<< Themensammlung Organisieren

19.12.12

Falscher Umgang mit dem Internet: Trägt Mensch oder Technik die Schuld?

Das Internet verändert unser Kommunikationsverhalten einschneidend und vielleicht nicht immer zu unserem Vorteil. Die Frage, über die dabei gerne gestritten wird, lautet: Ist die Technik schuld an der Problematik - oder sind wir Nutzer es?

Kürzlich flogen bei imgriff.com die Fetzen. Leser Benjamin Wagener und ich haben uns einen kleinen Schlagabtausch über ein Thema geliefert, das in Internetkreisen immer immer wieder gerne diskutiert wird: Nämlich die Frage, ob denn nun das Internet schuld ist an der Verrohung der Kommunikationssitten – oder der User selbst. (Die Blogposts dazu hier, hier und hier.)

Naja, erstmal ging es doch um die grundsätzlichere Frage: Hat sich die Kommunikation denn überhaupt verändert, sind die Sitten also verroht und war früher alles besser – oder nicht?

Ich übertreibe ganz bewusst: Benjamin Wagener hat zu diesem Thema einen intelligenten Gastbeitrag geschrieben, in dem er viele Punkte differenziert beleuchtet. Beim Lesen habe ich öfter mal zustimmend mit dem Kopf genickt. Zum Beispiel, wenn er die Frage aufwirft, ob früher wirklich alles besser war: Vielleicht ist das Smartphone tatsächlich nur das Hilfsmittel, das einen davon abhält, in öffentlichen Verkehrsmitteln dröge vor sich hinzustarren und versehentlich indiskret bestimmte Körperteile von Mitmenschen zu fixieren?

Ist die fehlende Selbstdisziplin schuld?

Dennoch gibt es in seinem Text zwei Punkte, die mich nachdenklich stimmen – gerade weil ich früher genau derselben Meinung war und mittlerweile ein paar Dinge anders sehe. So fragt Wagener zu Recht:

«Ist das wirklich ein Problem der Technik oder nicht vielmehr ein Mangel an Selbstdisziplin und Respekt gegenüber seiner Umgebung? Denn auch wenn die neue Technik die ständige Verfügbarkeit erst möglich macht, so zwingt sie einen doch nicht dazu, oder?»

Sicherlich ist es nicht die Technik, die uns den respektlosen Umgang mit unseren Mitmenschen aufnötigt, sicherlich sind wir selbst schuld, wenn wir auch im Restaurant ständig aufs Handy starren müssen. Dementsprechend halte ich Experimente wie «Ein halbes Jahr ohne Internet» für kompletten Schwachsinn. Und doch: Dass wir, jetzt da wir es können, das Handy in der Tasche nicht einfach abschalten, sondern uns auch nach Feierabend von Chefs und E-Mails versklaven lassen, hat einen anderen Grund, den ich kürzlich ausführlicher beleuchtet habe:

Anpassung an die moderne Kommunikation ist der nächste Evolutionssprung

Unser Gehirn ist schlicht nicht dafür gemacht, Dinge einfach liegen zu lassen. Im Gegenteil, es sorgt regelrecht dafür, dass wir ständig alles im Kopf behalten, was wir noch erledigen müssen, was wir uns vorgenommen haben oder worauf wir noch antworten sollten. Und so macht uns zum Beispiel die nicht beantwortete E-Mail des Chefs ständig nervös und unruhig. Das als fehlende Selbstdisziplin abzutun, greift für mich zu kurz und geht nicht nur an der Realität menschlicher Verhaltensweisen vorbei, sondern stempelt auch alle, die sich nicht derart selbst disziplinieren können, als Versager ab.

Sicher können und sollten wir, wie Wagener richtig schreibt, den Umgang mit modernen Kommunikationskanälen erlernen. Ich glaube jedoch mittlerweile, dass dieser Lernschritt langsamer zu erreichen ist, als wir uns das heute vorstellen oder wünschen und dazu nach Bildungsstand und Vorkenntnissen der jeweiligen Person stark variieren wird. Für mich ist diese Anpassung des Menschen an die moderne Kommunikation der nächste Evolutionssprung – und der ist eben nicht von heute auf morgen zu erreichen.

Welche Kommunikationsform ist mehr wert?

Wagener wirft einen weiteren Aspekt auf, den ich sehr spannend finde: Welche Kommunikationsform ist mehr «wert» – die im Internet oder die zweier Menschen, die sich gegenüber sitzen? Ich bin ganz klar für Letzteres. War das bislang nur ein diffuses Gefühl, kann ich es dank des Leserkommentars von Michael Domsalla nun auch mit einem wissenschaftlichen Fachausdruck erklären: Media Richness Theory - zu deutsch «Medienreichhaltigkeitstheorie». Je komplexer der Sachverhalt, desto mehr Medien sollten genutzt werden, um alle Inhalte zu übertragen. Der zeitliche Unterschied zwischen den beiden Kommunikationsformen sollte dabei so gering wie möglich sein.

Genau das ist das Problem bei modernen Kommunikationsmedien: Unsere Kommunikationspartner erfassen Inhalte einfach besser, schneller und richtiger, wenn sie direkt vor einem stehen - schon alleine deshalb, weil man anhand von Gestik und Mimik ein unmittelbares Feedback erhält und fehlende Informationen entsprechend nachreichen kann. Je verzögerter die Kommunikation ist, desto schwieriger wird es daher, Informationen richtig rüberzubringen. Das gilt auch für Videokonferenzen, die oft als Allheilmittel der Long-Distance-Kommunikation gelten.

Man bedenke nur mal, wie schwierig es ist, auch bei Videoübertragungen kleinere Signale wie Stirnrunzeln oder Räuspern wahrzunehmen. Und Vielen erscheint es unschicklich, dazwischenzureden, um sich Gehör zu verschaffen. Deswegen sind Videokonferenzen meiner Meinung nach nicht mit normalen Konferenzen vergleichbar.

Den ebenfalls sehr interessanten Aspekt der Imagepflege werde ich in einem gesonderten Blogpost beleuchten.

 

«Gefangen im Tunnelblick» von Simone Janson

«Gemeinsam einsam» von Simone Janson

Die Replik von Leser und Gastautor Benjamin Wagener

 

Bild: brlnpics123 bei flickr.com (CC BY 2.0)

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer