05.12.12 05:31

, von Gastautor

Elektronische Kommunikation: Mehr Lebensqualität dank Smartphone, E-Mail, Chat & Co.

Die Risiken der Kommunikation im Internet haben wir hier in mehreren Artikeln erörtert. Moment mal, sagt jetzt Leser und Gastautor Benjamin Wagener. Einige der vermeintlich Internet-spezifischen Probleme sind doch nicht neu! Ausserdem gebührt auch den Vorteilen der Online-Kommunikation eine ausführliche Erwähnung.

Gastautor: Benjamin Wagener, politisch engagierter Informatiker aus Bremen

In letzter Zeit ist es zunehmend Mode geworden, das Internet als Gefahr zu sehen. Lange bezog man sich dabei lediglich auf Terrorismus, Kinderpornografie, Internetsucht im Zusammenhang mit MMORPGs, oder auf die Gefahr des Verlust der Privatsphäre durch die Social Networks. Seit aber das Internet durch Smartphones und Tablets zunehmend allgegenwärtig ist, wird vermehrt der Verlust des direkten zwischenmenschlichen Kontakts bedauert.

Simone Janson schreibt etwa in ihren beiden Artikeln unter dem Übertitel «Wie das Internet unsere Kommunikation verändert» davon, wie man zunehmend dazu neige, einen Tunnelblick zu entwickeln. Das Kennenlernen von Mitmenschen geschehe nur noch nach Filtern und weniger durch Zufall.Als Grund dafür wird u.a. genannt, dass man im Zug ja nur noch mit seinem Smartphone beschäftigt sei und daher die Kommunikation nur noch im Rahmen der eigenen Kontaktlisten verlaufe, an Stelle dessen, dass man die zufällig Mitreisenden kennenlerne. Dabei sei die Kommunikation über die digitalen Kanäle weitaus oberflächlicher als ein direktes Gespräch, weil etwa die Nuancen der Stimme und der direkte Kontakt fehlten.

Nur das Medium der Ablenkung hat sich geändert

Bevor ich auf die konkreten Probleme der elektronischen Kommunikation eingehe, möchte ich die Frage aufwerfen, ob es früher, also vor den Smartphones und dem überall verfügbaren Internet, wirklich besser um die Kommunikation bestellt war.

Man überlege mal: Hat man früher wirklich Kontakte in der Bahn aufgebaut? Waren die Menschen nicht eher meist darauf bedacht, in Ruhe die Fahrt hinter sich zu bringen? Oder haben sie nicht auch Ablenkung gesucht, indem sie ein Buch gelesen, Kreuzworträtsel gelöst, Musik gehört oder Übungsblätter für die Uni bearbeitet haben – sodass sich nur das Medium zur Ablenkung geändert hat?

Und hat man sich nicht auch schon früher ganz gezielt ausgesucht, mit wem man in Kontakt kam, indem man diese Menschen in entsprechenden Vereinen, Stammtischen usw. gesucht hat? Ich gehe davon aus, dass nicht unwesentlich eine gewisse nostalgische Verklärung mitspielt, frei nach dem Motto, dass ja früher alles besser gewesen sei. Wenn man aber genauer hinschaut, stellt man fest, dass vieles nicht besser, sondern schlichtweg anders war.

Die nervige Angewohnheit, ständig verfügbar zu sein

Wo aber definitiv zutrifft, dass «es früher etwas besser war», waren persönliche Treffen im Freundeskreis. Heute stören viel zu häufig spontane Anrufe, Nachrichten über die Social Networks oder E-Mails von der Firma. Doch stellt sich hier die Frage: Ist das wirklich ein Problem der Technik oder nicht vielmehr ein Mangel an Selbstdisziplin und Respekt gegenüber seiner Umgebung? Denn auch wenn die neue Technik die ständige Verfügbarkeit erst möglich macht, so zwingt sie einen doch nicht dazu, oder?

Was hindert Sie daran, bei einem Gespräch mit Freunden im Café das Telefon einfach mal ab- oder zumindest ruhig zu schalten? Der Chef will Sie ständig «griffbereit» haben? Nun, dann reden Sie doch mit ihm darüber, wie förderlich das für Ihr Wirken in der Firma ist. Menschen, die einem derartigen ständigen Stress ausgesetzt sind, werden wesentlich häufiger krank und entwickeln sehr viel schneller einen Tunnelblick.

Neue Ideen durch äußere Einflüsse werden immer weniger. Etliche Firmen haben dies inzwischen erkannt und verpflichten teilweise ihre Arbeitnehmer dazu, die Firmen-E-Mails in der Freizeit nicht zu lesen und das Diensthandy nach Feierabend auszuschalten. Hier handelt es sich also definitiv um ein Problem, welches lösbar ist.

Ist direkte Kommunikation grundsätzlich die bessere Kommunikation?

Elektronische Kommunikation soll weniger Wert sein als direkte Kommunikation, weil der Blickkontakt und die bewusste Wahrnehmung des Gegenüber fehlen. Dabei ist noch lange nicht gesagt, dass die Kommunikation mit jemanden direkt gegenüber grundsätzlich besser ist.

Ein Blog-Beitrag auf japantoday.com zeigt dies herrlich durch die Sicht eines älteren Japaners im Gespräch mit einem jungen Ausländer. Das Thema ist, wie schwer sich junge Leute damit tun, offen über ihre Gedanken und Emotionen zu sprechen. Häufig geht es darum, eine Fassade aufrecht zu erhalten, um ein gewisses Image von sich zu schaffen.

Was bringen da also direkter Kontakt, die Nuancen der Stimme usw., wenn diese Vorteile inhaltlich nicht genutzt werden? Ich behaupte: Viele hat erst die relative Distanz des Internet dazu gebracht, sich überhaupt erst zu öffnen und anderen anzuvertrauen, weil sie hinter der Tastatur entspannter kommunizieren können, wenn sie nicht den Blicken des anderen ausgesetzt sind.

