07.12.09 12:08, von Thomas Mauch

Informationen, Wissen und Lernen: Fünf Schritte für das Wissensmanagement

Wissen ist unser Kapital. Ein systematischer Ansatz zum Erweitern und Pflegen des persönlichen Wissens ist deshalb nicht Luxus, sondern sollte zu den Basiskompetenzen gehören. Mein Vorschlag für ein persönliches Wissensmanagement in fünf Schritten.


[photos title="Bibliotheken dieser Welt"]

Alle wollen wissen

Lesesaal der New York Public Library (Bild: victoriapeckham bei flickr.com)Ich weiß, Ihr könnt es nicht mehr hören: Wir sind eine Wissensgesellschaft. Die EU will bis 2010 zum dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt werden. Zumindest formulierte sie dieses Ziel in der Lissabon-Strategie von 2000. Auf der Ebene der institutionalisierten Ausbildung sehen wir in den letzten 15 Jahren beispiellose Aktivität: Bologna verbinden wir schon lange nicht mehr mit italienischer Gemütlichkeit, Grundtvig, Erasmus oder Kopenhagen sind Stilblüten aus dem Büro für seltsame Bezeichnungen von europäischen Bildungsinitiativen. Auch Bildungsanbieter regen sich: Das Angebot an Seminaren, Kursen, MBAs und Studiengängen ist schlicht explodiert. Bei all diesen Bemühungen geht eine Frage regelmäßig unter: Wie entwickeln wir unsere persönlichen Lern-, Wissens- und Informationsmanagement-Kompetenzen weiter? Diese Kompetenzen sind entscheidend, damit wir als Gesellschaft aus dem Wissen Nutzen ziehen. Sie sind auch der Grund, weshalb mich jemand für meine Arbeit bezahlt. Wissen ist mein Kapital.

80 Prozent lernen wir nebenbei

Lernexperte Jay Cross behauptet, dass wir 80 Prozent unseres Wissens und unserer Fähigkeiten außerhalb von arrangierten Lernsettings erwerben: im Gespräch mit Kollegen und Kolleginnen, in der Kaffeepause, beim Abschauen und Nachmachen, via Suchmaschine oder auf Facebook. Google oder Wikipedia sind die größten Lernmaschinen dieser Welt. Sie liefern unendlich viele Lerninhalte. Web 2.0 und Social Media sind der nächste Schritt: Menschen lernen vor allem im Austausch mit Menschen. Die Kaffeemaschine wird virtuell. Viele von uns erleben diese Entwicklung auch als Bedrohung. Der Informationsfluss wird zum reißenden Strom, der sich in mein Leben ergießt, meine E-Mail-Inbox unter Wasser setzt und mir den Atem raubt.

Mythos der Informationsflut

Außenansicht der Bibliothek von Alexandria (Bild: bastique bei flickr.com)Information Overload sei kein Problem, sondern ein Fakt, sagt Clay Shirky . Mit dieser Tatsache schlage sich die Menschheit seit der Bibliothek von Alexandria rum. Niemand konnte schon damals alle diese Bücher lesen, und auch heute verlassen wir jede Buchhandlung unbeschadet, obwohl die darin versammelte Menge an Information und Wissen viel zu groß ist. Wir haben passende Mechanismen entwickelt. Vielleicht wissen wir genau, was wir in der Buchhandlung suchen, alles andere beachten wir deshalb nicht. Oder wir wissen ungefähr, was wir suchen, dann nehmen wir uns eine halbe Stunde zum Stöbern und ziehen dieses oder jene Buch raus, finden etwas oder auch nicht. Keine dramatische Sache, für viele Leute sogar entspannend. Auch vor der Zeitschriftenauslage am Kiosk hört man selten tränenüberströmte Menschen die Informationsflut beklagen. Wieso aber stöhnen wir über zu viele Infos im Internet, in Google, in der Inbox oder auf Facebook?

It’s the filter, stupid!

Kongressbibliothek in Washington, DC (Bild: wikipedia.de)Marcel Weiss geht mit Clay Shirky einig: Es gibt nicht zu viele Informationen, wir haben bloß nicht die richtigen Filter. Was eignet sich aber als Filter? Für ein persönliches Wissensmanagement sind Ziele die besten Filter: Was will ich wissen, in welchem Gebiet, in welcher Tiefe und zu welchem Zweck. Zum Beispiel als Erwachsenenbilder muss ich wissen, was in der Bildungsszene Schweiz passiert - auf der Politikebene und im Markt. Hier muss ich «auf dem Laufenden bleiben». Eines meiner Spezialgebiete ist das Weiterbildungsmarketing. Für dieses Wissensgebiet habe ich andere Lernziele. Ich muss Unterrichtstage durchführen und Skripts schreiben. Hier werde ich meinen Informationsfilter anders ausgestalten als bei der bloßen Beobachtung der «Gesamtszene».

Was kann ich vergessen

Jose Vasconcelos Bibliothek in Mexico City (Bild: CliNKer bei flickr.com)Meine persönlichen Informationsziele sagen mir, was ich an Informationen hereinlasse. Aber fast wichtiger: Sie sagen, was draußen bleibt. Wie mit jedem Ziel bestimme ich, was ich tue und was eben nicht. Das Ergebnis: Gefühlte 99,99 Prozent der Informationen sind für meine Ziele nicht relevant. Damit schränke ich die Informationsmenge drastisch ein. Die Informationsmenge, die mich erreicht, kann ich einteilen: Was ist wirklich wichtig, weil ich es z.B. in einer Ausbildungssequenz einbauen will und was ist nice-to-know. Zeigt der RSS-Reader 400 ungelesene Artikel an, weiß ich, was ich ungelesen wegklicken kann und wofür ich mir Zeit nehmen sollte.

Glück in fünf Schritten

Basierend auf diesen persönlichen Wissens- und Lernzielen kann ich einen persönlichen Wissensmanagement-Prozess aufzubauen. Das ist simpler als es tönt: Um zu lernen, müssen wir Informationen finden und unverhofft finden, sammeln, strukturieren und wiedergeben. Mein Vorschlag für die fünf Schritte zum Glück.


  1. Finden meint, ausgehend von meinen Zielen die Wissens- und Informationsströme hereinzulassen. Heute suche ich nicht mehr, die Information findet mich.
  2. Unverhofft finden schlage ich vor, weil wir nicht zu Fachidioten verkommen wollen. Ich lerne Neues von Gebieten nebenan, die scheinbar nichts mit meinem Kerngebiet zu tun haben.
  3. Sammeln heißt als aufbewahrungswürdig bewerten, als nützlich ansehen und irgendwohin legen. Und wieder auffindbar zu machen.
  4. Strukturieren hilft, sich Informationen anzueignen und für sich selber handlungsrelevant zu machen. In einem Wort: Lernen.
  5. Publizieren bedeutet, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Eine Methode, die schon die Höhlenbewohner einsetzten. Weil sie keine Blogs hatten, mussten sie die Wände bemalen.

1. Finden


Hauptgebäude der Nationalbibliothek Chinas in Peking (Bild: wikipedia.de)Informationen finden wir an jeder Hausecke und hinter jedem Mausklick. Wir haben unendlich viele Quellen zur Hand und nutzen Dutzende von digitalen und analogen Instrumente. Es gilt, diese Tools so einzusetzen, dass wir zielorientiert beliefert werden. Diese Informationsziele müssen für mich handlungsrelevant sein. Informationen, die nicht handlungsrelevant sind, sind Unterhaltung. Angesichts der Menge der vorhandenen Informationen versuche ich, großzügig mit mir zu sein. Trotz allen Bemühungen werde ich Informationen verpassen, übersehen oder keine Zeit für sie haben. Na denn halt. Ich muss nicht alles wissen. Außerdem gilt je länger je mehr: Wichtige Informationen werden mich finden. Sie werden verlinkt, gebloggt, aggregiert oder getwittert. Nicht nur Marketing ist viral. Zunehmend finden mich die richtigen Informationen von selbst.

