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06.06.16Leser-Kommentare

Ein Jahrhundert später: Die 40-Stunden-Woche wackelt

Computer und Maschinen haben Firmen enormen Produktivitätszuwachs beschert. Doch am Ideal der 40-Stunden-Woche hat sich seit fast 100 Jahren nichts geändert. Nun aber mehren sich die Zeichen dafür, dass Gesellschaft und Wirtschaft für eine erneute Reduzierung bereit sind.

Seit dem Aufkommen der Industrialisierung hat sich die Produktivität von Unternehmen und der arbeitenden Bevölkerung massiv erhöht. Doch das Ideal der wöchentlichen Arbeitszeit, nämlich acht Stunden am Tag und 40 Stunden pro Woche, ist trotz des immensen technischen Fortschritts und der enormen Fähigkeit zur Automatisierung noch immer so wie vor 90 Jahren. Damals führte der Autohersteller Ford als eines der ersten großen Unternehmen offiziell die 40-Stunden-Woche ein. Zuvor konnte ein Arbeitstag schon mal aus 10 bis 16 Stunden bestehen.

Heute, fast ein Jahrhundert später, mehren sich die Zeichen, dass abermals eine Reduktion der Wochenarbeitsstunden bevorsteht. 

Quantität vs. Qualität

Zum einen belegen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass bei der Arbeit weniger oft mehr sein kann. Das uralte Credo mancher Chefs, nach dem die Anzahl der am Stück gearbeiteten Stunden mit einem linearen Produktivitätszuwachs einhergeht, wirkt heute überholt und widerlegt. Bedenkt man auch, wie viele Büroarbeiter zwei ihrer acht Arbeitsstunden mit Facebook-Besuchen, Raucherpausen und anderweitiger Prokrastination verbringen, erscheint die Vorstellung der Formalisierung einer verkürzten Arbeitszeit gar nicht mal so revolutionär.

Auch die öffentliche Debatte wandelt sich, unterstützt von verschiedenen medienwirksamen Vorstößen. Die schwedische Stadt Göteborg beginnt gerade mit einem Experiment, bei dem einige Bedienstete nur sechs statt acht Stunden pro Tag arbeiten müssen.

Kürzlich sorgte zudem der mexikanische Milliardär Carlos Slim für Schlagzeilen: Er sprach sich öffentlich für eine 3-Tages-Arbeitswoche aus. Zwar schweben ihm dabei - der Forschung nicht unbedingt entsprechende - 10- bis 11-Stunden-Arbeitstage vor. Diese würden Arbeitnehmer aber vermutlich sehr viel besser wegstecken, wenn sie wüssten, dass auf sie anschließend vier freie Tage warten.

Nicht zuletzt fußen prominente Appelle für eine Reduktion der Wochenarbeitszeit auch auf der Feststellung vieler Technologie-Experten und Wirtschafts-Vordenker, nach der die Automatisierung in Folge der Digitalisierung einen Stand erreicht hat, bei dem zumindest für einige Zeit einfach kein Bedarf mehr an all der menschlichen Arbeitskraft existiert.

Unter dem Strich spricht im Jahr 2014 damit im Prinzip nichts mehr dafür, an der 40-Stunden-Woche festzuhalten. Was sie am Leben hält, ist die fehlende Experimentierfreudigkeit vieler Firmen sowie die irrationale Furcht, gegenüber dem Wettbewerb einen Nachteil zu erlangen. Sehr viel wahrscheinlicher würde das Gegenteil eintreten. Denn zufriedene, ausgeruhte Angestellte sind leistungsfähige Angestellte.

An die Vollzeitbeschäftigten unter den Leserinnen und Lesern: Könnt Ihr Euch vorstellen, in eurer aktuellen Tätigkeit nur noch von 11 bis 17 Uhr zu arbeiten?

Foto: Flickr/daxkoCC BY 2.0

Kommentare

  • vanessa

    30.07.14 (09:40:44)

    Diese Frage gilt wohl nur für alle sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer, nicht wahr? Ich habe - als Selbstständige - eine 70-80 Std.-Woche und kann mir defintiv NICHT vorstellen nur noch sechs Std. am Tag zu arbeiten. Davon könnte ich nämlich nicht leben und müsste mein Geschäft schliessen.

  • Tim

    30.07.14 (14:23:18)

    Nur meine eigene Überlegung (ich bin auch selbstständig): bei 70-80 h Arbeiten pro Woche zum Überleben wäre ich in einem Angestelltenverhältnis besser aufgehoben. Wenn ich 70-80 h pro Woche arbeite dann müsste schon das 3 fache Gehalt eines normalen Angestellten rauskommen.

  • Jörg

    30.07.14 (20:11:16)

    Im mittelständischen Maschinenbau ist immer noch der der Beste, der sich am länsten auf den Fluren rumdrückt. Unglaublich wie verkrustet hier die Strukturen zum Teil noch sind. Produktiver Einsatz von digitalen Hilfsmitteln lässt Arbeiten teilweise in Bruchteilen der Zeit erledigt werden. Anerkenung kriegt aber der, der mit Block und Taschenrechner die doppelte Zeit in der Firma verbracht hat. Der Weg zu neuen Erkenntnissen ist hier noch sehr, sehr lang...

  • Martin Weigert

    31.07.14 (01:41:56)

    Vanessa, klar dass für Freelancer und Selbstständige andere Regeln gelten. Wobei das Schöne an diesen Regeln sind, dass sie gewisserweise selbst definiert werden - im Gegensatz zur Standardarbeitszeit für Angestellte, die in der Regel vom Arbeitgeber vorgeschrieben wird.

  • Wolf

    31.07.14 (07:32:59)

    "Ideal der 40-Stunden-Woche"? "Zeichen der Reduzierung"? Das hätte ich nicht gedacht. Ich war der Meinung, dass der Einzelhandel größtenteils 38,5h arbeitet. Gelten nicht 35h für das Metallgewerbe? Zumindest im Automobilbereich will man doch eine hohe Flexibilität zu erreichen, dass die Arbeitszeit sich dem Bedarf anpasst. Weniger arbeiten kann ich mir schon vorstellen. Allerdings bedeutet das auch weniger Gehalt.

  • Sandra-Lia Infanger

    31.07.14 (14:14:39)

    Naja, ich würde lieber 3 Tage à 10 Stunden arbeiten, als 6 Tagen a 5 Stunden. Das ist sicher!

  • Martin Weigert

    01.08.14 (02:17:39)

    Freilich gibt es einzelne Länder oder Branchen, in denen die Regelarbeitszeit um eine oder ein paar Stunden unter den 40 Stunden liegt. Mit (meist vorgeschriebenen Pausen) sitzen oder stehen aber am Ende doch alle Festangestellten fast 40 Stunden pro Woche im Büro. Der Begriff 40-Stunden-Woche ist letztlich auch eine Metapher für eine gewisse Sichtweise und Mentalität im Bezug auf Arbeit - auch die, die Jörg weiter oben erwähnt.

  • Martin Weigert

    01.08.14 (02:18:27)

    Vielleicht hat Carlos Slim da ja eine wirklich revolutionäre Idee gehabt!

  • vanessa

    01.08.14 (09:51:37)

    Ach Tim, wenn sich ein Unternehmen im Aufbau befindet (Gründung vor 11 Monaten) ist eine solche Arbeitsbelastung wohl nicht wirklich ungewöhnlich - zumal wenn es sich um eine Einzelunternehmen handelt, nicht wahr? Das hat dann mit einem "besseren Aufgehobensein im Angestelltenverhätnis" wohl mal rein gar nichts zu tun. Aber trotz allem kann ich mir als Selbstständige auch zukünftig nicht vorstellen, mit 6h Arbeitszeit am Tag (regelmässig!) hinzukommen.

  • vanessa

    01.08.14 (09:53:01)

    Da stimme ich uneingeschränkt zu, Sandra!

  • OleS

    01.08.14 (13:08:27)

    Also ich finde es eher spannend die Grenzen aufzuweichen und anstatt 5 Tage á 8h eher 7 Tage mit einer unterschiedlichen Stundenanzahl zu arbeiten. So kann jeder für sich selbst festlegen wie er die (komplette) Woche arbeitet und muss nicht alles irgendwie in 5 Tage quetschen. Außerdem ist so privates und berufliches meiner Meinung nach besser miteinander zu vereinbaren. Dafür ist natürlich eine entsprechende Vertrauensbasis zwischen Angestellten und Arbeitgeber notwendig.

