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03.03.11Kommentieren

Interview mit Marc Rexroth, reditum.de

"Momentan bin ich noch das Mädchen für alles."

Nach seiner ersten Gründung hat Marc Rexrodt Blut geleckt und wollte es noch einmal wissen. Nun hat er sich der Produktion von Recyclingmöbeln verschrieben - eine Materie, in die er sich vollkommen neu einarbeiten musste - aber das erfahren Sie alles hier im Interview!

förderland: Hallo Marc, heute wollen wir Dich ein wenig zu Deinem Online-Shop aushorchen, den Du kürzlich initiiert hast. Was verkaufst Du uns also?

Marc Rexroth: reditum hat sich Recyclingmöbeln verschrieben. Für die Möbel werden also nur gebrauchte Materialien verwendet, die ihren eigentlichen Verwendungszweck bereits hinter sich haben. Leider leben wir heute in einer Wegwerfgesellschaft und wissen vielmals den eigentlichen Wert von Rohstoffen nicht mehr zu schätzen. Bei reditum geht es darum, den Lebenszyklus der Rohstoffe zu verlängern und zu zeigen, dass vieles eigentlich noch viel zu schade für die Verwertung ist. Denn wie man sieht, kann man ja noch einiges daraus machen. Der Webshop ist nun der erste Schritt zum Verkauf und ergänzt den klassischen Vertriebskanal über stationäre Händler.

Du kommst doch eigentlich gar nicht aus der Möbelbranche - über welchen Umweg bist Du an das Thema Möbelvertrieb gekommen?

Rexroth: Ich hatte immer schon großes Interesse an handwerklichen Aufgaben. Bereits als kleines Kind habe ich viel Zeit in der Werkstatt verbracht. Später ist dann aber das Interesse an wirtschaftlichen Themen in den Vordergrund gerückt, und ich habe begonnen, Betriebswirtschaft zu studieren. Am Ende des Studiums stellte sich dann die typische Frage nach der Art des Jobs. Aber eigentlich war mir klar, dass ich unbedingt in die Selbstständigkeit möchte. Die Idee mit den Recyclingmöbeln kam mir irgendwann zwischendurch, da mich das Thema Nachhaltigkeit schon länger interessiert. Ich habe dann etwas Recherche betrieben und fand die Idee faszinierend. Und dann war da noch der Reiz, sich in etwas komplett Neuem zu probieren, denn ich habe ja weder Design studiert noch eine handwerkliche Ausbildung absolviert. Mir ist es wichtig, selbst etwas zu bewegen und meine Ideen und Werte zu vertreten. Ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, ein Produkt zu verkaufen, hinter dem ich nicht hundertprozentig stehen kann.

Wie läuft eigentlich die ganze Wertschöpfungskette bei Euch ab? Wer designt, wer fertigt, wer vertreibt, wer liefert? Und wie hast du das ganze aufgebaut?

Rexroth: Momentan bin ich noch das Mädchen für alles. Ich gründe reditum aus Eigenkapital und kann mir noch keine Angestellten leisten. Das hat zwar den Nachteil, dass nicht so viel für den Geschäftsaufbau geleistet werden kann, wie ich es gerne hätte - es fehlt einfach an Zeit. Zugleich genieße ich aber auch die Abwechslung: Werkstatttag, Schreibtischtag, Akquisetour. Ich mache momentan in vielen unterschiedlichen Feldern intensive Erfahrungen und das macht unheimlichen Spass. Für dieses Jahr suche ich zur Unterstützung allerdings einen Praktikanten, der Interesse am Mitaufbau von reditum hat und auch gerne selbstständig arbeitet. An dieser Stelle muss aber auch ausdrücklich erwähnt werden, dass reditum nichts ohne die großartige Unterstützung vieler Personen wäre!

