07.01.13 05:03

, von Simone Janson

Angst vor der Internetsucht: Warum abschalten keine Lösung ist

Die Angst vor Internetsucht und Überforderung durch die moderne Technik geht um. Ist einfach abschalten eine Lösung? Kaum. Was hilft, ist ein kluger Umgang mit der Technik.

Hier auf imgriff.com habe ich in den vergangenen Wochen in einigen Blogposts das Thema Überforderung und Stress durch das Internet und neue Technologien diskutiert (zum Beispiel hier, hier und hier).

Die Vielzahl an Kommentaren und zum Teil heftigen Reaktionen zu den Artikeln zeigt, wie groß das Interesse an diesem Thema ist.

Es beschäftigt zum Beispiel auch Katharina Borchert, die als preisgekrönte Bloggerin mit «Lyssas Lounge» bekannt wurde. Seit 2006 war sie Online-Chefredakteurin der WAZ-Gruppe, seit 2010 ist sie nun Geschäftsführerin bei Spiegel Online. Internet und Social Media sind ihr Leben.

Um runterzukommen, fährt sie immer wieder in den afrikanischen Busch – ohne Empfang. Drei Tage leidet sie, dann merkt sie, wie gut ihr die selbst auferlegte Internet-Abstinenz tut; für ihr inneres Gleichgewicht und um den Kopf freizubekommen, wie sie der Journalistin Iris Ockenfels für das medium magazin erzählt.

Nun hat nicht jeder die Zeit und das Geld, gleich nach Afrika zu entschwinden. Es gibt daher Leute, die sich mit Freunden zusammentun, um sich vor dem eigenen Online-Wahn zu schützen. Allerdings nicht in Form eines Gesprächskreises, in dem man gemeinsam über das eigene Suchtverhalten lamentiert und dann zu Hause weitermacht: Nein, es wird tatsächlich etwas unternommen.Wenn Leute abnehmen wollen, funktioniert das in der Gruppe ja auch besser! Man kann sich beispielsweise das gegenseitige Versprechen geben, sich nur an einem einzigen Tag im Monat einzuloggen. Mit Sanktionen, falls es jemand doch tut, versteht sich. Andere sind noch radikaler und bitten ihre Freunde, das eigene Passwort zu ändern – aber das ist natürlich eine Vertrauensfrage.

Ein halbes Jahr ohne Internet

Auch der Journalist Alex Rühle ist in Deutschland und bei seiner Arbeit geblieben: Allerdings hat er einfach abgeschaltet. Internet und Smartphone. Ein halbes Jahr lang. Und darüber ein Buch geschrieben«Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline».

Dabei ist Rühle nicht jemand, der es sich einfach erlauben kann, sich aus dem Internet auszuloggen: Er ist Feuilleton-Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Und das Internet ist sein tägliches Arbeitsgerät. Früher deponierte er abends seinen Blackberry auf dem Schuhschrank, damit er vor dem Zubettgehen noch heimlich E-Mails checken konnte. An einem ruhigen Tag bekam er 68 Mails und beantwortete 45 davon. Ein Internet-Junkie also.

Dementsprechend schwierig gestaltete sich die Abstinenz: Wörterbücher wurden als Übersetzungshilfe verwendet, der Lektor bekam Wasserstandmeldungen per Postkarte, und antike Technologien wie das Fax wurden wieder zum Leben erweckt. Die Kollegen machten Witze über den «Höhlenbewohner», er wurde zum Lieblingskunden der Telefonauskunft, und Recherchen, die er via Google in wenigen Minuten erledigt hätte, dauerten Stunden, weil er per Telefon nach den geeigneten Ansprechpartnern im Ausland fahnden musste.

Ganz auf das Internet verzichten wollte Rühle nach Ablauf der sechs Monate dann doch nicht: Er benutzt zwar heute kein Internet-taugliches Handy mehr, arbeitet aber mit zwei Computern – einem, an dem er schreibt und einem, mit dem er zielgerichtet ins Netz geht, um allerdings nach maximal zwei Stunden wieder mit dem Surfen aufzuhören.

Wie der JoJo-Effekt bei einer Diät

Was da klingt wie eine nette Geschichte, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer ziemlich irrationalen Überreaktion. Rühle, der sich offenbar als Spielball seiner Internetsucht empfand, versuchte diese zu therapieren, indem er vorübergehend ins genaue Gegenteil verfiel. Das ist ungefähr so sinnvoll wie eine Diät, bei der man eine Woche lang nichts isst: Man nimmt zwar ab, isst dafür aber hinterher umso mehr, und hat letztendlich mehr Fett auf den Rippen.

Und wer nach einiger Offline-Zeit wieder anfängt mit dem Internet, läuft Gefahr, wieder in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Von einem Extrem ins andere zu fallen, war noch nie eine gute Lösung.

Schon gar nicht bei Erfindungen, die, richtige Anwendung vorausgesetzt, unser Leben pratktischer, einfacher und besser machen. Und die daher aus dem normalen Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken sind. Oder hast Du schon mal darüber nachgedacht, auf Dein Bett, Dein Fahrrad oder Deine Kaffeemaschine zu verzichten, weil Du diese Gegenstände dauernd nutzt und Dich nicht von ihnen abhängig machen möchtest? Nein, und das wäre vermutlich auch ziemlich absurd.

Können bzw. sollen wir aufhören mit Internet?

Die Idee, dass man besser kein Internet hat oder zumindest kein Internet auf dem Handy, höre ich hingegen öfter mal. Dabei ist das genau so albern und zeigt letztendlich nur eines: Dass der betreffende Anwender nicht in Lage ist, die moderne Technik mit Maß und Ziel zu nutzen. Totalverzicht also als Ergebnis von fehlender Selbstkontrolle! Offenbar ist es sogar einfacher, auf das «Suchtmittel» ganz zu verzichten, als sich jeden Tag wieder der Suchtgefahr auszusetzen.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist nichts gegen einen Verzicht auf bestimmte Technologien einzuwenden. Jeder kann diejenigen technischen Errungenschaften einsetzen, die ihm selbst nützlich sind. Ich persönlich zum Beispiel habe nie einen Führerschein gemacht und werde deswegen auch öfter mal schief angeschaut.

Allerdings sollte man auch keine Ideologie daraus machen: Nicht das Smartphone oder Internet sind Schuld an der Misere, sondern ganze allein man selbst. Vielleicht sollten also Internet-Junkies wie Abstinenzler einfach mal darüber nachdenken, wie sie einen Computer und das Netz als das benutzen, was es ist: Als effizientes Informations- und Kommunikationsmedium, privat wie beruflich. Was hilft, ist nicht die zwanghafte Abstinenz, sondern der kluge Umgang mit dem Internet und sozialen Netzwerken.

 

Bild: Luxerta bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

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Kommentare: Angst vor der Internetsucht: Warum abschalten keine Lösung ist

Schön auf den Punkt gebracht. :)

Diese Nachricht wurde von Benjamin Wagener am 07.01.13 (07:37:33) kommentiert.

Totalverzicht also als Ergebnis von fehlender Selbstkontrolle!
Das stimmt! Aber hilft die Aussage irgendwem weiter? Menschen sind nun einmal schwach und wenn man merkt, dass etwas einen zu stark beherrscht, kann eine Radikalkur durchaus Sinn ergeben.

Diese Nachricht wurde von dos am 07.01.13 (10:08:04) kommentiert.

Oder eben auch nicht da man wieder damit anfangen kann und noch mehr das Internet nutzt. Es ist ein Zwiespalt. Ich denke nicht das eine Radikalkur den gewünschten Effekt bringt, zumindest glaube ich das es bei den wenigsten so ist.

Diese Nachricht wurde von Johannes am 07.01.13 (16:25:53) kommentiert.

@Ben: ;-) @dos: sicher sind Menschen und schwach und eine Rosskur kann helfen - aber anders als bei Zigaretten oder sonstigen Drogen ist das Internet nunmal zunehmend notwendig - schon alleine weil viele Dienstleistungen und Service-Angebote zunehmend ins Netz verlagert werden. Totalverzicht hilft also nicht, andere Lösungen müssen her. @Johannes: Jojo-Effekt eben ;-)

Diese Nachricht wurde von Simone Janson am 09.01.13 (11:51:17) kommentiert.

Ja, das Internet ist nicht zu umgehen. Aber Internet ist eben auch nicht Internet. Ich denke es sind vor allem die sozialen Dienste, die die Leute in ihren Bann ziehen. Ein interessanter Text zum Thema schrittweise Selbstkontrolle: http://readwrite.com/2013/01/07/how-to-break-your-smartphone-addiction-without-going-cold-turkey

Diese Nachricht wurde von dos am 09.01.13 (11:56:54) kommentiert.

Hab Freedom installiert www.macfreedom.com (wenn man Internet wahrend der eingeschalteten Zeit nutzen will, muss man neustarten. Alle Extensions auf Chrome hingegen kann man wieder per Rechtsklick deaktivieren, was bei mir nichts bringt) & nutze die 'disconnect wireless conntections" functionality von der Meditationsapp 'Insight Timer', beides zusammen, um mich fuer 45 zu disconnecten. Muss man aber darauf achten, das wirklich umzusetzen.

Diese Nachricht wurde von Hannes Grebin am 14.01.13 (20:00:07) kommentiert.
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