  • Kai Thrun

    01.08.14 (14:01:43)

    4 Tage Woche. 32 Stunden Arbeit. Unfassbar was das für einen Unterschied macht :)

  • meg

    01.08.14 (15:22:13)

    3x 8h pro Woche. Und es macht mir manchmal sogar Spass(!) an den anderen Tagen paar Std zuhause zu arbeiten. So viel zur Motivation.

  • nik

    01.08.14 (19:34:17)

    "Bedenkt man auch, wie viele Büroarbeiter zwei ihrer acht Arbeitsstunden mit Facebook-Besuchen, Raucherpausen und anderweitiger Prokrastination verbringen," Das mag ja für Ihr Büro gelten. Bei uns wäre man dann lang genug Angestelle/r gewesen. Worüber der ganze Artikel wieder kein Wort verliert ist das Gehalt. Sinkt das monatl. Einkommen, ist für viele dann doch wieder Schluss mit Träumen. Grundsätzlich kann ich nur jedem empfehlen, einfach Teilzeit zu arbeiten. Dann schraubt man seine teuren Jahresurlaube halt mal runter und lebt insgesamt zufriedener. Appropos Träumen: Ein 10 oder 11 Stunden-Tag + Mittagspause + An- und Abfahrt, wäre für mich ein echter Albtraum. Ich weiß nicht, wo man dort noch Leistung erbringen soll. Ist wohl wiederum sehr Branchen- und Firmenpolitik-abhängig. Ein Millardär scheint mir jetzt auch nicht gerade der beste Diskussionspartner zum Thema Akkordarbeit zu sein...

  • andre

    01.08.14 (22:25:32)

    40 Stunden wären schon ein Traum! Arbeite in einer internationalen Kanzlei und werde schon bei 50 Stunden von Kollegen anderer Läden neidisch beäugt wegen so viel Freizeit.

  • Christian

    01.08.14 (23:30:46)

    Ich finde die ewige Rumrechnerei von 40 Std. pro Woche nervig. Und wenn man schon weiter damit messen muss, möchte ich mir die Zeit wenigstens selbst so einteilen, wie es mir passt und wie ich denke, dass es für meinen AG am Besten ist - ja auch als Festangestellter. PS: wenn jemand dauerhaft (als über einen Zeitraum von mehreren Wochen ohne belegbaren Grund) mehr als 50-60 Std. pro Woche oder mehr arbeitet, läuft etwas verkehrt. Entweder beim Arbeitgeber (Projektmanager/Vorgesetzter unfähig die Arbeit zu verteilen oder bei den eigenen Fähigkeiten zur Selbstorganisation).

  • Dani

    02.08.14 (08:15:50)

    Ich muss zugeben, der Gedanke nur noch sechs Stunden pro Tag zu arbeiten ist sehr reizvoll, ich kann mir im Moment aber nur schwer vorstellen das zu realisieren. Ich arbeite im Finanzbereich eines mittelständischen Konzerns und habe viele Tage an denen ich meine Arbeitszeit + Überstunden voll ausschöpfen muss ohne meine Aufgaben zu prokrastinieren. Das Argument mit der Prokrastination finde nicht besonders gut beschrieben. Denn die Frage ist ob es sich wirklich um Prokrastination handelt oder vielleicht um nötige Entspannungen. Wenn ich drei bis vier Stunden am Stück konzentriert arbeite dann brauche ich auch mal eine kurze Pause. Ich glaube also nicht das bei einer kürzeren Arbeitszeit die produktiven Stunden auf gleichem Niveau gehalten werden können, wie im Artikel angedeutet.

  • Maikel

    02.08.14 (10:56:38)