2. Unverhofft finden

Informationen zielorientiert zu bearbeiten ist wichtig. Mit einer Einschränkung: Neues Wissen entsteht an den Grenzen zu anderen Gebieten. Häufig finden wir die zündende Idee in Nachbars Garten. Wir lernen Dinge für unser Fachgebiet im Gespräch mit dem Feuerwehrmann, der Ärztin oder dem Shiatsu-Trainer; wir verknüpfen Infos aus dem Medizin-Special der Tageszeitung mit unserem Gebiet. Wir müssen Räume schaffen, in denen wir auf «ungesuchte Informationen» stoßen. Ich nutze Printpublikationen dafür. Denn darin stehen vorwiegend Dinge, die ich nicht gesucht habe. Daneben sind Gespräche mit Menschen aus anderen Fachbereichen wichtig. Ich stoße auf unerwartete Dinge, die meine Wissenslandkarte ergänzen und erneuern. Unverhofft finden heißt, den Zufall reinzubitten.

3. Sammeln

Barocksaal Stiftsbibliothek St. Gallen / Schweiz (Bild: wikipedia.de)Sammeln heißt bewerten. Ich bewerte eine Information als aufbewahrungswürdig – weil ich sie heute, morgen oder irgendwann verwenden kann oder darauf angewiesen bin. Ich brauche sie für einen Zweck oder habe eine Ahnung, dass ich sie brauchen könnte. Früher, zu Papierzeiten, schien es mir gerechtfertigt, aus Platzgründen gut zu selektionieren. Mit unseren digitalen Helferlein spare ich mir diese Mühe. Kann ich zu viele Informationen sammeln? Nein, ich glaube nicht. Vielmehr überlege ich, wie ich die Informationen wiederfinde. Tagging und Kategorien sind die Zauberworte.

4. Strukturieren

Wir lernen, indem wir Informationen mit bestehendem Vorwissen verknüpfen und dieses neue Wissen anwenden. Geschieht dies nicht, wird die neue Information abgelehnt und vergessen. Mein Hirn durchforstet das bestehende Wissen nach Stellen zum Andocken. Finde ich die, kann ich die neue Information einordnen. Gegen das Vergessen kämpfe ich an, indem ich die neue Information bearbeite: Ich untersuche sie, strukturiere sie und suche nach dem Nutzen. Schreiben ist für mich eine gute Art, mir Wissen anzueignen und diese Schritte zu durchlaufen. Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken. Außerdem kann ich das neu Gelernte beim Schreiben eines Artikels gleich nutzen. Auf Vorrat zu lernen fällt mir schwer.

5. Publizieren

Central Library in Seattle (Bild: LWY bei flickr.com)Lernen ist eine Beziehungskiste. Wir lernen vor allem von und mit anderen. Die digitale Medienwelt bietet uns enorme Möglichkeiten. Lernen passiert im Austausch und das Internet ist ein Austausch-Medium. Blogs etwa sollten nicht mehr als Medienform angesehen werden, sondern als Lernmethode. Einige meiner Lieblingsautoren bloggen, um selber zu lernen. Der Blog gibt die Möglichkeit zum Schreiben und damit zur Anwendung des neuen Wissens (siehe oben). Er ermöglicht auch den Austausch und die Diskussion. Mit neu Gelerntem an eine Öffentlichkeit zu treten – egal wie groß – gibt dem eigenen Lernen Sinn und bietet Gelegenheit zur Reflexion und Weiterlernen.

Die Tools dazu

In unserem Alltag bewegen wir uns meist schon entlang dieser fünf Schritte. Ich selbst habe profitiert, seitdem ich es strukturiert und zielorientiert tue. Seitdem ich meine Tool-Landschaft auf diesen Prozess ausgerichtet habe, ist er natürlicher Bestandteil meines Arbeitsalltags. Der zweite Teil dieses Artikels beschäftigt sich deshalb damit: Welche Instrumente kann ich für die oben erwähnten Prozessschritte einsetzen? Anhand meines Beispiels will ich aufzeigen, was für mich funktioniert und wo ich davon profitiere.

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Kommentare: Informationen, Wissen und Lernen: Fünf Schritte für das Wissensmanagement

Ich halte die Grundaussage, dass wir hauptsächlich nebenbei resp. beim Tun lernen sowohl als bemerkenswert als auch für richtig. Die Frage ist, was das für unser Bildungswesen bedeutet ... zum Beispiel 9 obligatorische Schuljahre. Würde man Kindern nicht besser Lernfreiraum lassen?

Diese Nachricht wurde von Reto am 08.12.09 (10:46:17) kommentiert.

Die Kindheit darf kein lernfreier Raum sein!

Diese Nachricht wurde von von den Laien am 08.12.09 (12:25:33) kommentiert.

@von der Laien: dann sind wir uns ja einig. Kinder können gar nicht nichts lernen. Ausser sie werden gehindert daran. Zum Beispiel, in dem ihnen ständig gesagt wird, was siw wann und wie zu lernen haben.

Diese Nachricht wurde von Reto am 08.12.09 (13:41:41) kommentiert.

Ohne Methode kann ich zwar viel lernen werde es aber nie anwenden können. Die Schule ist notwendig, nur sollte sie mehr Methoden zur Wissensaneignung als Wissen an sich vermitteln und eben Wissensmanagement. Den Punkt Management fängt der Artikel sehr gut ein, ich bin schon auf die Werkzeuge gespannt.

Diese Nachricht wurde von Stefan am 08.12.09 (22:46:38) kommentiert.

Ich glaube auch, dass die Kompetenz im eigenen Lernen gestärkt werden muss - egal auf welcher Stufe. Da gäbe es noch einiges zu tun... Und, um den Gedanken des informellen Lernens weiterzuspinnen: 80% unseres Wissens sollen wir nebenbei erwerben. Gleichzeitig gehen aber 80% der Ressourcen für Weiterbildung (Geld, Zeit) in formelle Bildung. Haben wir hier ein Allokationsproblem??

Diese Nachricht wurde von Thomas Mauch am 09.12.09 (13:34:31) kommentiert.

Wir sollten bei aller Begeisterung für das selbstbestimmte Lernen, gerade bei Kindern, respektive Schülern, nicht vergessen, daß wir nach Abschluß der Schulzeit sehr konkrete Anforderungen an diese Leute stellen. Wenn das Ergebnis des selbstbetimmten Lernens nicht ist, daß diese Anforderungen erfüllt werden, dann fällt der Mensch "auf die Schnauze". Die weichen Qualifikationen sind in den (meisten) Ausbildungen (noch)nicht entscheidend, sondern ganz traditionell die Art des Abschlusses und dann die Einzelnoten. Wenn man erst einmal in einem Job oder einer Ausbildung ist, dann kann der Erwerb zusätzlicher Qualifikationen oder generell die Erweiterung des Horizonts, sicher auf diesem informellen Weg erfolgen; zumindest solange, bis es um Geld geht....

Diese Nachricht wurde von Michael Kieweg am 09.12.09 (18:34:06) kommentiert.

@ Michael Kieweg: Diese Gegensätzlichkeit besteht doch nur scheinbar. Wer insgesamt (=in allen Bereich und jederzeit) enthusiastisch lernt, wird nie Probleme haben, die Anforderung der Umwelt zu erfüllen. Wer aber - und das halte ich für viel gefährlicher - sich von vornherein beschränkt und primär nicht wegen interner sondern externer Reize seinen Lernmotor in Gang setzt, wird größte Probleme haben den Ausbildungsweg überdurchschnittlich abzuschließen.

Diese Nachricht wurde von Felix Herzbach am 15.12.09 (14:22:06) kommentiert.

Etlichen Punkten stimme ich zu: Nebenbei lernen, unverhofft finden - enorm wichtig. Strukturierung des Wissens dient der Aneignung, Weitergabe vertieft sie und bringt Feedback. Wo ich widersprechen würde ist das unbegrenzte Sammeln. Ich dachte auch mal, dass elektronische Speichermedien das möglich machen. Der Effekt ist abgesehen von Platzgründen dennoch derselbe wie zu Papierzeiten: Ein unüberschaubares System und/oder die zwanghafte Neigung, jedes Fuzzerl an Information mit Schlag- und Stichwörtern zu versehen. Im Extremfall notierst du: Blase meldet akutes Entleerungsbedürfnis, abgelegt unter: Persönliches, dringend. Das meine ich ernster, als es vermutlich klingt. Ich leide seit Jahrzehnten unter Beschlagwortungssucht. ;-)

Diese Nachricht wurde von Gudrun am 29.12.09 (21:01:44) kommentiert.
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