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20.07.08Leser-Kommentare

Die sechs W-Fragen

In seinem Buch "The Back of The Napkin" beschreibt der Berater Dan Roam eine Methode zum Lösen von Problemen: Die sechs W-Fragen.

Die sechs W-Fragen sind an die Art und Weise angelehnt, wie wir Dinge sehen. Dabei läuft ein Prozess ab, der uns beim Ordnen und Lösen von Problemen helfen kann, wenn wir ihn strukturiert anwenden. Ich habe Roams Methode nun schon verschiedene Male angewandt, wenn ich vor einem Problem stand oder irgendwo nicht mehr durchblickte.

Wenn Du irgendetwas siehst - nehmen wir an, einen Raum voller Menschen - läuft der folgende Prozess ab:

     

  1. Du nimmst wahr, um wen oder was es sich handelt (Wer/Was?).
  2. Du siehst die Anzahl der Personen (Wie viele?).
  3. Du nimmst den Raum und die Positionen im Raum wahr (Wo?).
  4. Du siehst die Position in der Zeit (Wann?).
  5. Du erkennst Einflüsse und Kausalitäten (Wie?).
  6. Du zählst alles zusammen und erkennst die Szene als ganzes (Warum?).

Wer/Was?

Als erstes erkennst Du, wen oder was Du siehst: Da ist ein Tisch, da stehen Leute umher, da ist ja auch ein Freund von Dir. Und Du erkennst Dinge wieder: Das Ding auf vier Beinen ist ein Hund, das andere Ding mit vier Beinen ist ein Tisch. Du identifizierst die Dinge und Menschen rein visuell.

Wie viele?

Vielleicht erkennst Du nicht die genaue Anzahl Personen, aber Du siehst zumindest: Es sind viele Menschen.

Wo?

Alle Dinge stehen in einer räumlichen Beziehung zueinander und zu Dir. Die Gruppe dort hinten ist weit weg von Dir, jene drei Menschen stehen zusammen, dieser gleich am Buffet. Auch den Raum an sich nimmst Du wahr: Du und alles um Dich herum ist in einem Zimmer in diesem Haus, und Du weißt, wo oben und unten ist. Das läuft alles unbewusst ab; es wird Dir erst bewusst, wenn es nicht "normal" ist, so wie in einem Museum für optische Täuschungen.

Wann?

Du weißt mindestens annähernd, ob es Tag oder Nacht ist, und kennst den groben Zeitpunkt. Gleichzeitig nimmst Du auch den zeitlichen Ablauf wahr. Die Frau, die eben dort stand, steht nun weiter vorne. Vorher/nachher, jetzt/dann, gestern/heute

Wie?

Das alles kannst Du zusammensetzen: Du siehst (wo?), warum jemand (wer?) lacht, weil Du gerade eben (wann?) gesehen hast, dass jemand anderes (wie viele?) etwas gesagt hat. Du siehst eine Veränderung und bringst Ursache und Wirkung zusammen.

Warum?

Als Ganzes kann Dir das, was Du siehst, die Frage nach dem "Warum?" beantworten. Vielleicht stimmt Deine Antwort nicht mit der Realität überein, aber Du gibst Dir automatisch eine Antwort: Wenn Du siehst, dass der Mann etwas sagt und die Frau danach lacht, sagt Dir das, dass er wohl einen Witz erzählt hat. Vielleicht hat er sich tatsächlich nur versprochen, und die Frau findet das amüsant, oder er erzählt von seinem kleinen Kind und das Lachen der Frau war eigentlich nur ein Lächeln - was auch immer der Grund war, spielt keine Rolle. Du konstruiert Dir so oder so das "Warum" hinter der Szene.