    Seit 100 Jahren konstant? Wie nur ganz kurz angedeutet, war vor 100 Jahren eher eine Wochenarbeitszeit nahe 100 Stunden die Regel; Ford war die Ausnahme. Auch in den 60er-Jahren waren noch 48-Stunden-Wochen die Regel. Außerdem sollte man nicht nur auf die Wochenarbeitszeit schauen. Der Urlaubsanspruch hat sich mindestens verdoppelt, dazu sind Elternfreizeiten und ähnliche Ansprüche gekommen (Umzugstag). Last but not least ein Blick auf die Lebensarbeitszeit, bzw. die Lebensfreizeit: Die hat mit durchschnittlich 20 Jahren in Rente nie geahnte Dimensionen erreicht. VW hatte mal in einem Projekt eine 4-Tage-Woche eingeführt (28,8 statt 36 Stunden). Hat leider keine Nachahmer gefunden (auch bei VW nicht). Es wird heute so viel in Teilzeit gearbeitet wie noch nie; zumindest theoretisch hat man auch einen Anspruch darauf, seine Arbeitszeit zu reduzieren. Alleine schon wg. der Wege würde ich als Angestellter 3 intensive Arbeitstage bevorzugen, und nicht jeden Tag wenige Stunden.

  • Benny

    02.08.14 (12:05:55)

    Gute Ansätze, aber das sollte schon nochmals genau überdacht werden ;)

  • Chris Beyeler

    02.08.14 (13:47:16)

    Ich habe das Glück einen flexiblen Arbeitgeber zu haben und arbeite bereits in reduziertem Pensum, da ich mir zum einen für die Familie Zeit nehmen will und zum anderen die 40-42 Stunden Woche ziemlich lang finde. Zumal wir ja auch in der Freizeit immer wieder am arbeiten sind. Immer wieder kommt es vor, dass man das Natel zückt und kurz die E-Mails liest, überfliegt oder sogar antwortet. Auch wenn sich der Ferienanspruch erhöht hat, heisst das nicht, dass man weniger arbeitet. Ich bin für eine bessere Work-Life-Balance und somit auch für die Reduktion der Stundenwoche.

  • Falk D.

    03.08.14 (18:29:28)

    Ich bin ja gerade wieder auf der Suche, nach etwas mit flexiblen Arbeitszeiten oder wenigstens Zeiterfassung, Parkplatz oder wenigstens Fahrradständer und ohne Dresscode, denn momentan habe ich eine 42,5 Stunden Woche. Bei den Gesprächen kommt man sich vor wie Ingolf Lück in der Kondom-Werbung, wenn man nach flexiblen Arbeitszeiten oder ähnlichem fragt. Zumindest in der Rechenzentrumsbetreuung wird der Begriff im Sinne von Kernzeit 9to5 und dazu flexible Stunden interpretiert.

  • Carsten

    04.08.14 (11:47:23)

    Nichts Neues unter der Sonne! Und sooo revolutionär ist Carlos Slims Idee schon längst nicht mehr; eher versteckte (und verstörende) Schlagzeilen zur Idee des Anwendungsinformatikers Darwin Dante (=Pseudonym) bei der Dresdner Bank in FFM mit seiner 5-Stunden-Woche (aus dem Jahr 1991, siehe Webseite und PDF frei downloadbar) tauchten vor elf Jahren mal bei Telepolis auf. Revolutionäre Gedanken und Ideen sowie das Testen von Experimenten auf dem Arbeitsmarkt und in der Sozialökonomie haben im stockkonservativen Deutschland bisher noch keinen guten Nährboden finden können. • http://www.5-stunden-woche.de/static/de/5hw/index_5hw.html • http://www.heise.de/tp/artikel/15/15858/1.html

  • 7august

    07.08.14 (06:29:44)

    Der artikel erscheint mir inhaltlich zwar vielfach berechtigt, ansonsten doch reichlich weltfremd : zum einen gibt es in vielen branchen ja nun eher bestrebungen, die wochenarbeitszeit (wieder) zu erhöhen, zum anderen gibt es dank lohndumping bzw. in D (als EINZIGEM oecd-land) seit der bedauerlichen wiedervereinigung für die weit überwiegende mehrheit aller abhängig beschäftigten sinkender reallöhne bekanntlich immer mehr menschen, die sich mit zweit- oder gar drittjobs über wasser zu halten versuchen und schon deshalb von einer (nur-)40-stunden-woche (oder gar weniger) nur träumen können ...

  • Maikel

    07.08.14 (21:55:35)

    Zum Thema heute in Die Zeit: "Raus aus der Zwangsjacke. 8 Std. pro Tag zu arbeiten ist für die meisten Menschen normal. Diese 3 treten bewußt kürzer. Nicht etwa für die Kinder - sondern für sich"

  • Martin Weigert

    07.08.14 (22:00:48)

    Das Thema zieht Kreise!

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