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22.09.11

Kontaktaustausch: Die Visitenkarte lebt - bis NFC sie verdrängt

Trotz ihrer altertümlichen Anmutung in einer zunehmend digitalen Welt behauptet sich die Visitenkarte wacker und kann sogar überzeugte Papier-Gegner kurzzeitig wieder in ihren Bann ziehen. Mit dem Durchbruch von NFC jedoch wird ihr Ende besiegelt.

 

In dieser Woche bin ich schwach geworden. Ich habe mich mit voller Inbrunst einem Relikt hingegeben, von dem ich glaubte, nie wieder damit zu tun haben zu müssen. Gerade ich, der schön öffentlich mit diesem altertümlichen Brauch abgerechnet hatte. Mein Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, ist groß. Vor allem vor mir selbst.

Es geht um die Papiervisitenkarte. Am Dienstag auf dem European Pirate Summit wurde ich zu deren Sammler. Nicht nur nahm ich angebotene Karten ohne Ablehnung oder Protest an. Nein, in einzelnen Fällen ergriff ich sogar die Initiative, bot aktiv meine Karte an oder fragte meinen Gesprächspartner, ob er/sie denn eine Visitenkarte hätte. Schockierend.

Was war der Anlass für mein rückwärtsgewandtes Verhalten? War meine Smartphone-Batterie tot? Befanden wir uns in einem Funkloch, weshalb ich mich mit neuen Bekannten nicht direkt per App verbinden konnte? Gab es gar ein Handyverbot, um die echten sozialen Interaktionen anzutreiben und die Fokussierung auf die Speaker und Panels sicherzustellen? Weder noch!

Der Grund, warum ich mit einem Prinzip brach und mit fast 20 teilweise aktiv eingeforderten Visitenkarten nach Hause fuhr, war einzig und allein die Schnelligkeit des Prozesses der Visitenkarteübergabe.

Vorteil Schnelligkeit

Während ich auf anderen, zumeist mehrtätigen Konferenzen noch mit Freude Apps wie Hashable , Cardcloud, Xing oder LinkedIn für das direkte digitale Festhalten von Zusammentreffen und Kontaktdaten einsetzte, erkannte ich beim European Pirate Summit schnell, dass ich mir diesen Luxus dort nicht leisten können würde.

In zu kurzer Zeit traf ich auf zu viele Menschen, deren Kontakte ich behalten wollte - sowohl, weil ganz einfach viele davon gekommen waren, aber auch aufgrund des kompakten Veranstaltungsortes und der hohen Netzwerk-Freudigkeit der Besucher. Gleichzeitig wusste ich, dass ich manchen Personen anders als bei zwei- oder dreitägen Events wahrscheinlich nicht mehrmals begegnen würde, wodurch mein Bedarf an einer effizienten, das laufende Gespräch nicht beeinträchtigenden Lösung noch größer wurde.

Also überwand ich meine Aversion gegen das gedruckte Papier und verließ Köln mit einem ganzen Haufen unterschiedlich nett gestalteter Visitenkarten.

Auf meinen einstigen Beitrag zum nahenden Ende der Visitenkarte erntete ich einigen Widerspruch. Und wer damals meine These in Frage stellte, sitzt beim Lesen dieser Zeilen womöglich triumphierend und mit einem "Hab ich's doch gesagt!" auf den Lippen vor dem Bildschirm. Aber nicht so voreilig!

Eine Frage des "wann" und "wie", nicht des "ob"

Trotz meines Rückfalls in Verhaltensweisen aus dem vergangenen Jahrtausend bin ich nach wie vor fest davon überzeugt, dass Visitenkarten in einigen Jahren aus dem Alltag der meisten, neuen Technologien nicht abgeneigten Menschen verschwinden werden:

Mit dem Argument der Karte als soziales Ritual kann ich wenig anfangen. Rituale verändern sich, sobald genug Aspekte für einen alternativen Ansatz sprechen. Die knapp zwei Dutzend von mir eingeheimsten Karten werden auch nicht in einem formschönen Rolodex auf meinem Schreibtisch landen, sondern im Papierkorb - sobald ich mich in einer ruhigen Minute mit allen per Linkedin (bei Kontakten von außerhalb des deutschen Sprachraums für mich erste Wahl) oder Xing vernetzt habe.

Notwendigkeit manueller Eingaben sowie das Henne-Ei-Problem hindern Apps am Durchbruch

Woran ich jedoch nicht (mehr) glaube, ist daran, dass eine zahlreiche manuelle Schritte erfordernde mobile App der Visitenkarte den Dolchstoß versetzen können wird. Dazu ist nicht nur das Henne-Ei-Problem von App-Lösungen zu groß, sondern es dauert selbst bei weit verbreiteten Plattformen wie Facebook oder LinkedIn ganz einfach zu lange, bis der jeweilige Gesprächspartner dort gefunden und kontaktiert worden ist. Das gilt auch für den "mobilen Handshake" via Bluetooth oder GPS-Ortsbestimmung.

NFC als Visitenkarten-Killer

Ich habe mich am Dienstag mit mehreren Leuten über die Problematik unterhalten und stimme Philipp Moehring von Seedcamp zu, der die omnipräsente Integration von NFC (Near Field Communication) in Smartphones als tatsächlichen Anfang vom Ende der Visitenkarte sieht.

In wenigen Jahren wird jedes Mobiltelefon der gehobenen Preisklasse mit einem NFC-Chip ausgerüstet sein. Juniper Research geht davon aus, dass schon 2014 jedes fünfte Gerät weltweit NFC unterstützen wird. Gelingt es dann einem sozialen Netzwerk oder App-Entwickler, Vereinbarung mit allen großen Herstellern zur Ab-Werk-Integration einer plattformunabhängigen Ein-Klick-Kontaktaustausch-Funktionalität zu schließen, werden Druckereien schlagartig deutlich weniger Visitenkartenbestellungen erhalten.

Kontaktaustausch mit einem Klick in einer Sekunde

Was ist besser als der Austausch der Papierkarte mit der Notwendigkeit zur nachträglichen Digitalisierung? Der in einer Sekunde und nach einem Klick eingeleitete sowie automatisch mit Meta-Informationen über Ort und Zeitpunkt ergänzte Kontaktaustausch über das Smartphone, unabhängig von dessen Hersteller oder Betriebssystem.

Viele warten gespannt auf den Durchbruch von NFC, weil sie ohne Bargeld und Karte bezahlen wollen (wie mit dem neuen Google Wallet). In meinen Augen sind die sich eröffnenden Möglichkeiten für den blitzschnellen und aufwandslosen Austausch von Kontakten und Daten zwischen Empfangsgeräten mindestens genauso aufregend. Und eines Tages werden wir über die Visitenkarte nur noch lachen können.

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