07.12.12 05:33

, von Sabine Gysi

Ergonomie: Die Dekonstruktion des Arbeitsplatzes

Wippen auf dem Stuhl hilft, den Schreibfluss wieder in Schwung zu bringen. Die Bewegung der Beine am Stehpult hält flexibel; der nach draussen schweifende Blick öffnet den Horizont. Und eine Runde Tischfussball löst Gedankenblockaden. Tatsächlich: Ergonomisches Verhalten ist nicht nur gut für den Körper, sondern auch für den Geist. Schon ausprobiert?

Ergonomie - eine eher trockene Angelegenheit. Vereinfacht verstehen darunter die meisten ungefähr dies: So und so müssen Arbeitsgeräte beschaffen sein, diese und diese Position soll der Mensch am Arbeitsplatz einnehmen, damit er möglichst lang ohne Schäden einsatzfähig bleibt. Eigentlich ein wichtiges Thema, aber oft vergisst man es schlichtweg.

Habe ich auch getan. Bis ich zu Beginn dieses Jahres plötzlich höllische Rückenschmerzen hatte: Eine Muskelblockade, sagte der Arzt. Die liess sich zum Glück wieder lösen; genügend Bewegung im Sommer half ebenfalls, aber der Schreck sass tief.

Der Arbeitsplatz ist kein unverrückbarer Ort

Ich musste mich also ergonomischer verhalten. Aber ich hatte überhaupt keine Lust, mich mit irgendwelchen geometrischen Winkeln zu befassen, in denen sich der Tisch zu meinen Beinen zu meiner Rückenlehne zu meinen Handgelenken zu meinem Kinn zu meinen Wimpern befinden sollte.Stattdessen habe ich die Idee vom Arbeitsplatz als Ort aufgegeben. Habe angefangen, immer mal wieder an einem anderen Platz im Büro zu arbeiten. Mehrmals am Tag den Stand- bzw. Sitzort zu wechseln. Dabei kamen mir einige Gegebenheiten entgegen: Beispielsweise, dass ich neu einen höhenverstellbaren Tisch zur Verfügung hatte, und dass unser Büro breite Fensterbänke bietet.

Ergonomie macht unmittelbar produktiver

Bald habe ich etwas Erstaunliches beobachtet: Je nachdem, welche Arbeit (mit dem Laptop) ich gerade ausübe, ist ein bestimmter Ort bzw. eine bestimmte Position besser - nicht nur für meinen Körper, sondern auch für meine geistige Aktivität.

Natürlich ist diese Erkenntnis nicht neu; verschiedene schlaue Leute haben sie wohl lange vor mir gemacht. Dennoch war ich überrascht, wie unmittelbar sich «ergonomisches Verhalten» auf die Produktivität auswirkt.

Welcher Ort ist welcher Tätigkeit förderlich?

Im folgenden eine Übersicht, an welchem Ort und in welcher Haltung ich welche Arbeit am besten erledigen kann.

Die Ausrüstung ist dabei immer gleich: Mein MacBook Air, wenn ich im Büro oder zu Hause bin, sonst das iPhone und selten das iPad. Kabel gibt’s fast keine, und alles, was ich zum Arbeiten brauche, steht in der Cloud immer zur Verfügung. Eigentlich der perfekte Arbeitsplatz der Zukunft, wie ihn Thomas Mauch beschrieben hat.

Im Büro:

  • Am IKEA-Tisch sitzend: Ideal zum Schreiben von längeren Texten. Wenn’s im Gedanken- und Schreibfluss eine Unterbrechung gibt und die Finger mit dem Tippen innehalten, wippe ich auf dem Stuhl ein paarmal vor und zurück; diese Bewegung inspiriert mich zum Weiterschreiben.
  • Am IKEA-Tisch stehend: Diese Position scheint mir besonders gut geeignet für Multitasking-Phasen: Mails beantworten, Admin-Kram erledigen, recherchieren, telefonieren, über Skype mit Kollegen ein paar Fragen erörtern, Social Media-Pflege. Ich ändere ständig die Haltung, stütze vorübergehend die Arme auf den Tisch wie auf einen Bartresen, bewege die Beine. So bleiben Körper und Gedanken flexibel.
  • Auf der Fensterbank mit zwei Sitzkissen: Besonders gut lässt sich’s hier an einem Konzept arbeiten. Beim Nachdenken schweift der Blick nach draussen und muss nicht am engen Rahmen (Bildschirm) haften bleiben. Dabei wechsle ich ab zwischen ausgestreckten Beinen und Schneidersitz.
  • In der Küche: Super für Brainstorming-Phasen. Hier kann ich damit rechnen, dass immer mal wieder wer reinkommt, dem ich eine spontane Frage stellen kann. Manchmal bringen mich auch aufgeschnappte Wortfetzen auf eine unerwartete Idee. Und wenn der Gedankenfluss trotzdem blockiert ist, lässt er sich mit einer schnellen Runde Tischfussball wieder lösen.
  • Am Tisch eines Arbeitskollegen: Unsere Tische sind gross und meistens leer. Wenn ich mit einem Kollegen am gleichen Projekt arbeite und wir immer mal wieder rasch was klären müssen, bleibe ich manchmal an einer Ecke seines Tischs «hängen».

Anderswo:

  • Im Café: Ähnliche Situation wie in der Küche. Eine Mitstudentin und ich haben einen grossen Teil unserer gemeinsamen Master-Arbeit auf Barhockern sitzend im Café verfasst. In der lebendigen Atmosphäre kommen die Ideen zum Fliessen.
  • Zu Hause am Schreib- oder Esstisch: Auch zu Hause gibt es Admin-Kram zu erledigen - der Schreib- oder Esstisch ist der Ort dafür. Auch gelegentliches Home Office mache ich von hier aus.
  • Zu Hause auf dem Sofa: Hier kommt mein selten genutztes iPad zum Einsatz, zum Lesen von längeren Texten.
  • Unterwegs im Zug, Tram etc.: Mal kurz googlen, was ich schon den ganzen Tag wissen wollte und immer wieder vergessen habe. Höchstens allerdringendste Mails checken. Im Zug lese ich lieber ein Buch.
  • Beim Friseur: Hier lässt sich’s wunderbar arbeiten, während sich die Farbpigmente langsam im Haar festsetzen und die Kopfhaut kitzeln. Die Arbeiten, für die der Friseursalon besonders geeignet sind, entsprechen denjenigen des Arbeitsorts «Küche».
  • Im Freien: Hier wurde schon fürs Arbeiten im Freien plädiert. Für mich ist das keine Option. Entweder steht kein WLAN zur Verfügung, oder ich habe zu heiss / Sonnencrème läuft mir in die Augen und auf mein Arbeitsgerät / es ist zu laut. Und das Wichtigste: Wenn ich draussen bin, möchte ich mich oft einfach bewegen.

Übrigens: Fast hätte ich zwei wichtige Ausrüstungsgegenstände vergessen. Irgendwo in Griffweite befindet sich meist ein Glas Wasser und ein Notvorrat an schwarzer Schokolade.

Natürlich halte ich diese Auflistung nicht für allgemeingültig. Vermutlich hat jeder seine eigenen Orte, an denen er bestimmte Arbeiten besser oder weniger gut erledigen kann.

Welches sind Eure liebsten Orte, um welche Art von Arbeit zu erledigen?

 

Bild: ksyz bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

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Kommentare: Ergonomie: Die Dekonstruktion des Arbeitsplatzes

stehend zur Taskbearbeitung, sitzend für längere Ausarbeitungen, auf der Couch um die Gedanken kreisen zu lassen, es war nur etwas schwierig all dies dem Finanzamt im Bezug auf die Notwendigkeit im Arbeitszimmer glaubhaft zu machen... ;-)

Diese Nachricht wurde von paul am 13.12.12 (20:16:19) kommentiert.
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