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13.10.08Leser-Kommentare

Hoffnungslose Chaoten: Kann man Andere organisieren?

Man kennt sie, die hochkreativen, schwerst chaotischen Kollegen, denen man gerne ein paar Tricks aus der Selbstorganisations-Kiste beibringen würde. Aber geht das überhaupt: Andere organisieren?

"Was soll ich denn noch alles machen?" Die wohl meist gestellte Frage an einen, den das Thema Selbstmanagement nicht nur persönlich, sondern auch beruflich - als Organisator, Führungskraft, Multiplikator - interessiert und beschäftigt. Als solcher will man vor allem diejenigen "bekehren", die die schlimmsten Chaoten sind, das aber noch gar nicht als Problem erkannt haben. Oder ist das Problem eigentlich gar keines?

Wir kennen das doch alle: Menschen mit Stapeln von Papier auf Schreibtisch, Sideboards und sogar auf dem Boden. Mit ständig klingelnden Telefonen, piepsenden Outlooks und regem Besucher-Aus-und-Ein. Mit einer fremdgesteuerten Arbeitsweise, die Strukturierten die Haare zu Berge stehen lässt. Mit einem Ablagesystem, das den Namen nicht verdient. Im besten Fall noch mit einer Sekretärin, die wenigstens etwas hinterher räumt.

Dabei sprechen wir von zumeist hoch qualifizierten Fachkräften in deren Spezialgebiet. Alleine das Selbstorganisieren gehört wahrlich nicht zu ihren Stärken. Muss es das vielleicht gar nicht? Zerstört man durch ein mit noch so viel persönlichem Geschick eingeführtes Organisationssystem gar die Kreativität, die dort entsteht?

Man muss da wohl unterscheiden: Der eine ist die fleißige Biene mit viel Tagesgeschäft, der keine Ahnung hat, was er als nächstes tut, aber eines sicher weiß: Er wird was tun und irgendwann muss alles fertig sein, also ist’s eh wurscht. Sozusagen die personifizierte To-Do-Liste mit allen Punkten in identischer Priorität. Fällig: Heute, 17.00 Uhr, und zwar alles, Punkt.

Der kreative Chaot – in den Griff zu kriegen?

Der andere ist der Kreative, mit einem großen Problem: Er hat keine Ahnung, was er als nächstes tut (wahrscheinlich darüber nachdenken, was er als nächstes tun soll. Oder einen kreativen Spaziergang unternehmen, um darüber nachzudenken, was er ... - Ihr ahnt es schon.)

Ganz gefährlich und eine spannende Aufgabe: Wie bringe ich einen solchen, in der Regel hochintelligenten, kreativen Menschen (stellen wir ihn uns mal bildlich als Einstein vor) dazu, stupide Dinge wie Kontextlisten zu pflegen, wöchentliche Reviews abzuhalten oder täglich "Most Important Tasks" festzulegen?

Es ist wahrlich zum Haareraufen, glaubt man doch zu wissen, welch geniale Kreativitätsmaschine entstehen würde, brächte man die Arbeitsweise des Kreativen unter Kontrolle. Aber ist das wirklich so? Oder zerstört Struktur hier den Kern der Arbeit, ist vielleicht akzeptiertes Chaos und die Gelassenheit, die man braucht, um das Chaos mit einem Blutdruck im Normalbereich zu ertragen, überhaupt die Voraussetzung für solche Menschen, erfolgreich (und vielleicht sogar effizient, jedenfalls effektiv) zu arbeiten?

Ich habe jede Menge dieser Leute kennengelernt und versucht, sie zu bekehren, und behaupte: Jeder Versuch aus jemandem, der sein Chaos liebt und gewohnt ist, einen Selbstorganisations-Jünger zu machen, scheitert. Love it or leave it. Basta. Und weil das für mich so klar ist, versuche ich es gar nicht mehr, und spare Zeit und Energie - bei mir und dem "Betroffenen", den ich so akzeptiere, wie er ist.

Ihr habt andere Erfahrungen? Bin gespannt!

Kommentare

  • Nimue

    13.10.08 (22:14:47)

    Mit gutem beispiel voran gehen ;-) Ich hab in der neuen Firma mit den 43 folders (abgewandelt angefangen) und mittlerweile 2 leute nachgezogen.... Die eine hatte ihren tisch noch nie ohne papierberge gesehen, die waren noch von der vorgängerin da :-)

  • Tom Schimana

    14.10.08 (08:53:06)

    Wichtig dabei, man darf die anderen nicht dazu "zwingen". Sie müssen selbst verstehen und erkennen, dass es eine bessere Möglichkeit oder Technik gibt. Erst dann wird dies auch angenommen. Ideal wäre, wenn das Gefühl besteht, er habe selbst erkannt sich zu verändern.