Beim Design von moveo. arbeitete ich zum Beispiel mit Martin Sessler aus Heidelberg zusammen. Ihn habe ich kennengelernt, als ich Anfang 2010 ein Praktikum in einer Schreinerei machen wollte. Obwohl ich keinerlei professionelle Erfahrung vorzeigen konnte, hat er zugestimmt. Ich habe dann knapp drei Monate im Betrieb mitgearbeitet. Daraus ist inzwischen eine echte Freundschaft entstanden und ich wüsste nicht, wo ich ohne seine Unterstützung heute stehen würde. In seiner Werkstatt findet übrigens auch die komplette Prototypenentwicklung statt.

Für zukünftige Designs ist aber die Zusammenarbeit mit Jungdesignern und Designstudenten geplant. Denn daraus ergeben sich für beide Seiten
Vorteile: der Designer muss sich nicht um den Vertrieb seiner Produkte kümmern; und reditum hat die Möglichkeit, immer ein frisches Design zu liefern. Nach einigen Gesprächen mit Jungdesignern besteht da großes Interesse.

Beschaffung und Organisation der Rohmaterialien laufen auch noch über mich. Ich bin aber auf der Suche nach einem externen Partner, der das übernehmen kann. Die Fertigung der Produkte findet in Kooperation mit Behindertenwerkstätten statt. Den Einbezug dieser sozialen Komponente halte ich für sehr wichtig und ist als fester Bestandteil in der Unternehmensphilosophie integriert. Und da ich ja eigentlich BWL studiert habe, bin ich natürlich auch für Vertrieb und Organisation zuständig. Dort sehe ich mich zukünftig hauptsächlich angesiedelt. Das ist eben mein Steckenpferd...

Auf Deiner Webseite schreibst Du, dass sich die ganze Sache ein wenig in die OpenSource-Richtung entwickeln soll: Wie genau soll das ablaufen?

Rexroth: Ich sehe reditum als eine Partizipationsplattform. Interessierte sollen sich am Firmengeschehen beteiligen können. Aber auch untereinander vernetzen. Zum Beispiel durch Abstimmungen, Kritik, Diskussionen, eigenen Ideen et cetera. Im Kleinen läuft das bereits. Ende letzten Jahres gab es auf dem Blog zum Beispiel eine Abstimmung über das Firmenlogo. Aus drei Entwürfen konnten die User ihren Favoriten auswählen. Der Gewinnerentwurf wurde dann zum endgültigen Logo weiterentwickelt. Die Teilnehmerzahl der Abstimmung lag weit über meinen Erwartungen und hat viel positive Resonanz erzeugt.

Auch auf Messen diskutiere ich ganz bewusst mit Besuchern über die Produkte und versuche nicht, ein einseitiges Verkaufsgespräch zu führen. Sehr viele Anregungen aus diesen Gesprächen sind inzwischen in Produkte und Unternehmen eingeflossen. Letztendlich ist es für mich ja auch eine große Bestätigung und Motivation, dass fremde Menschen sich die Zeit nehmen, sich mit meinem Projekt auseinander zu setzen!

Während des Geschäftsaufbaus soll die Webseite mehr und mehr in diese Dialogrichtung entwickelt werden. Denn jeder Mensch denkt anders und jedes Gespräch ergibt neue Anregungen für beide Seiten. Ich bin davon überzeugt, dass man in der Gemeinschaft mehr erreichen kann. Deshalb ist jeder herzlich eingeladen, die Zukunft von reditum mitzugestalten.

Das Schwierigste an einem Online-Shop ist doch sicherlich nicht, allein ein interessantes Produkt anzubieten, sondern es an den Mann zu bringen! Wie willst du das bewerkstelligen?

Rexroth: Da sprichst du ein wichtiges Thema an, mit dem gerade die Möbelbranche immer noch sehr stark zu kämpfen hat. Denn viele Kunden möchten ein Möbelstück vor dem Kauf anfassen können und live sehen. Die Akzeptanz für Internetkäufe hat sich über die letzten Jahre zwar deutlich gesteigert, ist aber im Vergleich, zum Beispiel zu Elektronikartikeln, noch merklich geringer.