Wie Simone Janson richtig festgestellt hat, sind so halt manche «gemeinsam einsam». Aber vermutlich ist die Online-Kommunikation für etliche Menschen ein Zwischenschritt zur richtigen Öffnung. Und in solchen Fällen war das Internet ein hilfreicher Wegbereiter für das Offline-Leben.

Das Potential sehen und nutzen

Bei allen Vorbehalten gegenüber den elektronischen Kommunikationskanälen sollte man nicht vergessen, welche neuen Möglichkeiten sie bieten:

  • Lernen: Heute kann man online so viel lernen, nicht nur durch Texte, sondern auch durch Video-Tutorials und z.B. durch Google Hangouts, wo die Kommunikation auch nicht mehr unidirektional sein muss. Wer kein Geld hat, um zu einer Konferenz zu fahren, kann auf diese Weise einfach und kostengünstig digital teilnehmen. Darüber hinaus regen MOOCs wie z.B. bei Udacity einen an, nicht mehr alleine zu lernen, sondern sich mit anderen über den Stoff auszutauschen.
  • Interessante Kontakte knüpfen: Ortsbezogene Apps fürs Smartphone wie Foursquare zeigen einem, wer gerade im Café sitzt oder im Fitnessstudio trainiert. Bei gemeinsamen Interessen entsteht so vielleicht eher ein reales Gespräch, als es ohne die technische Hilfe der Fall wäre
  • Politischer Austausch: Wenn man politisch interessiert ist, muss man nicht zwingend nur im Forum der eigenen Partei gegenseitige Beweihräucherung betreiben, sondern kann in Themen-orientierten Plattformen auch schnell in Kontakt mit Andersdenkenden kommen.
  • Nähe aufrechterhalten: Und letztendlich wird mir wohl jeder zustimmen, dass ein Webcam-Gespräch über Skype für weit auseinander lebende Liebende immer noch besser ist als ein Brief, oder dass ein Treffen unter Freunden im Hangout immer noch besser ist als gar kein Treffen wegen Zeitmangel oder aus Bequemlichkeit.

Verantwortlich ist nicht das Werkzeug, sondern derjenige, der es missbraucht

Letztlich gilt sowohl für die elektronische wie auch für die direkte Kommunikation: Sie sind nur das, was man aus den zur Verfügung stehenden Mitteln macht. Meine Tipps:

  • Überprüfen Sie, ob Sie einen Tunnelblick gegenüber Ihren Kommunikationspartnern entwickelt haben und wenn ja, wie Sie das ändern können.
  • Schalten Sie das Smartphone mal ab, wenn es ein Gespräch mit Freunden stören könnte.
  • Vergegenwärtigen Sie sich: Wenn Sie Kritik an einer Firma oder einer Partei ausüben, kritisieren Sie Menschen mit Gefühlen und sollten entsprechend respektvoll bleiben.

Leider vergessen zu Viele die grundlegenden Benimmregeln, wenn sie sich hinter einem Pseudonym im Online-Forum verstecken können. Dabei gilt auch hier: Verantwortlich ist nicht das Werkzeug, sondern derjenige, der es missbraucht.

Und zum Schluss: Wenn Sie auf der Straße oder im Zug unterwegs sind, dann lächeln Sie doch einfach mal ein wenig mehr. Das entspannt und zeigt Offenheit für Kommunikation. Vielleicht legt dann jemand sein Smartphone beiseite und fängt lieber ein Gespräch mit Ihnen an.

 

Gefangen im Tunnelblick: Artikel von Simone Janson

Gemeinsam einsam: Artikel von Simone Janson

 

Bild: StockMonkeys.com bei flickr.com (CC BY 2.0)

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Kommentare: Elektronische Kommunikation: Mehr Lebensqualität dank Smartphone, E-Mail, Chat & Co.

Ein sehr informativer Artikel, der Einiges auf den Punkt bringt. Ich bin auch der Meinung, dass sich nur das Medium geändert hat, finde aber, dass sich die Menschen generell weniger unterhalten als früher. Irgendwie haben die Leute eine Kontaktscheu in der Wirklichkeit entwickelt.

Diese Nachricht wurde von Clemens P. am 06.12.12 (00:15:40) kommentiert.

Sehe ich ähnlich Clemens. Die Leute haben aus welchen Gründen auch immer Angst vor Konfrontationen mit Mitmenschen jeglicher Art. Ich verstehe das auch nicht. Diese Art und Weise führt immerzu zu Missverständnissen, runter geschlucktem Frust und ist eine Rückentwicklung.

Diese Nachricht wurde von Benjamin Wagener am 06.12.12 (20:09:42) kommentiert.

Vielen Dank für diesen Artikel! Ich freue mich sehr, dass man Chancen und Nutzen von Smartphones & co erkennt bzw auch kritisch beleuchtet. Und nicht nur wie so oft, die Schuld auf die Bösen Smartphones schieben, die ja angeblich alles schlimmer machen. Auch hier gilt wie ich finde wie bei allem, dass der gesunde Menschenverstand und ein gutes Mittelmaß gefragt ist! VG

Diese Nachricht wurde von Stefan Claus am 11.12.12 (09:57:06) kommentiert.

Ganz ihrer Meinung. Alles lässt sich ab einem gewissen Maß missbrauchen bzw. kann ab einem gewissen Maß schädlich sein. Es steht jedermanns eigener Verantwortung da das richtige Maß zu finden.

Diese Nachricht wurde von Benjamin Wagener am 11.12.12 (10:20:03) kommentiert.
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