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12.05.10

Job und Zukunft: Es muss nicht immer selbständig sein

Die meisten von uns wollen ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Die Alternative zum Angestellten-Dasein muss aber nicht gleich Selbständigkeit heißen. Es gibt auch andere Wege, um im Arbeitsleben unabhängig zu bleiben.

Das eigene Ding

«Wieso nicht sein eigenes Ding machen?» hat Florian hier vor einigen Tagen gefragt, wenn sich doch eh niemand mehr seines Jobs sicher sein kann. Die Frage finde ich gut. Die Antwort - «Macht Euch selbständig!» - greift meiner Meinung nach etwas zu kurz. Im Kern geht es für mich nicht um selbständig oder angestellt. Die Frage muss lauten: Wie unabhängig bin ich? Wie sehr bin ich auf den Goodwill (oder die Willkür?) eines Unternehmens angewiesen, das sich mir gegenüber nicht sonderlich verpflichtet fühlt?

Für Risiken und Nebenwirkungen

Sunday Morning Abstract

Selbständigkeit ist eine Option, um diese Unabhängigkeit zu erreichen. Für viele ist sie aber nur schwer zu realisieren. Was nicht verwundern darf: Selbständige arbeiten mehr und verdienen weniger, und die wenigsten Unternehmensgründungen schaffen es über die ersten fünf Jahre hinaus. Das Risiko ist hoch. Zwar gibt es viele zündende Ideen für neue Unternehmen, ob sie funktionieren, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Ich bin überzeugt, dass es auch andere Wege gibt, sich die Unabhängigkeit zu erhalten - selbst als Lohnabhängiger. Und zwar, indem man in die eigenen Fähigkeiten investiert: Man erweitert und vertieft die eigenen Kompetenzen und schafft sich so Optionen für die Zukunft. Gerade in einer vernetzten Wissensökonomie bieten sich unzählige Chancen dafür.

Auf viele Pferde setzen

Mehrere Jahre war ich im Weiterbildungsbereich einer Fachhochschule beschäftigt. Wir haben BWL-Angebote für Postgraduierte entwickelt, verkauft, organisiert und durchgeführt. Mit der Zeit hatte ich einen guten Überblick über den Markt und wusste, wie der Hase läuft. Diese Expertise war tief, aber in einem engen Feld: Viele andere potenzielle Arbeitgeber gab es für mich nicht. Nach etwa zwei Jahren kam ich mit dem Inhaber einer Print-Publikation für BWL ins Gespräch. Wir verstanden uns, er suchte gerade nach Unterstützung und so wurde ich nebenberuflicher Redakteur für betriebswirtschaftliche Weiterbildung. Die Bezahlung war so schlecht wie die Arbeitsbedingungen, und das Ganze ging zu Lasten meiner Freizeit. Aber: Es hat mir meistens Spaß gemacht, und ich lernte etwas Neues. Ich konnte meine bestehende Kompetenz im Bereich Weiterbildung mit einer neuen Kompetenz, dem Schreiben, verbinden.

Ich hatte keinen Karriereplan oder konkrete Vorstellungen, was mir dieser neue Nebenjob bringen sollte. Ich habe es gemacht, weil ich a) Spaß daran hatte, b) meine bestehende Expertise im Bereich Weiterbildung nutzen konnte und c) Gelegenheit hatte, mir eine neue Kompetenz anzueignen.

An den Rändern suchen

Leaf Abstract 2

Für die meisten von uns ist es nicht unbedingt sinnvoll, sich in ein völlig neues Tätigkeitsgebiet zu stürzen. Wir haben in vielen Jahren Berufserfahrung Wissen und Erfahrung in unserem angestammten Feld aufgebaut. Dieses Wissen hat einen Wert und wartet darauf, weiter genutzt zu werden. Dieses Wissen nicht mehr zu verwenden, weil ich als Programmierer ein Hähnchenrestaurant eröffne, scheint mir in vielen Fällen Verschwendung. Das heutige Berufsleben bietet genügend Gelegenheit, im angestammten Fachgebiet neue Tätigkeiten zu übernehmen. In einer Wissensökonomie gibt es für jeden von uns Möglichkeiten, seine Kernkompetenz zu nutzen, um daraus neue Kompetenzen zu entwickeln. Man muss sich bloß an den Rändern der eigenen Tätigkeit umsehen. Als Spezialistin für Marketing, exotische Programmiersprachen oder als Physiotherapeut kann ich

  • mich bemühen, an einer Schule meines Fachgebietes ein kleines Unterrichtspensum zu erhalten,
  • beginnen, über mein Fachgebiet zu bloggen, bei einer elektronischen Publikation mitzuarbeiten oder Artikel für Printpublikationen zu schreiben,
  • versuchen, mein Expertenwissen als Consultant weiterzugeben,
  • meine Fachkompetenz in einem anderen Kontext einzusetzen - zum Beispiel in einem Ehrenamt oder bei einer NGO.

Unabhängigkeit als Lohn

Natürlich bedeuten alle diese Tätigkeiten zuerst eine Investition. Vielleicht sind sie schlecht bezahlt, und als Neuling ist der Aufwand doppelt so hoch. Neue Kompetenzen zu entwickeln heißt, ständig zu lernen und Fehler zu machen. Man investiert Zeit und Energie. Die Entlohnung ist oft nicht berauschend. Und das alles mit unsicherem Ausgang. Deshalb ist es umso wichtiger, sich Dinge auszusuchen, die Spaß machen.

Den Nutzen hingegen finde ich beachtlich. Man erwirbt sich mehr Kompetenzen. Mehr Kompetenzen zu haben bedeutet, für den Arbeitsmarkt attraktiver zu sein. Man ist vielseitiger, weiß und kann mehr. Diese erhöhte Arbeitsmarktfähigkeit macht mich unabhängiger von einem Arbeitgeber. Ich erarbeite mir Optionen für die Zukunft, unabhängig von meinem Arbeitgeber. Ich erarbeite mir neue Kompetenzen, die zu mir gehören, egal für wen ich arbeite. Als kleiner Nebengewinn: Ich vergrößere mein Netzwerk und treffe neue Leute.

Wir sind kein Job

Chaotic Abstract

Wir sind heute nicht mehr ein Job. Wir sind nicht Informatikerinnen, Ärzte, Betriebsökonomen, Verkäufer oder Bauleiterinnen. Wir sind eine Ansammlung von Kompetenzen in Informatik, Medizin oder Marketing. Je geschickter ich meine Kompetenzen kombiniert habe, desto erfolgreicher bin ich auf dem Arbeitsmarkt. Es geht um die Tiefe meiner Kompetenzen, aber auch um die Breite. Die Kombination meiner Kompetenzen ist mein Angebot an den Arbeitsmarkt, mein Profil und meine Einzigartigkeit. Wie ich diese Kompetenzen zu Markte trage, ist nicht entscheidend. Das kann als Angestellter sein, als Freelancer, als Unternehmer oder eine Kombination von allem. Entscheidend ist, mein Auskommen zu finden, ohne die eigene Unabhängigkeit aufzugeben. Bei mir lief es darauf hinaus, dass ich drei Jobs gleichzeitig hatte: Einen Hauptjob und zwei Nebenbeschäftigungen. In den Nebenjobs habe ich gelernt, mein bestehendes Wissen aus dem Hauptjob in einem anderen Kontext zu nutzen. Nach einiger Zeit war ich nicht mehr «nur» Weiterbildungsspezialist, ich wurde noch zum Texter und Ausbilder. Im Moment arbeite ich als Freelancer in diesen beiden Gebieten und habe mein Angestellten-Dasein aufgegeben. Die Arbeitsform - als Freelancer - kann so bleiben oder auch nicht, das ist eine Frage der Umstände und persönlicher Vorlieben. Vielleicht lasse ich mich in drei Jahren wieder anstellen, wenn das Angebot verlockend genug ist. Das ist nicht entscheidend. Wichtig ist meine Unabhängigkeit und Arbeit, die mir Spaß macht.

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