitalters mit sowas operieren? Paul ließ mich einen Blick in sein Moleskine werfen, und ich verstand sofort.

saffoDer Mann schreibt hier nicht nur Telefonnummern rein, sondern beginnt im Flugzeug auch mal ein ganzes Essay; Besprechungen mit Ingenieuren schlagen sich in feinen Grafiken und Flussdiagrammen nieder; und zwischendrin finden sich immer wieder Zeichnungen von Landschaften oder Straßenszenen - manches davon (nachträglich) mit Aquarell koloriert.

"Probier das mal auf Deinem Smartphone." Stimmt, zeichnen möchte ich nicht auf dem Treo. Aber wie, um alles in der Welt, lässt sich diese Fülle von Information und künstlerischem Wert organisieren? "Wenn eins voll ist, kommt's ins Archiv und wird von einem neuen abgelöst. Die Chronologie ist das beste Ablagesystem, weil wir meist noch ungefähr wissen, wann wir etwas niedergeschrieben haben."

Saffo ist berühmt für seine Notizbücher. Außerdem macht er einen ausgesprochen ungestressten und glücklichen Eindruck, und ich war sofort bereit, das mit den kleinen schwarzen Büchlein (einfache, effiziente Organisation) und den größeren, privaten Tagebüchern (hab ich nicht zu Gesicht gekriegt) in Zusammenhang zu bringen.

Vor ein paar Tagen dann habe ich in meinem Lieblingsbuchladen (während eines San Francisco-Besuchs keinesfalls auslassen) zwar nicht das für eine Story gesuchte Buch, aber eine ganze Reihe diverser Moleskine-Notizbücher gefunden. Frei nach dem Motto "das bisschen, das ich lese, kann ich mir auch selber schreiben" hab ich eins davon gekauft - logischerweise das hochformatige Reporter-Umschlagblöcklein, das wir aus unzähligen Schwarzweißfilmen mit den Schlapphut-Reportern und bärbeißigen Detektiven kennen.

Als erstes ist mir der Preis aufgefallen: Bei zwölf Dollar pro Stück verstehe ich, weshalb Saffo einen Tuschefüller und eine sehr kleine Schrift benutzt. Dann sah ich den kleinen Prospekt mit der Geschichte der Moleskine: Der Name kommt vom Moleskin-Stoff, mit dem die Notizbücher früher eingebunden waren. Und der heißt so, weil er so weich und fest wie Maulwurfsfell (englisch: Moleskin) sein soll. Der ursprünglich französische Hersteller ist irgendwann in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts plötzlich vom Markt verschwunden und seit ein paar Jahren knüpft eine Mailänder Firma an die Tradition an - und das sehr erfolgreich, wie man in vielen Cafés und Hörsälen sehen kann.

Statt eines Stofflesezeichen-Bändels weist mein Reporter-Notizbuch ein Gummiband auf, das das Büchlein sowohl geschlossen halten als auch eine bestimmte Stelle markieren kann; die erwähnte Ticket-Tasche im hinteren Einband muss noch gefüllt werden, den vorderen ziert wie bei allen Moleskine-Produkten eine Art Ex-Libris mit Angaben zum Besitzer des Büchleins und zu einem allfälligen Finderlohn. Das gelbliche, ebenso zähe wie dünne Papier halte ich (schon angesichts des Preises) für säurefrei und damit archivbeständig.

Während eines langen und hoch interessanten Lunch-Gesprächs mit Stan James, dem Gründer der Social-Network-Suchmaschine Lijit aus Boulder, Colorado, der gerade in San Francisco war, habe ich mir erstmals Notizen in dem edlen Stück gemacht und dabei festgestellt, dass es wohl etwas Training braucht, um ohne eine Fläche zum Abstützen der rechten Hand in das kleine Büchlein zu schreiben.

Und dann zückte Stan sein "Leben": Auch er, ein intellektueller Mathematiker, benutzt ein Notizbuch, "allerdings eine billigere Marke". Auf dem Rücken des blauen Büchleins steht "Stans Life" geschrieben - "Ein Witz. Ich kann sagen: Ich habe meine Leben verloren oder: Hat jemand mein Leben rumliegen sehen?"

Dabei benutzt Stan, ganz ähnlich wie Saffo, sein kleines Buch nur für Alltagsnotizen. Das Tagebuch hat er vor einiger Zeit ausgelagert in ein separates Notizbuch.

Im Zuge des Gesprächs über Notizbücher verriet er mir dann auch sein System, das ähnlich funktioniert wie Saffos mit der Chronologie, wobei Stan zusätzlich Randmarkierungen zu gewissen Einträgen anbringt, etwa ein "b" für "dies bloggen" oder ein Kreis für "erledigen" (siehe Textanfang). Das erklärt auch die außergewöhnliche Qualität von Stans Blog, auf dem nicht täglich neue, dafür immer hochspannende Gedanken und Beobachtungen zur digitalen Gesellschaft zu finden sind.

Das "b", sagt Stan, habe ihm geholfen, die Themenratlosigkeit zu überwinden, wenn er endlich Zeit findet zu bloggen: "Früher habe ich mich hingesetzt und gedacht, ok, Zeit zu bloggen. Was war da gleich wieder? - Heute nehme ich das Notizbuch und blättere es durch, gucke mir die Einträge mit "b" an und entscheide mich für etwas davon, das sich spannend andenkt."

Das System ist so simpel wie effizient und lässt sich wohl beliebig erweitern. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mir höchstens vier solche Symbole auszudenken und fortan in meinem schwarzen Reporterbüchlein zu benutzen.

Und außerdem kaufe ich mir morgen als erstes einen Fineliner mit extrem dünner Spitze und übe Kleinstschrift.

Kommentare

  • mark

    29.04.07 (11:49:33)

    danke für den text. ich habe ihn begeistert im stehen gelesen.

  • Markus Merz

    29.04.07 (15:52:51)

    Komisch, dass man über solche Selbstverständlichkeiten so viel Schönes schreiben kann :-) Die kleinen Moleskine (schwarz oder hellbraun) kosten im Dreierpack knapp sechs Euro und sind absolut empfehlenswert. Die durchgenähte Bindung weiß man zu schätzen, wenn man erst einmal ein paar deutlich billigere Vokabelheftchen als hässlichen verschrumpelten Papierblock in der Ecke liegen hat.

  • Boogie - slidetone.blog

    29.04.07 (21:20:47)

    Zufällig diesen Text bei Blogscout gefunden und ab in die Bookmarks. Hätte ich jetzt noch einen Notizblock greifbar, ich würd' die URL notieren. Danke für den tollen Text.

  • Dominik Holenstein

    18.05.07 (11:36:05)

    Ein schöner Artikel! Es ist immer wieder interessant zu erfahren, dass selbst die grössten Geeks mit Papier und Handschrift arbeiten. Auch ich bin computer- bzw. softwaresüchtig, kann mich aber nicht von Moleskines und Bleistift trennen. Ein Tipp: Kauft den TK-FINE EXECUTIVE 0.7 Minenstift von Faber-Castell. Kostet ca. SFr. 8.- und ist sehr praktisch. Das Schreiben mit Bleistift hat viele Vorteile: Korrekturen sind möglich ("gümele"), Skizzieren geht auch und die Schrift braucht wenig Platz bzw. das Kleinschreiben ist einfacher.

  • Anonym

    15.09.08 (10:18:12)

    ursprünglich hab ich architektur studiert und ohne notiz oder skizzenbuch läuft bei mir gar nichts, viel näher an den spontanten gedanken [Edit: Name geändert, bitte Kommentarregeln beachten. F.S.]

  • Holle

    26.02.09 (14:45:08)

    Aus nem Moleskine-Notizbuch kann man auch eine externe Festplatte machen http://www.expli.de/anleitung/notizbuch-als-externes-gehaeuse-fuer-festplatte-bauen-1480/ Saucool!

  • Florian Steglich

    26.02.09 (15:28:26)

    » Holle: Na, und das ist ja mal ein toller Zufall, dass auf diese Anleitung gleich drei verschiedene Leute innerhalb von 15 Minuten gestoßen sind und das auch gleich hier, nebenan bei neuerdings.com und bei bellobene kommentieren wollten. Ironie Ende.

