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18.09.07

Interview mit Andreas Göldi

"´Wir überlegen uns dann später, wie wir Geld verdienen wollen` ist keine Antwort"

Interview mit Andreas Göldi, Mitgründer der Blogwerk AG, der Namics AG und Betreiber von "Beobachtungen zur Medienkonvergenz", über Start-Ups ohne wirklich neuen Nutzen, die nächste Dot-Com-Blase, spektakuläre Fehlschläge und solide Erfolgsgeschichten, die amerikanische und schweizerische Gründerszene und die Faszination des Gründens.

Andreas Göldi"Auch im Bereich Social Networking und Online-Werbung gibt es neben all den phantasielosen Nachahmern immer wieder mal gute Ideen", betonte Andreas Göldi.

förderland: Herr Göldi, würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Andreas Göldi: Ich bin seit 1994 in der Internet-Branche tätig. 1996 habe ich mit zwei Studienfreunden zusammen die Firma Namics AG gegründet, die heute mit etwa 200 Mitarbeitern der größte Web-Dienstleister der Schweiz ist. Auch in Deutschland ist Namics an drei Standorten präsent und arbeitet für Kunden wie DekaBank, Braun oder die Europäische Zentralbank. 2006 bin ich in die USA gegangen, um am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein einjähriges Weiterbildungsstudium in Technologiemanagement zu absolvieren. Derzeit arbeite ich hier in den USA an einer neuen Start-Up-Idee.


förderland: Wie sind Sie zum Bloggen gekommen?

Göldi: Anfang 2005 habe ich beschlossen, als Experiment ein Blog zu starten, weil mich die Dynamik hinter diesem neuen Medium interessierte. Zu Beginn habe ich niemandem - außer meiner Frau - davon erzählt und war verblüfft, wie schnell ich trotzdem eine respektable Leserschaft gefunden habe. Schon nach zwei Monaten haben mich Leute regelmäßig darauf angesprochen. Das motivierte mich, weiter fleißig zu bloggen.

förderland: In Ihrem Blog "Beobachtungen zur Medienkonvergenz" habe Sie sich kürzlich recht kritisch darüber geäußert, "was für merkwürdige und unoriginelle Ideen mit Millionenbeträgen finanziert werden". In welche Ideen würden Sie persönlich keinesfalls investieren und warum?

Göldi: Ich würde nicht in Projekte investieren, die nur eine schon bestehende Idee nachahmen, ohne wirklich neuen Nutzen zu generieren. Ein Beispiel wären die unzähligen Social Networks und Video-Sites, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Außerdem finde ich es essentiell, dass ein Start-Up von Beginn weg eine klare Vorstellung von seinem Businessmodell hat. Das Modell kann sich mit der Zeit natürlich ändern, aber einfach zu sagen "Wir überlegen uns dann später, wie wir Geld verdienen wollen" ist keine Antwort. Eine gute Portion betriebswirtschaftlicher Disziplin ist auch für Web-Start-Ups unverzichtbar.

förderland: Warum stecken wir Ihrer Ansicht nach schon wieder voll in einer Internet-Blase?

Göldi: Wenn man sich die Bewertungen am Venture-Capital-Markt anschaut, die derzeit für Start-Up-Investments gezahlt werden, sind wir eindeutig schon wieder in einer Bubble. Auch die Börsenkurse der meisten Internet-Unternehmen sind höher, als sie es vernünftigerweise sein sollten. Natürlich sieht das alles nach außen nicht so dramatisch aus wie die Börsen-Blase 1999/2000, aber vielleicht ist es umso gefährlicher, was sich da hinter den Kulissen abspielt. 

Nach den Krisenjahren 2001-2004 waren viele Investoren wieder hungrig auf Erfolgsstorys aus dem Technologiebereich. Der IPO von Google hat die neue Welle vermutlich ausgelöst und viele Begehrlichkeiten geweckt. Natürlich ist es grundsätzlich gut, dass wieder kräftig ins Internet investiert wird, aber leider scheinen manche Investoren nicht viel aus der letzten Bubble gelernt zu haben. Sie jagen nur den neuesten Trends nach, statt in wirklich solide Ideen zu investieren. Diese Investoren sind bei der ersten kleinen Abwärtsbewegung wieder weg.

förderland: Wie viel Prozent der Web 2.0-Start-Ups werden Ihrer Meinung nach langfristig überleben (können)?

Göldi: Das ist schwer zu sagen. Es gibt Studien, die behaupten, dass mehr Web-Unternehmen die erste Dot-Com-Bubble überlebt haben, als man annehmen würde, nämlich etwa die Hälfte. Aussagen wie "90 Prozent aller Start-Ups verschwinden wieder" sind darum meistens übertrieben. Die spektakulären Fehlschläge lenken oft von den vielen kleinen, aber soliden Erfolgsgeschichten ab. Investoren machen allerdings nur Geld bei wirklich großen Erfolgen, nicht bei Firmen, die gerade mal eben so überleben können.

Außerdem ging es bei Web 1.0 stark um E-Commerce, während Web 2.0 sich mehr um Inhalte und Communitys dreht. Das Geschäftsmodell der meisten Web 2.0-Firmen basiert fast ausschließlich auf Werbeeinnahmen - und Werbung ist sehr empfindlich auf Konjunkturschwankungen. Es könnte also gut sein, dass es bei der nächsten Krise einen größeren Prozentsatz der Start-Ups trifft.

förderland: Bei aller berechtigten Kritik, gibt es denn derzeit auch neuartige, Erfolg versprechende Geschäftsideen im Web-Bereich?

Göldi: Sicher. Beispielsweise gibt es viele solide Unternehmen, die web-basierte Geschäftssoftware anbieten, etwa Firmen wie 37signals oder Zoho. Solche Dienste machen hochentwickelte IT-Funktionalität auch für Kleinunternehmen zugänglich. Auch im Bereich Social Networking und Online-Werbung gibt es neben all den phantasielosen Nachahmern immer wieder mal gute Ideen. Technologisch besonders vielversprechend finde ich Plattformen, die das Web, den PC und Mobilgeräte zusammenbringen und synchronisieren. Da werden wir in den nächsten Jahren noch viele interessante Anwendungen sehen, aber diese Dinge sind technologisch komplex und brauchen daher mehr Zeit.

förderland: Gibt es Ihrer Meinung nach ein Internet-Start-Up, das bisher alles richtig gemacht bzw. das sein Geschäftskonzept besonders gelungen umgesetzt hat?

Göldi: Der große Star im Silicon Valley ist derzeit sicher Facebook - und das vermutlich zu Recht. Die Firma hat ihre Userbasis in sehr kurzer Zeit massiv ausgebaut, konnte aber bisher die Qualität trotzdem halten. Facebook war auch das erste große Social Network, das sich für Entwickler geöffnet hat und das hat zu einer sehr starken Position geführt. Jetzt stellt sich die Frage, ob das Unternehmen diesen Erfolg langfristig sichern und in wirklich große finanzielle Erträge umsetzen kann.

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