<< Themensammlung Organisieren

11.01.10Leser-Kommentare

Neuro Enhancement: Produktiv durch Pillen?

Wir machen imgriff.com dicht. Denn wieso mühen wir Autoren und Leser uns ab, wenn wir auch einfach leistungssteigernde Pillen einwerfen könnten? Angeblich machen die klüger, produktiver und glücklicher. Fakten und Meinungen zum Hirndoping für Wissensarbeiter.

Neuro Enhancement

Es tönt vielversprechend: Wirkstoffe wie Amphetamin, Methylphenidat oder Modafinil - entwickelt für verschiedene Krankheitsbilder wie etwa Narkolepsie - sollen die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern. Auch bei Gesunden - Neuro Enhancement also. Nun, wir imgriff.com-Autoren sind ja ständig der Produktivität auf der Spur, und in den Ohren eines Prokrastinierenden klingen solche Ideen sehr verlockend.

Nichts Genaues weiß man nicht

Jesus, I love giant pills (welovethedark bei flickr.com)Doch schauen wir mal genauer hin: Nützt es wirklich etwas, wenn ich bei der Arbeit Ritalin oder Modafinil einwerfe? Eine erste Recherche bringt ernüchternde Resultate: Niemand weiß es. Im Netz oder im Gespräch mit Bekannten stoße ich auf zahlreiche anekdotische Belege für die Wirksamkeit. Offenbar ist es kein Problem, an einer Universität einen Studierenden zu finden, der regelmäßig Medikamente zur Leistungssteigerung schluckt und sich in einer Zeitschrift porträtieren lässt. Auch von Ärzten hört man Geschichten über leergeräumte Medikamentenschränke: Vor allem das eigene Personal soll sich dort bedienen.

 

Keine wissenschaftlichen Belege

 

Bloß: Es fehlen wissenschaftliche Studien, die eine Leistungssteigerung bei gesunden Menschen belegen. Es gibt wenige Wissenschafter, die dieser Frage überhaupt nachgegangen sind. Die Medikamente wurden entwickelt, um Krankheiten zu behandeln; die Frage dabei war nicht, wie diese Stoffe auf das Gehirn eines gesunden Menschen wirken. Die wenigen Studien, die sich damit auseinandersetzen, weisen teilweise methodische Schwächen auf: Eine vielzitierte Studie mit positiven Resultaten etwa basiert auf einer Stichprobe von sechs Hubschrauberpiloten. Andere Ergebnisse stammen aus Studien, die bei der Medikamentenentwicklung im Hinblick auf Krankheiten angefertigt wurden. Inwiefern sich diese Resultate auf ‚gesunde’ Köpfe übertragen lässt, bleibt offen. Und zu guter Letzt liefern viele Studien widersprüchliche Resultate.

 

Mit Nebenwirkungen ist zu rechnen

Migraine Barbie and her drugsDa Studien fehlen, weßs man nichts über Nebenwirkungen bei gesunden Menschen. Hinweise bieten die Beipackzettel der betroffenen Medikamente: Da ist von Kopfschmerzen, Nervosität, eingeschränktem Sehen oder Magen-Darm-Problemen die Rede. Wenig verlockende Aussichten für einen, der auf der Suche nach höherer Produktivität ist. Eine sichere Annahme ist zudem, dass diese Medikamente langfristig abhängig machen. Dopamin etwa ist ein Stoff, der für den Lernprozess und die Aufmerksamkeit benötigt wird. Wird Dopamin nun ständig extern zugeführt, stoppt die körpereigene Produktion. Ein weiteres Problem: Die Dosierung. Niemand weiß, wieviel man von diesen Wirkstoffen schlucken soll. Da bleiben nur Selbstversuche.

 

[photos title="Kreativpillen bei flickr.com"]

Mehr Fragen als Antworten

Zusammengefasst: Niemand weiß, ob diese Medikamente die gewünschte Wirkung haben, wenn gesunde Menschen sie konsumieren. Niemand weiß, wieviel ich davon einnehmen muss. Niemand weiß, was mit mir und meinem Körper passiert, wenn ich das Zeug über zwei Jahre schlucke. Klarer Fall, würde man meinen. Nun haben im Oktober sieben führende Experten in Deutschland ein Memorandum zu der Thematik veröffentlicht. Die Experten stammen aus den Bereichen Rechtswissenschaften, Wissenschaftsethik, Medizin und Biologie. Auch sie kommen zum Schluss, dass es viel mehr offene Fragen als Antworten gibt.

Verbieten bringt nichts

The Love PillÄhnlich wie das Memorandum halte ich Prohibition dennoch für untauglich. Verbieten bringt nichts. Mich stört jedoch eine Annahme, die die Fachgruppe nicht hinterfragt: Die ständig steigenden Anforderungen der Arbeitswelt.

 

In meiner Jugend habe ich wie Bill Clinton psychoaktive Substanzen ausprobiert; im Gegensatz zu ihm habe ich inhaliert. Eine Erkenntnis: Das Fernsehprogramm wird besser. TV-Sendungen, Serien oder Spielfilme werden humorvoll und erhalten Tiefgang. Bloß erwarte ich von niemandem, dass er Drogen schluckt, damit das Fernsehprogramm besser wird. Das wäre eine absurde Forderung. Im Falle des Neuro Enhancements argumentieren die Experten aber genau so: Da die Anforderungen der Arbeitswelt immer höher werden, sollen Menschen ihre Leistung auf pharmazeutischem Wege steigern dürfen. Sie verwechseln die Symptome mit der Krankheit. Das ist der sichere Weg, um langfristig mit besten Absichten viel Schaden anzurichten. Meine Idee ist eher, dass wir die Arbeitswelt ändern müssen, wenn die Menschen darin nicht mehr zurecht kommen. So wie Regisseure und Autoren das Fernsehprogramm verbessern müssen: Zuschauer sollten eine neue Folge von Lindenstrasse auch ohne THC durchstehen können.

Zum Weiterlesen:

» Brain Gain. The underground world of neuro enhancing drugs in 'The New Yorker', 27. April 2009

» Das Memorandum zu Neuro-Enhancement bei Gehirn & Geist, November 2009

» 'Lernen ist das beste Hirndoping', Kognitionswissenschaftler Ralph Schumacher in ETH Life, 4. November 2009

» Informationsseiten zu Cognitive Enhancement von Stephan Schleim, Universität Groeningen

» 'The Drug does work' in Intelligent Life, Herbst 2009

[hide]Jesus, I love giant pills (welovethedark bei flickr.com)Pills (Bild: Dan Zen bei flickr.com) [/hide]

Kommentare

  • finsler

    12.01.10 (08:52:37)

    Schreck, lass nach, ich dachte wirklich schon, Ihr wollt Eure Seite dicht machen! Richtig erkannt, da sind unsere zwei Probleme: Die, die Arbeit haben, werden auf Teufel komm raus ausgesaugt, es gibt ja noch genügend, die im Falle eines Versagens einspringen können. Und die Denkweise, dass man sich alles kaufen kann, sogar gedopte Hirne, ist der andere Irrweg. Zufriedenheit kann man auch anders erreichen, Belastung gleichmäßiger verteilen, ein wenig mehr Bescheidenheit anstatt catch as catch can. Und Arbeit an sich selbst, Meditation zum Beispiel, führt zum Erfolg, ist aber nicht umsonst zu haben.

  • Stephan Schleim

    12.01.10 (12:03:01)

    Hallo Herr Mauch, ich finde Ihre Analyse weitgehend zutreffend und gut geschrieben. Einen Aspekt möchte ich noch einmal besonders hervorheben: In manchen der Studien zur Wirkungsweise bei Gesunden wurde beispielsweise herausgefunden, dass sich die Versuchspersonen zwar besser fühlten, wenn man sie nach ihrer Selbsteinschätzung fragte; in Wirklichkeit unterschied sich ihre Leistung von derjenigen der Kontrollgruppe aber nicht. Das könnte also erklären, warum sich die Gerüchte, dass beispielsweise Ritalin und andere amphetaminähnliche Substanzen die geistige Leistungssteigerung stärken, so beharrlich halten. Es gibt noch viele andere ganz grundlegende Probleme, dass sich beispielsweise für viele der Stimulanzien nicht wirklich mit einem Plazebo kontrollieren lässt, da die Leute, die so ein Medikament nehmen, es ganz deutlich spüren, dass sie nun den Wirkstoff und nicht das Zuckerstückchen bekommen haben. Daher lässt sich nicht eindeutig sagen, ob die Effekte wirklich durch den Wirkstoff oder durch eine Änderung der Motivationslage hervorgerufen werden. Mein Fazit ist jedenfalls, und da bin ich sehr nah an Ihrer Meinung, dass diese empirische pharmazeutische Forschung am eigentlichen Problem vorbei zielt; und dieses eigentliche Problem sehe ich in den Leistungsansprüchen, die immer stärker wachsen. Wenn die Menschen dann unglücklich werden, weil sie das Gefühl haben, diesen Ansprüchen nicht mehr zu genügen (von der Schule bis zur Uni und in der Arbeitswelt), dann scheint mir das eine natürliche Reaktion zu sein, die man gerade NICHT mit einer chemischen Substanz ändern sollte, sondern durch angemessene Standards. Natürlich will ich auch keinem Faulenzertum das Wort reden. Ich denke mir nur, dass heute die Idee, dass es für alle Menschen in unserer Gesellschaft einen angemessenen Platz geben sollte, manchmal vergessen wird. Daher sehe ich in der Diskussion ums Enhancement auch eine Chance -- für mich geht es in der Diskussion nicht um Chemie, sondern um uns. Viele Grüße Stephan Schleim

  • Thomas Mauch

    13.01.10 (09:24:34)

    Danke für die ausführlichen Rückmeldungen! Und ja, ich glaube auch, das Auftauchen von Neuro Enhancement sollten wir zum Anlass nehmen, einige Dinge in unserem Leben zu diskutieren. Dazu noch ein Gedanke zur Arbeitswelt: Die Menge an Arbeit zu diskutieren ist die eine Dimension. Daneben würde mich auch die Frage der Sinnhaftigkeit noch interessieren. In vielen Unternehmen kann man das beliebte Wort 'Prozess' durch 'Fliessband' ersetzen - um zu sehen, dass wir noch nicht so weit von unserem Taylor und diesen Problemen weg sind. Arbeitsschritte und Verantwortlichkeiten liegen auf einer Granularitätsstufe, die es einem Angestellten sehr schwer machen, Sinn, Zweck und Ziel seines Jobs zu sehen. Meiner Meinung führen auch solche Umstände zu einer übermässigen Belastung und einen hohen Energieverbrauch.

  • Stephan Schleim

    14.01.10 (18:48:28)

    Hat das, was Sie hier Beschreiben, nicht ein bekannter Autor des 19. Jahrhunderts als "Entfremdung" bezeichnet? :-)

  • Thomas Mauch

    15.01.10 (23:18:08)

    Da haben Sie recht, so ganz von mir alleine ist der Gedanke nicht :-)....Ich glaube ja an den Fortschritt, manchmal ist er bloss etwas schwer auszumachen.

  • anon

    04.02.10 (01:07:11)

    Da bei mir Ritalin nicht half, übe ich seit einem Jahr Zen, nach dieser Anregung: http://www.sciencedaily.com/releases/2004/06/040617081841.htm" rel="nofollow" Es gibt hier eine offene Gruppe, die Einführungskurse anbietet und sich einmal wöchentlich trifft. Das Buddhistische Drumherum war mir anfangs völlig egal. Zuerst zehn, dann zwanzig Minuten täglich: morgens, per iPhone-Timer. Beim Durchhalten half die pure Verzweiflung. Die war aber nach der Meditation meist weg. Nach ein paar Monaten hielt der Effekt länger an. Ich bürde mir nicht mehr soviel auf, fühle mich auf eine angenehme Weise konzentriert. Die Missbrausmöglichkeiten sind eingeschränkt; es hat bisher nur einmal funktioniert, mit Hilfe von Zen-Pausen eine Nacht durchzumachen - da war es ausnahmsweise aber auch mal tatsächlich angebracht, etwas abzuschließen. Die anderen Versuche endeten mit dem Entschluss, es sein zu lassen. Ich bin schon fast nicht mehr ausgebrannt. Am Besten sind die Tage, in denen etwas davon erhalten werden kann, zum Beispiel durch Gehmeditation in den Pausen. Was angefangen hat als pragmatische Kopffitness scheint sich auf Dauer aber nicht formen zu lassen, sondern formt. Wenn ich mich davor drücke, treibe ich mich allerdings doch wieder unnütz und viel zu spät im Netz herum… Alles Gute an all die anderen Selbstoptimierer da draußen; alles Gute.

  • Nimue

    04.02.10 (10:05:41)

    Ich arbeite in einer Firma, der Chef das Motto hat "wer bis 40 nicht einen Burnout hatte, macht was falsch". Gestern mußte ich mich wieder mit einer Grippe krank melden, nachdem ich mich 3 Tage lang krank zur Arbeit geschleppt habe und nicht mal eine Telefonnummer richtig notieren konnte... Der GF war angepißt, anders kann man das nicht nennen. In unserer Abteilung versuchen 3 Leute die Arbeit von mind. 5 zu machen. Klappt natürlich nicht. Kunden beschweren sich. Wenn wir der GL sagen, daß wir noch Leute brauchen heißt es nur, wir würden uns falsch organisieren. Nachdem ich 2 Jahre lang jeden Tag überstunden gemacht habe (unbezahlt natürlich), habe ich das im neuen Jahr eingestellt. Es ist nicht meine Aufgabe, den Geiz der GL auszugleichen. SO sieht die Arbeitsrealität bei Angestellten aus.

  • Thomas Mauch

    04.02.10 (13:29:37)

    @ Nimue: Danke für den Input. So sieht die Realität tatsächlich häufig aus, an vielen Orten. Meiner Meinung nach zum (langfristigen) Nachteil aller. Schade...

  • Nimue

    04.02.10 (15:35:14)

    Ich denke, wenn Chefs kapieren würden, daß Angestellte, die gern zur Arbeit kommen wesentlich produktiver sind, als solche die man presst wie Zitronen, würde unsere Wirtschaft wesentlich besser florieren... Und wir würden nicht verzweifelt nach Methoden suchen, noch mehr Arbeit zu bewältigen sondern unsere Arbeit excellent zu machen. Wäre das nicht schön?

  • thomas adler

    13.08.10 (20:51:47)

    [Edit: Nö, bitte kein Medikamentenhandel in der Kommentarspalte. Gelöscht.]

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer