<< Themensammlung Gründung

Aktuelle News für Gründer Selbstständige und Unternehmer

23.07.10Kommentieren

Interview mit René Leue, WELTRAD manufactur

"Mit einem gelungenen Konzept ... und dem gewissen Feuer in den Augen lässt sich auch im Osten eine Bank überzeugen."

In Schönebeck, einem kleinen Städtchen in Sachsen-Anhalt, gar nicht weit von der Elbe entfernt, ertönt ein Hämmern und Klopfen und ab und zu auch ein Klingeln. Die Geräusche kommen aus einer kleinen gelb getünchten Fachwerk-Halle, in der zwei Freunde sich einen Traum erfüllt haben: Zusammen setzen sie die Tradition einer längst untergegangen geglaubten Schönebecker Fahrradmarke fort und fertigen Räder, die ihres Gleichen suchen. Wie das alles anfing und wie es weiterging, das erzählt Ihnen René Leue, der Leiter und Gründer der Manufaktur.

Rene Leue, WELTRAD manufacturRene Leue, WELTRAD manufactur

Guten Tag Herr Leue, heute wollen wir von Ihnen einiges über Ihre kleine Fahrradmanufaktur "WELTRAD" erfahren. Doch zuerst einmal wollen wir wissen, wer denn hinter dieser Unternehmung steht. Also, Herr Leue, was können Sie und was haben Sie schon alles gemacht?

René Leue: Ich habe eine Lehre zum Kfz.- Elektromechaniker (heute Mechatroniker) absolviert und in diesem Beruf einige Jahre gearbeitet. Dann habe ich mein Abitur nachgeholt und ein Umwelttechnikstudium abgeschlossen. Danach habe ich zwei Jahre als Vertriebsingenieur für Umwelttechnik und Landmaschinen gearbeitet. Nach der Insolvenz meines Arbeitgebers habe ich zwischen einem Job in den „alten“ Bundesländern (mit Wohnsitzwechsel oder als Pendler) und einer Selbstständigkeit entscheiden müssen. Meine Familie Ihrer Wurzeln berauben zu müssen, hat den Ausschlag gegeben, eine Firma zu eröffnen. Die Idee hatte mein Freund Göran. Er hatte seit Jahren alte Fahrräder der WELTRAD restauriert. Einer seiner „ersten Kunden“ war ich, mit meinem WELTRAD Fahrrad von 1944! Da ich während des Studiums kein Auto hatte und die Vorzüge eines klassischen Fahrrades von WELTRAD schätzen lernte – bin ich überzeugt gewesen diesen Fahrradtyp neu bauen zu müssen. Mein Freund wurde zum Geschäftpartner, ohne selbst ein finanzielles Risiko eingehen zu müssen.

Bitte erklären Sie unseren Lesern doch, was Sie da eigentlich für Fahrräder herstellen in Ihrer Manufaktur!

Leue: Hier werden klassische Fahrräder nach alten Bauplänen für jeden Kunden individuell und auf Maß gefertigt. Sie sind deutlich länger und größer als heutige Modelle. Sie sind nicht nervös, laufen geradeaus, sind zeitlos schön und robust. Man reist beschwerdefrei und flott über lange Distanzen. Schmerzende Handgelenke mit brummenden Fingern und ein tauber Schritt sind undenkbar!  Bereichert wird die traditionelle Rahmengeometrie und die gemuffte Rahmenbauweise um die Vorzüge der heutigen Technik und neuer Materialien. Eine Verbindung aus Tradition und Moderne – deutlich robuster und bequemer als ein modernes Fahrrad und individueller als ein restauriertes Fahrrad.

Wann kamen Sie auf die Idee, die alten Fahrradmodelle wieder aufleben zu lassen? Und warum ausgerechnet die WELTRAD-Marke?

Leue: Ich bin in Schönebeck geboren und auch sehr Stolz auf Schönebecks Geschichte. Hier wurden bis 1948 sehr stabile und zuverlässige Fahrräder mit Weltruf gefertigt. Technisch revolutionäre Neuerungen wie das autogene Schweißen wurden deutschlandweit erstmals bei der WELTRAD eingeführt. Die elektromagnetische Zündung wurde auf dem WELTRAD Gelände erfunden, man fertigte sensationelle Schreibmaschinen, baute Kinderwagen, Automobile und Motorräder. Da kam ein Markenimport nicht in Frage.

Gab es Schwierigkeiten, sich die Marken, bzw. Patent-Rechte an WELTRAD zu sichern? Oder waren die längst herrenlos und abgelaufen?

Leue: Nein gab es nicht. Wir haben uns mit einem Nachfahren der WELTRAD in Verbindung gesetzt, um Ihn zu informieren und sind in offene Arme gelaufen.

Wie kommen Sie an Ihre Kundschaft? Hauptsächlich über das Internet?

Leue: Nein. Ein erklärungsintensives Produkt verkauft man nicht über Bildchen und Button. Man muss den Kontakt auf Messen suchen, sein Produkt erklären, es zeigen, anfassen und Probe fahren lassen. Danach wird dann auch über das Internet gekauft. Es ist eine Synergie aus traditionellem Werben und moderner Werbung. Genau wie beim Produkt auch.

Sicherlich mussten doch auch Investitionen getätigt werden? Man denke nur an geeignete Gebäude, Maschinen oder Arbeitskräfte ... Wie haben Sie das alles finanziert?

Leue: Mit einem gelungenen Konzept, Glaubwürdigkeit, Engagement und dem gewissen Feuer in den Augen lässt sich auch im Osten eine Bank überzeugen. Eigenmittel hatte ich, außer meiner Arbeitskraft, nicht.

Momentan liefern Sie zwei Grundmodelle aus: Das WELTRAD-Herrenrad und das WELTRAD-Damenrad. Soll in Zukunft noch mehr dazu kommen?

Leue: Natürlich geht es weiter - aber ein gutes Produkt braucht seine Zeit und seinen individuellen Zeitpunkt. Bevor ich nicht vollends von einer neuen Sache überzeugt bin und die innere Struktur der Firma eine neue Herausforderung verkraften kann, werde ich meine Kräfte nicht zerfasern.

Erzählen Sie uns als Laien doch: Was braucht man eigentlich alles, um eine Fahrrad-Manufaktur aufzubauen?

Leue: Die Fahrradbranche ist ein seit Jahren hart umkämpfter Markt. In jeder Stadt gibt es viele Verkaufsstellen mit sehr vielen Marken. Zurzeit werden dem Kunden Fahrräder nachgeworfen. Hier spielt man sofort in der ersten Bundesliga; eine Regionalliga oder Kreisklasse zum Warmspielen gibt es nicht. Ich hole so weit aus, um zu rechtfertigen warum ich keine Werkzeuge, Maschinen und Anlagen, Büroausstattung, Fahrzeuge, Messestände, Website, Onlineshop usw. aneinander reihe – sondern ganz kurz auf das wirklich Wesentliche reduziere:

  • Mut und Entschlossenheit
  • Ausdauer
  • Glauben
  • Glück
  • Fleiß
  • Lockerheit
  • Fairness
  • Gesundheit
  • und vor allem einen Schuss Wahnsinn

Sind Sie beim Aufbau Ihrer Firma auch Schwierigkeiten begegnet, die Sie im Vorhinein nicht bedacht haben? Die Sie im Nachhinein doch lieber anders angegangen hätten?

Leue: Nein. Viele Dinge sind schwieriger geworden als anfangs vermutet, aber auch das weiß man ja bereits vorher von Oma und Opa. Manchmal wünschte ich mir rückwirkend - doch gleich mit mehr Geld und Ausstattung gestartet zu sein – das hätte womöglich die schweren Anfangsjahre erleichtert.

Wer sind Ihre Kunden? Kann man das ein wenig über einen Kamm scheren?

Leue: Meine Kunden sind die besten Kunden der Welt! Sie sind häufig echte Persönlichkeiten zu denen man aufschauen kann. Sie stehen im Leben und sind optimistisch. Das ist der Kamm, über welchen man meine Kunden scheren kann.

Zum Abschluss bitte: Wo sehen Sie sich und Ihr Geschäft in fünf Jahren? Was wird sich getan haben?

Leue: Zurzeit trage ich mich mit dem Gedanken mit der WELTRAD manufactur direkt an das Elbufer zu ziehen. Dort, direkt am Elberadweg, meine kleine Bett & Bike Pension zu vergrößern, eine Gastronomie mit Biergarten und Elbblick sowie einen kleinen Bootsverleih zu errichten. Meinen alten Geschäftspartner und geistigen Mitgründer der WELTRAD manufactur – Göran - mit seinem Fahrradladen möchte ich gern in das Konzept integrieren, um endlich täglich an einem Strick ziehen zu können. Möglich ist dann alles.

Ich bedanke mich für das Interview und wünsche Ihnen viel Glück!

Kommentare

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer