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24.10.11Leser-Kommentare

Interview mit Christian Droste, Gründerstadt Hamburg

"Wir beobachten eine Mitnahme-Mentalität bei Gründungszuschuss und Gründercoaching"

Am 1. November 2011 tritt das umstrittene "Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt" in Kraft, mit dem insbesondere der Gründungszuschuss neu geregelt wird. Christian Droste, Gründercoach und Vorstandsvorsitzender von Gründerstadt Hamburg e.V., erklärt im Interview mit förderland die Gefahren des neuen Gesetzes und unterbreitet Vorschläge zur Neuregelung des Gründercoachings in Deutschland.

Christian Droste, Gründercoach und Vorstandsvorsitzender von Gründerstadt Hamburg e.V.Christian Droste, Gründercoach und Vorstandsvorsitzender von Gründerstadt Hamburg e.V.

förderland: Hallo Herr Droste, stellen Sie sich und den Gründerstadt Hamburg e.V. doch bitte kurz unseren Lesern vor!

Christian Droste: Guten Tag! Der Verein Gründerstadt Hamburg ist ein Netzwerk von Unternehmern, Firmen und Verbänden, die auf vielfältige Weise mit dem Thema Existenzgründung verbunden sind. Auf unserem Portal www.gruenderstadt-hamburg.de finden Existenzgründer zahlreiche Informationen rund um das Thema Selbständigkeit. Unsere Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich, die Arbeit des Vereins wird vor allem durch die Veranstaltung von Gründerseminaren finanziert. Und kurz zu meiner Person: Ich bin als Vorstandsvorsitzender des Vereins selbst seit vielen Jahren als Gründercoach aktiv.

Was halten Sie vom neuen "Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt", das am 1. November 2011 in Kraft tritt – insbesondere von der Neuregelung des Gründungszuschusses? Halten Sie es für sinnvoll, dass der Rechtsanspruch in eine Ermessensentscheidung der Agentur für Arbeit umgewandelt wird?

Droste: Um es vorweg zu nehmen: Das neue Gesetz ist in seiner Ausgestaltung wenig sinnvoll. Die Etat-Kürzungen bei der Bundesagentur für Arbeit sind massiv und werden dazu führen, dass die Gründungsaktivitäten in Deutschland – die im europäischen Vergleich ohnehin nur mittelmäßig sind – weiter zurückgehen.

Auf der anderen Seite ist aber eine Neuregelung nicht grundsätzlich falsch, weil der Gründungszuschuss oft genug missbraucht wird. Ein Beispiel: Ein Empfänger von ALG I kann – nach derzeitiger Rechtsprechung – nach 9 Monaten einen Antrag auf Gründungszuschuss stellen, ohne eine ernsthafte Gründungsabsicht zu verfolgen. Er verlängert also faktisch seine Bezugsdauer von ALG I um ganze sechs Monate. Wir sollten unsere Augen nicht davor verschließen, dass dies kein Einzelfall ist, sondern tatsächlich passiert. Trotzdem noch einmal: Die Förderung von Existenzgründungen wird durch das neue Gesetz um über 50 Prozent zurückgehen. Damit erstickt man innovative Geschäftsideen buchstäblich im Keim.

Ihnen geht das Gesetz noch nicht weit genug. Sie fordern zusätzlich eine Neuregelung des Förderprogramms "Gründercoaching Deutschland". Warum?

Droste: Nun, hier müssen wir zunächst unterscheiden: Das "Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt", welches wir ablehnen, hat im ersten Schritt nichts mit dem Programm "Gründercoaching Deutschland" der KfW zu tun. Trotzdem halten wir den Zeitpunkt für günstig, auch eine neue Debatte über das Gründercoaching zu führen, weil der Gründungszuschuss in vielen Fällen die Voraussetzung für das geförderte Coaching ist.

Ich möchte deutlich machen, dass wir das Gründercoaching ausdrücklich begrüßen. Gründer, die eine professionelle Beratung erhalten, sind nachweislich erfolgreicher und halten sich länger am Markt. Dennoch beobachten wir beim KfW-Gründercoaching seit rund zwei Jahren eine gewisse Mitnahme-Mentalität. Die Hamburger Handelskammer hat bei den Coaching-Anträgen in 2010 einen Zuwachs von 130 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet. Allein in Hamburg sind rund 450 Coaches in der KfW-Beraterbörse gelistet. Es ist in der Branche ein offenes Geheimnis, dass sich unter die vielen guten Gründungsberater leider auch einige "schwarze Schafe" mischen.

