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11.08.14Leser-Kommentare

Quantified Self für Kids – Teil 2: Wie ständige Optimierung Eltern und Kinder stresst

Kürzlich habe ich bei einem Aufenthalt in Estland das ICT-Democenter besucht. Dort haben wir über das E-Government-System der estnischen Regierung diskutiert. Ein Thema, das ich besonders spannend fand, war das Tool e-School, dessen Zweck und Anwendungsbereiche ich im ersten Teil meines Beitrags erklärt habe. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kinder hier schon früh »über-optimiert« werden.

Brad Flickinger bei flickr.com (CC BY 2.0)Ein Vater erzählte uns, dass er sich zunächst auch Sorgen gemacht habe, seine Tochter könne sich überwacht fühlen. Die aber habe ihren Vater von sich aus gebeten, noch einmal zu überprüfen, welche Hausaufgaben sie aufhat.

Eine Big-Brother-Situation hat sie offenbar gar nicht gesehen – vielmehr wurde der Überwacher zum Sekretär gemacht.

Vier Überlegungen, die man machen sollte

Das Kind sieht offenbar vor allem seinen praktischen, persönlichen Effizienz-Gewinn in der Situation. Alles gut also? Ich finde, man sollte dennoch ein paar Überlegungen machen:

  1. Mehr Kommunikationsaufwand. Ich stelle mir das ein wenig wie beim Wandel vom Brief zur E-Mail vor: Früher ging alles langsamer, daher wurde weniger geschrieben. Die ständige Verfügbarkeit des Kommunikationstools führt dazu, dass man es auch mehr nutzt, als es vielleicht manchmal nötig wäre. Hier ist vor allem das Verantwortungsbewusstsein der Lehrer gefragt, Eltern nur dann zu benachrichtigen, wenn es wirklich Not tut.
  2. Ständiger Handlungsbedarf. Was macht das mit Eltern, die ja ständig das Beste für ihr Kind wollen, wenn sie über jeden noch so kleinen Fehltritt informiert werden? Sie haben ständig das Gefühl, sie müssten irgendwie reagieren. Ich versuche mir vorzustellen, unter welchen Druck das Eltern setzt.
  3. Über-Optimierung. Bereits ohne dieses Tool übertreiben es manche Eltern schlicht mit ihrem Wunsch, nur das Beste für ihr Kind zu wollen. Was passiert nun, wenn Eltern nicht nur ständig daran erinnert werden, sondern zudem befürchten müssen, ihr Kind könnte »abgehängt« werden, wenn man nicht agiert – weil eben alle anderen auch dieses Tool benutzen? Schlussendlich setzen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Kind permanent unter Druck.
  4. Soziale Unterschiede. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass e-School ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist, für das Schulen bezahlen müssen. Was passiert mit denen, die es nicht bezahlen können? Das Tool hilft auf diese Weise, soziale Unterschiede zu zementieren.

Super Tool oder latente Gefahr?

Man muss allerdings sagen: Diejenigen Esten, mit denen ich gesprochen habe, fanden das Tool alle super – und meinten, es werde zumindest von einem Großteil der Esten genutzt. Vielleicht sind meine Unkenrufe also völlig daneben?

Ich denke nicht. Denn: Kinder werden hier sehr früh damit vertraut gemacht, dass eine ständige (Selbst)Überwachung normal und nicht zu hinterfragen ist. Was aber macht das mit einer Gesellschaft, in der völlig kritiklos mit diesem Thema umgegangen wird?

Wie seht Ihr das: Ist die Sorge berechtigt, oder ist so ein elektronisches Klassenbuch einfach ein gutes Tool, um bereits Kindern mehr Effizienz und Produktivität beizubringen?

Bild: Brad Flickinger bei flickr.com (CC BY 2.0)

Kommentare

  • Christof

    11.08.14 (08:33:37)

    Meine Frau ist Grundschullehrerin und wir sprechen häufig über Schule. Ich finde, dass moderne Kommunikationsmittel bei uns noch viel zu wenig eingesetzt werden. Gemeinsame Dropbox-Ordner, E-Mail-Verteiler - und auch ein elektronisches Klassenbuch erhöhen die Transparenz. Der Mehraufwand durch erhöhtes E-Mail-Aufkommen, weil die Eltern nachfragen, wird ausgeglichen durch die erleichterte Verteilung von Elternbriefen usw. Dass diese Werkzeuge nicht gegen die Kinder verwendet werden dürfen und ihre Privatsphäre zu respektieren ist, versteht sich von selbst. Kreide und Tafel werden (zu) langsam von Smartboards abgelöst, es ist Zeit, dass auch die Elternkommunikation modernisiert wird.

  • Lars

    11.08.14 (09:51:58)

    Ich denke, dass man damit aber auch die Kinder zu mehr Unselbstständigkeit erzieht. Wenn man sich nicht mehr selbst die Hausaufgaben aufschreiben muss, sondern der Lehrer alles einträgt, kann man auch nichts vergessen. Aber ist es nicht gerade der Fehler aus dem man klug wird?! Kinder und Heranwachsende müssen doch auch Fehler machen dürfen um zu lernen. Und wenn man dann später aus dieser wohlbehüteten Welt an die Uni geht, ist da plötzlich keiner mehr, der kontrolliert. Und im Beruf gibt es da auch keinen, der ständig über die Schulter schaut. So bin ich schon ein Befürworter neuer Kommunikationswege in der Schulen, aber bitte ohne Big Brother.

  • golda meir

    11.08.14 (10:37:46)

    interessanter artikel. punkt 4 verstehe ich nicht ganz: heisst das, man darf da nicht hin, weil es geld kostet? oder heisst das, lieber keine privatwirschaftlichen innovationen im bildungssektor, weil die angeblich "soziale unterschiede zementieren" (was natürlich längst widerlegter quatsch ist)? oder ist da einfach nur jemandem der ideologische gaul durchgegangen?

  • Simone Janson

    12.08.14 (20:28:41)

    Hallo zusammen, @Christof ich finde elektronische Kommunikation auch gut, allerdings ist der Schritt zum fehlenden Respekt für die Privatsphäre der Kinder nicht weit. @Lars interessanter Gedankengang, dass die Kinder sogar unterfordert werden. Das sagte man aber Handys und iPads genau so nach. @golda meir - schönes Pseudonym; es geht nicht um privatwirtschaftliche Innovationen, sondern darum, dass das tool praktisch Allgemeingut ist, aber defacto von den Schulen bezahlt werden muss. Die, die sich das nicht leisten wollen oder können, riskieren möglicherweise einen Nachteil. Das möchte ich ganz unideologisch einmal zu bedenken geben.

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