Diese sechs Ws (Wer/Was? Wie viele? Wo? Wann? Wie? Warum?), die beim Sehen völlig automatisch und unbewusst ablaufen, können Dir auch dabei helfen, ein Problem zu strukturieren. Wie das geht, erklärt Dan Roam in seinem Buch an einem Beispiel: Lila wechselt in eine Firma, die gerade auf Expansionskurs ist. Geplant ist, landesweit neue Läden zu eröffnen, was bedingt, dass die neuen Angestellten ausgebildet und trainiert werden müssen. Lilas Job ist es, diese Ausbildungen zu organisieren. Es stellen sich aber zwei Probleme: Das Team von Lila arbeitet seit Jahren zusammen und hat eine Menge Erfahrung. Leider sind diese Erfahrungen nicht aufgeschrieben, sondern für das Team so selbstverständlich, dass es sich nicht mehr vorstellen kann, was eine Neue alles nicht wissen kann. Außerdem liegt eine Unmenge an Material für die Ausbildungen vor: Curricula, Statistiken, Konzepte, Prüfungen, Zertifikate, Grundlagenliteratur, technische Dokumentation usw. Diese Mischung - Erfahrung/Insiderwissen und unüberschaubares Material - ist für Lila kaum handhabbar. Um trotzdem in recht kurzer Zeit das Wesentliche daraus destillieren zu können, stellt sich Lila die sechs W-Fragen:

1. Wer/Was? Wer wird ausgebildet und wer bildet aus? Was für Themen müssen behandelt werden und was für Lektionen werden gelehrt?

2. Wie viele? Wie viele Lektionen sind nötig? Wie lange dauern die Lektionen? Wie viele Leute sind in einem Kurs? Wie viele Ausbildner werden benötigt?

3. Wo? Wo findet die Ausbildung statt? Im Laden, auswärts, zu Hause? Wo überschneiden sich die Lektionen bei den Themen, der Struktur und der Zeit?

4. Wann? Wann findet die Ausbildung statt? In welchem Rhythmus finden die einzelnen Veranstaltungen am besten statt?

5. Wie? Wie hängen die Lektionen zusammen? Wie passen sie zusammen? Wie laufen die Lektionen ab? Einzeltrainings, Gruppentrainings, online? Wie wird das Gelernte angewendet? Wie ist das Tempo?

6. Warum? Warum braucht es überhaupt ein solches Training? Warum soll man den Aufwand betreiben? Warum braucht es Prüfungen?

Durch diese Fragen kann Lila ihr Problem strukturieren und mit der Menge an Wissen in den Köpfen der Angestellten und in den Unterlagen umgehen. Damit hat sie noch überhaupt nichts geschaffen, aber Sie kann sich so einen Überblick verschaffen. Die Situation ist vergleichbar mit dem Prozess des Sehens: Wir kommen in einem Raum und ordnen die Dinge erstmals. Lila kommt an eine neue Herausforderung und muss das ganze Material in den Griff bekommen. Genau dazu helfen ihr die sechs Fragen.

Die Idee zu seinem Buch hatte Dan Roam übrigens, als er an einem Geschäftsessen einem Partner seine Idee erklären wollte und dazu eine Serviette vollkritzelte. Ein wunderbares Buch!

» Website zum Buch

Kommentare

  • Ohne Worte

    20.07.08 (20:38:58)

    mhmm irgendwie kommen mir die fragen bekannt vor, irgendwo hab ich das schonmal gehört... aber schön zum auffrischen

  • communication

    20.07.08 (20:59:16)

    mhmm irgendwie kommen mir die fragen bekannt vor, irgendwo hab ich das schonmal gehört Ich kenne die sechs W-Fragen aus der Theaterszene und vom klassischen Rollenspiel her. Mit den sechs W-Fragen ist jede Szene vollständige beschreibbar. Auch beim Improvisationstheater werden ganz schnell die sechs W-Fragen geklärt und dann gehts ohne Vorbereitung los!

  • Marcus

    21.07.08 (08:17:36)

    Das ist ein typisches Vorgehen aus einem Produktionssystem, wie z.B. BPS (Bosch-Production-System), auch abgeleitet aus der Mutter aller Systeme, dem Toyota-Production-System. Zudem findet man derartige Fragestellungen auch im Qualitätsmanagement und bei der Verschwendungssuche. Was viele Menschen einfach nicht verstehen ist, dass man derartige Techniken auch in vollkommen anderen Zusammenhängen anwenden kann. Deshalb gibt es ja z.B. ImGriff überhaupt, oder Seiwert und die Simplifier.

  • Anette

    21.07.08 (10:51:55)

    Hallo, danke für den Buch-Tipp. Lese das Buch und bin ziemlich angetan. VG

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