27.09.11 07:30, von Simone Janson

Networking: Madonna (beinahe) treffen und andere falsche Hoffnungen

Das persönliche Netzwerk ist in vielen Situationen entscheidend für den beruflichen Erfolg. Der Aufbau eines solchen Netzwerkes ist aber eine langfristige Angelegenheit - und eine Frage der Sympathie.


Kürzlich habe ich bei den Filmfestspielen in Venedig Madonna getroffen. Na fast jedenfalls. Ich habe sie gerade um fünf Minuten verpasst. Nein, ich meine keine Statue und keine Heilige, sondern DIE Madonna, den Popstar. Ihr wisst schon. Das ganze anlässlich einer Ausstellungseröffnung zur Biennale von Venedig, auf der sonst jede Menge für mich spannende Leute waren. Ob Madonna jetzt dabei war oder nicht, tut dabei eigentlich gar nichts zur Sache.

Die irrige Hoffnung auf Instant-Erfolg

Ich wollte mit dieser Einleitung Eure Aufmerksamkeit vielmehr auf einen typischen Networking-Fehler lenken. Nämlich den, zu effizient an die Sache ranzugehen, in der irrigen Hoffnung auf Instant-Erfolg: Ich tue was, und gleich muss auch ein Ergebnis dabei herausspringen. Und Madonna ist dabei eigentlich nur ein Pseudonym: Wahlweise könntet Ihr auch Barack Obama einsetzen oder den Personalchef der Firma, in der Du gerne arbeiten würdest. Denn Zeitmanagement funktioniert so. Sagt man. Und Networking, ob nun online oder offline, kostet oft viel Zeit. Bei ungewissem Ausgang. Was liegt da näher, als die Sache etwas effizienter anzugehen? Dabei entsteht leider schnell ein Tunnelblick: Wir verengen unser Ziel derart, einen bestimmten Menschen zu treffen, der uns wichtig erscheint – und vergessen dabei, dass wir mit dieser Person möglicherweise oft gar nichts gemein haben. Denn selbst wenn ich an diesem Tag Madonna gegenüber gestanden hätte: Was in aller Welt hätte ich mit ihr reden sollen? Über Social-Media-Themen oder Produktivität? Und was willst Du Deinem Personalchef in spe sagen, wenn Du nicht die Qualifikationen mitbringst, die er gerade sucht? Der oft zitierte Satz «Jeder kennt jeden um sechs Ecken» mag stimmen. Tatsächlich traf ich an jenem Tag auch einen Kollegen aus New York, der mit Madonna mal im selben Haus gewohnt hatte. Aber er suggeriert auch, dass wir alles und jeden erreichen können. Mag sein. Doch es reicht nicht, die Zielperson einfach nur zu treffen, man braucht auch eine gemeinsame Basis. Oft sind viele kleine Zwischenschritte notwendig. Und das braucht eben Zeit.

Gute Gelegenheiten werden oft übersehen

Das bringt mich zu einem weiteren Aspekt: Wenn ich mich auf das Ziel einschieße, Madonna (oder sonstwen) zu treffen, übersehe ich vermutlich viele andere Gelegenheiten, die sich mir bieten. Und viele andere interessante Menschen, die für mich viel wichtiger sein könnten. Denn der amerikanische Journalist, der Madonna flüchtig von früher kannte, vermittelte mir seinerseit wieder neue, gute Kontakte. Und überhaupt: Wenn mein ursprüngliches Ziel gewesen wäre, Madonna zu treffen, wäre ich an jenem Tag überhaupt nicht in Venedig am Lido gewesen. Das kam nämlich nur deshalb, weil ich im letzten Jahr eine Gruppe von Italienern in der Berliner S-Bahn traf. Aus Unterhaltungen und Treffen wurden Freundschaften, aus der eine Einladung und eine Gegeneinladung resultierte. An Madonna und die Filmfestspiele war dabei im Traum nicht zu denken. Hätte ich das als strategisches Networking-Ziel im Auge gehabt, hätte ich das ganz anders anfangen müssen.

Ja, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Strategisches Networking kann in meinen Augen höchstens bedingt funktionieren. Wenn ich mir zum Ziel setze, Person X (oder eben Madonna) zu treffen, mag das auf den ersten Blick effizient klingen. Bei vielen Dingen funktioniert «Zielsetzung = Ergebnis» schließlich sehr gut. Aber: Zwischenmenschliche Beziehungen sind komplizierter. Um Person X zu treffen, muss ich vorher möglicherweise viel Zeit mit den Personen A-W totschlagen. Das ist ungefähr das, was schlechte Karriereberater empfehlen, wenn Sie Networking-Tipps geben: «Gehen Sie auf die wichtigen Veranstaltungen, reden Sie mit den wichtigen Leuten...» Und das womöglich auch noch, wenn die Chemie mit diesen Leute nicht stimmt. Was die Chance erhöht, dass die Chemie mit Mr. oder Mrs. X ebenfalls nicht stimmt. Und dass dabei nichts herauskommt. So knapp zusammengefasst klingt das ziemlich absurd: Ich beobachte jedoch immer wieder, ob in Social Media oder sonstwo, dass viele Leute genau das tun.

Verzichte auf Zeitmanagement

Der beste Tipp fürs Zeitmanagement beim Networking ist: Am besten gar kein Zeitmanagement betreiben. Vergiss strategische Überlegungen. Rede mit Leuten, die Dir sympathisch sind. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt, weil es eine gemeinsame Basis gibt. Weil die Freunde Deiner Freunde in der Regel auch Dir sympathisch sind und ein guter Kontakt so zu weiteren guten Kontakten führt. Weil man gemeinsam Spaß hat und kreativ ist. Und weil man mit angenehmen Menschen ohnehin nie das Gefühl hat, Zeit zu verlieren. Und dann kannst Du am Ende auch Madonna ganz ungerührt links liegen lassen.

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Kommentare: Networking: Madonna (beinahe) treffen und andere falsche Hoffnungen

Wunderbar! Du brichst eine Lanze für die Serendipität! Wer den Tunnelblick aufgibt, (er-) findet Dinge, die er zunächst nicht gesucht hat und die dann doch sehr erfolgreich werden. Gern zitierte Beispiele sind Erfindungen wie das PostIt. Erfolgreiche persönliche Kontakte sind dagegen kaum dokumentiert - jeder wird mit Sicherheit sein eigenes Beispiel dafür haben. Wer weiß, welchen "Nutzen" ihm ein Kontakt zu / mit Madonna bringt, der sollte meines Erachtens auf jeden Fall strategisch vorgehen. (Wer sie ohne "Nutzenaspekt" getroffen hat, hat auf jeden Fall ein hervorragendes Thema für jede Art von Smalltalk.) In vielen anderen Fällen - und das ist meine Erfahrung - sind offene Augen und Ohren (und der Bauch) ein guter Ratgeber fürs Netzwerken; Instanterfolg ist die absolute Ausnahme.

Diese Nachricht wurde von Bertold Raschkowski am 27.09.11 (11:37:59) kommentiert.

Hallo Bertold, wieder was gelernt! Danke für den Fachbegriff. Ich könnte auch gleich weitermachen mit "Wie man den kanadaschen Finanzminister trifft" http://www.berufebilder.de/berufseinstieg/berufs-lebensbilder-weltweit-wie-der-town-crying-weltmeister-von-kingston-den-kanadischen-finanzminister-begeistert/ - in letzter Zeit sind mir wirklich einige ganz unglaubliche Beispiele für Serendipität untergekommen. Leider suchen ja viele Leute lieber verzweifelt nach dem Instant-Erfolg, statt auf den Bauch zu hören.

Diese Nachricht wurde von Simone Janson am 27.10.11 (16:21:36) kommentiert.

Serendipität also ;-). Ich würde vereinfacht von Entdecken anstatt Suchen sprechen. Die Frage ist wo funktioniert Zielsetzung = Ergebnis wirklich. Und dort wo es funktioniert, war es wirklich ein Ziel welches über viele Probleme hinweg verfolgt und schliesslich erreicht wurde? Oder ist es nicht oft so, dass Ziele so ausgerichtet und regelmäßig angepasst werden, dass sie dem entsprechen, was ohnehin wahrscheinlich ist.

Diese Nachricht wurde von Hubert Jäger am 27.03.12 (14:17:30) kommentiert.
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