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04.08.14

Quantified Self für Kids – Teil 1: Wir werden zu einer Gesellschaft von Self-Trackern

Die Quantified-Self-Bewegung findet weltweit immer mehr Anhänger. Kein Wunder, wenn bereits Kinder für diesen Trend begeistert werden. Ein krasses Beispiel dafür habe ich Estland gefunden.

Brad Flickinger bei flickr.com (CC BY 2.0)Unter den imgriff-Autoren sind die Meinungen zum Thema Quantified Self bekanntlich geteilt: Patrick Mollet steht der Bewegung eher aufgeschlossen gegenüber;  Sabine Gysi, Martin Weigert und ich selbst sind eher skeptisch. Martin will nun ein Abflauen dieses Booms ausgemacht haben.

Hauptargument: Selbstoptimierung

Auch wenn ich dies bezweifle, würde ich es sehr begrüßen: Die Begeisterung dafür, sich selbst in allen Details zu vermessen und Selbstverbesserung zu betreiben, ist mir schlicht ein wenig unheimlich – auch wenn die Self-Tracker auf diese Weise sicherlich Ergebnisse gewinnen, die ihnen bei der Selbstoptimierung und Effizienzsteigerung behilflich sind.Das ist denn auch das Hauptargument der Self-Tracker, sich diesen Stress – wie ich persönlich finde – anzutun. Nun kann das jeder Erwachsene halten, wie er will. Als ich nun kürzlich auf einer Pressereise in Estland das ICT-Democenter besuchte, in dem uns Funktionsweise und Organisation des elektronischen Staates erklärt wurde, stellte ich fest, dass hier bereits die Kinder zu einer Art »Quantified Self« erzogen werden – und das stimmt mich sehr, sehr nachdenklich.

e-School für die Self-Tracker von morgen

E-School heißt das Tool, das ein Großteil der Esten nutzt, und das zunächst einmal nichts anderes als eine Art Klassenbuch zu sein scheint – aber in elektronischer Form. Die Lehrer können hier z.B. eintragen, was im Unterricht durchgenommen wurde, welche Hausaufgaben sie aufgegeben haben, aber auch die Noten. Neu ist, mit welcher Geschwindigkeit die Daten an die Eltern übermittelt werden: nämlich sofort. Unter anderem auch per SMS.

Auf der Website dazu liest sich die PR folgendermaßen – samt einem netten Video zum Thema:

  • »Teachers enter grades and attendance information in the system, post homework assignments, and evaluate students’ behavior. They also use it to send messages to parents, students or entire classes.«
  • »Parents use it to stay closely involved in their children’s education. With the help of round-the-clock access via the internet, they can see their children’s homework assignments, grades, attendance information and teacher’s notes, as well as communicate directly with teachers via the system.«
  • »Students can read their own grades and keep track of what homework has been assigned each day. They also have an option to save their best work in their own, personal e-portfolios.«
  • »District administrators have access the latest statistical reports on demand, making it easy to consolidate data across the district’s schools.«

Zeitsparend oder gefährlich?

Nun wird der eine oder andere sagen: »Wie praktisch. Es entfallen nervige Elterngespräche. Und man kann sofort gegensteuern, wenn etwas nicht rund läuft.« Stimmt. Und das waren auch die Argumente, die uns die begeisterten Esten dafür genannt haben, dass nahezu jeder in Estland dieses Tool nutzt – sofern die Schule, die für diesen Service bezahlt, es anbietet.

»Wenn das Kind nicht in der Schule ankommt, bekommen die Eltern eine SMS« hieß es. Das mag noch sinnvoll sein. Wie sieht es aber aus, wenn das Kind mit dem Tischnachbarn geschwatzt und einen Eintrag ins »Klassenbuch« erhalten hat? Ist es wirklich sinnvoll, wenn Eltern jederzeit über jeden Schritt ihrer Kinder informiert werden? Wie seht Ihr das?

Ich werde im zweiten Teil meines Beitrags einige bedenkenswerte Punkte zu dieser Thematik herausgreifen und ausführlicher betrachten.

 

Bild: Brad Flickinger bei flickr.com (CC BY 2.0)

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