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05.06.14

Ergonomie-Selbstversuch mit rotavis: Warum ich nur noch mit Hüftschwung sitzen will

Existiert tatsächlich ein Bürostuhl, der uns vor dem passiven Sitzen und den gesundheitlichen Folgen rettet? Ich mit meiner unorthodoxen Auffassung von Ergonomie war erstmal skeptisch. Mit rotavis ist ein Start-up aus Winterthur angetreten, mich eines Besseren zu belehren. Ein Selbstversuch.

Vor über zwei Jahren begehrte mein Rücken gegen die vielen bewegungsarmen Stunden im Büro auf. Meine Reaktion: Ich verzichtete auf die Idee vom festen Arbeitsplatz und begann, während eines Arbeitstags bewusst an verschiedenen Orten und in verschiedenen Positionen - u.a. auch stehend - zu arbeiten.

Die richtige Entscheidung, wie sich bald herausstellte. Die neue Gewohnheit hielt nicht nur körperliche Beschwerden fern, sondern wirkte sich auch auf den Geist positiv aus: sie half mir, flexibler und produktiver zu arbeiten.

Vor einigen Monaten hat sich leider im unteren Rücken wieder ein ständiger dumpfer Schmerz eingenistet; und obwohl ich weiterhin genügend Sport treibe, bleibt der Schmerz hartnäckig und beeinträchtigt sogar meine Beweglichkeit. Was ist passiert?

An meinem neuen Arbeitsort ist die mobile Arbeitsweise, die ich mir vor zwei Jahren angeeignet habe, aus verschiedenen Gründen nicht praktikabel. Mein Rücken reagiert darauf. Und jetzt - zum Arzt rennen? Lieber nicht.

Der Zufall kam mir zur Hilfe: Einer der Gründer der Schweizer Crowdfunkding-Plattform 100-days.net erzählte mir von zwei Tüftlern, die mit ihrem Start-up in Winterthur einen neuen ergonomischen Stuhl entwickelt hatten: rotavis. Nun gut, war meine erste Reaktion, in den letzten Jahrzehnten sind unzählige ergonomische Sitzgelegenheiten entwickelt worden; das Allheilmittel war offenbar nicht darunter, sonst hätte sich doch das entsprechende Modell längst durchgesetzt gegenüber den herkömmlichen Bürostühlen.

Ich schaute mir das Video zum Crowdfunding-Projekt trotzdem mal an und musste unwillkürlich lachen, als ich den Hüftschwung sah, den der Stuhl dem Sitzenden ermöglicht.

Leider gibt’s das Video (noch) nicht mit hochdeutschen Untertiteln, aber ich denke, das Grundprinzip erfasst man auch, ohne alles Gesprochene zu verstehen. Der Stuhl ermöglicht es dem Sitzenden durch einen ausgeklügelten Mechanismus, die Wirbelsäule ähnlich wie beim Gehen in Bewegung zu halten. Das statische Sitzen, ein Risikofaktor für unseren Rücken und andere gesundheitliche Aspekte, wird so vermieden.

Die Erfahrungen der Probesitzerin

Kurz: Ich bin jetzt Probesitzerin eines rotavis-Bürostuhls. Seit drei Wochen steht er an meinem Arbeitsplatz und zieht die verwunderten, belustigten oder beeindruckten Blicke aller auf sich, die ihn zum erstenmal sehen. Meine persönliche Bilanz bis jetzt:

  • Sofortige & kurzfristige Besserung: Es ist eine Wohltat, auf dem rotavis Platz zu nehmen, nachdem man beispielsweise eine Stunde im Sitzungszimmer auf einem normalen Stuhl sass. Nach einem halben Tag auf einem herkömmlichen Bürostuhl ist mein Rücken manchmal richtiggehend erstarrt und jede Bewegung schmerzt. Die ständigen kleinen Bewegungen auf dem rotavis hingegen lockern offenbar die Muskulatur. Keine Ahnung, wie sich die Wirkung aus orthopädischer Sicht erklären lässt, aber das ist mir egal: Ich weiss ja auch nicht genau, welche chemischen Prozesse sich in meinem Kopf abspielen, wenn eine Kopfschmerztablette wirkt.

