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23.09.10

Prokrastination: Beichte eines Aufschiebers

Ich will ein besserer Mensch werden und alle Dinge rechtzeitig erledigen. Wieso das ein Traum bleibt und die Hoffnung trotzdem zuletzt stirbt.

Prokrastination, Aufschieberitis - ich habe alle Bücher gelesen, bin durch die Blogs gesurft und habe mir die Videos angeschaut. Ich habe die 10-Tipps-Listen studiert, bin 43 Wege gegangen und habe die 5 unschlagbaren Methoden durchdekliniert. Ich versuchte meinen Willen zu stärken, den inneren Schweinehund zu überwinden und den Frosch zu schlucken. Ich habe mir Ziele gesetzt und darüber meditiert, habe mich für Erfolge belohnt – für Nicht-Erreichtes übrigens auch. Ich habe mir wenig vorgenommen und ich habe mir extra zuviel vorgenommen, habe sofort begonnen oder habe später begonnen. Auf meine To-Do-Listen schrieb ich die wichtigsten Dinge wahlweise zuoberst oder zuunterst hin. Ich probierte, mich selbst mehr zu lieben und nicht perfekt sein zu wollen. Ich habe die 10-Minuten-Regel angewendet, das 50-10-10-Schema gelebt und mir überlegt, eine falsch eingestellte Uhr auf meinem Computer zu installieren. Natürlich wartet dort schon ein Prokrastinatoren-Textverarbeitungsprogramm, den Countdown-Timer besitze ich auch.

Liebe Leserinnen und Leser, nach unzähligen geschlagenen Schlachten, nach jauchzenden Hochgefühlen und Abstürzen, die die Eiger Nordwand als Sandkasten-Hügel erscheinen lassen, ich gestehe: Es hat alles nichts genützt ...

Ich werde kein besserer Mensch

Ich weiß, weshalb es nicht funktioniert hat. Solche Dinge überlege ich mir genau. Durch das ständige Aufschieben habe ich genügend Zeit dafür. Mir fehlt die Disziplin und die Lust, 43 oder auch nur 10 Tipps während dreier Monaten zu befolgen. Zuerst müsste ich die passende Methode auswählen und anschließend umsetzen. Dauerhaft würde sich nur was bewegen, wenn ich diese Verhaltensänderung verfolge, dokumentiere und reflektiere: Also ein neues Notizbüchlein kaufe und notiere, was geklappt hat und was nicht, was ich nächstes Mal besser machen will und was es in Zukunft zu vermeiden gilt. (Falls jemand leere Notizbücher braucht, ich hätte noch ...). Sorry, liebe Ratgeber: Keine Chance.

Nutzlose Tools

Am zweiten Ansatz, demjenigem der Tools und Instrumente, scheitere ich ebenfalls. Ihr kennt die Tricks: Eine Stopuhr, die den nächsten Toilettengang anzeigt und mir sagt, wann ich Kaffee holen darf. Die Textverarbeitung, die für nur 25 Dollar extra wenig Funktionen bietet, nämlich einen schwarzen Bildschirm mit grüner Schrift, anheimelnd wie damals mein Commodore 64. Mal unter uns: Glaubt jemand, ich würde mich von so simplen Tools übertölpeln lassen? Müsste ich mir nicht Sorgen um meinen Geisteszustand machen, wenn solche Instrumente helfen würden? Glaubt mir: Ich liebe diese Tools. WriteRoom würde mir fehlen, weil es ein witziges Office-Programm ist, mit dem ich gerne arbeite und auch diesen Artikel hier schreibe. Es hilft bloß nicht gegen Aufschieberitis. Im Gegenteil: Die Evaluation und Installation eines geeigneten Anti-Prokrastinations-Textverarbeitungsprogramms hat mich einen halben Tag gekostet ...

Trauriger Rückblick und kleine Lichtblicke

Meine Bilanz: Es hat Spaß gemacht. Es waren intelligente und anregende Bücher und Artikel. Schlaue Leute haben unterhaltsame und lehrreiche Videos gemacht. Ich habe mich tagelang damit beschäftigt. Ich bewundere die Fähigkeiten und das Wissen dieser Autoren und Programmierer, Blogschreiber und Trainer; ich schätze ihre Kreativität und Leidenschaft. Bloß, nützen tut's mir nicht. Das heißt, zwei kleine Tricks verschaffen etwas Linderung: Ab und an gelingt es mir, mein Aufschieben zu durchschauen, den Widerstand dahinter zu sehen und ihn zu beseitigen. Und manchmal beherzige ich den Ratschlag von John Cage (hier von Bruce Mau zitiert): Fang irgendwo an. Nicht wissen wo anfangen sei eine weit verbreitete Form der Lähmung, meinte er. Die Aufforderung, irgendwo anzufangen, finde ich in Prokrastinations-Momenten sehr befreiend. Also immerhin zwei Lichtblicke. Angesichts der Flut von Tipps und Ratschlägen keine grandiose Ausbeute, dafür vielleicht ein Anfang.

Aber ich glaube, so alleine bin ich nicht. Mich interessiert, wie Ihr damit umgeht, wie Ihr Euch überlistet, was Ihr Euch antrainiert habt. Zum Schluss deshalb mein Aufruf: Prokrastinatoren und Prokrastinatorinnen dieser Welt - was funktioniert wirklich?

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