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10.08.09Kommentieren

Interview mit Dr. Stephan Stubner, HHL

"Insgesamt fehlt es also in Deutschland noch an einer Gründerkultur, in der man in Möglichkeiten und nicht in Risiken denkt"

Die HHL - Leipzig Graduate School of Management ist Deutschlands älteste betriebswirtschaftliche Hochschule und hat zahlreiche erfolgreiche Start-ups und Gründerpersönlichkeiten hervorgebracht. Im Interview mit förderland erklärt Dr. Stephan Stubner, Akademischer Direktor der Entrepreneurship-Ausbildung an der HHL, mit welchen Konzepten das Unternehmertum an der Leipziger Hochschule gefördert wird, wie er die Lage an anderen deutschen Hochschulen einschätzt und wie er das Gründergeschehen in Deutschland bewertet.

Die HHL - Leipzig Graduate School of Management ist Deutschlands älteste betriebswirtschaftliche Hochschule.Die HHL - Leipzig Graduate School of Management ist Deutschlands älteste betriebswirtschaftliche Hochschule.

förderland: Guten Tag Herr Dr. Stubner, würden Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen! Wie sieht ihr beruflicher Background aus?

Dr. Stephan Stubner: Bevor ich an die HHL gekommen bin, habe ich einige Jahre bei einer strategischen Unternehmensberatung gearbeitet und zwei Unternehmen mit gegründet. Heute bringe ich diese Erfahrungen in meine Aufgabe als Akademischer Direktor der Entrepreneurship-Ausbildung an der HHL mit ein. Die HHL ist Deutschlands älteste betriebswirtschaftliche Hochschule und heute eine der erfolgreichsten privaten Universitäten in Deutschland.

Laut einer aktuellen Studie studieren die zufriedensten Studenten Deutschlands an der HHL – was sind Ihrer Meinung nach die Gründe?

Stubner: Da gibt es bestimmt mehrere Gründe. Wir sind eine relativ kleine Universität und haben aus diesem Grund ein sehr gutes Betreuungsverhältnis von Dozenten zu Studenten. Auch unsere administrativen Bereiche sind sehr studentenorientiert und man findet eigentlich immer offene Türen ohne viel Bürokratie. Da unser Studienangebot sehr intensiv ist, lernen sich die Studenten in zahlreichen Gruppenarbeiten gut kennen und es entstehen viele Freundschaften fürs Leben. Nicht zuletzt sind die Karriereaussichten von HHL-Absolventen sehr gut, sei es in klassischen Berufen oder aber auch als Gründer. Dies alles und wahrscheinlich einige Aspekte, die ich jetzt vergessen habe, trägt zum guten Abschneiden bei der erwähnten Studie bei.

Viele tragende Akteure der Gründerszene in Deutschland (z. B. Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski) haben an der HHL studiert; zahlreiche Studenten gründen noch während ihres Studiums an der HHL ein Start-up. Wie entfachen Sie diese Gründungsbegeisterung?

Stubner: Die Gründungsbegeisterung versuchen wir vor allem auf zwei Wege zu entfachen: Inhalt und Vorbilder. Zum einen gibt es ein komplettes Vertiefungsfach Entrepreneurship, das Studenten wählen können. Hier liegt der Fokus einerseits auf den eher mechanistischen Aspekten des Start-up-Lebens wie die Gestaltung von VC-Verträgen, das Durchführen von Marktanalysen oder den Aufbau von Organisationsstrukturen für Start-ups. Darüber hinaus diskutieren wir in den Kursen auch viele Geschäftsmodelle aus New- und Old Economy und setzen uns dadurch mit den Erfolgsfaktoren von Gründungen auseinander. Jeder Student muss z. B. eine Strategic Due Diligence eines Start-ups durchführen, also Markt- und Geschäftsmodell im Detail analysieren und seine Erkenntnisse vor dem ganzen Kurs präsentieren.

Fast noch wichtiger sind aus meiner Sicht aber das Zusammenbringen mit Vorbildern und die Diskussionen außerhalb der Kurse. Wir laden regelmäßig Unternehmer, aber auch Investoren und andere Akteure der Gründungsszene ein, die von ihren Erfahrungen berichten. Der direkte Kontakt mit diesen Vorbildern führt oft dazu, dass sich Studenten selbst eine Gründung überlegen. Und ich kriege auch mit, wie sich die Studenten dann außerhalb der Kurse über Geschäftsmodelle unterhalten, oder schon an eigenen Businessplänen arbeiten.

Ein Businessplan-Seminar ist im Vertiefungsfach obligatorisch. Hier laden wir dann auch externe Forscher z. B. vom Fraunhofer-Institut ein, um gemeinsam mit den BWL-Studenten einen Businessplan zu entwickeln. Alle Geschäftsideen werden dann vor einer Jury aus Unternehmern, Investoren und Akademikern präsentiert und unter Realbedingungen erhalten die Studenten Feedback zu ihrem Businessplan.

Wer sich dann ernsthafter mit dem Gedanken einer Gründung auseinandersetzt, dem bieten wir unser Coaching an, sei es bei Businessplan-Erstellung, Investorengesprächen oder den ersten Geburtswehen nach der Gründung. Auch die HHL-Unternehmer, also Absolventen, die bereits gegründet haben, bringen sich hier immer wieder gerne mit ihren Erfahrungen ein.

Demnächst erweitern wir unser Angebot noch um zwei Elemente. Zum Einen werden wir die Möglichkeit bieten, die eigene Gründungseignung mit einem externen Coach zu ermitteln. Hier geht es vor allem darum, dass sich die Studenten Gedanken machen, was eigentlich Ihre Ziele im Leben sind und inwieweit eine Gründung, gleich im Anschluss ans Studium oder vielleicht auch erst ein paar Jahre später, hier ins Bild passt. Darüber hinaus führen wir eine "Brown-Bag Lunch" Reihe ein, also ein regelmäßiges informelles Zusammenkommen von gründungsinteressierten Studenten und Dozenten, um sich über aktuelle Entwicklungen in der Startup-Szene zu unterhalten oder über Geschäftsmodelle zu diskutieren.

Die meisten anderen deutschen Hochschulen tun sich erfahrungsgemäß schwer, Unternehmensgründung als echte Alternative zum „guten Job nach dem Studium“ zu kommunizieren. Was können andere Unis von der HHL lernen?

Stubner: Viele Gründer hätten vor ein paar Jahren noch gar nicht daran gedacht, dass sie einmal ein Start-up aufziehen. Andere sehen das als Option, aber vielleicht erst nach ein bisschen Berufserfahrung. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema, den Diskussionen mit Kommilitonen und die Gespräche mit erfolgreichen Unternehmern entsteht oft nach und nach der Wunsch, auch selbst zu gründen. An der HHL haben wir daher Entrepreneurship in den regulären Curriculum integriert und es gibt zudem eine übergreifende Zusammenarbeit zwischen den Lehrstühlen, z. B. mit der smile.medibiz Initiative.

Geben Sie uns doch mal einen Überblick über die interessantesten Start-ups, die aus der HHL hervorgegangen sind? Welche Unternehmen/Gründerpersönlichkeiten waren in jüngster Vergangenheit Ihre persönlichen Highlights?

Stubner: In den letzten 10 Jahren sind über 80 Startups von HHL-Absolventen gegründet oder mit gegründet worden. Und aktuell weiß ich von fünf weiteren, die sich noch im Stealth-Mode befinden. Dazu zähle ich noch nicht einmal die vielen Unternehmen, die durch die Aktivitäten von HHL-Alumni als Business Angel oder Investoren gefördert werden, da müsste ich nochmal bestimmt 100 weitere hinzufügen.

Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, jemanden einzeln herauszupicken, aber sicher sind alle Konzepte interessant, die auch durch andere positiv wahrgenommen werden. Da ist natürlich einmal der von Ihnen erwähnte HHL-Alumnus Lukasz Gadowski, der Spreadshirt gegründet hat und jetzt mit Team Europe Ventures einer der aktivsten Investoren in der Internet-Gründerszene ist. Dazu zählen aber auch Unternehmen wie Playnik, die gerade einen Preis von der Internet Business World als beste Geschäftsidee gewonnen haben, Suncoal Industries als Wirtschaftswoche Gründer des Jahres, Gollmann Kommissioniersysteme als KfW-Gründerchampion, trivago.de als Gewinner beim RedHerring Europe Top100 award und all die vielen anderen, die sich selbst in diesen schweren Zeiten noch eine Finanzierung sichern konnten und erfolgreich ihren Geschäften nachgehen wie Hitmeister, MisterSpex, imedo, betreut.de oder billigflieger.de.

Als Persönlichkeit haben mich in den letzten Monaten die Gründer sehr begeistert, die in schwierige Fahrwasser geraten sind und dennoch nicht das Handtuch schmeißen. Und als Begründung höre ich dann nicht, dass man keine Alternativen hat, sondern dass man nicht nur gegenüber sich selbst, sondern auch gegenüber den Mitarbeitern eine Verantwortung übernommen hat und jetzt versucht, die Krise bestmöglich zu überstehen. Das ist echter Unternehmergeist.

Wie würden Sie generell das Gründungsgeschehen in Deutschland bewerten? Fehlt es den deutschen an Gründergeist? Muss der Staat in dieser Hinsicht mehr tun? Oder sind wir im Vergleich zu anderen Ländern eigentlich ganz gut aufgestellt?

Stubner: Unternehmer zu sein ist in Deutschland keine Auszeichnung, im Gegenteil begegnet man einem oft mit einem Stirnrunzeln. Viele Deutsche sind einfach noch in dem Geist erzogen, dass eine Kaminkarriere im Angestelltenverhältnis das Nonplusultra ist. Da steckt man dann als Gründer schnell in einem Teufelskreis. Wenn es gut läuft, hat man ganz schnell die Neider am Hals, wenn es schlecht läuft, kommen wieder die Besserwisser und man steht als Versager da. Die Gründungskultur ist in anderen Ländern wie z. B. den USA viel freundlicher, da wird man als Gründer noch als derjenige gesehen, der etwas bewegt. Und Scheitern ist keine Katastrophe, solange man sich wieder berappelt, aus seinen Fehlern lernt und weitermacht. Insgesamt fehlt es also in Deutschland noch an einer Gründerkultur, in der man in Möglichkeiten und nicht in Risiken denkt. Das wiederum macht das Studieren an einer Universität wie der HHL für Gründungsinteressierte so interessant, da man sich hier in einem Umfeld bewegt, dass dem ganzen Thema sehr positiv gegenüber eingestellt ist.

Gründen selbst ist aber in Deutschland nicht schwer. Hier gibt es viele öffentliche Unterstützungsangebote, sei es bei den IHKs oder den verschiedenen Ministerien. Auch die Seed-Finanzierung ist – eine gute Idee und ein gutes Team vorausgesetzt – in der Regel nicht allzu schwer. Da gibt es EXIST-Förderung, Gründungsdarlehen und eine immer aktivere Business Angel und Investoren-Community. Natürlich muss man auch ein bisschen differenzieren, denn ich spreche hier von innovativen Unternehmen mit sehr hohem Wachstumspotenzial. Für die Gründung eines Schreinereibetriebs oder eines Friseurladens mag das wieder ganz anders aussehen.

Schwieriger ist die Lage, wenn man sich den bürokratischen Aufwand ansieht, den man hat, sobald das Unternehmen aktiv ist. Hier muss der deutsche Staat noch viel nachbessern, um es Unternehmern einfacher zu machen.

Gerade im Web-Bereich hat man oftmals das Gefühl, deutschen Unternehmern fehlt es an Ideen. Da wird viel abgekupfert. Sind deutsche Gründer zu wenig innovativ?

Stubner: Vorreiter im Web-Bereich sind sicher schon immer die USA gewesen. Der typische Web-Gründer in den USA war IT-ler vom Hintergrund und hat sich dann mit BWLern zusammengetan, um für seine Idee ein Unternehmen zu gründen oder weiter zu vergrößern. In Deutschland lief das umgekehrt, da haben sich in der Regel einige BWLer gefunden, die dann IT-ler ins Boot holten, um eine Idee umzusetzen.

Und natürlich haben dann viele Web-Gründer in Deutschland ein Vorbild in den USA oder anderen Regionen gehabt. Wo sollte man vor 10-15 Jahren als BWLer in Deutschland auch das Wissen hernehmen, was mit den neuen Internet-Technologien alles möglich ist? Dennoch würde ich nicht sagen, dass wir Deutsche zu wenig innovativ sind. Denn zum einen haben die meisten erfolgreichen Web-Gründer zwar ein Vorbild genommen, dann aber das Geschäftsmodell, die Umsetzung, die Usability etc. weiterentwickelt. Darüber hinaus entstehen jetzt auch immer mehr eigenständige Geschäftsideen, für die es tatsächlich noch kein großes Vorbild in einem anderen Land gibt. Wir haben heute in Deutschland bei den Gründern ein viel tiefergehendes Verständnis davon, was im Internet alles möglich ist. Und zudem entstehen mehr problemgetriebene Geschäftsmodelle, sprich man entdeckt eine Bedarfslücke im Markt, die man füllen möchte und sucht sich dann die passende Technologie, um dies mit einem Start-up zu tun. Ein Beispiel hierfür sind die Gründer von lecturio.de, die zunächst ein innovatives Konzept für die Aufzeichnung und Wiedergabe von Vorlesungen online entwickelten und sich dann erst die geeigneten Kompetenzen für die Umsetzung gesucht haben.

Dennoch spricht nichts dagegen, eine Geschäftsidee zu nehmen, die woanders schon ein erfolgreiches proof-of-concept geliefert hat und diese im deutschen Markt einzuführen. Das wäre ja auch nicht ganz clever, diese Marktlücke zu sehen und sie nicht bedienen zu wollen.

Welche Erfolgsfaktoren sind Ihrer Erfahrung nach ausschlaggebend für eine erfolgreiche Unternehmensgründung? Gehört nicht immer auch eine Portion Glück dazu?

Stubner: Glück ist immer wichtig. Vieles kann man durch gute Vorbereitung und eine exzellente Umsetzung erreichen, aber vielfach mischt der Zufall die Karten nochmal ganz neu. Sei es, dass man das Window of Opportunity trifft, zufällig mit einem Business Angel am Tisch sitzt, den Lead-Kunden beim Grillen kennenlernt oder eben der erste ist, der auf eine bestimmte Idee kommt.

Aber Glück ist nicht alles, erfolgreich Gründen hat viel mit harter Arbeit zu tun. Und dazu gehört zu wissen, wer mein Kunde ist, was dieser will, wie ich ihn am Besten erreiche und mit wie viel Einsatz ich wie viel Geld verdienen kann. Guy Kawasaki, ein Gründer und Investor aus dem Silicon Valley, hat in einem Vortrag so schön gesagt, dass echte Gründer etwas bewegen wollen und das sieht man auch immer wieder. Erfolgreiche Gründer glauben an ihre Idee und können dies auch vermitteln.

Und sie sollten immer auf ihr Cash-Flow Management achten und daran denken, dass Buchgewinn nicht gleich Einzahlung ist.

Wie denken Sie, wird sich das Unternehmertum in Deutschland entwickeln? Werden Venture-Capital-Geber wieder risikofreudiger werden? Wird die Bundesregierung die Rahmenbedingungen weiter verbessern? Wird die Gründungsbegeisterung zunehmen?

Stubner: Ich glaube nicht, dass Venture-Capital Geber in naher Zukunft risikofreudiger investieren werden, denn die jüngsten Ereignisse auf dem Markt haben alle Akteure vorsichtiger werden lassen. Dennoch sehe ich durchaus, dass gute Ideen mit guten Teams immer noch Geld bekommen. Ich habe auch den Eindruck, dass langsam wieder ein Wettbewerb um die besten Start-ups entsteht, allerdings noch nicht auf Kosten der Bewertung.

Für die Gründungskultur denke ich, sind wir in Deutschland auf einem guten Weg. Immer mehr Hochschulen starten eigene Gründerförderungen, die Länder und der Bund sind sehr aktiv und auch die Medien tun einiges dafür, die Gründungsbegeisterung zu wecken. Wichtig ist aber, dass genügend Risikokapital zur Verfügung steht, damit aus Ideen auch Projekte, Unternehmen und schließlich auch Arbeitsplätze werden können. Dafür sollte der Staat die entsprechenden Rahmenbedingungen sicherstellen. Zudem sollten mehr öffentliche Fördermittel zur Verfügung gestellt werden, was auch makroökonomisch viel Sinn macht. Die meisten Arbeitsplätze wurden in den vergangenen Jahren schließlich nicht durch die Großkonzerne geschaffen, sondern durch innovative Start-ups und Mittelständler.

Vielen Dank für das Interview!

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