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15.05.13

Ich hab doch keine Ahnung: Warum Nichtwissen sogar die Produktivität erhöhen kann

Klar, Wissen ist unser Kapital. Können wir es uns noch leisten, nicht zu wissen? Ja! Mit Menschen zu kooperieren, denen es vordergründig an Wissen mangelt, kann ein Projekt, einen Gedankengang, ein Team vorantreiben und zu mehr Produktivität führen.

«Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht, und hat es gemacht.»

(Hilbert Meyer, Professor für Schulpädagogik, Universität Oldenburg)

Dass Wissen äusserst wichtig ist und Erfolg bringt, darin sind wir uns alle einig. Dabei geht oft vergessen, dass auch Nichtwissen wertvoll ist, unter Umständen produktiv macht und gezielt eingesetzt werden sollte:

  • «Naivität» öffnet Türen: Wer offen und scheinbar naiv von aussen in eine Organisation oder Firma kommt, Strukturen und festgefahrene Wege einfach ignoriert, kann oft Erstaunliches bewirken. Die Beteiligten an einem Projekt sehen ihn noch nicht als Rivalen, und plötzlich wird ihnen klar: Was sie bisher für unmöglich hielten, lässt sich tatsächlich bewerkstelligen. Der unbekümmerte Nichtwissende kann so der Produktivität eines ganzen Teams einen beträchtlichen Schub verleihen.

  • Achtung Fachidioten: Wer über Jahrzehnte sein Wissen in einem klar umrissenen Fachgebiet vertieft hat, tut sich irgendwann schwer damit, innovative Projekte zu starten. Sein Denken ist festgefahren; er kann sich keine anderen Betrachtungsweisen und Lösungswege mehr vorstellen als diejenigen, die sich in seinem Gehirn eingeprägt haben. Zieht er die Meinung von «nichtwissenden» Kollegen aus anderen Fachbereichen bei, kommt er plötzlich auf ganz neue Ideen, die ihn in seiner Arbeit weiterbringen. Die Methode «Design Thinking» nutzt u.a. diesen Umstand.

  • Wissen um Gefahren hemmt uns: Wer genau über alle Gefahren Bescheid weiss, die ein Unterfangen mit sich bringt, wagt immer weniger. Natürlich geht er so auch kaum Risiken ein. Aber ist Gelähmtsein durch Angst nicht auch ein Risiko? Auf jeden Fall hemmt es die Produktivität. Wer hingegen frisch drauflos rennt, scheitert sicher ein paarmal. Hat aber oft auch Erfolg, über den sich dann die Vorsichtigen wundern.

  • Die Befreiung vom Zwang, Bescheid zu wissen: Wer sich eingesteht, dass er nicht über alles in seinem (erweiterten) Fachgebiet Bescheid weiss, nimmt viel Druck von sich. Es mag sein, dass die Mitarbeiter / Kunden das Wissen erwarten. Moment mal: Tun sie das tatsächlich? Und: Wenn der Fachmann einen Teil seiner Ressourcen, die er bisher in das Immer-auf-dem-neusten-Stand-sein investiert hat, neu in kreative Lösungen investiert - profitieren dann die Mitarbeiter und Kunden nicht auch?

  • Wissen wird oft als Scheinwissen entlarvt: Seit Sokrates und Platon spricht man von «Scheinwissen», wenn ein Mensch etwas für selbstverständlich hält und sich nicht die Mühe macht, es zu hinterfragen. Wer überzeugend etwas vertritt, das er «weiss», kann schnell zum Machtmissbrauch verleitet werden. Nimmt man hingegen als Grundlage, dass nichts gegeben ist, hinterfragt man als selbstverständlich Geltendes und gelangt so zu neuen Erkenntnissen.

  • Wissen ist Mitwissen: Will ich Bescheid wissen über etwas, das den Chef belastet und das (eigentlich) nicht in meinen Zuständigkeitsbereich gehört? Will ich wissen, dass ein guter Arbeitskollege ein Kavaliersdelikt begangen hat? Lieber nicht. Denn wenn ich es weiss, bürde ich mir eine unnötige Arbeitslast oder moralische Last auf. Egoistisch? Vielleicht, aber gut für die Psychohygiene.

  • Nichtwissen - ein Luxus, den ich mir leiste: Sich eingestehen, dass man jetzt einfach keine Lust hat, sich mit dieser und jener Thematik auch noch zu befassen, tut gut. Sich weigern, für das allerneuste Tool oder Netzwerk auch noch ein Experte zu werden - wie Simone Janson hier beschrieben hat - erleichtert. Sich von den vielen elektronischen Helferlein und vom Internet unterstützen lassen und damit Wissen auslagern, macht Sinn.

 

Bild: Ian Muttoo bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

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