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11.11.10Kommentieren

Interview mit Sarah Breilmann, Teilnehmerin am Startup Bootcamp

"Mit einem Studium in BWL hatte ich dies natürlich schon alles theoretisch gelernt, aber offen gesagt, die Realität sieht ganz anders aus"

Das Startup Bootcamp in Kopenhagen ist eine attraktive Veranstaltung: 10 Gründerteams bekommen im Austausch für eine relativ kleine Unternehmens-Beteiligung die Chance auf ein 3-monatiges Intensivgründen in gratis Office-Space. Zudem wird ein schneller Zugang zu wichtigen Branchenkontakten und Investitionskapital gewährt. In einem dieser zehn Teams hat sich auch eine junge Deutsche wiedergefunden und berichtet uns heute, wie es ihr und ihrem Start-up in Dänemark ergangen ist. Lauschen Sie Sarah Breilmanns überaus sympathischen Schilderungen hier im Interview.

Sarah Breilmann, startup bootcampSarah Breilmann, startup bootcamp

Guten Tag Frau Breilmann. Wir unterhalten uns heute aus zweierlei Gründen. Erstens: Um etwas über Sie und Ihr Start-up-Projekt "Ruby and Revolver" zu erfahren und zweitens: Damit Sie uns über Ihre Erfahrungen mit dem Startup Bootcamp berichten. Nun also der Reihe nach: Stellen Sie sich doch bitte kurz vor! Wer sind Sie und was haben Sie gelernt?

Sarah Breilmann: Ich bin 24 Jahre alt, komme aus Deutschland und habe in den vergangenen vier Jahren in London studiert. Nach einem Bachelor Abschluss in Business Studies (so eine Art BWL) an der Cass Business School habe ich einen Master in Management an der London School of Economics (LSE) drangehängt. Meine Interessen liegen vor allem im Bereich Strategisches Marketing und Innovationen. Ich konnte erste Arbeitserfahrungen unter anderem im Marketing bei T-Mobile UK und in der Strategischen Unternehmensberatung gewinnen. Schon seit längerem hege ich den Wunsch, meine eigene Firma zu gründen. Während meines Bachelors hatte ich bereits ein "Enterprise and Innovation" -Modul absolviert und dort mein Interesse für das Unternehmerische entdeckt. Im vergangenem Jahr arbeitete ich neben meinem Studium, für ein junges Start Up-Unternehmen.

Sie haben Ihr Startup im Rahmen des Startup Bootcamps gegründet. Wie sind Sie auf das Projekt aufmerksam geworden und wie lief die Bewerbung?

Breilmann: Um offen zu sein, unsere Start-up Idee war zu Beginn ein Universitäts-Projekt. Während meines Master Studiums an der LSE hatten wir einen Kurs namens "Enterprise Development". Im Rahmen dieses Kurses  mussten wir uns eine Geschäfts-Idee ausdenken und eine Art Business Plan erarbeiten. Der Kurs wurde von einer Venture Capital Firma namens Rainmaking begleitet und die Partner von Rainmaking, im Besonderen Carsten Kolbeck, standen als Mentoren für Fragen zur Verfügung. Zur abschließenden Präsentation unseres Projektes waren zwei Rainmaking Partner anwesend. Von den insgesamt 16 Teams wurden drei ausgewählt, die nach Meinung von Rainmaking das Potenzial hatten, sich für das Startup Bootcamp zu bewerben. Rainmaking ist einer der Investoren des Startup Bootcamps. Bis zu jenem Zeitpunkt hatten wir als Team noch nichts vom Startup Bootcamp gehört, fanden die Idee, an einem Start-up Accelerator teilzunehmen, jedoch sehr aufregend. Also haben wir uns mit einem vorläufigen Team von zwei Leuten fürs Camp beworben. Die Bewerbung war Online und da wir im Rahmen unseres Universitäts-Projekts schon einen kompletten Business Plan geschrieben hatten, fiel es uns nicht schwer, die angeforderten Fragen zu beantworten.  Nachdem die Bewerbung abgeschickt war, hieß es erst einmal warten. Von den über 100 Bewerbungen wurden ca. 30 Teams nominiert und zu Interviews eingeladen. Unser Interview fand in London statt mit Carsten Kolbeck und Alex Farcet, beides Startup Bootcamp Co-Founders. Nach unserem Interview hieß es noch einmal zittern, da wir unter die letzten 16 Teams kamen, aber nur zehn Teams fahren konnten. Als dann der alles entscheidende Anruf von Alex kam, dass wir eines der zehn Teams seien, waren wir sehr erleichtert, happy und gleichzeitig super aufgeregt dabei sein zu dürfen.

Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Kopenhagen gefahren? Und wurden diese erfüllt? Übertroffen? Oder gar enttäuscht?

Breilmann: Es ist schwer zu sagen, mit welchen Erwartungen wir nach Kopenhagen gefahren sind. Für uns war es mehr wie ein Wirrwarr der Gefühle.Wir hatten ja nicht lange Zeit, uns auf Kopenhagen vorzubereiten oder zu realisieren, was es eigentlich bedeutet, seine eigene Firma zu starten. Eben waren wir noch im Universitäts Hörsaal und auf einmal standen wir vor 60 Mentoren, alles gestandene Männer (leider sind ca. 95 Prozent unserer Mentoren männlich), die schon einige Firmengründungen hinter sich oder eine hohe Position in einer großen Firma innehaben oder hatten.

Da wir noch so jung sind (ich bin mit 24 Jahren die Älteste in meinem Team, meine Co-Founder sind beide 22) war die größte Erwartung für uns, das Handwerk des Unternehmers zu lernen. Zu lernen, wie man eine Firma gründet, was es bedeutet, eine Firma von Grund auf aufzubauen, wie man die ersten Kunden aquiriert etc. Mit einem Studium in BWL hatte ich dies natürlich schon alles theoretisch gelernt, aber offen gesagt, die Realität sieht ganz anders aus. In diesem Sinne kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass meine Erwartungen übertroffen wurden. Ich hätte es mir nie so schwer vorgestellt, eine Firma zu gründen. Wahrscheinlich waren wir da ein wenig naiv.

Natürlich war auch eine von den Erwartungen, dass man sich ein gutes Netzwerk mit den über 60 Mentoren aufbaut, was auch noch nach dem Startupbootcamp bestehen bleibt. Auch in diesem Sinne wurden unsere Erwartungen übertroffen.

Nun wurden Sie während der drei Monate vom Bootcamp unterstützt, worin bestand diese Hilfe genau?

Zum einen haben alle Teams "seed money" erhalten (25,000 DKK pro team). Zum anderen wurde für alle Teams Office Space gewährleistet.

Am wichtigsten fanden wir, wie schon erwähnt, die über 60 Mentoren, die uns über die drei Monate hinweg begleitet und unterstützt haben. Über dies hinaus haben uns unsere Mentoren auch wiederum mit Leuten, aus ihrem eigenen Netzwerk bekannt gemacht, die für uns relevant sein könnten. Nach dem ersten Monat war es für uns ganz klar, dass wir ca. sieben Mentoren hatten, mit denen es auf allen Ebenen gestimmt hat. Mit diesen haben wir dann den Rest der Zeit eng zusammen gearbeitet. Hilfestellung geschah in vielerlei Hinsicht. Einige Mentoren haben uns geholfen, unser Business Modell zu entwickeln und waren wie ein Sounding Board. Da wir ständig von allen Seiten Feedback bekamen und Ratschläge oft widersprüchlich waren, war es um so wichtiger für uns jemanden zu haben, der hilft, Perspektive zu geben und Sinn aus dem Dschungel von Ratschlägen zu machen.

Andere Mentoren haben uns konkreter geholfen, wie z.B. die ersten Verkäufe zu realisieren.

Nicht zu vergessen ist natürlich, dass das Startupbootcamp am Ende der drei Monate einen "Investor Day" organisiert, zu dem Investoren aus verschiedenen Ländern kommen und sich unseren pitch anhören. Das ist natürlich etwas besonderes das man auf einen Schlag die Möglichkeit hat, sein Unternehmen vor über 50 potenziellen Investoren zu präsentieren.

Wie kam die Idee zu Ruby&Revolver zustande und worum geht es da eigentlich genau?

Breilmann: Ruby&Revolver war die Idee meiner Co- Founderin Anu Adedoyin. Wie gesagt, wir brauchten eine Idee für unser Universitäts-Projekt. In einer Brainstorming Sitzung meinte Anu, die selber aus Nigeria kommt, "also, Schwarze Frauen haben unheimliche Probleme, hier in Europa Jeans-Hosen zu finden. Wir haben andere Proportionen und mit unseren breiten Hüften finden wir nie Jeans die passen". Zu dem Zeitpunkt waren wir noch zu fünft in einem Team, vier Mädels und ein Junge, und die anderen beiden Mädels und ich antworteten  entrüstet "Ehrlich gesagt, sind es nicht nur Schwarze Frauen die keine Jeans-Hosen finden! Wir kommen alle aus Deutschland, finden aber auch keine passenden Hosen!". Nach weiterer Recherche fanden wir heraus, dass ca. 80 Prozent aller Frauen Probleme haben, Jeans-Hosen zu finden, die passen. Das liegt daran, dass die Mode-Industrie Hosen produziert, die nach Modellen geschnitten werden, die nicht der Realität von Frauenkörpern entspricht.

Ruby&Revolver löst in diesem Sinne das Problem, da wir maßgeschneiderte Jeans-Hosen online anbieten und verkaufen. Diese Jeans werden nach den genauen Maßen unserer Kunden hergestellt.

Wie weit konnten Sie das Projekt innerhalb der drei Monate entwickeln?

Breilmann: Am Anfang hatten wir nicht viel mehr als eine Idee, eine Vision, als wir in Kopenhagen ankamen. Den ersten Monat verbrachten wir damit, mit unseren Mentoren unser Business Modell auseinander zu nehmen, unsere verschiedenen Hypothesen zu analysieren und mussten natürlich in mancher Hinsicht von unserem ursprünglichen Modell abweichen. Z.B. wollten wir zu Beginn unsere Jeans für "Value for Money" verkaufen. Schnell mussten wir aber realisieren, dass es als kleines Start Up fast unmöglich ist, mit den Großen- wie z.B. Levis- im Preis zu konkurrieren. Diese Unternehmen haben weltweite Produktionen und die verschiedenen Teile der Jeans werden jeweils in dem Land produziert, wo es am billigsten ist. Als kleines Unternehmen ist das natürlich nicht möglich.

Innerhalb der letzten zweieinhalb Monate haben wir also unser Business Modell entwickelt, unsere supply chain aufgebaut und einen Hersteller in Italien gefunden, der unsere Jeans produziert. Wir arbeiten mit zwei Mode Designern zusammen, die daran arbeiten, einen Prozess zu entwickeln, der unsere Produktion standardisiert und wir somit Kosten einsparen. Wir haben unsere ersten zahlenden Kunde und eine Website, die vollständig funktional ist.

Und wie ist es Ihnen persönlich in Dänemark ergangen? Hatten Sie bereits vorher Verbindungen dorthin oder betraten Sie ganz neues Terrain?

Breilmann: Für mich war Dänemark ganz neues Terrain. Nach den ersten Eindrücken sind die Dänen auch nicht wirklich sehr offen, was Neuankömmlinge angeht. Insofern ist es nicht so einfach, neue Bekanntschaften zu machen. Auch die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig. Das Gute ist, dass die Startup Bootcamp Teams aus aller Welt sind, und da wir alle in der gleichen Situation sind haben wir viel zusammen gemacht! Wir arbeiten zwar alle viel und lange, haben aber auch alle viel von Kopenhagen gesehen. Kopenhagen ist ein richtig tolle Stadt! Und das Feiern gehen kann sich auch sehen lassen!

Wie ist es denn um die Nachhaltigkeit Ihres Projekts und auch der anderen neun bestellt? Besteht bei allen Teams der unbedingte Wunsch, ihre Start-ups auch weiterzuführen?