  • Nachhaltige & langfristige Besserung: Die Schmerzen haben abgenommen, sind aber noch nicht verschwunden. In meiner bisherigen rotavis-Testphase gab’s allerdings auch einige Unterbrüche: mehrere Tage im Home Office (mit einem «schlechten» Bürostuhl) bzw. längere Sitzphasen in Flughäfen und im Flugzeug. Der rotavis konnte also seine volle Wirkung noch nicht entfalten.

  • Die Bewegung regt den Geist an: Ich bin bekanntlich der Überzeugung, dass mobiles Arbeiten auch den Geist flexibler und kreativer macht. Tatsächlich, das funktioniert auch beim rotavis-Stuhl: mit den körperlichen Blockaden scheinen sich auch Denkblockaden zu lösen. Wenn ich mich mal aufrege bei der Arbeit, wirkt die gleichmässige Bewegung zudem beruhigend. Was bei Säuglingen funktioniert, funktioniert offenbar auch bei Erwachsenen.

  • Tippen und schaukeln gleichzeitig: Geht wunderbar. Ich habe gedacht, das sei gewöhnungsbedürftig; aber tatsächlich bleibt der Oberkörper nahezu ruhig, während die Hüften schaukeln.

  • Nebengeräusche: Wenn ich im Büro so vor mich hinschaukle, gibt die Mechanik des Stuhls ein leises, aber eben doch hörbares, schabendes Geräusch von sich. Mich stört das nicht und meine Büronachbarin laut ihrer eigenen Aussage auch nicht. Allerdings muss ich erwähnen, dass es sich um eine aussergewöhnlich tolerante Büronachbarin handelt.

  • Design: Meines Erachtens ist es nahezu unmöglich, wirklich schöne Bürostühle zu machen. Die Form des rotavis-Stuhls und das Holz sehen allerdings ganz ansprechend aus; auf jeden Fall weniger klobig als die Bürostühle, die sonst meinen Alltag bevölkern. Das helle Grau des Bezugs in Kombination mit dem hellen Holz ist Geschmackssache. Aber es gibt ja nicht nur «mein» Testmodell, sondern man kann zwischen verschiedenen Farben für den Bezug und beim Holz zwischen Eiche oder Nussbaum wählen.

Die Facts

Daniel Baumgartner und Lukas Gossweiler haben den Stuhl in Zusammenarbeit mit der ETH und der ZHAW in einer mehrjährigen Entwicklung mit ausführlichen Tests erarbeitet. Sie finanzieren den Start der Produktion über Crowdfunding. Unterstützung hat das Crowdfunding-Projekt eigentlich keine mehr nötig, hat es doch bereits 176% der angestrebten Summe erreicht.

Trotzdem lohnt es sich, noch mitzumachen, denn «Booster» erhalten den Stuhl zum Spezialpreis von 1000.- CHF (gemäss heutigem Wechselkurs ca. 820 EUR). Die Auslieferung erfolgt voraussichtlich im September 2014. Der Bürostuhl wird zu einem grossen Teil in der Schweiz hergestellt.

Das Fazit der Probesitzerin

Für mich ist rotavis auf dem besten Weg dazu, unverzichtbarer Begleiter meines Büroalltags zu werden. Nun hoffe ich, dass sich nach einigen weiteren Wochen als Probesitzerin der Zustand meines Rückens noch mehr verbessert und ich wieder schmerzfrei bin. Zum Schluss eine Anregung an die Entwickler: Wie wäre es, wenn man nicht nur seitlich schaukeln könnte, sondern zusätzlich vorwärts und rückwärts?

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