Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG

Wolf im Schafspelz

Es geschah am 27. März 1952 gegen 18 Uhr 20. Eine schwere Detonation im Münchner Polizeipräsidium reißt die Bewohner der umliegenden Häuser aus ihrer wohlverdienten Feierabendruhe. Versteckt in einem Lexikonband des "Kleinen Brockhaus" schlummerte ein Sprengsatz. Adressiert war das explosive Päckchen an den damaligen Kanzler der noch jungen Bundesrepublik Deutschland - Konrad Adenauer. 

Dank zweier aufmerksamer Jungen kam der erste Regierungschef der Bundesrepublik noch einmal mit heiler Haut davon. Ein bis heute unbekannter Attentäter hatte den beiden ein Päckchen in die Hand gedrückt, mit der Bitte, es zur Post zu bringen. Er selbst sei in Zeitnot und müsse seinen Zug erreichen. Das Verhalten des Mannes kam den Jungen allerdings äußerst verdächtig vor. Statt den direkten Weg zum Bahnhof einzuschlagen, verfolgte der Mann die Kinder. Alarmiert durch dieses Verhalten, steuerten die Buben die nächste Polizeiwache an. Glück für Adenauer, Pech für den Sprengmeister Karl Reichert, der beim Öffnen des Päckchens einen Brockhausband L-Z in Händen hielt – der fast im gleichen Moment detonierte.

Heutzutage ist der Brockhaus aus dem Hause Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG nur für die Menschen gefährlich, die Angst haben, etwas Neues dazu zu lernen. Das Lexikon ist mittlerweile zu einer festen Größe im deutschsprachigen Raum geworden und kann auf eine abwechslungsreiche und spannende 200-jährige Geschichte zurückblicken. Seit nunmehr zwei Jahrhunderten ist der Brockhaus ein zuverlässiges Nachschlagewerk und ist aus den Bücherregalen von Jung und Alt kaum mehr weg zu denken.


Ein Strohmann musste her

F.A. Brockhaus.<br>Bild: BIFAB

Der Verlagsgründer Friedrich Arnold Brockhaus war eigentlich gelernter Kaufmann. Da sein Handel mit Wollstoffen allerdings wegen der Kontinentalsperre Napoleons nicht so recht in die Gänge kommen wollte, begab er sich auf die Suche nach neuen Perspektiven. Schließlich setzte er sich in den Kopf, einen eigenen Verlag auf die Beine zu stellen – zu dieser Zeit kein leichtes Unterfangen, denn Brockhaus gehörte nicht der örtlichen Buchhändlergilde an. Deshalb musste ein Strohmann her, den Brockhaus auch bald in dem Buchdrucker J.G. Rohloff fand. Dieser gründete dann an seiner Stelle 1805 die Verlagsbuchhandlung Rohloff & Co in Amsterdam. 

Mit dem Kauf des unvollständigen "Conversationslexikons mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten" auf der Leipziger Herbstmesse 1808 legte Brockhaus den Grundstein für die spätere Lexikontradition des Verlages. 1814 erfolgte die Umbenennung des Verlages in F. A. Brockhaus, der 1817 nach Leipzig umsiedelt. Schon damals konnte der Verlag renommierte Wissenschaftler wie den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer als Autoren gewinnen.

Lustig ist das Zigeunerleben...

Beim schwersten Bombenangriff der Alliierten im Jahr 1943 wurden der Großteil des Leipziger Verlagsgebäudes und die Druckerei zerstört. Einzelne Maschinen konnten aus den Trümmern gerettet und wieder zum Laufen gebracht werden. Der Betrieb wurde unterdessen in behelfsmäßigen Produktionsstätten weitergeführt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zog es den Verlag ins hessische Wiesbaden. Der Leipziger Stammsitz, der sich nach der innerdeutschen Teilung nicht auf bundesdeutschem, sondern auf DDR-Boden befand, wurde 1953 enteignet. In so genanntes Volkseigentum überführt, wurde der Verlag unter dem Namen VEB F.A. Brockhaus weitergeführt. Im Angesicht dieser Ereignisse wurde die Wiesbadener Dependance in F. A. Brockhaus umgetauft.

"Triumvirat des Wissens"

Der Leipziger Firmenkomplex im Jahre 1905.<br>Bild: BIFAB

Mit der Fusion der beiden großen deutschen Lexikonverlage F. A. Brockhaus und Bibliographisches Institut im Jahre 1984 wurden drei bekannte Namen - "Duden", "Brockhaus" und "Meyer" - unter einem Dach vereint. Sitz des Verlags Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG (BIFAB) wurde die baden-württembergische Metropole Mannheim. 1988 unterbreitet der britische Medienmogul Maxwell den Aktionären von BIFAB ein verlockendes Angebot. Um diese Übernahme zu verhindern, knüpft Hubertus Brockhaus, Vorstandsmitglied des Verlages, Kontakte zur Langenscheidt KG, die schließlich die Mehrheitsanteile des Verlages erstand. Seit 1995 arbeitet die Brockhaus-Redaktion wieder in Leipzig und erarbeitet u. a. die Inhalte der Brockhaus Enzyklopädie, deren 21. Auflage pünktlich zum 200. Jubiläum im Jahre 2005 erschien.

Schwere Kost – im wahrsten Sinne des Wortes

Die 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie umfasst 30 Bände, bringt immerhin 70 Kilo auf die Waage und ist aufeinandergestapelt beachtliche 1,70 Meter hoch. Der umfangreichste Brockhaus aller Zeiten enthält stattliche 300.000 Stichwörter auf 24.500 Seiten. Bereits 2002 fiel der Startschuss für dieses ehrgeizige Projekt. Nachdem die Entscheidung gefallen war, hieß es: recherchieren, redigieren, korrigieren. So gingen die nächsten zweieinhalb Jahre ins Land. Das beeindruckende Resultat der ganzen Arbeit ziert seither Buchhandlungen und Bibliotheken in ganz Deutschland.

Expertisch – deutsch, deutsch - expertisch

Der "Urbrockhaus".<br>Bild: BIFAB

Ein Blick hinter die Kulissen des Verlags Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG zeigt, wie viel Arbeit wirklich hinter dem Erstellen dieses Lexikons steckt, bevor es zum Verkauf in die Läden kommt. Insgesamt arbeiten rund 70 Fachredakteure am 30-bändigen Brockhaus. Das nötige Expertenwissen liefern rund 1.000 Wissenschaftler und Institute aus allen Teilen der Erde. Angefangen beim Polarforscher, der das Schmelzen der Gletscher dokumentiert, bis hin zum Tiermediziner, der das Paarungsverhalten nordafrikanischer Giraffen beobachtet. Die unterschiedlichsten Beiträge aus allen vier Himmelsrichtungen trudeln nach und nach in der Brockhaus-Redaktion ein.

700 Karten, 8.000 Graphiken, 31.000 Fotos

Das Brockhaus Innenleben.<br>Bild: BIFAB

Die Arbeit der Fachredakteure besteht darin, die gelieferten Fakten zu überprüfen, komplexe wissenschaftliche Sachverhalte verständlich darzustellen oder die Beiträge, wenn nötig, zu kürzen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die 30 Bände beinhalten rund 300.000 Einträge inklusive 700 Karten, 8.000 Graphiken, 31.000 Fotos und sogar Satellitenbilder. Das Korrektorat und die Schlussredaktion geben den Texten schließlich ihren letzten Schliff. Alle Beiträge werden nochmals auf Kommafehler, Sprachdetails, Grammatik, mögliche Zahlendreher, Umfang, Verständlichkeit und Rechtschreibung - der Duden wird im gleichen Verlag verlegt - geprüft. Haben die Artikel diese letzte Hürde genommen, steht dem Gang in die Produktion nichts mehr im Weg.

Die Kunst der Verführung

Wer kennt ihn nicht – Casanova. Bereits zu seinen Lebzeiten war Giacomo Girolamo Casanova einer der berühmtesten Abenteurer des 18. Jahrhunderts. Dass einige seiner Geheimnisse gelüftet wurden, haben wir der Familie Brockhaus zu verdanken. Nach über 140 Jahren ließ sie die Weltöffentlichkeit an den Abenteuern des Italieners teilhaben.

Es war wohl im Jahr 1790, als er sich entschloss, sein abenteuerliches Lebens in zwölf Bänden für die Nachwelt festzuhalten. Dreißig Jahre später wurde Friedrich Arnold Brockhaus auf die Memoiren aufmerksam und erwarb sie kurzerhand. Mit Hilfe eines Französischlehrers publizierte Brockhaus bereits 1822 Auszüge in deutscher Übersetzung. Doch für derartige Ausführungen über Liebe und Leidenschaft war die Welt noch nicht reif. Denn nicht nur die beschriebenen 120 Liebeleien lieferte Anlass zur Kritik, sondern auch die für seine Zeit ungewöhnlich liberalen und gesellschaftskritischen Ansätze, die Casanova vertrat – damals, nicht sehr populär. Ein handfester Skandal war die Folge. Die Bücher wurden in Preußen und Frankreich verboten.

Noch heute auf dem Index

Noch heute ist die Familie Brockhaus im Besitz der zwölf Originalbände, die jahrzehntelang in einem dunklen Kämmerchen auf ihren großen Tag warteten. Dieser war dann 1960 gekommen, als die Originaltexte erstmals vollständig veröffentlicht wurden. Bis heute wurden die Memoiren in über 20 Sprachen übersetzt und so japanischen, arabischen und sogar bengalischen Lesern zugänglich gemacht. Mancherorts stehen sie noch heute auf dem Index - das ist aber eher die Ausnahme. Denn waren sie früher als pornografisch verschrien, sind sie inzwischen ein Stück Weltliteratur.

© förderland 

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