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18.11.13Leser-Kommentare

Mit wenig Schlaf auskommen: Zwei Wochen im Selbstversuch

Es gibt berühmte Menschen, die ihre Produktivität dadurch steigern, dass sie wenig schlafen. Aber klappt das überhaupt auf Dauer? Kann man mehr schaffen, wenn man weniger schläft? Ich habe zwei Wochen lang dank Jetlag einen (unfreiwilligen) Selbstversuch gemacht.

hobvias sudoneighm bei flickr.com (CC BY 2.0)Von Yahoo-Chefin Marissa Mayer wird erzählt, dass sie nur vier Stunden Schlaf pro Nacht benötigt. Wenn sie aber weniger schläft, wird es durchaus kritisch, wie Gregor Groß in seinem Beitrag über hochproduktive Menschen einen ihrer Kollegen zitiert:

«I met her once at dinner in New York; she was literally falling asleep in her soup. She said, ‘Normally, I can get by on 4 hours of sleep a night, and I thought I could get by on 3. But I can’t.» (IEEE Spectrum)Von diversen deutschen Wissenschaftlern ist überliefert, dass sie nur vier Stunden pro Nacht bzw. nur zwei Stunden pro Woche schliefen und sich mit Tricks wie kaltem Wasser oder einem Holzklotz am Bein gewaltsam wach hielten, um ihr Arbeitspensum zu schaffen. Ich persönlich halte von solchen Tricks nichts: Wenn ich müde bin, möchte ich schlafen. Das liegt auch daran, dass ich kein guter Schläfer bin: Vor allem wenn ich an einem längerfristigen Projekt sitze, bin ich morgens oft noch vor der Dämmerung wach und habe dann auch den Rest des Tages einen extrem hohen Adrenalinspiegel. Das geht nur für einige Tage gut.

Im September war ich aber nun zwei Wochen lang in Westkanada. Das bedeutet 8 Stunden Zeitverschiebung in Alberta bzw. 9 Stunden in British Columbia. Für mich das erste Mal, dass ich einen so langen Zeitraum einer so krassen Zeitverschiebung ausgesetzt war. Nach meiner Erfahrung sind für mich 5 oder 6 Stunden gut zu verdauen. Alles, was darüber hinausgeht, wird stressig. Dazu kommt, dass ich nicht zum Urlaub da war; das bedeutet auch tagsüber allerlei Termine. Ergebnis: Ich hatte zwei Wochen lang ein stark reduziertes Schlafpensum von höchstens 4-5 Stunden pro Nacht. Was macht das mit dem Körper und der Produktivität? Einige Beobachtungen.

  • Probleme mit dem Schlafrhythmus: Marcel Widmer hat ja kürzlich seine Tipps gegen Schlaflosigkeit aufgeschrieben. Einer davon: Ein regelmäßiger Schlafrhythmus. Und genau der wurde mir in Kanada zum Verhängnis. Denn natürlich meldete mein Körper mitten in der Nacht, wenn auch jeden Tag ein wenig später: «Aufstehen».
  • Bewegung hilft: Und Marcel hat recht, Sport hilft tatsächlich. Nicht nur vor dem zu Bett Gehen, sondern auch beim Wieder-Einschlafen. Ich bin also in Banff nachts um 3 Uhr joggen gegangen. Als man mich vor herumstreunenden Pumas warnte, habe ich es allerdings sein lassen.
  • Schlaflosigkeit macht zunächst produktiver: Was ich anfangs wirklich gut fand, war, dass ich tatsächlich mehr geschafft kriegte. Ich hatte ja nun pro Arbeitstag 4 oder 5 Stunden mehr, in denen ich mich meiner Kommunikation widmen konnte, bevor mein eigentliches Tagewerk in Kanada begann. Nachteil: Es macht natürlich auch deutlich müder.
  • E-Mails auf einen Schlag abarbeiten: Wirklich praktisch war, dass ich meine E-Mails quasi gleich auf einen Schlag durcharbeiten konnte. Wenn ich morgens um 4 oder 5 aufwachte, dann war es ja in Deutschland schon Nachmittag und der erste E-Mail-Ansturm vorbei. Und alle E-Mails eines Tages auf einen Schlag zu bekomme, fand ich persönlich deutlich praktischer als tröpfchenweise.
  • Die Müdigkeit steigt: Trotz erhöhtem Adrenalinspiegel wurde ich logischerweise mit jedem Tag müder. So gegen 4 Uhr nachmittags, also Mitternacht unserer Zeit, fingen mir regelmäßig die Augen an zu tränen. Und es stellte sich eine gewisse Grundmüdigkeit ein.
  • Stress und Reizbarkeit nehmen zu: Nach einigen Tagen mit Schlafreduzierung fühlte ich mich zudem deutlich reizbarer und anfälliger für Stress. Ich war nervöser als normal. Und ich fing an, mich auf zu Hause und den gewohnten Schlafrhythmus zu freuen.

Mein Fazit: So eine radikale Veränderung des Schlaf-Wach-Rhythmus ist für mich persönlich der pure Stress. Wenn es sich vermeiden lässt, werde ich das so schnell nicht wieder machen. Natürlich gibt es zahlreiche Tipps gegen einen Jetlag: Zum Beispiel den, sich umgehend zu zwingen, die Zeit vor Ort mitzuleben. Das hat bei mir leider nur bedingt funktioniert. Frische Luft, Sonne und Bewegung helfen hingegen, den Melatoninspiegel anzupassen. Allerdings: Für die Produktivität hat der Schlafentzug tatsächlich Vorteile. Ob das gesund ist und wie es mit der Produktivität für einen längeren Zeitraum aussieht, steht auf einem anderen Blatt.

 

Bild: hobvias sudoneighm bei flickr.com (CC BY 2.0)

Kommentare

  • Chriz

    18.11.13 (09:13:24)

    Danke für deine Erfahrungen! Ich bin auch andauernd am überlegen und ausprobieren, wie viel Schlaf mir am besten gut tut. Mein Wunsch ist es vor allem jeden Tag um 6 Uhr aufzustehen, anstatt mich um 8 Uhr in den Tag zu stressen.

  • Sebastian

    18.11.13 (10:06:37)

    Hättest mal das versuchen sollen: http://de.wikipedia.org/wiki/Polyphasischer_Schlaf Hab es selbst noch nicht gemacht, aber soll klappen. Finde ich besser als Schlafentzug.

  • talinee

    24.11.13 (22:12:00)

    Vielleicht im Kontext zu anderen Menschen, die wenig schlafen, überdenkenswert: (kontrollierter) Schlafentzug hilft bei der Linderung der Symptome von Depressionen. Wenn beschriebene Charaktere möglicherweise derartige psychische Erkrankungen haben, ist es kein Wunder, dass sie bei weniger Schlaf produktiver sind als ein psychisch gesunder Mensch.

  • Simone Janson

    25.11.13 (17:26:05)

    Hallo, danke für die interessanten Hinweise. Daran, den Schlaf zu zerstückeln, glaube ich nicht - das macht mich nur noch müder. Gerade letzte Woche dank Jetlag wieder erlebt...

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