Ich denke, das A und O ist der Vertrauensaufbau. Komme ich auf eine Webseite, die optisch gut gestaltet ist, dann habe ich einen positiven ersten Eindruck. Werden dann noch Kontaktmöglichkeiten hervorgehoben und zum Beispiel Features wie detaillierte Bebilderung, interaktive Elemente und Kundenbewertungen bereitgestellt, vertieft sich dieses Gefühl. Auch akzeptierte Zahlungsmittel und Gütesiegel für sicheres Einkaufen helfen hier. Aber das sind nur ein paar wichtige Eckpunkte.

Leider sind die oben genannten Kriterien auf www.reditum.de größtenteils noch nicht umgesetzt. Es liegt zwar schon ein fertig ausgearbeitetes Webseiten-Konzept in der Schublade. Aber Webdesign ist eine verdammt teure Dienstleistung...

reditum, so hat mir Google verraten, ist nicht Deine erste Gründung. 
Erzähl doch unseren Lesern kurz, was Du zuvor angepackt hast!

Rexroth: Richtig. Während des Studiums habe ich zusammen mit einem Kommilitonen casiam gegründet. Mit dieser Firma importieren wir originalgetreue Replikate der chinesischen Terrakotta-Armee und vertreiben sie über unseren Webshop www.casiam.de. Ich habe zu der Zeit in Peking gelebt und wollte die angelernte Theorie in einen praxisnahen Bezug setzen. Das hat sich auch für den Rest des Studiums als sehr hilfreich erwiesen. Man kann das Gelernte einfach in einen großen Kontext setzen. Außerdem glaube ich, dass ich ohne diese erste Gründung mit all ihren Erfahrung nicht den Mut gehabt hätte, mich jetzt mit reditum selbstständig zu machen.

Wann hast Du gemerkt, dass Du einen Sinn fürs Geschäftemachen/ Gründen hast?

Rexroth: Konkret war das während des Studiums und dem Geschäftsaufbau von casiam. Ich entwickle einfach sehr gerne Geschäftsmodelle/ Strategien und brauche eine abwechslungsreiche Tätigkeit. In einem Großraumbüro könnte ich wahrscheinlich nicht überleben. Aber eigentlich war ich schon immer sehr eigenständig und habe auch kein Problem damit, mir meinen Rucksack zu schnappen und alleine auf Reisen zu gehen.

Dann hast Du gewiss auch noch weitere Ideen, wo willst Du Dich in Zukunft hinbewegen? Welche Projekte stehen an?

Rexroth: Haha. Weitere Ideen gibt es in der Tat. Aber wir wollen mal nichts überstürzen! reditum steht derzeit ganz am Anfang und braucht meine volle Aufmerksamkeit. Das wird auch die nächsten Jahre so sein. 
Ein erfolgreiches Unternehmen gründet sich ja schließlich nicht von alleine. Außerdem möchte auch casiam immer wieder Aufmerksamkeit und dazu betreue ich noch eine weitere Firma in Vertrieb und Marketing. Ich bin also momentan ganz gut ausgelastet!

Noch zum Abschluss: Was würdest Du gerne besser können?

Rexroth: Tja, die Organisation! Verschiedenen Aufgaben das richtige Zeitfenster zuzuordnen fällt mir oftmals noch schwer. Ich verzettel mich gerne in einer Aufgabe und lasse sie nicht mehr los, bis sie für mich 100 Prozent zufriedenstellend gelöst ist. Dabei vergesse ich, dass manchmal auch 90 Prozent reichen und eine andere Arbeit eigentlich gerade viel notwendiger gemacht werden müsste. Aber ich übe mich in Strukturierung und erlebe manchmal sogar schon lichte Momente ...

Ich danke Dir für Deine Zeit, Marc, viel Erfolg!

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