Was sollte ein guter Gründerberater leisten? Und wie erkennt ein Gründungsinteressierter die "schwarzen Schafe"? Die Bezeichnung "Gründercoach" und ein Eintrag in der KfW-Beraterbörse scheinen – Ihrer Meinung nach – ja keine Qualitätsmerkmale zu sein ...

Droste: Aber genau da müssen wir doch hinkommen: Die Bezeichnung "Gründercoach" muss ein Siegel für Kompetenz und Qualität sein. Die KfW-Beraterbörse muss die Qualität der eingetragenen Coaches gewährleisten. Sonst geht die staatliche Förderung am Ziel vorbei.  Bei vielen Gründerveranstaltungen trifft man heute genau so viele Gründer wie Berater. Wie soll sich ein Gründer da orientieren?

Ein guter Gründungsberater zeichnet sich durch verschiedene Aspekte aus: Er muss fachlich kompetent sein, er muss Beratungserfahrung nachweisen. Und – ein Aspekt, der aus unserer Sicht oft unterschätzt wird – er sollte selbst Erfahrung als Unternehmer haben. Hinzu kommen weichere Faktoren wie soziale Kompetenz, die für ein erfolgreiches Coaching ebenfalls extrem wichtig sind.

Was sind denn Ihre konkreten Vorschläge für eine Neuregelung des Förderprogramms "Gründercoaching Deutschland"?

Droste: Grundsätzlich würde ich eine Regelung begrüßen, die das Antragsverfahren und vor allem den administrativen Aufwand für Gründer und Berater nicht noch weiter verkomplizieren. Das Programm muss für beide Seiten attraktiv bleiben, etwaige Regulierungen dürfen nicht zu Lasten der tatsächlichen Coachingzeit gehen.

Ich sehe beim KfW-Gründercoaching derzeit zwei Schwachstellen. Erstens: Die Qualität der Berater. Hier folgen wir der Empfehlung der Handelskammer, die einen regelmäßigen Test für Gründercoaches vorschlägt. Berater könnten so eine Art Zertifikat erwerben, indem sie ihre fachliche Kompetenz nachweisen. Den Aufwand, z.B. einmal im Jahr einen solchen Test zu absolvieren, halte ich für vertretbar. Die zweite Schwachstelle sind die Coachinginhalte selbst: Nicht selten wird die Erstellung eines Businessplans, die Steuerberatung oder die Entwicklung konkreter Marketing-Maßnahmen als (gefördertes) "Coaching" verkauft. Im Abschlussbericht steht davon selbstverständlich nichts. Das kann es nicht sein.

Denken Sie, dass die Bundesregierung Gründer bereits bestmöglich unterstützt? Oder sehen Sie noch Luft nach oben?

Droste: Es gibt sicherlich Bereiche, in denen schon viel getan wird. Dazu zählt insbesondere die Innovationsförderung: Für neuartige, kreative Geschäftsideen gibt es eine Vielzahl staatlicher und nicht-staatlicher Programme, ich denke hier sind wir insgesamt auf einem guten Weg. Auch die Situation bei den Unternehmenskrediten bewerte ich insgesamt positiv.

In anderen Bereichen sind die Angebote der Bundesregierung, gerade im europäischen Vergleich, leider unterdurchschnittlich. Glaubt man den führenden Wirtschaftsinstituten, steuern wir geradewegs auf eine Rezession zu. Und genau jetzt beschließt die Koalition drastische Einschnitte beim wichtigsten Instrument der Gründungsförderung: dem Gründungszuschuss. Das halte ich für den falschen Schritt. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Existenzgründern und jungen Unternehmen wird in Deutschland leider häufig unterschätzt.

Vielen Dank für das Interview!

Kommentare

  • Jens Hogenacker

    24.10.11 (14:02:31)

    Die Neuregelung zum Gr?ndungszuschuss tritt aller Voraussicht nach nicht am 1. November in Kraft wie in diesem Interview suggeriert wird. Das Gesetz wurde vom Bundesrat in den Vermittlungsausschuss ?berwiesen.

    Eine neue Studie des IZA in Bonn zeigt ebenfalls, dass Mitnahmeeffekte beim Gr?ndungszuschuss generell ?bersch?tzt werden. Dies trifft auch in Bezug auf die von Herrn Droste erw?hnte "Verl?ngerung" der F?rderdauer von ALG I zu. Die Studie zeigt z.B. dass 50% der Gr?nder schon nach maximal zwei Monaten in Arbeitslosigkeit gr?nden. Die durschnittliche Dauer in Arbeitslosigkeit ist mit 3 Monaten ebenfalls sehr gering. Das Gr?ndercoaching wird ?brigens zur Zeit ebenfalls einer genauen Evaluation unterzogen.

  • Olaf Hoprich

    26.10.11 (13:22:57)

    Ich bin immer wieder erschrocken welche Argumentationen zur K?rzung des Gr?ndungszuschusses und anderer F?rdermittel angef?hrt werden. Dort wo gef?rdert wird wird sich ein Missbrauch nie ausschlie?en lassen, unabh?ngig von Existenzgr?ndungen.

    Wollen wir wirklich wegen Mitnahmeeffekten die Gr?ndungswelle abbremsen. Ich bin deutlich dagegen, weil der Mitnahme-Mentalit?t sich nicht verhindern l?sst.

    Beim Gr?ndercoaching-Deutschland bilden sich sogar sogenannte Beutegemeinschaften. Aber wollen wir deshalb allen anderen Gr?ndern die Unterst?tzung entziehen?

  • Klaus Schaumberger

    28.10.11 (13:41:33)

    Ein Mitnahmeeffekt ganz anderer Art kann durch die mangelnde qualitative ?nderung des Gr?ndungszuschuss nicht ver?ndert werden.
    Ein Angestellter l?sst sich k?ndigen und hat bereits vorab eine saubere Planung durchgef?hrt. Meldet sich beim Arbeitsamt und beantragt den Gr?ndungszuschuss. Fertig

    Dieser Effekt wird trotz Neuregelung nicht verhindert.

    Die Qualit?t der Berater - ein regelm??iges Diskussionsthema - warum allerdings nicht ?ber die Qualit?t der Beratung bei IHKs oder HWK diskutiert wird entzieht sich meiner Logik.

    F?lle aus meiner eigenen Praxis belegen auch hier eindrucksvoll starke M?ngel.

    Mal ganz abgesehen davon das demn?chst die Arbeits?mter aufgrunde der Erh?hung der regionalen Entscheidungskompetenz, selbst entscheiden was gut oder schlecht ist.

    Es darf die Frage erlaubt sein, warum diese bisher nicht selbst gepr?ft haben, wenn doch die Kompetenz vorhanden sein muss in naher Zukunft.

    Der geneigte Leser stellt fest, es gibt noch viele Baustellen und auch viele Lobbyisten. Man darf gespannt sein.

    Gruss
    Klaus Schaumberger

  • Klaus Schaumberger

    28.10.11 (13:43:00)

    Ein Mitnahmeeffekt ganz anderer Art kann durch die mangelnde qualitative ?nderung des Gr?ndungszuschuss nicht ver?ndert werden.
    Ein Angestellter l?sst sich k?ndigen und hat bereits vorab eine saubere Planung durchgef?hrt. Meldet sich beim Arbeitsamt und beantragt den Gr?ndungszuschuss. Fertig

    Dieser Effekt wird trotz Neuregelung nicht verhindert.

    Die Qualit?t der Berater - ein regelm??iges Diskussionsthema - warum allerdings nicht ?ber die Qualit?t der Beratung bei IHKs oder HWK diskutiert wird entzieht sich meiner Logik.

    F?lle aus meiner eigenen Praxis belegen auch hier eindrucksvoll starke M?ngel.

    Mal ganz abgesehen davon das demn?chst die Arbeits?mter aufgrunde der Erh?hung der regionalen Entscheidungskompetenz, selbst entscheiden was gut oder schlecht ist.

    Es darf die Frage erlaubt sein, warum diese bisher nicht selbst gepr?ft haben, wenn doch die Kompetenz vorhanden sein muss in naher Zukunft.

    Der geneigte Leser stellt fest, es gibt noch viele Baustellen und auch viele Lobbyisten. Man darf gespannt sein.

    Gruss
    Klaus Schaumberger

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