<< Themensammlung Gründung

Aktuelle News für Gründer Selbstständige und Unternehmer

14.06.11Leser-Kommentar

Interview mit Michael Ziegert, entia.de

"Ohne Risiko geht es nicht"

Michael Ziegert ist das, was man wohl einen Serial Entrepreneur nennt. Bereits in den 90ern hat er seine ersten Internet-Unternehmen gegründet – beispielsweise die Familien-Community urbia und den Online-Fotoservice Pixum. Im Interview mit förderland spricht er über seinen neusten Streich: "entia – Gute Dinge, die lächeln".

Michael Ziegert, Gründer und Geschäftsführer von entiaMichael Ziegert, Gründer und Geschäftsführer von entia

förderland: Hallo Herr Ziegert, stellen Sie sich doch bitte kurz unseren Lesern vor …

Michael Ziegert: Ich bin Geschäftsführer von "entia – Gute Dinge, die lächeln". entia steht in einer Reihe mit Internet-Unternehmen, die ich seit Mitte der 90er Jahre (mit-)gegründet habe, darunter die Familien-Community urbia und den Online-Fotoservice Pixum. Vor der Gründung von entia bin ich insbesondere der Frage nachgangen, welche Produkte besonders sinnvoll sind, also für Hersteller und Käufer möglichst viele positive Aspekte vereinigen. Ich glaube, das ist mir mit entia gut gelungen.

Ihr aktuelles Start-up hört auf den Namen entia. Was bieten Sie Ihren Kunden?

Ziegert: Hochwertige, oft handgearbeitete Dinge aus sehr unterschiedlichen Bereichen, von Spielzeug über Haushaltszubehör und Leder bis hinzu ausgefallenen Design-Objekten. Dabei wird sehr auf das verwendete Material geachtet. Beispiel Holz: Es werden hochwertige Hölzer aus heimischen Regionen verwendet, kein Holz aus Urwald-Raubbau und auch keine billige Import-Fichte. Wo Metall verwendet wird, überwiegt Edelstahl. Für Produkte aus Leder werden Häute aus Deutschland verwendet und nur natürlich gegerbt. Und was die Gestaltung angeht: Immer mehr meiner Lieferanten engagieren professionelle Designer zur Entwicklung neuer Produkt-Linien. Das besondere bei entia ist neben Material und Verarbeitung die Herkunft: Alle Produkte stammen aus sozialen Projekten, insbesondere Behindertenwerkstätten.

Was unterscheidet entia von einem gewöhnlichen Online-Marktplatz?

Ziegert: Zunächst: entia ist kein "Marktplatz" in dem Sinne, wie er im Internet häufig verwendet wird, nämlich als Dach für eine Vielzahl kleiner Händler, die Technik und Marketing-Power einer gemeinsamen Plattform nutzen. Der scheinbare Vorteil eines einzelnen Warenkorbs löst sich auf, wenn jeder Händler separat Versandkosten berechnet. Obendrein ist der Service für Kunden sehr wechselhaft, Versandlaufzeiten und die Qualität des Support sehr unterschiedlich.

In dem Wissen, dass ein zufriedener Kunde nach wie vor der wesentliche Erfolgsfaktor ist und dass unsere Lieferanten wenig Erfahrung im Umgang mit Endkunden im Internet haben, haben wir eine eigene Logistik aufgebaut, leisten selber Support und geben uns ungeheuer viel Mühe beim Service. Außerdem planen wir mittelfristig, möglichst vielen Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz bieten zu können.

Wie ist die Idee entstanden?

Ziegert: Ein Freund hat mich vor drei Jahren eingeladen, mit ihm die Werkstättenmesse in Nürnberg zu besuchen. Hier treffen sich jedes Jahr Vertreter von Behindertenwerkstätten, um ihre Produkte zu präsentieren. Ich war ehrlich verblüfft, welche große Auswahl von tollen Dingen ich hier zu sehen bekam. Aber: Die meisten Sachen werden in der jeweiligen Heimat-Region der Werkstatt verkauft, auf Märkten oder beim Tag der Offenen Tür in der Werkstatt. Einen zentralen, deutschlandweiten Vertrieb gab es nicht. Was mir in Zeiten, in denen Behindertenwerkstätten als wirtschaftliche Betriebe mit immer weniger staatlichen Zuwendungen auskommen müssen, absurd erschien. Das war der Zündfunke für entia.

Sie haben Ihr Unternehmen privat finanziert und setzen nicht auf schnelle Profit-Optimierung, sondern nachhaltigen Wachstum. Geht dieses Konzept bis jetzt auf?

