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23.05.11

Minimalismus: Digitale Minimalisten und Tech-Nomaden

Weniger ist mehr: Als «Minimalism» erfährt dieses alte Sprichwort eine Renaissance. Die Protagonisten wollen ihren Lebensstil weniger als Konsumkritik verstanden haben, sondern vielmehr als Weg zu mehr Fokus und weniger Stress.

Gastautor Ryan Klarhölter

Für die einen ist es bittere Realität, für andere eine Selbstverständlichkeit und für manche ein bewusster Lebensstil: ausschließlich das Nötigste zu besitzen. In ihren Weblogs präsentieren Minimalisten ihren wenigen Besitz und schreiben über die Vorteile und Annehmlichkeiten ihrer Lebensart. Das größte Medieninteresse weckte damit 2010 der Softwareentwickler Michael Kelly Sutton.Cult of Less

Inspiriert unter anderem durch das Buch Die 4-Stunden-Woche von Timothy Ferriss (in dem es ein Kapitel Weniger ist mehr: Werfen Sie Ballast ab gibt), beschloss Kelly Sutton im September 2009, seinen Besitz soweit zu reduzieren, dass alles in zwei Koffer und zwei Taschen passt. Er gründete eine Internetseite, die er Cult of Less getauft hat, und bot darüber seine Sachen zum Verkauf an. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt hatte er ohnehin festgestellt, dass er vieles gar nicht benötigt.

Es kam zu vielen Interviews und Videobeiträgen (z. B. mit ABC, CNN und NBC ). Sein Gespräch mit Spiegel Online hatten wir im August letzten Jahres hier gepostet.

Die Tech-Nomaden

Kelly Sutton betont insbesondere den digitalen Aspekt des heutigen Minimalismus und welchen Lifestyle diese Art der Mobilität ermöglicht: den eines sogenannten Tech-Nomaden. Ein Tech-Nomade ist ein Minimalist, der auf einen festen Wohnsitz verzichtet. Technisches Equipment ist das Wichtigste seiner Ausstattung. Er reist umher und arbeitet von unterwegs. Richtige Tech-Nomaden sind oder waren beispielsweise Chris Yurista, Andrew Hyde, Joshuah Klein oder das Paar Chris Dunphy und Cherie Ve Ard.

Der Begriff geht laut Wiktionary allerdings in die 80-er Jahre auf Stephen K. Roberts zurück. Er reiste in den Jahren von 1983 bis 1991 mit seinen High-Tech-Fahrrädern durch die USA. Seine Seiten versprühen einen nostalgischen Charme.

Leo Babauta und andere Minimalisten

Kelly Sutton hat sein Experiment toll zu vermarkten gewusst und damit bewiesen, dass er die Marketingtipps aus Die 4-Stunden-Woche verstanden hat. Der erste Minimalist im Netz war er aber nicht. Leo Babauta bloggt seit 2007 auf zenhabits.net über Selbstmanagement, Produktivität und Einfachheit. Heute hat er über 200.000 Leser. Das Time Magazine zählt seinen Blog seit zwei Jahren zu den Top 25. 2009 hat er zusätzlich das Blog mnmlist gestartet, auf dem es ausschließlich um Minimalismus geht. Im selben Jahr veröffentlichte er das Buch The Simple Guide to a Minimalist Life.

Andere große Namen in der Minimalismus-Blogosphäre sind Tammy Strobel, Serena “the everyday minimalist”, Jessica Dang, Everett Bogue und Dave Bruno, der mit seiner 100-Thing-Challenge 2008 auf sich aufmerksam gemacht hat: einem Selbstversuch, mit nur 100 Gegenständen zu leben. Letztes Jahr hat er das gleichnamige Buch dazu veröffentlicht, das es bislang aber nur auf Englisch gibt.

Everett Bogue kündigte 2009 seinen Job, reiste umher und bloggte über Minimalismus. Ein paar Monate später veröffentlichte er sein E-Book “The Art of Being Minimalist”, das aber nicht mehr erhältlich ist. In der Blogosphäre ist er umstritten, was vor allem daran liegt, dass er die Minimalismus-Bewegung – sofern man von einer sprechen kann – im Januar dieses Jahres für beendet erklärt hat. Das muss anderen das Gefühl gegeben haben, als würde ein Gast die Party beenden.

Bogue meint, Minimalismus sei nur ein Entwicklungsschritt gewesen. Man müsse jetzt sehen, wie es weitergeht. Vielleicht gefiel ihm aber einfach das Etikett nicht mehr.

Der amerikanische Sender CBS hat letztes Jahr einen Beitrag über ihn gesendet.

Im deutschsprachigen Raum

Seit ein paar Monaten kreist das Thema durch unsere Blogosphäre. Die ersten deutschsprachigen Minimalismus-Blogs sind entstanden. Von einer Subkultur oder Bewegung kann man allerdings noch nicht sprechen. Bleibt abzuwarten, was noch kommt.

Hier eine Auswahl:

Einen grundsätzlichen Unterschied zum Simplify-Trend erkenne ich im (digitalen) Minimalismus nicht. Ästhetik und Technik spielen eine größere Rolle, aber die Beweggründe sind die gleichen: Stressreduzierung, Fokus, Mobilität und selten auch Konsumkritik.

Weniger Stress, mehr Fokus – klingt, als würde man auf einen dauerhaften Produktivitätsschub hoffen können. Was meinst du? Erzeugen Gegenstände Stress? Kann ein minimalistischer Lebensstil die eigene Produktivität steigern? Und kennst du noch weitere deutsche Minimalisten, die bloggen?

(Bild: frostnova bei flickr.com)

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