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12.08.14Kommentieren

Interview mit Carolin Silbernagl, dotHIV

.hiv ­- die erste gemeinnützige Top­Level Domain der Welt und der Kampf gegen AIDS per Mikrospende

Fast fünf Jahre hat es gedauert von der ersten Idee bis zur finalen Umsetzung, jetzt ist das große Ziel zum Greifen nahe: Am 26. August geht .hiv offiziell live ­ die erste zu rein karitativen Zwecken geschaffene Top­Level­Domain, die digitale Rote Schleife, mit deren Hilfe der Kampf gegen AIDS ins globale Netz getragen und endlich gewonnen werden soll.

Carolin Silbernagl, Managing Director von dotHIV

Das Kernkonzept: Bis zu 3 Milliarden Internetnutzer weltweit zeigen Solidarität, erregen mediale Aufmerksamkeit und unterstützen 35 Millionen HIV­Infizierte, indem sie bei ihren regelmäßigen Runden durchs Web Seiten mit .hiv­Endung ansurfen. Jeder Seitenaufruf löst dabei eine Mikrospende aus ­ die speziellen Webpräsenzen sind nämlich vorab zu genau diesem Zweck verkauft worden. Das per Klick gesammelte Geld fließt später an diverse NGOs. Die ermöglichen damit Betroffenen den sicheren Zugang zu modernen HIV­Medikamenten, mit deren Hilfe sich wieder ein (halbwegs) normales Leben führen lässt.

Getragen wird dieser global­digitale Fundraiser von dotHIV, einem Social Start­Up bzw. gemeinnützigen Verein aus Deutschland. Alexander Plaum hat Mitgründerin und Geschäftsführerin Carolin Silbernagl ein paar Fragen zu ihrem Mammutprojekt gestellt.

Liebe Carolin, zunächst vielleicht die Entstehungsgeschichte eures außergewöhnlichen Start­Ups in ein paar Sätzen: wer, wie, was, wann, wo?

Carolin Silbernagl: Drei junge Werbeleute, die das Thema HIV­Prävention nach einer pro bono Plakatkampagne für eine HIV­Stiftung nicht mehr losgelassen hat. Eines Nachts, 2009, dann die Idee. Drei Buchstaben und ein Punkt, der den Unterschied macht: .hiv. Philipp, Stefan und Martin sind alte Freunde. Da waren sie nun mit Ihrer großen Idee ­ und der Zusage Ihres damaligen Chefs, Michael Trautmann, sie zu unterstützen. Ende 2010 hat mir Philipp dann von .hiv erzählt. Meine Begeisterung war so groß wie die der anderen. Und dann haben wir das einfach versucht.

Die größte Hürde war zu Beginn vermutlich die Gebühr der ICANN für die Wunsch­TLD. Da mussten nach der Öffnung des Systems in einem bestimmten Zeitfenster (Anfang bis Mitte 2012) fast $200.000 Dollar auf den Tisch gelegt werden. Wie kommt man kurzfristig an soviel Geld, und mit welchen Argumenten?

Silbernagl: Leicht war das nicht. dotHIV finanziert sich v.a. über Kredite zu günstigen Konditionen. Z.B. durch die Förderung der Investitionsbank Berlin IBB, aber vor allem durch inzwischen 15 Social Business Angel. Gerade zu Beginn für uns entscheidend war die Rückendeckung durch unseren Gründungspartner, die Hamburger Werbeagentur thjnk. Die Agentur und ihr Vorstand Michael Trautmann haben die ersten 2x25.000€ auf den Tisch gelegt, und unzählige Mannstunden und mehr bereit gestellt, damit wir wachsen konnten. Das war unser Sprungbrett, und noch immer arbeiten wir sehr eng zusammen, auch für die Kampagne zum Launch.

Wer hat das Projekt denn noch finanziell unterstützt ­ oder auch technisch, organisatorisch und marketingmäßig?

Wir haben uns von Beginn an als Netzwerkorganisation verstanden. Die gemeinnützige Kernorganisation ist klein, und soll das auch bleiben. Expertise und Reichweite kommtdurch Partner ins Spiel: Finanzielle und pro bono Unterstützung haben wir z.B. von Google, PwC, SAP erhalten. Die Domain­Industrie mit Registraren wie Key Systems und Domainhändlern wie Sedo hilft mit. Und unsere Wurzeln in der Agenturszene sind immer breiter geworden, mit Unterstützern wie der Filmproduktion Liga1, der App­Schmiede Swipe und vielen mehr.

Kannst du mir sagen, wie viele Reservierungen für .hiv­ Seiten mittlerweilevorliegen ­ und wie interessierte Website­Betreiber mitmachen können?

Silbernagl: Zahlreiche Registrare sammeln seit Monaten Vorregistrierungen. Von rund 10.000 davon wissen wir und sind gespannt, wie viele zum GoLive des Domainvertriebs greifen. Aber darauf ruhen wir uns nicht aus – gerade stehen alle Zeichen auf Kommunikation und Marketing, um so viele .hiv Domains wie möglich ins Internet zu bringen. Mitmachen ist einfach: ab dem 26. August haben die meisten Domainhändler (wie domaindiscount24.de oder 1&1) .hiv im Angebot. Auf unserer Webseite tld.hiv gibt es einen aktuellen Preisüberblick, die Domains kosten ab 12€ im Monat. Im einfachsten Fall leitet der Domainhalter weiter auf seine Standard­Homepage. Die Nutzer werden also auch unter plus.hiv den Onlineshop von plus.de finden. Zwei Eingangstüren zum selben Webcontent, mit dem Unterschied, dass plus.hiv eine kleine Spende auslöst. Natürlich kann man auch neue Inhalte unter der .hiv­Adresse veröffentlichen.

Wie funktioniert das genau mit der Mikrospende?

Silbernagl: Das Mikrospendenprogramm ist unsere Kerninnovation. Nachdem der Webseitenhalter seine .hiv Adresse registriert hat, erhält er von dotHIV eine Einladung, die Domain für Mikrospenden aktivieren. Dazu muss ein kleines Code­Element auf der Webseite integriert werden, das sich in wenigen Minuten und ohne technisches Knowhow auf unserem Kundenportal generieren lässt. Dieser Code sorgt dafür, dass wir verlässlich von den Zugriffen auf die Seite erfahren. Gleichzeitig zeigt er den Klickzähler an, der dem Besucher danke sagt und in Echtzeit die bisher gesammelte Spendensumme aller .hiv-Seiten einspielt. So wird aus dem .hiv­ Besuch das Erlebnis, an etwas Größerem teilzuhaben. An etwas, das sich bewegt – denn wenn man später wiederkommt, ist die Spendensumme gewachsen. Das gute Gefühl, das durch das Surfen auf .hiv­Seiten entsteht, ist sicherlich auch eines der Verkaufsargumente. Gerade für Marken ist diese Aufladung des Seitenbesuchs mit Emotion interessant. Wir starten mit 0,1¢ pro Besuch. Freigeklickt wird immer das Geld, das wir bis dahin durch den Domainvertrieb sammeln konnten.

Zahlen denn große Web­Akteure mit populären Seiten mehr für die neue Endung oder besteht die Möglichkeit, kurzfristige Aktionen à la "für die nächsten 1.000.000 Klicks gibt's jeweils 1 Cent" zu fahren?

Silbernagl: Das Basisangebot, also die .hiv­Domain mit dem Mikrospendenprogramm, kostet für alle gleich viel. Darüber hinaus gibt’s Angebote speziell für Unternehmen,, die ein erweitertes Engagement möglich machen. Den Anfang macht der an die Corporate Idendity angepasste Premium­Counter ­ der kostet zusätzlich 10€ pro Monat und vergrößert den Spendentopf. Zusätzliche Angebote, die sozial ausgerichtetes Online­Marketing ermöglichen, werden folgen. Für Sonderaktionen sind wir natürlich immer offen. Zum Beispiel spendet Key Systems, einer der größten Registrare weltweit, für die ersten 1.000 .hiv­Domains, die über das Portal domaindiscount24.de verkauft werden, zusätzlich 30€ und verzichtet damit komplett auf Betriebskosten und Marge. Ähnliche Aktionen sind auch für .hiv­Seitenhalter denkbar, gerade zum Welt AIDS Tag am 1. Dezember. Einfach eine Mail an mail@click4life.hiv senden.

Wie organisiert man eigentlich die technische Infrastruktur für so viele Seiten? Da reicht sicher kein Serverkämmerchen irgendwo in Brandenburg...

Silbernagl: Das stimmt. Eine Top­Level­Domain ist ein Stück vom Internet, Sicherheit und Verlässlichkeit sind da oberstes Gebot. Deshalb kann man das auch nicht selbst machen, wenn man nicht gerade Google ist. Wir konnten für die technische Infrastruktur Afilias gewinnen. Die betreiben ein mehrfach gesichertes Servernetzwerk, das den ganzen Globus umspannt. Das sind die Rechner, auf denen z.B. auch die .org­ und .info­Domains laufen. Die Kerndaten liegen zusätzlich auf einem Sicherungsserver, der übrigens tief in einem irischen Bergwerksstollen steht.

Wieviel finanzielle Hilfe bzw. Aufmerksamkeit im Netz könnt ihr ­ vorsichtiggeschätzt ­ in den nächsten Jahren generieren? Wie wahrscheinlich ist es, dass Otto­Normaluser demnächst bei facebook.hiv, google.hiv oder wikipedia.hiv vorbeisurft?

Silbernagl: Wir rechnen mit mindestens 3 Millionen € an Spendengeldern in den ersten drei Vertriebsjahren. Hinsichtlich der Besuchszahlen sind wir zuversichtlich: wir machen eine Kampagne, holen große Partner an Bord und arbeiten eng mit der quirligen HIV­Community zusammen. Damit knacken wir sicher unser Ziel von einer Milliarde Klicks. Unsere Browserplugins helfen dabei, dass man nicht immer im Meer der Internetseiten nach .hiv suchen muss, und wenn dann hochattraktive Seiten wie google.hiv dazu kommen... Gerade jetzt zum Start sind aber einfach jede neue Domain und jeder einzelne Seitenbesuch wichtig.

Provokative Frage: Würdet ihr die Seiten auch an Pharmakonzerne verkaufen, die durch ihre rigorose Patentpolitik die AIDS­Problematik eindeutig verschärft haben?

Silbernagl: Ganz klar: ja. Wir haben als gemeinnützige Organisation eine klare Position zu diesen Themen und richten z.B. unsere Fördertätigkeit danach aus. Die Top­Level­Domain ist aber vor allem anderen ein freier Namensraum, der dazu da ist, die Themen HIV und AIDS in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken. Da schadet auch Pharmakonzern.hiv nicht. Wenn daraus eine Kontroverse entsteht, an der viele Menschen teilnehmen, umso besser.

Kommen wir mal zur Organisation und Logistik “im Feld”. Laut WHO sind momentan 35 Millionen Menschen mit HIV infiziert, ca. 70% davon leben in afrikanischen Ländern mit oft problematischer Infrastruktur. Wie wollt ihr die Menschen erreichen, wie soll die medizinische Behandlung organisiert werden?

Silbernagl: HIV ist ein sehr dynamisches Aktionsfeld: große Fortschritte in der Forschung, eine schlagkräftige Aktivistenszene, ein beeindruckendes internationales Netzwerk. Es gibt diese eine große Hoffnung: das Ende von AIDS. Das bedeutet, dass HIV überall auf der Welt zur behandelbaren chronischen Krankheit wird, an der niemand mehr sterben muss.

Die Mittel dafür stehen zur Verfügung. Die Herausforderung besteht jetzt darin, sie in die Breite zu bringen, gerade auch dahin, wo die Infrastruktur hakt. Das Schweigen und die Ausgrenzung, die das Thema umgeben, zu brechen. Eine große Aufgabe. Wir sehen uns nicht als operativer Träger, sondern als Ermöglicher. Die Internetseiten beschaffen das Geld und erzeugen neue Aufmerksamkeit, in der Projektförderung identifizieren wir mit Hilfe unseres HIV­Expertenpools und der Internet­Community interessante Projekte und ihre Ansätze. Wichtig sind uns neben dem Förderfokus auf dem besseren Zugang zu HIV­Behandlung vor allem auch der Einsatz von IT und Kommunikationstechnologien. Wir sind selbst ein digitales Projekt, und das Potential von IT in der HIV Arbeit zu stärken ist unser ganz besonderer Beitrag.

Ihr wollt v.a. mit Partnern vor Ort zusammenarbeiten. Wer sind denn die ersten Kandidaten, die Geld von euch erhalten, nach welchen Kriterien wird da entschieden ­ und wie können sich andere NGOs bei euch bewerben?

Silbernagl: Zum Start haben wir vier Projekte ausgewählt, die exemplarisch für unsere zukünftige Fördertätigkeit stehen. We actX for hope aus Ruanda macht den Anfang mit einem Projekt, das sich um betroffene Mütter kümmert und sich gegen die Übertragung von HIV auf Neugeborene einsetzt. Danach folgen Projekte aus den USA, der Türkei und Südafrika.

Ab Oktober 2014 können sich Organisationen direkt auf unserer Plattform um Förderung bewerben. Die Anträge werden erst mit Hilfe unseres Expertenpools auf Qualität gecheckt, und gehen dann für eine dreimonatige Abstimmung online. Wer gefördert wird, entscheiden also ganz wesentlich die User. Alle Informationen dazu sind schon jetzt auf click4life.hiv aufrufbar.

Für klassische Hilfswerke ist euer Ansatz bestimmt sehr ungewöhnlich. Gab es da schon Skepsis, abschätzige Bemerkungen ­ oder werdet ihr als willkommener, moderner Player in der NGO­Gemeinde begrüßt?

Silbernagl: Wir verstehen unsere Arbeit zwar ergänzend zur Fördertätigkeit anderer großer Geldgeber im Feld, aber immer im Einklang mit der internationalen Entwicklungsagenda. Deshalb haben wir die Richtlinien im engen Austausch mit Akteuren wie der Deutschen AIDS­Hilfe, der WHO und UNAIDS entwickelt. Wir sind auf viele offene Türen gestoßen – im Grunde freuen sich alle, wenn zusätzliche Hilfe gerade für die schwierige Finanzierungslage im Feld HIV und AIDS kommt. Die breitere NGO­ und Aktivisten­Community mussten und müssen wir von unseren Intentionen und unserem Ansatz immer wieder überzeugen. Aber das ist völlig ok: Als neues Mitglied in einer etablierten Runde sollte man sich schließlich vorstellen, und auch erst einmal seine Sporen verdienen.

Als wir uns damals in Berlin kennen gelernt haben, warst du noch Referentin bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Ein Job, der im Vergleich zu dem, was du heute machst, sicher entspannter und obendrein besser dotiert war. Hast du den Schritt in die turbulente Welt der Social Start­Ups zwischendurch bereut?

Silbernagl: Die sdw ist eine tolle Organisation, ich war sehr gerne dort. Als ich im Oktober Nachwuchs bekommen habe, wäre eine klassische Arbeitnehmerposition inklusive Elternzeit und Mal­aussteigen­können natürlich schön gewesen. Aber bereut – nie! Keine Sekunde. dotHIV ist ein Riesenabenteuer und für mich ein großes Geschenk. Wir haben so hart dafür gearbeitet, so weit zu kommen. Aber eigentlich geht es ja gerade erst richtig los!

Zum Schluss vielleicht noch ein Tipp für andere Digital­-Aktivisten, falls es zwischendurch an Mut, Durchhaltevermögen und finanziellen Mittel fehlt?

Silbernagl: Was mir über Durststrecken hinweg geholfen hat: Über die Idee sprechen, und Kraft daraus ziehen, dass andere die Begeisterung teilen. Dazu: Ich bin ziemlich dickköpfig. Das macht es leichter, mal zu heulen, aber auch wieder aufzustehen. Die Finanzierung von sozialen Innovationen ist ein Riesenproblem, vor allem bei größeren Investitionssummen. Unser Zugang ging weg von institutionellen und hin zu individuellen Geldgebern. Das macht auch mehr Spaß, weil man direkt mit Menschen arbeitet.

Dann wünsche ich dir und deinen Mitstreitern noch viel Erfolg und sage danke für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Plaum

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