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03.05.08Kommentieren

Interview mit Markus Salamon

"Wachst mit euren Kunden!"

Zur Person: Markus Salamon ist Diplom-Informatiker und Software-Ingenieur und hat seinen Abschluss an der Universität Esslingen gemacht. Im Jahr 2007 gründete er seine Firma illogic und entwickelte einen Busfahrplan fürs Handy.

Markus Salamon, Gründer von Illogic (Foto: förderland)

förderland: Wie kommt man auf die Idee, einen Busfahrplan fürs Handy zu entwickeln?

Salamon: Die Idee ist neun Jahre alt, sie kam mir während meines zweiten Praxis-Semesters. Zu diesem Zeitpunkt musste ich viel pendeln. Da dachte ich mir: "Hey, nichts gehört so sehr auf ein Handy wie die Abfahrt meines nächsten Busses und die Abfahrtszeiten an den von mir genutzten Haltestellen!" So kam mir die Idee für einen Haltestellen-Fahrplan fürs Handy, der komplett offline funktioniert. Er heißt übrigens moTim, das steht für "mobile offline Timetable".

Woher kommt der ungewöhnliche Firmenname "illogic"?

Dabei handelt es sich um ein Wortspiel aus "ill" und "logic", also: "kranke Logik". Das soll auch mein Schwimmen gegen den Strom symbolisieren. Schließlich ist ein Fahrplan fürs Handy das Letzte, was die Leute erwarten. Doch jeder Nutzer, der ihn bislang ausprobiert hat, sagte: "Ja, den will ich haben."

Haben Sie schon immer Anwendungen für Mobilgeräte entwickelt?

Mein Schwerpunkt lag ursprünglich gar nicht im Bereich der Mobilgeräte. Das hat sich so ergeben, weil ich 2002 auf der Suche nach einem Diplomarbeitsthema war und schon lange mit der Fahrplan-Idee schwanger gegangen war. Zu dieser Zeit war die Handy-Technik dann auch schon so weit, dass man entsprechende Applikationen programmieren konnte. Daraufhin habe ich an einem Elevator Pitch teilgenommen, auf dem ich einen Vertreter vom Nokia-Forschungszentrum in Ulm für meine Idee gewinnen konnte. Er hat mich dann bei meiner Diplomarbeit unterstützt. 

Wo stehen Sie zurzeit mit Ihrem Unternehmen?

Ich habe den ersten Pilotkunden gewonnen. Dabei handelt es sich um die Reutlinger Verkehrsgesellschaft. Ich habe die Idee dann auch als deutsches Patent schützen lassen. Mehr konnte ich mir nicht leisten, weil ich gerade Vater geworden bin. Ich habe meine erste Seed-Finanzierung bewilligt bekommen, aber zum Verdruss der vergebenden Stelle damals aus privaten Gründen nicht antreten können.

Wie sind Sie an Ihren ersten Kunden gekommen? 

Ich habe damals an einem Gründer-Wettbewerb teilgenommen. Da hat sich auch die IHK Reutlingen engagiert. Über einen IHK-Vertreter entstand dann der Kontakt zum Geschäftsführer der Reutlinger Verkehrsbetriebe.

Es gibt so viele verschiedene Handy-Modelle. Auf welchen läuft Ihre Anwendung?

Auf allen, die mit Java ausgestattet sind. Das sind alle aktuellen Geräte, aber auch viele ältere. Die Grafik ist sehr einfach gehalten, das können auch einfache Handys bewältigen. Die benötigte Speicherkapazität ist gering und liegt im Kilobyte-Bereich.
Mir ist sehr wichtig, dass auch einfache Geräte meine Anwendung beherrschen. Und da laufe ich bei den Mobilfunk-Unternehmen oft offene Türen ein. Zum Beispiel habe ich 2003 den "UMTS-Award" gewonnen. 

Wann wird Ihr elektronischer Fahrplan in Reutlingen eingeführt?

Wir werden bereits innerhalb der nächsten zwei Wochen mit dem Angebot starten.

Wird das Programm orten könnten, an welcher Haltestelle ich mich gerade befinde und mir den entsprechenden Fahrplan anzeigen?

Nein. Solche "Location Based Services" sind zurzeit nicht geplant. Das hat weniger mit dem Datenschutz zu tun, als damit, dass die Netzbetreiber sehr viel an diesen Services verdienen wollen. Und das steht in keiner Relation zum tatsächlichen Nutzen.

Wie läuft das dann für mich als Nahverkehrs-Kunden genau ab?

Sie laden sich den Fahrplan herunter und können eine Liste mit den meistgenutzten Haltestellen anlegen. Dann starten Sie die Anwendung, klicken auf eine Haltestelle und bekommen die Abfahrtszeiten des nächsten Busses angezeigt. Komplett offline, ohne Kosten für die Datenübertragung.

Noch ein paar Fragen zur Ihrer Unternehmerphilosophie: Arbeiten Sie lieber alleine oder im Team?

Ich bin Einzelkämpfer, aber nicht aus Prinzip. Ich könnte mir durchaus vorstellen, die Aufgaben mit einem Partner zu teilen. Gerade die vielen administrativen Dinge machen einen tot, auch die Akquise und die Entwicklung. Aber zurzeit befinde ich mich mit meinem Unternehmen in einer sehr frühen Phase und muss meinen Markt erst einmal erzeugen. Es gibt zwar schon einige Angebote wie Handy-Tickets. Doch bei der Usability und der Relation zu den Datenübertragungskosten beschreite ich völlig neue Wege.
Was die Kosten angeht, sind die Kunden zurzeit noch viel sensibler als von den Verkehrsverbünden und anderen Playern eingeschätzt.

Wie viele Veranstaltungen für Gründer und Start-ups besuchen Sie im Monat?

Im Durchschnitt gehe ich auf eine Veranstaltung im Monat. Dabei handelt es sich sowohl um kleine Veranstaltungen wie dem Business Roundtable als auch um große Events wie der CeBIT oder der Verkehrssoftware-Messe.

Planen Sie mittelfristig, Investoren mit ins Boot zu holen oder weiter organisch zu wachsen?

Ich möchte weiter organisch wachsen. Zurzeit ist nämlich der gesamte Markt stark fixiert auf Themen wie Handy-TV. Wie das Kaninchen vor der Schlange starren alle auf das iPhone, das in Deutschland in der Masse aber gar keinen durchschlagenden Erfolg hat. Da entsteht dann ein Hype, durch den andere Hersteller viele ähnliche Geräte auf den Markt bringen. Aber solche Entwicklungen spiegeln meist nicht den Kundennutzen wider, sondern es wird eher panisch reagiert.

Glauben Sie, dass es rein nutzwert-orientierte Produkte wie Ihres am Markt schwerer haben als die Hype-Produkte?

Um es mit einem Satz zu sagen: Nahverkehr ist nicht cool, nicht sexy und nicht stylish. Man verkennt dabei jedoch eine gigantische Anzahl an Nutzern. Die wollen einfach nur bei Bedarf ihr Handy aus der Tasche ziehen und die nächste Bus-Abfahrt lesen.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Ich bin immer im Dienst, vor allem online. Das Zeitbudget lässt sich nicht genau bemessen, weil ich nebenher auch noch in anderen Bereichen tätig bin. Ich bin mit meinem Unternehmen zwar in der Start-up-Phase, habe aber keinen größeren Investor. Für das nötige Kapital muss ich selbst sorgen.

Hat Ihnen die Patentierung Ihrer Idee bei den nächsten Schritten geholfen?

Nein, da habe ich mich verschätzt. Ich dachte mir, nach einer Patentierung würden potenzielle Partner wegen der Lizenzierung Schlange stehen. Stattdessen: absolute Fehlanzeige! Patente sind aus der Zeit, wo es noch Könige gab – völlig überholt. Mittlerweile habe ich die Erfahrung gemacht, dass Patente nur noch für Großunternehmen nützlich sind, um damit den Shareholder Value zu erhöhen oder Deals mit anderen Großunternehmen zu machen. Ich kann allen Einzelgründern nur den Tipp geben: Vergeudet keine kostbare Zeit mit dem Patentieren und fangt gleich an! 

Gibt es darüber hinaus noch "goldene Regeln", die Sie jedem Gründer mit auf den Weg geben würden?

Ich würde mir genau anschauen, wer meine Kunden sind. Wo ist der Markt, wer will mein Produkt eigentlich? Ich selbst habe mich lange von der Massentauglichkeit meines Produkts blenden lassen. Der Endkunde will es ja unbedingt. Aber letztendlich sind diese Menschen ja nicht meine Kunden, sondern der Nahverkehrsbetrieb. Und da ist eine völlig andere Herangehensweise nötig.
Außerdem kann ich jedem Gründer nur raten: Wachst mit euren Kunden! Man sollte zunächst einmal mit kleinen Partnern anfangen. Wenn man dann mal gewachsen ist, kann man immer noch bei den Großunternehmen akquirieren.

Haben Sie ein Vorbild?

Da fällt mir spontan Apple ein. Denn die müssen sich nicht mehr die Hände schmutzig machen. Sie brauchen sich nur noch darauf zu konzentrieren, Ideen und Konzepte zu verkaufen. Dieses Unternehmen entwickelt nur noch Designs, produziert wird dann woanders. Sie haben die Königsdisziplin perfektioniert: die Bildung einer einzigartigen Marke. Als Ingenieur ist man dagegen zu oft darin verhaftet, unbedingt als erstes ein Produkt erstellen zu wollen. Da fehlt uns in Deutschland ein bisschen das Amerikanische. Ich zum Beispiel habe erstmal ganz konservativ patentiert und gezögert und nicht einfach mal gemacht.
Wenn man heute als Student in den letzten drei Semestern steckt und eine Geschäftsidee hat, ist Deutschland ein guter Gründerstandort. Man muss nur seine Augen aufhalten und an einer Hochschule studieren, die einen guten Inkubator hat und nicht nur verwalten will.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann wieder fest angestellt zu arbeiten?

Selbstverständlich. Man muss von etwas leben. Von seinen Ideen und Träumen allein kann man nicht leben. Das ist eine Tür, die man nie verschließen sollte. Es ist allerdings reizvoller, selbstständig arbeiten zu dürfen und zu entscheiden: Wohin geht heute die Reise? Und das muss man sich jeden Morgen, wenn man aufsteht, wieder ins Gedächtnis zurückrufen. Gerade wenn es mal nicht so gut läuft.

© 2008 förderland

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