  • Die Konkurrenz

    29.06.09 (15:31:43)

    @Florian: Die Backlinks hat's ja schließlich trotzdem gegeben ;-)

  • Klaus-Bärbel

    20.08.09 (18:05:15)

    Es gibt jetzt auch Moleskines mit auswechselbaren Büchern. habe ich bei Youtube gesehen. Nennen sich wohl "3in1". Das ist cool.

  • Herbert Köppel

    28.12.09 (08:29:30)

    Elektronisches Notizbuch gegen analoges Notizbuch.. Seit des den Palm gibt versuche ich mit elektronischen Notizbücher fertig zu werden, jedoch immer wieder komme ich zum analogen Notizbuch zurück. Was soll ich sagen, es ist einfach viel praktischer. Seit ca. 2 Jahren hab ich die großen dicken "Geschäftsbücher" verwendet, jetzt bin ich umgestiegen auf die kleinen handlichen Moleskins im A5 Format. Kleiner und leichter.. Herbert Köppel

  • zauberer & hütchenspieler

    09.03.10 (18:59:34)

    Ich bin über dies nette Bildchen zum Artikel gestolpert und den fand ich dann sehr interessant & vorallem amüssant - danke. Der Link wird gleich weitergeleitet an einen Freund, welcher letztes Jahr zu Weihnachten von mir so ein kleines Büchlein als praktischen Helfer für den Alltag bekommen hat. Die Teile sind genial, ich habe da so einige ebenfalls mit vielen Randnotizen im Regal stehen. Werde mir aber mal den Umbau zur Festplatte von Holle genauer ansehen :) haha

  • Alireza1001

    10.03.10 (16:17:17)

    Wahre künstlerische Kreativität findet auf dem weißen Papier mit Stiften, Farben und geistiger Freiheit statt, wer wissen möchte wie wertvoll und kreativ das Notizbuch von solchen Menschen wie P. Suffo und S. James ist, dem empfehle ich einen Blick in "Das Mind-Map-Buch" von Buzan/Buzan zu werfen, das wird euch umhaunen und euch Angst machen wie kreativ Ihr eigentlich wirklich seid und Ihre werdet nur noch so arbeiten wollen. bin übrigens der, der ein Notizbuch von V. Lazarro geschenkt bekommen hat ;-) Grüße an Alle

  • Markus

    17.08.10 (14:55:44)

    Ein fantastischer Text! Danke dafür! Ich nutze selber auch einige Moleskines (Kalender, Notizbuch klein, Tagebuch groß, Skizzenbuch klein, ...) und komme davon nicht mehr los! Muss diesen Artikel gleich mal via Twitter bekanntgeben!

  • Maria

    08.01.11 (18:24:40)

    Danke für diesen informativen Beitrag.Hat mir sehr gefallen. LG

  • Docven

    23.01.11 (12:01:15)

    Über Google bin ich hier auf die Seite gestoßen, gute Beiträge. Danke

  • 18.03.11 (17:18:39)

    Ich finde die kleinen Büchleins tolle Helferleins im Alltag. Ich liebe den habtischen Rausch wenn ich mit meinen Händen und Fingern alte Idee wieder entdecke. Feine Idee das im Netzt zu erklären - bin dann mal weg - um alte Ideen neu aufleben zu lassen.

  • Zauberer Geburtstag

    29.09.11 (22:04:36)

    Notizen heutzutage noch? Ja wohl schon, oder? So schnell macht sich der olle Papierblock doch nicht vom Acker... Zauberer Firmenanlass, Dean Mazenauer

  • Industriefilz

    10.10.11 (09:51:22)

    Allerdings ist das i-Pad gewaltig auf dem Vormarsch. Es kann ja so viel... Filz

  • Alexander

    11.11.11 (22:33:57)

    Ich benutze inzwischen ein Netbook von Chili Green für die Steuerung meiner Lightshow, wenn ich als Hochzeits DJ unterwegs bin. Schade ist nur, dass es noch keinen Touchscreen hatte wie das ipad.

  • goochelaar

    17.11.11 (15:00:38)

    vielen dank für diesen informativen Beitrag

  • Simabu

    17.11.11 (16:37:59)

    Also bei mir hat das Notitzbuch ausgediehnt, ich habe mein iphone und am arbeitsplatz meine Post its.

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