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08.06.07Leser-Kommentare

Der Morgen danach

Warum Nachtarbeiter weniger produktiv sind und Frühaufstehen nichts mit einer Uhrzeit zu tun hat

Dieser Artikel führt den Artikel ?Wie man Frühaufsteher wird? weiter.

morningIch bin fasziniert von eurer Resonanz auf den Artikel zum Frühaufstehen. Das Thema scheint viele sehr zu interessieren. Die einen fühlen sich motiviert, es neu anzugehen. Andere fühlen sich angegriffen, weil sie selbst nur schwer morgens aus dem Bett kommen. Immer wieder wird darüber diskutiert, ob Frühaufstehen nun etwas mit den Genen oder doch mehr mit Disziplin zu tun hat.

Hier sind einige persönliche Gedanken von mir zu diesem Thema, die zum Teil auf Kommentare eingehen und zum anderen die Sache noch einmal etwas grundsätzlicher betrachten:

Die zentrale Frage, die bei dem Thema immer wieder auftaucht, ist, wie sehr Frühaufstehen etwas mit Veranlagung oder mit Disziplin zu tun hat. Ich glaube, dass der Grad da sehr schmal ist. Ich selbst z.B. habe lange gedacht, dass bei mir nichts geht, wenn ich vor 8 Uhr aufstehe. Das war meine Schlüsselzeit. Heute habe ich wenig Probleme um 5:30 Uhr aufzustehen. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht andere gibt, bei denen es tatsächlich so ist, dass sie praktisch unmöglich vor einer bestimmten Uhrzeit fit sind.

 

Zwei Phasen der Produktivität

Aus meiner Erfahrung definiere ich hier mal zwei Phasen von Produktivität. In der ersten Phase hat man ein frisches Projekt vor sich und geht mit viel Zeit und Motivation daran, es umzusetzen. In diese Phase spielen Dinge wie Getting Things Done (GTD) und ähnliche Systeme rein, die einem helfen, sich voll auf das Projekt zu konzentrieren und es produktiv und vor allem kreativ voranzubringen.

Die zweite Phase ist die kurz vor der Deadline. Man weiß, dass es richtig übel wird, wenn das Projekt nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig wird. Ausgelöst durch den Druck erlebt man einen plötzlichen Produktivitätsschub, bei dem man in einer Nacht mehr erledigt bekommt, als in zwei Wochen.

Ich habe selbst sehr lange geglaubt, dass ich überhaupt nur mit Druck produktiv bin. Das lag vor allem daran, dass ich die andere Phase nicht durch GTD und Eliminierung von Unterbrechungen frei geräumt habe, um produktiv arbeiten zu können.

Das Problem der zweiten Phase ist, dass sie einen auf Dauer kaputt macht. Aus meiner eigenen Beobachtung würde ich behaupten, dass man in Stressphasen zwar durchaus sehr produktiv sein kann. Die Kreativität bleibt aber gegenüber der ersten Phase in der Regel weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Diese zwei Phasen spielen für mich auch eine Rolle, wenn es um die Frage geht, wann man arbeitet. Wer den ganzen Tag seine Arbeit vor sich herschiebt, gerät abends unter Druck, wenigstens noch etwas erledigt bekommen zu müssen. Wer ein paar Mal eine Nachtschicht eingelegt hat, um eine Abgabe einzuhalten, kann durchaus dem Missverständnis erliegen, dass er nachts am kreativsten arbeitet.

Das Problem daran ist (wie oben beschrieben), dass die Ergebnisse hinter den Möglichkeiten einer entspannten, unterbrechungsfreien Arbeitsphase früher am Tag zurückbleiben. Ich selbst habe immer geglaubt, dass ich abends gut schreiben kann, bis ich durch meine Diplomarbeit entdeckt habe, zu was ich tatsächlich fähig bin, wenn ich meine Schreibphase in die Morgenstunden verlege.

Aber auch hier gilt, dass Menschen sehr unterschiedlich sind. Während der eine abends arbeitet, weil er die Aufgaben den ganzen Tag vor sich hergeschoben hat, kann es durchaus sein, dass der andere von seinem Typ her durch die Ruhe und Ungestörtheit der Abendstunden sein kreatives Potential erst so richtig ausleben kann.

Selbst wenn ich abends keinen Druck empfinde und entspannt arbeiten kann, so bleibt trotzdem der Umstand bestehen, dass ich bereits einen ganzen Tag in den Knochen und vor allem in meinem Kopf habe. Nach dem Aufstehen dagegen ist der Kopf entspannt, frisch und frei. Die Uhrzeit spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Die Frage ist vielmehr, wo ich mich in meinem Tagesablauf befinde.

Aufstehen ist nur der Start

Es gibt für mich auch Arbeiten, die ich sehr produktiv abends ausführen kann. Gerade Dinge, die weniger Kreativität und mehr Ausdauer brauchen, funktionieren für mich abends besser, weil sie mich morgens eher nerven, wenn ich frisch und voller kreativer Energie bin.

Ich stelle immer mehr fest, dass Frühaufstehen nur ein Aspekt eines erfolgreichen Tages ist. Wann ich aufstehe, bestimmt meinen Start in den Tag. Aber ob dieser Tag für mich ?erfolgreich? ist, wird davon bestimmt, wie ich den ganzen Tag gestalte.

Deswegen wird es für mich immer wichtiger, meinen ganzen Tag in Phasen einzuteilen und meine Tätigkeiten nach diesen Phasen auszurichten (wie so eine Einteilung aussehen kann, folgt in einem anderen Artikel).

Die Uhrzeit ist unwichtig

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr fällt mir auf, dass die Uhrzeit beim Thema ?Frühaufstehen? eine untergeordnete Rolle spielt. Ob ich nun um 5 Uhr aufstehe und um 22 Uhr ins Bett gehe oder lieber um 10 raus und um 2 in die Koje ist erstmal egal. Denn eigentlich geht es um die Gründe hinter dem Frühaufstehen.

Wenn ich später aufstehe, ist das meistens damit verbunden, dass ich noch im Bett rumliege, obwohl ich schon wach bin. Irgendwann entschließe ich mich dann doch aufzustehen, schleppe mich ins Bad und versuche langsam in Gang zu kommen.

Frühaufstehen dagegen ist bei mir mit einer festen Morgenroutine verbunden, die mir hilft, direkt in den Tag zu starten. Ich stehe zu einer bestimmten Uhrzeit auf, erledige als erstes meine wichtigste Aufgabe für den Tag, dusche, frühstücke ordentlich und starte dann mit dem Rest der Aufgaben durch.

Wann ich diese Morgenroutine starte, ist völlig unerheblich. Aber ich habe gemerkt, dass es Auswirkungen auf meinen ganzen Tag hat, wenn ich auf diesen Start verzichte.

Angestellter vs. Selbstständiger

Grundsätzlich sieht das Thema ?Frühaufstehen? für Angestellte und Selbstständige sehr unterschiedlich aus. Man könnte auch noch weiter differenzieren in Leute, die im Büro arbeiten und Leute, die allein arbeiten usw.

Für den Angestellten kann Frühaufstehen sinnvoll sein, wenn er wichtige Aufgaben erledigen will, bevor der Trubel in der Firma losgeht und eine Unterbrechung auf die andere folgt. Auch kann er den Morgen nutzen, um sich die neusten Nachrichten anzusehen oder zu trainieren, was beides nur schwer während des Arbeitstages zu schaffen ist.

Für den Selbstständigen liegt der Reiz des Frühaufstehens weniger darin, morgens bestimmte Tätigkeiten erledigt zu bekommen. Für ihn ist der festgelegte Start vielmehr die Motivation, aus dem Bett zu kommen und nicht zuviel Zeit zu verschwenden.

Frühaufstehen ist kein Gesetz

Soviel mal an weiteren Gedanken zu dem Thema. Ganz grundsätzlich gilt, dass man es sich selbst nicht zu schwer machen sollte.

Es spricht doch nichts dagegen, bis 5 Uhr morgens im Club abzugehen und dann auszuschlafen, solange man es nicht jede Nacht macht, wenn man eigentlich was gebacken bekommen will. Frühaufstehen ist eine hilfreiche Gewohnheit, kein eisernes Gesetz. Regelmäßigkeit unterstützt uns dabei, eine Gewohnheit zu entwickeln. Aber wenn ich mir keine Ausnahmen erlaube, versklave ich mich meinem Wecker.

Ich würde bei dem Thema, wie bei allen anderen auch, dazu raten, zu experimentieren. Ich kann nur die beste Uhrzeit zum Aufstehen finden, wenn ich alle Uhrzeit mal ausführlicher getestet habe. Ich z.B. habe meinen Tagesstart seit dieser Woche um drei Stunden nach hinten geschoben, um zu sehen, ob ich dann ein bisschen besser mit meinem Umfeld im Einklang laufe, ohne meine Produktivität zu verlieren. Mal sehen, wie?s läuft.

Kommentare

  • Florian Steglich

    10.06.07 (10:35:20)

    Und ich werde jetzt mal eine Zeitlang meinen Tagesstart nach vorne ziehen und sehen, ob sich das mit meinem Umfeld in Einklang bringen läßt :) Was aber Deine Morgenroutine angeht, Kollege: Ich muß zuerst duschen, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Sonst geht da gar nichts. Die Idealvorstellung ist ja ungefähr so: Aufstehen um 5.30 Uhr, etwas Obst essen und ein Glas Staatl. Fachigen; dann Joggen am Strand, goldfarbener Hund an der Seite; Duschen, Tagesplan checken beim Kurzfrühstück; drei Stunden konzentriertestes Arbeiten, dann ausgiebiges zweites Frühstück mit sechs internationalen Tageszeitungen und frischgepreßtem Orangensaft und Croissants. Weiterarbeiten, Kaffeepause, zur Abkühlung ein paar Bahnen im Pool, Mittagsschlaf, nachmittags irgendwas tun, nur nichts, was man tun muß, abends Vier-Gänge-Menü für Freunde kochen, Bettlektüre, Schlaf der Gerechten. Oder so ähnlich.

  • Daniel

    13.06.07 (16:30:18)

    Und wie löst man das Problem mit seinem Lebensgefährten? Der entweder nicht so früh raus muß oder will bzw. wenns um zwischenmenschliche Dinge geht?

  • KingOli

    17.06.07 (00:18:54)

    Also ich habe jetzt dem Artikel keinen Grund pro Frühaufstehen gefunden, sondern nur die Aussage, dass man nicht die produktivsten Stunden direkt nach dem Aufstehen verschwenden soll. Wenn es die Umwelt also zulässt, sind Eulen nicht besser oder schlechter als Lerchen - nur die Gesellschaft ist noch nicht bereit für das Nebeneinander der beiden Formen.

  • Johannes Kleske

    17.06.07 (07:18:22)

    Ich fühle mich verstanden.

  • Gerion

    13.07.07 (07:19:11)

    Ich habe eine Bitte: In Konsequenz zu dem, was Sie hier herausgearbeitet haben, sollten Sie m.E. den Begriff "Frühaufstehen" in allen Tip-Listen und Anregungen vermeiden bzw. durch etwas wie "Strukturierter Arbeitsbeginn", "Schwungvoll Anfangen" o.ä. ersetzen. Das Wort "Frühaufstehen" klingt - auch wenn Sie es in diesem Posting entkleidet haben - doch sehr nach Morgenapell und Aufstehen zu nachtschlafener Zeit - und das wollen Sie ja gerade nicht. Wenn es, wie Sie (richtig) sagen, nicht eigentlich um die Zeit geht, vermeiden Sie doch ab sofort zeitbezogene Begriffe. Indem Sie das Wort in Zukunft nicht mehr benutzen, tragen Sie - sozusagen im Sinne von KingOli und mir - dazu bei, dass Spätaufsteher weniger stark diskriminiert bzw. als unproduktiv gebrandmarkt werden. Ich kenne übrigens einige hervorragende Wissenschaftler, die nicht vor 11 Uhr ihr Tagwerk beginnen und erst ab 22 Uhr besonders produktiv werden. In dieser Zeit kann es übrigens auch still, feierlich und inspirierend sein... Im Übrigen: Gratulation zu diesem schönen Blog, auf das ich gestern gestoßen bin.

  • Rigreepakreek

    20.01.12 (17:53:35)

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