20.07.09 17:20, von Camilla Kutzner

Planlos glücklich: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin

Eigentlich wollten wir dieses Buch ja schon lange rezensiert haben, aber ... dann schlug die Prokrastination zu. Nun hat Camilla es gelesen und stellt ihre Eindrücke vor.


Aus Notwehr, so schreiben Kathrin Passig und Sascha Lobo im Vorwort ihres Buches, haben sie "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" geschrieben: aus Notwehr gegen eine ausufernde Literaturflut, die uns erklären will, wie wir immer besser organisiert, immer motivierter und disziplinierter leben – eine Literatur, die üblicherweise nur den Ausstieg aus dem gewöhnlichen Arbeitsleben als Gegenentwurf hat.

Herausgekommen ist bei der passig-lobo'schen Notwehr ein geistreiches, kurzweiliges, bisweilen bissiges Buch über Prokrastination, also das notorische Aufschieben und Liegenlassen von Dingen, und ihre Bewältigung oder, viel eher, Umgehung und bisweilen auch das gar nicht so unangenehme Leben mit ihr.

Es geht in diesem Buch gerade nicht um die Bewältigung der umfangreichen To-Do-Liste, sondern gerade darum, wie man möglichst ohne To-Do-Listen und Produktivitätssysteme klar kommt. Dazu dient vor allem eine Änderung der Haltung zum Thema Leistung: Nicht der Prokrastinierer ist falsch, sondern die überzogenen Ansprüche seiner Umwelt, die er vielleicht verinnerlicht hat. "Wir wollen das Leben so organisieren, dass man es nicht mehr organisieren muss", heißt es im Vorwort, und weiter: "Das realistische Minimalziel ist, dass Sie dieses Buch lesen, in Ihrem Leben nichts ändern, sich aber besser fühlen als vorher."

Statt sie zu verurteilen, erklären Passig/Lobo Prokrastination und Desorganisation zu einem Lebensstil, dessen Anhänger sie (wie sie beteuern, ganz ohne Hintergedanken) "LOBOs" (als Akronym aus "Lifestyle of Bad Organisation") nennen.

„Selbstdisziplin ist wie eine Kettensäge“

Vor allem um Disziplin geht es immer wieder. "Sich zusammenreißen", sich disziplinieren und sich selbst antreiben sind, meinen Passig und Lobo, Fähigkeiten, die überstrapaziert und als Allheilmittel gegen jedes nur denkbare Produktivitätsproblem empfohlen werden. Selbstdisziplin sei wie eine Kettensäge, "man kann damit ganze Wälder voller Bäume fällen, sich aber auch nebenbei ein Bein amputieren". Genauso könne man sich mit Hilfe von Selbstdisziplin unglücklich machen, indem man sich zu einem Lebensstil bringt, der gar nicht zu einem passt. Sogar die Disziplinierung, das stete Anhalten zur Arbeit und das Einüben dessen, "was der vermuteten Steigerung ihrer Produktivität dient", nehmen (so die passig-lobo'sche Kritik an der protestantischen Arbeitsethik) heute die Arbeitnehmer ihren Vorgesetzten ab.

Prokrastination, so wird auch herausgestellt, ist selten ein Zeichen von Faulheit und nicht notwendigerweise vollkommen unproduktiv. Prokrastinatoren sind im Gegenteil meist sehr beschäftigte Leute - nur gilt die Beschäftigung nicht dem, was gerade eigentlich getan werden sollte. Das profane Beispiel, dass die Wohnung in Prüfungszeiten besonders sauber und aufgeräumt ist, weil gegenüber dem Büffeln Putzen auf einmal viel attraktiver erscheint, ist weithin bekannt; Produktivität auf Abwegen kann aber auch dazu führen, dass man statt eines Romans auf einmal Software schreibt. (Ein Beispiel für dieses Phänomen, der Philosophieprofessor John Perry, wurde von Florian bereits gewürdigt: Mehr ist mehr.)

Hinter der LOBO-Veranlagung, dessen sind sich Passig und Lobo bewusst, steckt manchmal auch AD(H)S. Dem gängigsten Medikament dagegen, Ritalin, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Öffentlich kokettieren die beiden Autoren gelegentlich mit der Substanz ("Sascha ist schon als Kind in den Topf mit Ritalin gefallen"), hier geht ihnen angemessenerweise die Leichtigkeit des restlichen Buches etwas ab; eher nüchtern stellen sie Vorteile und Risiken dar.

Am amüsantesten ist das Buch, wo es praktisch wird

Passig und Lobo spannen einen weiten Bogen, der mit der Beschreibung des Phänomens Prokrastination und seiner Ursachen beginnt. Diese Bestandsaufnahme erweckt stellenweises den Eindruck, dass über Unabänderliches geklagt wird, es wird jedoch klar, dass Prokrastination normal oder zumindest weit verbreitet ist. Nützlicher und amüsanter sind Passig und Lobo da, wo sie aus der Fülle der Ergebnisse aus der Prokrastinationsforschung schöpfen oder wo sie praktisch werden, etwa in den darauffolgenden Kapiteln, wo es um einzelne Problembereiche geht.

Wunderbar ist etwa das Kapitel zu Geld, Staat und Post, das sehr pragmatische Lösungen mitliefert: wie etwa automatisierte Lösungen vom Dauerauftrag bis zur Vorauszahlung ans Finanzamt Ärger durch Verpeilen verhindern; oder welche Dienstleistungen der Bank LOBOs besser nicht in Anspruch nehmen - so z.B. den Dispokredit. Oder auch das Kapitel über Outsourcing, das sehr detailreich die Möglichkeiten nahelegt, wie man ungeliebte Arbeiten delegieren kann, gegen Geld oder Gegenleistungen - denn, so wird festgestellt, fremde Arbeit, z.B. fremde Post, erledigt man meist mit viel weniger innerem Widerstand als die eigene. Im letzten Teil geht es auch um das Zusammenleben und -arbeiten von LOBOs und Nicht-LOBOs, also um die Frage: Wie bekomme ich es mit minimalem Energie- und Nervenaufwand hin, dass meine Umwelt mich nicht als Verpeiler abschreibt, mit dem man nichts zu tun haben möchte?

Die einzelnen Kapitel sind angenehm kurz und mit teilweise urkomischen Anekdoten angereichert, die das jeweilige Thema illustrieren.

Fazit: Kurzweilige Kritik der Produktivität

"Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin“ macht einem kein schlechtes Gewissen, löst keine "Ab morgen mache ich alles anders"-Impulse aus und geht niedrigschwellig an das Thema Produktivität und Selbstorganisation heran. Passig und Lobo gehen nicht davon aus, dass jeder Mensch reich und mächtig werden will, sondern sehen als oberstes Lebensziel vor allem Glück - und um glücklich zu sein, müssen vielleicht manche, aber bei weitem nicht alle Menschen auch gut organisiert sein. Ihre Kritik am Produktivitätswesen liest sich federleicht und flüssig. Die Grundhaltung ist eine ausgesprochen hedonistische, wer tatsächlich einer ausgeprägten Arbeitsethik anhängt, wird wenig Freude an dem Buch haben. Angesichts dessen, dass ausgeprägte Prokrastination durchaus die Gefahr birgt, sich ebenfalls Chancen zu verbauen, fehlt manchmal die Grenze, ab der Prokrastination zur Gefahr wird. Zum Glück wird das mit reichlich Wissen über Prokrastination (etwa: welche Ratschläge man wissenschaftlich fundiert in den Wind schreiben kann) und einigen pragmatischen Strategien (etwa: wie man Deadlines als Motivation, zur Abwechslung tatsächlich an einer Aufgabe zu arbeiten, nutzt) aufgewogen. Total desorganisierten Naturen möchte ich trotzdem ergänzend ein echtes Produktivitätssystem ans Herz legen.

Das Blog zum Buch: prokrastination.com

Das Buch bei Amazon: "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin"

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Kommentare: Planlos glücklich: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin

Ich habe das Buch vor einiger Zeit gelesen und fand es ebenfalls sehr unterhaltsam. Schön ist, dass sich Sascha Lobo und Kathrin Passig selbst gerne auf die Schippe nehmen. Einige der angegebenen Tipps lassen sich sicherlich umsetzen oder regen zumindest dazu an, mal darüber nachzudenken. Gute Unterhaltung, wenn man nicht alles zu ernst nimmt.

Diese Nachricht wurde von Martin am 20.07.09 (22:36:04) kommentiert.

lustig ist auch folgender Link von Rowohlt: Passig, Lobo, Dinge geregelt kriegen auf youtube http://www.youtube.com/watch?v=YAlGk6NKZHI Viel Spaß beim Aufschieben Bettina

Diese Nachricht wurde von Bettina am 21.07.09 (16:54:04) kommentiert.

Das mit dem Glück und glücklich sein ist eine sehr relative Sache. Viele Menschen wissen nicht mal selbst was sie glücklich macht. Andere meinen feulenzen und nichtstun würde sie glücklick machen. Ob das stimmt ist eine andere Sache. Ich kenne das Produktiv sein aus einer anderen Seite, nämlich Disziplin und Ausdauer mit Beimischung von Leidenschaft. Wer sein eigenes Kompetenzbereich gefunden hat, der wird dafür morgens um 5 Aufstehen um die Dinge geregelt zu kriegen und das wird ihn garantiert glücklicher (und außerdem Produktiver) machen, als rumgammeln. Hinzukommt, dass man auch eine Vorbild-Rolle für andere spielen kann. Das gibt es bei Faulpelzen nicht. Der Titel scheint mir eine Massen-Produktion sein: Hauptsache möglichst viele Leute kaufen das Werk. Erfolg werden sie damit garantiert nicht haben. Wer sich also für das buch entscheidet, soll nicht vergessen, dass das STREBEN die wahre Quelle des Glücks ist, nicht das NIchtstun.

Diese Nachricht wurde von Christopher Stanik am 23.07.09 (12:32:17) kommentiert.

Eine sehr gute Empfehlung! Habe mir das Hörbuch geholt und mein Fazit lautet: "Erfrischend kurzweilig"

Diese Nachricht wurde von Orkun am 24.07.09 (11:34:30) kommentiert.

Hallo Christopher! Danke erst einmal für Deinen ausführlichen Kommentar. Aber, und jetzt kommen meine Fragen: Warum hältst Du eigentlich Deinen Begriff von Glück für anscheinend absolut, wenn Du doch gleich in der ersten Zeile bemerkst, daß Glück etwas Subjektives ist? Was ist daran verurteilenswert, wenn jemand für sich beschlossen hat, sein Glück liege darin, möglichst wenig zu arbeiten? Die Frage, was er/sie statt dessen tut, ist damit noch offen - was denn eigentlich Arbeit sei und was sinnvolle Ich persönlich habe durchaus erfahren, wie glücklich mich eine Aufgabe machen kann, die genau meine Fähigkeiten fordert und zum großen Teil aus Dingen besteht, die ich gern tue. (Es gibt nämlich auch Dinge, die ich zwar gut kann, aber nicht mag: zum Beispiel haben mir mehrere Callcenterjobs, die ich während meines Studiums gemacht habe, den Spaß am beruflichen Telefonieren ziemlich vermiest.) Jetzt kommen die Abers: Auch die größte Leidenschaft für eine Sache bringt mich nicht dazu, mich selbst zu vergewaltigen. Als unverbesserliche Eule würde mich auch die größte Leidenschaft nicht dazu bringen, mehr als nur tageweise um fünf Uhr morgens aufzustehen, es sei denn, es gäbe unvermeidliche äußere Zwänge. Dafür hatte ich z.B. beim Lernen auf die Magisterprüfung in Musikwissenschaft nicht das geringste Problem damit, mich abends um zehn noch einmal über meine Bücher zu setzen, während meine Mutter (eine Lerche) um diese Zeit bestenfalls noch fernsieht. Zweites Aber: Streben, vor allem, wenn es mit hohem Pflichtbewußtsein, großer Disziplin und einem pathologischen Verhältnis zu Leistung und Arbeit (am besten ausgedrückt in dem Satz: "Ich bin nur wert, was ich leiste") einhergeht, kann sehr unglücklich machen und die komplette Balance zwischen Leben und Arbeit vernichten. Drittes Aber - siehe auch Aber Nr. 2: Leidenschaft und Idealismus können weit tragen, sind aber nicht unendlich belastbar. Wenn Disziplin, Ausdauer Sturheit und Streben einen lange Zeit gegen widrige Umstände getragen haben und mensch sich in den Burnout geschuftet hat, dann ist auch die Leidenschaft futsch. Produktivität aus Leidenschaft, so ist meine Vermutung, kann nur entstehen, wenn der Tank ausreichend gefüllt, der Kopf klar ist und die Ressourcen ausreichen; Gefühle von "Ich stecke jetzt hier drin und kann nur noch vorwärts" sind ziemlich mörderisch für jede Leidenschaft (das habe ich beim Lernen auf die mündliche Magisterprüfung in Germanistik erfahren). Selbstdisziplin im Sinne von "mich zusammenreißen" hat mit Produktivität aus Begeisterung nichts zu tun und ist auch für mich nur kurzfristig, aber nicht auf Dauer tragfähig. Um Nichtstun - und damit zurück zum Buch - geht es in "Dinge geregelt kriegen" kaum. Es geht nicht um das Arbeitspensum, sondern um den Organisationsgrad, es geht darum, das zu tun, was man wirklich tun will und nicht das, was man tun muß. Ich weiß gute Selbstorganisation zu schätzen, trotzdem war dieses Buch für mich ein schönes Gegengewicht zur üblichen Produktivitätsliteratur. Ach, und Erfolg: Ist der nicht auch wieder Definitionssache?

Diese Nachricht wurde von Camilla Kutzner am 25.07.09 (17:32:09) kommentiert.
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