Breilmann: In unserem Team besteht auf jeden Fall der Wunsch, das Startup weiter zu führen. Es besteht natürlich immer das Risiko, dass es doch nicht klappt, aber wir sind in den letzten drei Monaten so weit gekommen, dass es schade wäre, jetzt aufzugeben! Immerhin haben wir inzwischen auch unsere Limited gegründet mit Sitz in London.

Ich denke es geht den meisten Teams ähnlich! Wir sind inzwischen alle an einem Punkt, wo wir nicht mehr viel Zeit brauchen, um zu beweisen, dass unser Business erfolgversprechend ist. Es hängt natürlich auch einiges vom "Investor Day" ab, der am 9. November hier in Kopenhagen stattfindet. Einige von uns haben kein Erspartes und leben jetzt schon von der Hand in den Mund. Ohne ein Investment wird es für manchen von uns schon schwer, das Business weiterzuführen!

Gestaltet sich die Weiterführung eines Start-ups nicht schwierig? Schließlich wohnen die Team-Mitglieder in der Regel doch nicht nah bei einander?

Breilmann: Die Wohnsituation ist das geringste Problem! Wenn man wirklich von seiner Idee überzeugt ist, dann sollte die Wohnsituation kein Hindernis sein, selbst wenn es bedeutet, dass man in ein anderes Land ziehen muss.

Gab es auch Dinge, von denen Sie denken, dass man sie beim nächsten Startup Bootcamp noch verbessern könnte?

Breilmann: Natürlich! Dieses war das erste Mal, dass es das Startup Bootcamp in Europa gibt und ich denke, dass die Veranstalter selbst vieles dazu gelernt haben. Z.B. war es unheimlich schwer und zeitraubend für unsere Teams, am Anfang eine Wohnung zu finden. Dies wurde von Startup Bootcamp unterschätzt, uns keine ausreichende Hilfe bei der Wohnungssuche zu geben.

Gab es auch einen regen Austausch unter den Teams? Oder werkelte jede Truppe nur für sich?

Breilmann: Der Austausch zwischen den Teams ist das, was so ein Programm besonders macht! Wir Teams haben uns von Anfang an gegenseitig unterstützt! Wir haben uns gegenseitig als Testpersonen für unsere Websites genommen, haben uns Feedback gegeben etc. Wir haben schon feste Pläne, auch nach dem Startup Bootcamp in Kontakt zu bleiben.

Welche positiven Erfahrungen nehmen Sie mit nach Hause?

Breilmann: Zum einen habe ich auf jeden Fall viele neue Freunde gewonnen, mit denen ich persönlich, wie auch professionell, in Zukunft in Kontakt bleiben werde.

Zum anderen habe ich drei sehr harte aber auch erfolgreiche Monate hinter mir, in denen ich viel gelernt habe und mich persönlich weiter entwickeln konnte.

Als positive Erfahrung nehme ich mit, dass ich es geschafft habe, innerhalb von drei Monaten eine Firma, ein Business auf die Beine zu stellen und sogar die ersten Verkäufe zu machen- und das, ohne vorher große Erfahrungen in der Geschäftswelt zu haben. Ich nehme auch als positive Erfahrung mit, dass, wenn man einen Traum hat und hart dafür arbeitet, dass er Wirklichkeit werden kann. Es gibt so viele Leute, die in großen Firmen sitzen und unzufrieden mit sich und dem sind, was sie beruflich machen. Ich habe so viele Leute kennen gelernt, die den Mut hatten was dagagen zu machen und ihren Traum verwirklicht haben.

Was denken Sie? Stehen die Skandinavier dem Gründen anders gegenüber als wir in Deutschland?

Breilmann: Eindeutig ja. Sie sind risikofreudiger, stehen den Sachen etwas relaxter gegenüber und hier in Skandinavien muss nicht wie in  Deutschland alles nach dem Regelbuch gehen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind sehr wichtig. Auch Konkurrenz ist keine Hürde und dem jungen Geschäftsgründer wird seine Unerfahrenheit nicht zum Nachteil, sondern eher zu einem Bonus für den aufgebrachten Mut, sich der Verwirklichung einer Geschäftsidee zu stellen.

Ich danke Ihnen recht herzlich für das Interview und wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg!

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