Ziegert: Der Erfolg von entia ist im wesentlichen auf einer scheinbar simplen Eigenschaft gegründet: Vertrauen. Viele Werkstatt-Leiter haben entweder keine oder schlechte Erfahrungen mit dem Internet. Manche sind Betrügern aufgesessen, die unbezahlte Ware auf einer Internet-Plattform verscherbelt haben. Andere Werkstätten haben in der Vergangenheit in einen eigenen Shop investiert und sind enttäuscht – weil ihnen natürlich auch das Marketing- und IT-Know-How fehlt. Das Vertrauen zu meinem Unternehmen habe ich zum Teil in langen Gesprächen aufbauen müssen. Aber mittlerweile rufen auch Werkstätten bei uns an, weil sich der Name entia in der Branche herumspricht. Und das Feedback der Kunden ist überwältigend positiv – das macht wirklich Spaß.

Sie sind ja schon länger im Web-Business aktiv und das was man einen Serial-Entrepreneur nennt. Wie können Sie bei entia von Ihrer Erfahrung profitieren? Und welche Tipps können Sie jungen Gründern mit auf den Weg geben?

Ziegert: Zunächst mal versuche ich ganz einfach Fehler nicht zu wiederholen, die ich in früheren Unternehmen gemacht habe. Klingt einfach, ist es aber keineswegs, weil jede Branche ihre speziellen Ecken und Kanten hat. Eine gewissen Gelassenheit gibt mir dabei die Erfahrung: Wenn man eine gute Idee hat, sollte man sie mit aller Kraft vorantreiben, dann wird sie auch erfolgreich. Ob die jeweilige Geschäftsidee eine gute ist, kann Ihnen keiner sagen – sonst hätten es andere schon gemacht. Ohne Risiko geht es also nicht. Glauben Sie an Ihre Idee und lassen Sie sich nicht vorzeitig entmutigen – haben Sie Geduld. Und: Umgeben Sie sich mit Menschen, denen Sie vertrauen können.

Sie haben die Internet-Blase im Jahr 2000 als Unternehmer miterlebt. Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht. Und sehen Sie – wenn Sie sich beispielsweise die Bewertung von Facebook, Croupon & Co. anschauen – eine weitere Blase auf die Web-Gründerszene zurollen?

Ziegert: Ich habe im April 2000 zusammen mit Partnern Pixum gegründet. Gerade in dieser Zeit stürzten etliche Internet-Unternehmen massiv ab. Wir waren uns über die Ursachen sehr klar: Es waren unrealistische Geschäftsideen in Kombination mit ungeduldigen Investoren, es fehlten Ausdauer und Geduld. Wir wussten für Pixum auch nicht, wie schnell diese Idee profitabel wird – aber wir wussten immer ohne Zweifel, dass die Idee gut ist. Heute gehört Pixum zu den führenden Online-Fotoservices in Europa.

Zum proof of concept für eine gute Geschäftsidee gehört seither für mich die Frage: "Kann ich das Geschäftsmodell in einem einzelnen Satz erklären?" Bei Pixum war das einfach. Bei entia ebenfalls: "Wir vermitteln sinnvolle, hochwertige Produkte aus sozialen Projekten an sozial eingestellte Menschen." Und bei Facebook, Groupon, Zappos etc. ist das ebenfalls möglich – weshalb ich glaube, dass sie auf Dauer erfolgreich sein werden.

Warum wird entia erfolgreich?

Ziegert: Die Diskussionen um die oft proklamierte "Wergwerf-Gesellschaft" und die zum Teil erschreckenden Arbeitsbedingungen in Asien oder anderen Kontinenten haben dazu geführt, dass wir als Verbraucher nicht länger nur auf den Preis achten – wir wollen auch ein gutes Gefühl dabei haben. Wir wollen, dass unsere Kinder in einer gesunden Umwelt leben können, achten also immer mehr auf Langlebigkeit und Recyclebarkeit von Dingen, die wir kaufen. Und wir wollen, dass die Menschen, die Produkte anfertigen, genauso stolz auf diese Dinge sein können, wie wir es in unseren Arbeitsbereichen anstreben -  egal wo sie arbeiten, egal welche Hautfarbe sie haben und egal ob sie in einzelnen Bereichen ihres Lebens Defizite haben. Und die Zahl der Menschen, die auf sinnvolle Produkte achten, steigt deutlich, was wir beispielsweise an der zunehmenden Zahl von Bio-Produkten sehen. Deswegen wird auch entia mit einer großen Auswahl an sinnvoll hergestellten, nachhaltigen Produkten erfolgreich sein.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

Kommentare

  • Alwin Maibach

    14.08.11 (12:00:36)

    HLLO mICHAEL;

    Es ist schon beeindruckend, mit welcher Leidenschaft, Du Dein neues Gesch?ftsmodell darstellst. Das Interview regt sehr zum Nachdenken an ?ber eigene Konsumgewohnheiten, ?ber ?bernommenene Vorurteile. Doch wenn man dann auf entia geht und die Produkte sieht, versteht man noch mehr, was Du meinst. Ich werde die Site jedenfalls auf meiner und meiner ehemaligen Gesch?ftspartner verlinken, damit auch viele andere aufmerksam werden.
    Weiterhin viel Gl?ck!
    Alwin

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer