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13.11.08Leser-Kommentare

Interview mit Dr. Andreas Muth, IPB Holding AG

"Ich glaube nicht, dass die süddeutschen Bundesländer kreativer sind als der Rest der Republik"

Zur Person Dr. Andreas Muth ist Managing Partner bei der IPB Holding AG. Die von Muth im Jahr 2001 mitgegründete IPB-Unternehmensgruppe ist spezialisiert auf Patentbewertung und -verwertung und hat bereits mehrere Patentverwertungsfonds für den Kapitalmarkt bestückt.

Dr. Andreas Muth ist Managing Partner bei der IPB Holding AG.Dr. Andreas Muth ist Managing Partner bei der IPB Holding AG.

förderland: Herr Dr. Muth, wie ist es um den Ideenreichtum in Deutschland bestellt?

Dr. Andreas Muth: Wie sagte bereits Lothar Spät einmal: "Was nützt etwa ein Spitzenplatz bei den Patenten, wenn ohnehin schon haufenweise Ideen brachliegen, weil es zu wenige Unternehmer gibt und oft auch Banken das unvermeidbare Innovationsrisiko scheuen". Diese Aussage trifft die Situation in Deutschland exakt. Allein beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) werden jedes Jahr mehr als 60.000 Patente angemeldet, jedoch nur ein Bruchteil davon kommt anschließend als ausgereiftes Produkt auf den Markt.

Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, ist es für die deutsche Wirtschaft notwendig, die Ideen, die ja zweifelsohne vorhanden sind, auch in echte Innovationen umzusetzen. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ermittelte beispielsweise, dass derzeit rund 100.000 ungenutzte, aber umsetzungsreife Patente in deutschen Schubladen liegen. In Folge der bislang ausbleibenden Kommerzialisierung dieser Patente entgeht den Unternehmen ein Vermögenszuwachs in Höhe von insgesamt mehr als acht Milliarden Euro. Hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf.

förderland: Woran erkennt man das Potenzial und wie bestimmt man den Wert eines Patents?

Muth: In der Praxis gibt es verschiedene Verfahren der Patentbewertung. Je nach Größe des Portfolios und dem Zweck der Bewertung unterscheidet man zwischen Kosten-, Ertragswert- und Marktwertverfahren. Bei der Bewertung von höherwertiger Ware beispielsweise für einen Patentverwertungsfonds, verwenden wir Ertragswertansätze. Diese Verfahren zielen darauf ab, künftige Einkommensströme eines Patentes, die der Inhaber durch die kommerzielle Nutzung erwartet, zu quantifizieren. Durch Abzinsung dieser zukünftigen Erlöse auf den Bewertungsstichtag kann ein Barwert errechnet und damit auch der Wert des Patents zum Bewertungsstichtag bestimmt werden. Für größere Portfolios ziehen wir quantitative Modelle wie den quantitativen Marktwertansatz heran. Dieser wurde für Banken zur Bewertung der Patentportfolios ihrer Kunden entwickelt und ist auch von einer bekannten Wirtschaftprüfungsgesellschaft testiert. Quantitativer Marktwertansatz heißt, dass man Schutzrechte in Variablen – ähnlich wie bei Immobilien z.B. in die Anzahl der Stockwerke – zerlegt, um sie vergleichbar zu machen. Diese Parameter sind hoch korreliert mit dem Patentwert über viele historische Transaktionen hinweg und erlauben, Rückschlüsse auf den Wert zu ziehen.

förderland: Von der ersten Idee bis zur Patentanmeldung ist es oft ein weiter Weg - wo liegen die größten Hürden?

Muth: Zunächst einmal müssen bestimmte Kriterien erfüllt werden, um eine Idee als Patent schützen lassen zu können. Dazu ist es notwendig, dass es sich um eine technische Erfindung handelt, die neu ist, auf einem erfinderischen Schritt beruht und gewerblich anwendbar ist. Obwohl diese Kriterien logisch klingen, muss beachtet werden, dass einem Erfinder beispielsweise ein Vortrag über seine Idee, den Patentschutz kosten kann. Wir raten deshalb stets dazu, einen Patentanwalt einzuschalten, da insbesondere die Formulierung der Patentansprüche für den Laien oft tückisch ist. Hier kann schon ein einziges (falsches) Wort oder Satzzeichen entscheidend sein, ob das Patent - unabhängig von der Erfindung - einen Wert hat oder nicht.

Grundsätzlich gilt zudem, dass es im vollständig globalisierten Wettbewerb bei der Produktion von Wissen keine zweiten Plätze gibt: Es bekommt in der Regel immer der das Patent, der es als erstes angemeldet hat. Der Zweite geht leer aus. Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, möglichst früh eine Erfindung zum Patent anzumelden. In einigen Technologiefeldern ist es daher ratsam, bereits weit vor der ersten Testphase oder dem Bau eines Prototyps eine Anmeldung anzustreben.

förderland: Wie wichtig ist der berufliche Hintergrund des Entwicklers für die erfolgreiche Umsetzung eines Patents in ein marktfähiges Produkt?

Muth: Einer der erfolgreichsten Erfinder weltweit ist Artur Fischer, der bis 2004 über 5.000 Schutzrechte anmeldete. Der gelernte Bauschlosser erfand unter anderem den Fischer-Dübel und das Konstruktions-Baukastensystem fischertechnik. Natürlich ist es, wie in diesem Fall vorteilhaft, wenn der Erfinder aus seinem beruflichen Hintergrund heraus, eine Idee entwickelt, da er mit den vorhandenen Gegebenheiten, unter anderem dem Stand der Technik und auch der Marktsituation, vertraut ist. Dies lässt sich jedoch nicht pauschalisieren. Unsere Erfahrungen zeigen, dass ein Ingenieursstudium beispielsweise hilfreich sein kann, um ein Idee bis zu einer werthaltigen Innovation weiterzuentwickeln.

förderland: Gerade Start-ups fehlen häufig die finanziellen Mittel, um ein Patent bis zur Marktreife zu entwickeln. Welche Lösungen bieten sich in so einem Fall an?

Muth: Eine Studie der KfW-Bankengruppe aus dem Jahr 2006 belegt, dass der Mangel an Finanzierungsquellen eines der Haupthindernisse für eine geringe Innovationstätigkeit, vor allem bei kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) darstellt. Aber auch Know-how und Zeit sind notwendig, um aus einer Idee eine echte Innovation herzustellen. Hier können sogenannte Patentverwertungsfonds helfen, die eine Brücke zwischen Patent- und Kapitalmarkt herstellen und so den Technologietransfermarkt mit der notwendigen Liquidität versorgen. Die IP Bewertungs AG (IPB), die unter anderem diese Fonds mit Patenten bestückt, unterstützt Patentinhaber so bei der Umsetzung ihrer Ideen in marktfähige Produkte. Die Fonds übernehmen für den Patentinhaber die Identifizierung von verwertungsfähigen Portfolios und erarbeiten eine individuell auf das jeweilige Patent zugeschnittene Verwertungsstrategie – ohne dass Kosten für den Erfinder anfallen. Im Gegenteil: Oft können Weiterentwicklungsaufträge direkt an den Patentinhaber vergeben werden. Das wiederum führt zu einer höheren Auslastung der F&E-Abteilung und oftmals zu zusätzlichen Erträgen bereits vor einer ertragreichen Auslizenzierung.

Beispielsweise scheuen viele KMU den finanziellen Aufwand für eine internationale Patentanmeldung. Patentverwertungsfonds übernehmen hier die Kosten für die Übersetzungen der Patentschriften und erhalten im Gegenzug einen Teil der Lizenzeinnahmen. Als spezialisiertes Patenverwertungsunternehmen suchen wir kontinuierlich nach besonders werthaltigen Ideen, die wir über die Fonds zur Marktreife bringen und dann gewinnbringend auslizenzieren können.

Eine weitere Möglichkeit stellen sogenannte Sale-and-lease-back-Konstruktionen dar. Ähnlich wie bei Immobilien wird dabei der Vermögenswert, d.h. das Patentportfolio, an eine hierzu geschaffene Zweckgesellschaft veräußert. Um es aber weiter zu nutzen, least das Unternehmen es gleichzeitig wieder zurück und zahlt dafür Gebühren. Auf diese Weise können stille Reserven flüssig gemacht und notwendige Investitionen oder ein Liquiditätsengpass überbrückt werden.

förderland: Müssten die Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten der Unternehmen in Deutschland mehr vom Staat gefördert werden?

Muth: Bis 2009 stellt die Bundesregierung 15 Milliarden Euro für die Spitzentechnologien und technologieübergreifende Querschnittsmaßnahmen bereit. Dafür erwartet sie im Gegenzug von Wirtschaft und Ländern, ihrerseits die Investition für Forschung und Entwicklung (F&E) auszubauen. Damit sollen die Aufwendungen für F&E bis 2010 auf drei Prozent des Bruttoinlandproduktes steigen.

Natürlich ist es sinnvoll, mehr Geld in F&E zu investieren, um die Innovationsaktivitäten in Deutschland nachhaltig zu unterstützen und auszubauen. Genauso wichtig ist es aber meiner Meinung nach, Unternehmen und Unternehmer, die anschließend die patentierten Ideen produzieren und vermarkten, mit günstigem Kapital auszustatten, denn nur so lassen sich langfristig hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland schaffen, was eigentlich der positive Nebeneffekt der Forschungsförderung sein muss. Um ähnlich wie bei Studentenkrediten, die sich innerhalb kürzester Zeit etabliert haben, schnell ein flächendeckendes System aufzubauen, wäre es hilfreich, wenn eine staatliche Förderbank, die von der privaten Kreditwirtschaft vergebenen Kredite ankauft und anschließend verbrieft. Die staatliche Förderung läge dann in der Übernahme der sogenannten Risikotranche, in der das höchste Ausfallrisiko zu verzeichnen ist.

Eine sinnvolle Ergänzung wären zudem Steuerbegünstigungen auf Gewinne aus geistigem Eigentum, die sich an die Beispiele aus Luxemburg oder den Niederlanden anlehnen. In unserem Nachbarland Luxemburg werden beispielsweise seit dem 1. Januar 2008 Einnahmen aus geistigem Eigentum zu 80 Prozent von der Steuer befreit. Das gilt für Lizenzeinnahmen und beim Verkauf von immateriellen Gütern, aber auch bei der Nutzung von eigenen Patenten und Marken. Zusätzlich können die Patentinhaber alle Kosten, die zum Schutz ihrer Erfindung anfallen, von der Steuer befreien. Insgesamt müssen am Ende lediglich rund sechs Prozent der Einnahmen und Gewinne versteuert werden.

förderland: Nirgendwo in Deutschland werden so viele Patente angemeldet wie in Bayern und Baden-Württemberg. Sind die Menschen dort kreativer als im Rest der Republik?

Muth: In Baden-Württemberg und Bayern werden mit 13.638 und 13.616 mehr als 55 Prozent der deutschen Patentanmeldungen registriert. Besonders aktive Patentanmelder sind die Robert Bosch GmbH, die Siemens AG und die Daimler AG, die alle ihren Sitz in Süddeutschland haben. Mehr als 10 Prozent der Gesamtanmeldungen im vergangenen Jahr gehen auf das Konto dieser drei Konzerne. Auch die Fraunhofer Gesellschaft und die Max Planck Gesellschaft haben ihren Sitz dort. Ich glaube jedoch nicht, dass die süddeutschen Bundesländer kreativer sind als der Rest der Republik. Wichtig sind die gute Zusammenarbeit und der Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Diese funktionieren dort einfach schon besser und führen dazu, dass diese Bundesländer führend bei Patentanmeldungen sind.

