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11.11.13Leser-Kommentare

Home Office: Macht es nun produktiver oder nicht? Erfahrungen und Fakten

Arbeiten im Home Office - oder nicht? Das fragen sich in Deutschland nicht nur Medien und Arbeitnehmer. Auch Unternehmen stehen zunehmend vor der Frage, ob sie ihren Mitarbeitern das Home Office erlauben sollen. Und ob sie davon eine Produktivitätssteigerung erwarten können.

Jude Lee bei flickr.com (CC BY 2.0)Das Thema Home Office ist in Deutschland gerade brandaktuell - Yahoo-Chefin Marissa Mayer sei Dank. Nicht nur, dass unser im Februar erschienener Artikel zu Mayers Anti-Home-Office-Vorstoß in den verschiedensten Medien rezipiert wurde; auch heute noch wird das Thema heftig diskutiert. So hat kürzlich der SWR3 eine Reihe zu dem Thema gesendet, in der ich auch interviewt wurde .

Home Office oder nicht - ein rein persönliches Problem?

Dabei waren Diskussion und Medienberichte bislang vor allem durch die persönliche Sicht geprägt: In meiner Kolumne in der «Welt» habe ich beispielsweise die Frage aufgegriffen, wie man der Isolation und der daraus resultierenden Gefahr für die Karriere vorbeugt. imgriff-Redaktionsleiterin Sabine Gysi hat sich dem Thema unter dem Aspekt der persönlichen Produktivität angenähert und sich überlegt, unter welchen Bedingungen für sie die Arbeit im Home Office tatsächlich produktiver ist - und wann eben nicht.

Ein Aspekt wurde jedoch in der ganzen Diskussion bislang kaum berücksichtigt: Die Frage, welche Vorteile und Erfahrungswerte Unternehmen mit Home-Office-Regelungen gemacht haben, und ob die Mitarbeiter dadurch tatsächlich produktiver arbeiten. Und ob sich das am Ende auch in Zahlen und Gewinnen niederschlägt - einmal ganz unabhängig von dem Aspekt, den ich hier beschrieben habe: dass Unternehmen nämlich durch das Home Office reine Bürofläche einsparen könnten.

Home Office aus Sicht von Unternehmen

Kürzlich bin ich wieder auf das Thema gestoßen, als ich im Rahmen einer Veranstaltung Nadine Ziese, Personaldirektorin bei Coca-Cola Deutschland, interviewte. Ziese wurde 2012 im Alter von 31 Jahren in diese Position befördert und hat erheblich dazu beigetragen, dass das Unternehmen seinen Mitarbeitern freistellt, wo sie arbeiten wollen.

Zuvor hatten die Mitarbeiter sechs Tage im Jahr zur Verfügung, an denen sie im Home Office arbeiten konnten. Seit diesem Jahr können sie von der Möglichkeit Gebrauch machen, so oft sie wollen. «Wir bieten keine Telearbeitsplätze, sondern flexible Arbeitsmöglichkeiten», sagt Ziese. In Gesprächen mit Mitarbeitern hat sie festgestellt, dass die Meinungen zum Thema Home Office durchaus geteilt sind: «Die einen finden die Flexibilität, die Vereinbarkeit mit der Familie toll, den anderen fehlt der Flurfunk.»

Der Personaldirektorin ist es wichtig, dass die Mitarbeiter die freie Wahl haben und nicht zusätzlich kontrolliert werden: «Wer selbstbestimmt arbeitet, ist produktiver und motivierter. Wir wollen unsere Mitarbeiter an den Resultaten messen und nicht mehr daran, wie viele Stunden sie gearbeitet haben. Denn nur so können wir eine Kultur von Selbstbestimmung und Flexibilität prägen.»

Dazu gehört aber auch, dass die Mitarbeiter selbst die Verantwortung übernehmen: «Das Home Office ist kein Allheilmittel. Man muss sich dabei auch mit den Bedürfnissen seiner Kollegen auseinandersetzen. Jeder muss schauen, wann seine Präsenz erforderlich ist, aber sich gleichzeitig auch genug Pausen und Freizeit einräumen.» Ziese weiß, dass das ein schwieriger und langwieriger Lernprozess ist. Sie selbst zählt ihre Arbeitsstunden übrigens auch nicht: «Mir ist wichtig, dass ich am Ende der Woche meine Aufgaben erledigt habe, aber auch dass ich Sonntag abends sagen kann, dass ich eine erfüllte Zeit mit der Familie verbracht habe.»

Die nackten Zahlen

Nun hat man bei Coca-Cola vermutlich gute Gründe für solche Maßnahmen - zum Beispiel den, dass zukünftige Mitarbeiter jüngerer Generationen Wert auf flexible Arbeitszeiten legen und das Unternehmen für diese High Potentials attraktiv bleiben möchte. Was mir bei allem Engagement jedoch fehlt, sind belegbare Fakten und Zahlen, die eine Aussage darüber zuließen, ob und wie sich flexible Arbeitszeiten tatsächlich auf die Produktivität der Mitarbeiter und damit auf den Unternehmensgewinn auszahlen. Vermutlich lässt sich das in der kurzen Zeit noch nicht sagen - und darüber hinaus: Wie wollte man das in Relation setzen?

Allerdings sei an dieser Stelle auf die bereits 2005 erschienene Analyse der Prognos AG verwiesen: Sie errechnet aus den Controlling-Zahlen von Unternehmen eine Investitionsrendite familienfreundlicher Personalmaßnahmen von 25 Prozent. Die Einsparpotenziale der beteiligten mittelgroßen Unternehmen beliefen sich auf jeweils mehrere 100.000 €.

Fazit: Das Home Office ist tatsächlich kein Allheilmittel. Allerdings ist es für Unternehmen von Vorteil, wenn sie ihren Mitarbeitern Flexibilität und Wahlfreiheit - gerade auch im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - gestatten. Die Mitarbeiter werden es ihnen mit erhöhter Motivation und Produktivität danken.

 

Artikelbild: Jude Lee bei flickr.com (CC BY 2.0)

Kommentare

  • Martin Steiger

    11.11.13 (12:17:41)

    «[…] Wir wollen unsere Mitarbeiter an den Resultaten messen und nicht mehr daran, wie viele Stunden sie gearbeitet haben. Denn nur so können wir eine Kultur von Selbstbestimmung und Flexibilität prägen.» Ist das in Deutschland legal? In der Schweiz muss die Arbeitszeit erfasst werden. Und «Flexibilität» bedeutet ja üblicherweise schlicht, dass Mehrarbeit geleistet wird …

  • Simone Janson

    13.11.13 (21:05:49)

    Hallo Martin, das ist eine interessante Frage, die gebe ich gleich mal weiter... (bitte um etwas Geduld mit der Antwort). Aber wie sollte es denn nicht legal sein: Es gibt doch auch in der Schweiz initiativen wie den Home Office Day. Sind dann alle Heimarbeiter illegal?

  • Dr. Martin Bartonitz

    18.11.13 (07:57:45)

    Ich arbeite seit 2004 etwa 50% viel im Homeoffice. In dieser Zeit werde ich weniger abgelenkt als im Office, in das doch immer wieder ein Kollege schnell mal reinschneit und was "los werden" will. Meine Erfahrung ist also: in diesem Misch bin ich persönlich produktiver geworden, brauche aber die Zusammenkunft, da ich als Produktmanager reichlich Abstimmungsbedarf habe, in dem auch die Gesamtkommunikation inkl. Körpersprache wichtig ist.

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