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25.11.10

Newcomer

Wie Bestattungen.de den Spagat zwischen Tod und Geld schaffen will

Wer ein Web-Start-up aufmacht, hat mit Anstand meist nicht viel am Hut. Nicht, weil er keinen hat, sondern weil Anstand oft einfach eine untergeordnete Rolle spielt. Ganz anders beim neuesten Player auf dem Web-Parkett, namens Bestattungen.de: Der Preisvergleich/Marktplatz für Beerdigungen ist diese Woche an den Start gegangen und versucht nun den Hinderniskurs aus Moral, Tod und Geld zu nehmen. Beobachten wir die ersten Schritte.

Gestern vermeldete das Hamburger Unternehmen "GBV Gesellschaft für Bestattungen und Vorsorge mbH", dass es einen Online-Marktplatz/Preisvergleich für Beerdigungen an den Start gebracht hat. Das Spannungsfeld, das sich allein schon vom Domainnamen "Bestattungen.de" her erschließt, charakterisierte die angeheuerte Presseagentur "Frische Fische" recht treffend: "pietätlos oder praktisch?". Oder anders gefragt: "Ist es verwerflich bei einer Beerdigung nach dem Preis zu schauen?" Die Antwort gibt die Pressemitteilung praktischerweise auch noch: "... ein Kosten- und Leistungsvergleich von Bestattern (ist) nicht pietätlos, sondern ratsam." Mit dieser Antwort zufrieden und einem guten Gewissen in der Tasche macht sich der Besucher nun auf die Suche nach einem günstigen Bestattungs-Angebot.

Das Web-Angebot

Die Seite selbst ist in gedeckten Tönen gehalten und kommt noch ein wenig grob geschnitzt daher, aber verzeihen wir es den Betreibern, sie haben ja gerade erst angefangen. Schnell wird klar, wie man die Seite zu benutzen hat. Der Trauernde arbeitet sich durch einige, noch etwas arg bürokratisch anmutende Web-Formulare, bis er dann seine Daten eingeben kann und von "Bestattungen.de" einen unverbindlichen und kostenlosen Angebots-Vergleich zugeschickt bekommt. Dies geschieht frühestens mit einem Tag Verzögerung, was ein Hinweis darauf ist, dass die Angebote der Bestattungsunternehmer persönlich eingeholt werden. Dieses Procedere sollte man in der Kommunikation ruhig nach vorne stellen, denn dies vermittelt den Eindruck einer individuellen Bearbeitung des Auftrags. Entscheidet sich der Kunde für einen Bestatter, so zahlt dieser eine Provision an "bestattungen.de". Der Hinterbliebene hat übrigens die Wahl zwischen eher "langweiligen" Bestattungsarten, wie etwa "Erdbestattung" und "Feuerbestattung", aber auch für den Exzentriker ist gesorgt: "Diamantbestattungen", "Weltraumbestattungen" oder "Baumbestattungen" gehören unter anderem zum Angebot.

A propos Bestatter - auch auf die wird auf der Seite eingegangen. So kann im Grunde jeder Bestattungsunternehmer auf der Seite mitmachen und "Partner" der Seite werden. Was die Bedienung von Bestattungen.de angeht, so muss man sagen, dass diese sich nahezu von selbst erschließt, auch auf eine große Schrift wurde geachtet - wo doch vor allem ältere Menschen mit der Bestattungs-Vorsorge angesprochen werden sollen.

Die Geschichte geht weiter

Ja, an dieser Stelle könnte der Artikel eigentlich schon zu Ende sein, doch etwas stutzig macht es schon, dass eine Web 2.0-PR-Agentur ein Beerdigungsinstitut vertritt. Ein kurzer Blick ins Impressum und wir erfahren, dass hinter dem Projekt zwei alte Bekannte der deutschen Gründerszene stecken, nämlich Sven Schmidt und Daniel Grözinger, die sich bereits durch einige bekannte Web-Gründungen, wie etwa verwandt.de einen Namen gemacht haben. Doch das scheint nicht das erste Projekt des Teams im Bereich "Trauer" zu sein. Mit "bestattungsplanung.de" besitzen die Betreiber ein anderes Web-Konzept mit ähnlichem Angebot inklusive eines Bestattungsrechners. Man wollte wohl vor dem Start von "Bestattungen.de" auf Nummer Sicher gehen und erst einmal Erfahrungen auf diesem doch eher speziellen Gebiet sammeln. Quasi als hauseigener "smart second mover". Der Hauptgrund für diese Webpräsenz dürfte jedoch sicherlich sein, das Thema möglichst breit abzudecken und weitere Vertriebs-Kanäle aufzubauen, um das Angebot von bestatten.de zu verbreiten. Die Jungs verstehen ihr Handwerk.

Dass es mit der bloßen Bereitstellung des Webangebotes und der Einbindung von Bestattungsinstituten noch nicht getan ist, scheint auch dem Gründerteam klar zu sein, weshalb man aktuell auch nach einer Bestattungsfachkraft zur Kundenbetreuung Ausschau hält. Es war übrigens ein geschickter Zug, eine neue GmbH für die Unternehmung zu gründen, denn die Kundschaft hätte bestimmt ziemlich gestaunt, wenn sie "dealjaeger GmbH" im Impressum gelesen hätte. Hierbei handelt es sich um ein anderes Preisvergleichs-Projekt von Sven Schmidt und Daniel Grözinger, unter dem auch die Domain "Bestattungen.de" registriert ist. Auf dieser Seite in Indiana Jones-Optik jagt der User nach Schnäppchen aus dem Netz. Und um Schnäppchenjagd geht es ja im Grunde auch auf "Bestattungen.de". Bei einem arglistigen Schreiber hätte die Headline dieses Beitrags auch durchaus lauten können: "Dealjaeger II - Der Tempel des Todes".

Dass man mit seinem Webangebot an moralische Grenzen stößt, ist bei weitem nichts neues in der deutschen Start-up Landschaft. So musste beispielsweise bereits die Farbflut GmbH mit ihrem Browser-Spiel "Pennergame" zahlreiche Rügen seitens Politik und Obdachlosen-Verbänden einstecken und das nicht ohne Grund: Immerhin entsteht der Eindruck, man verhöhne Obdachlose, indem man seinen Spieler-Avatar durch alle Klischees bis zum "Pennerkönig" hochpöbelt.

Doch auch das Thema "Tod" ist längst kein Tabu mehr im Web-Geschäft, so startete vor kurzem etwa "stayalive.de", ein Online-Friedhof, bei dem Helmut Markwort, ehemaliger Chef des Focus seine Finger im Spiel hat. Ein anderes Beispiel ist swissdnabank.com, eine Website, die uns anbietet, unsere DNA auch noch lange bis nach unserem Tod in einem Schweizer Atombunker aufzubewahren.

Wie auch immer - es war klar, dass das Thema "Tod" nicht mehr lange vom E-Commerce verschont bleiben würde - nun hat Bestattungen.de den ersten Schritt gemacht. Warten wir ab, wie das Thema angenommen wird: Kommen die Menschen überhaupt auf die Idee, im Internet nach einem Bestatter zu suchen? Oder rennt man der Seite bald die Türen ein und die Betreiber erweitern das Angebot auf "Groupon-fürs-Sterben"-Angebote? Wie auch immer es ausgeht - wir als Konsumenten bestimmen mit, in welche Richtung es geht.

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