Kommentare

  • Andre

    17.11.08 (10:16:10)

    Was ist die praktische Differenz zwischen einem Patenttroll und einem "Patentverwerter"? Wollen wir wirklich amerikanische Praktiken in Deutschland?

  • Dirk Loop

    17.11.08 (17:07:03)

    Diese Frage ist hoffentlich nicht ernst gemeint. Falls doch, so sollte sich der Fragende ein wenig mehr mit der Materie auseinandersetzen. Es w?rde bedeuten, dass alle freien Erfinder, Universit?ten und Forschungseinrichtungen - sprich jeder der "nur" Wissen produziert - automatisch ein Patent-Troll w?re? War aber bspw. Thomas Alva Edison ein Patent-Troll? Fest steht: Schon Adam Smith bemerkte, dass die Arbeitsteilung die Produktivit?t der Arbeit steigert. Diese Arbeitsteilung beginnt nun bereits in der Forschung und Entwicklung (FuE) - ja sogar teilweise bereits davor. Ohne ein funktionierendes System, welches die Ergebnisse aus FuE-Prozessen sch?tzt und zu handelbaren Wirtschaftsg?tern macht, ist diese Arbeitsteilung jedoch nicht m?glich. Dabei stellen zweifelsfrei einige schwarze Schafe, die teilweise recht triviale Schutzrechte juristisch (nicht immer zu Allgemeinwohl) durchfechten, eine Bedrohung f?r das Patentsystem dar. Denn noch ist jede Anstrengung, die dazu f?hrt, das der Markt f?r Geistiges Eigentum liquider wird, zu begr??en, denn hier k?nnen westliche Nationen noch Margen erzielen, die durch die reine Produktion von G?tern l?ngst nicht mehr m?glich sind.

  • Karsten

    03.12.08 (14:14:23)

    Diese Aussage ist interessant, weil sie n?mlich eine wirtschaftspolitische Konzepte verfolgt, die ?konomen nur mit einem Stirnrunzeln oder L?cheln quittieren w?rden. Es ist eine Art neomerkantillistische Vorstellung, dass man durch Vergabe von Rechten G?ter und Werte schaffen k?nne, es also das ber?hmte Free Lunch g?be. Die Realit?t bei Patenten sieht anders aus. Seri?s patentiert wird strategisch, die meisten Patente werden weder direkt lizenziert noch direkt durchgesetzt. W?re das Patentsystem ein "license of right" System wie es IBM w?nscht statt ein Auschlussrecht ("Du darfst das nicht machen"), h?tten wir ein normales Lizenzgesch?ft. Das Argument mit der Arbeitsteilung ist akademisch. Es nimmt an, dass das vergebene Recht tats?chlich die forscherische Leistung sch?tzt. Tats?chlich sind Patentieren und Forschen /Entwickeln zwei verschiedene paar Schuhe und erfordern abweichende Qualifikationen. Jede Firma, welche die Zahl ihrer Patent verdoppeln will, muss nur ihre Patentabteilung vergr??ern. Ein Troll ist eine Firma, die dann nur noch aus Anw?lten und Rechtsdurchsetzern besteht. Insofern ist das Argument mit den ungenutzten Patentpotenzialen ironisch. Es ist wie mit der Druckerpresse der Notenbank, jeder B?rger k?nnte Million?r werden, wenn die Notenbank das wollte. Alle Rechte sind auch mit Transaktionskosten verbunden, f?r alle Seiten. Die meisten Patente generieren schon heute keinen Einkommensstrom. Noch mehr Rechte, die man gar nicht wirtschaftlich durchsetzen kann oder die im Gesch?ftsleben Stolperfallen bilden, allerlei verr?ckte Rechtsunsicherheiten. Wie in Zeiten der Kleinstaaterei. ?berall kleine Steuereinnehmer, Grenzp?stchen und Raubritter, die den Wirtschaftstreibenden auflauern und zur Kasse bitten oder in seinem Gesch?ftstreiben behindern.

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