  • Michael Letzel

    15.10.08 (13:00:36)

    ... könnte ja auch sein, dass wir von der falschen Grundannahme ausgehen....?!? Vielleicht ist die Annahme, dass sich die "Gutorganisierten", die die Prinzipien von gtd und ztd im Schlaf beherrschen und im Wachzustand stets anwenden, besser organisieren als die anderen einfach falsch... ?!? Und wenn das so wäre: Ist es dann überhaupt redlich, "missionieren" zu wollen. Sollten wir nicht vielmehr einfach damit zufrieden sein, dass die "Gutorganisation" bei uns gut funktioniert? Einfach mal so in die Runde geworfen von einem, der sich seit Jahren mit Selbstorganisation, gtd und ähnlichem "herumschlägt" und sich so langsam die Frage stellt, ob er denn wirklich auf dem richtigen Weg ist...? Noch andere hier, denen es so geht? Viele Grüße Michael

  • Tristan

    15.10.08 (13:22:25)

    Bei einem Gros dieser Menschen wäre meiner Meinung nach ein Weniger an Chaos in der Tat gleichbedeutend mit einem Weniger an kreativem Output. Wenn ich mir persönlich schon allein vorstelle, meinen Arbeitsplatz derart zu strukturieren und zu entschlacken, vergeht mir augenblicklich die Lust auf's Werkeln. Ich habe ADHS, und mich würden allein schon die stupiden täglichen Routinen abschrecken, welchen ich mich hingeben müsste, um hier so etwas wie Ordnung einzuführen. Selbstdisziplin und -management sind mir beinahe unbekannt und mein alles bestimmendes Organisationswerkzeug ist einzig die nahende Deadline. Das Ganze funktioniert auch bei größtem Arbeitsaufkommen reibungslos. Also: Who cares? Bei manchen Dingen ist halt doch das Ziel, das Ziel.

  • Frank Tauber

    15.10.08 (13:59:55)

    @Michael Letzel: Missionieren zu wollen, sagen wir als Kollege, ist das eine. Führen zu wollen, sprich zu entscheiden, ob der kreative MITARBEITER nun weiterhin so arbeiten darf oder gar soll ist ungleich schwieriger. Wenn das Ergebnis stimmt, wie gesagt: Love it. Meine ich. @Tristan: Alles klar. Aber aus irgend einem Grund bist Du ja nun doch bei imgriff.com gelandet...

  • Tristan

    15.10.08 (19:30:21)

    @Frank Tauber Ja, ich bin hier vor Längerem mehr zufällig durch einen Post bei zenhabits gelandet, weil ich dazu irgendetwas suchte. Auch ist es so, dass ich Zeitmanagement & Co nicht per se verdamme, nur weil es im Großen und Ganzen nicht für mich funktioniert. Außerdem werden hier auch Themen behandelt, die mich durchaus interessieren. Eigentlich wollte ich auch nur zum Thema "Fremd-Organisieren" anmerken: Never touch a running system!

  • Michael Kieweg

    16.10.08 (08:06:27)

    Für mich war immer nur Eins wichtig: Macht der Mitarbeiter einen guten Job? Wenn ja - laß ich ihn in Ruhe!! Wenn nein - Freundliches Gespräch mit deutlicher Ansage, in welchen Bereichen er meine Ansprüche nicht erfüllt, dazu Vorschläge meinerseits, was er wie ändern könnte. Zeigt das Gespräch innnerhalb einer vernünftigen Zeitspanne keine Wirkung, gab es einen deutlichen (verbalen) Tritt in den Hintern. Wenn danach immer noch keine Besserung eintrat, habe ich geschaut, daß ich den Kerl möglichst zügig loswerde. Kurz gesagt: Never touch a running system!

  • Thorsten

    16.10.08 (22:18:58)

    Ich habe ganz gute Erfahrung mit der Teambildung beider Typen gemacht. Beide übernehmen mit der Zeit gut funktionierende Systeme des anderen. Daraus ergeben sich funktionierende Arbeitsweisen.

  • Alexander

    12.02.12 (08:47:54)

    Oh - das kenne ich. Ich habe mich selbstdisziplinieren müssen... das Chaos nahm überhand, so viele Ideen, so viele Baustellen und alles bitte gleich, sofort... Über alles und noch was Scribbles, Skizzen, Notizen von Meetings und zahllose good-will-to-do-Listen. Listen, die das Chaos verschlimmerten, denn die stapelten sich auch noch. Doch... das Ergebnis: Inmitten dieses Chaoses wurden viele wundervolle Dinge geboren... Theaterstücke, Filme, Werke in der bildenden Kunst, in der digitalen Welt... Portale und Interaktion. Doch dann dacht ich, einen kleinen Teil verlege! Der Name sagt alles, verlege. Drum habe ich einen Verlag gegründet, meine Ideen gleich odentlich mit verlegt, weggelegt, und eingetütet. Ein Anfang, so das Chaos zum Erfolg wurde. Das Chaos ist immer noch vorhanden, ich hab's jetzt halt nur verlegt und somit ausgetrickst.

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