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01.06.11Kommentieren

Interview mit Stefan Probst, coworking Nürnberg

"... hier kann der Coworking Space als Start-up-Inkubator eine hohe Bedeutung einnehmen"

Coworking Spaces schießen in Deutschland gerade wie Pilze aus dem Boden und das aus gutem Grunde: Nirgendwo können Freiberufler und Start-upper flexibler und kostengünstiger arbeiten und das unter Gleichen. Heute möchten wir von Stefan Probst, Mitgründer des Coworking Space in Nürnberg, erfahren, wie man so ein Projekt eigentlich en détail anpackt. Viel Vergnügen!

Stefan ProbstStefan Probst

Hallo Stefan, heute wollen wir ein wenig über Dein derzeitiges Herzensprojekt, den Coworking-Space in Nürnberg erfahren. Wie weit seid Ihr und wann geht's richtig los?

Stefan Probst: Seit einer guten Woche sind wir eingezogen und im Beta Betrieb, d.h. alles Wesentliche ist vor Ort und einsatzbereit: Arbeitsplätze, Netzwerk, exzellenter Kaffee, coole Getränke und vor allem tolle Coworker! Der offizielle Start ist für den 1. Juni geplant, auch wenn im Juni sicher noch einiges nicht perfekt gelöst sein wird und im Fluss ist. Arbeiten kann man bereits jederzeit.

Wann habt Ihr eigentlich angefangen, über einen Coworking-Space nachzudenken und wie ging es weiter?

Probst: Die ersten Gespräche reichen zurück nach 2009, so um das erste Startup Weekend in Nürnberg herum. Damals hatten wir im Anschluss an das SWN bereits bemerkt wie sehr uns ein zentraler Raum fehlt, an den die Teams auch nach dem Event regelmässig und unkompliziert zusammenkommen können.

Damals waren gerade die ersten Coworking Spaces in Deutschland am Start, natürlich mit Berlin und anderen Ballungszentren voran. Zu dieser Zeit haben wir uns damit begnügt, uns einmal im Monat zum OpenCoffee Club (OCC) zu treffen, um diese intensive Atmosphäre zwischen Gründern, Freelancern, Entwicklern oder Kreativen zu spüren. Dabei wurde immer deutlich, dass wir dieses Zusammentreffen nicht nur einmal im Monat brauchen, sondern es jeden Tag stattfinden können sollte.

Im Januar 2010 haben wir uns dann mit dem Wirtschaftsreferat der Stadt Nürnberg und allen bis dahin am Thema "Coworking" Interessierten zusammengesetzt. Das war sozusagen der Startschuss, auch wenn sich bereits in diesem Gespräch abgezeichnet hatte, dass es derzeit weder Fördermöglichkeiten noch freie Flächen gibt, die uns die Stadt zur Verfügung hätte stellen können.

Wir hatten dann intensiv nach einem Partner gesucht, der das Potential von Coworking erkennt und für eine vorhandene Immobilie nutzt, um dieser überregional Sichtbarkeit zu verleihen und ein Ökosystem um das Konzept herum etabliert, z.B. feste Büros für Start-ups oder kleinere Unternehmen, die sich bewusst in der Nähe von Coworking ansiedeln wollen. Diese Partner haben wir in anderen Städten, wie z.B. Erlangen gefunden, leider aber nicht in Nürnberg. Dennoch waren wir überzeugt, dass wir Coworking zuerst vom geografischen Mittelpunkt der Region heraus starten müssen. Daher auch die zentrale Lage der jetzigen Location mitten im Herzen der Nürnberger Altstadt. Auf Dauer sehen wir weitere Coworking Locations in Erlangen, Fürth oder Ansbach. Bamberg ist übrigens bereits live – durch David Perpina aus unserem Team in seiner Heimatstadt realisiert, allerdings in kleinerem Rahmen (16 Schreibtische).

Unsere Suche hat dann letztlich ein volles Jahr in Anspruch genommen, mit viel Auf und Ab, teilweise bereits im Detail geplant, aber am Ende dann doch nicht zustandegekommen. Ein herzliches Dankeschön geht an dieser Stelle an Dagmar und Hans Rudolf Wöhrl, die uns über Tetris Flächen in unmittelbarer Nähe zum weissen Turm zu sehr fairen Konditionen angeboten haben.

Mit der jetzigen Location haben wir ebenfalls viel Entgegenkommen erlebt, auch wenn die Flächen am Ende dann trotzdem eine erhebliche finanzielle Verpflichtung darstellen und ein wirtschaftlicher Erfolg für das Konzept eine wesentliche Voraussetzung ist, um den Coworking Space langfristig betreiben zu können.

coworking Nürnberg ist ja eine Ko-Produktion einer ganzen Reihe von Leuten. Wie hängt Ihr alle zusammen, welchen Zielen seid Ihr verpflichtet?

Probst: Wir sind vier Gründer in der Betriebsgesellschaft, drei Coworker, die sich um den operativen Betrieb kümmern sowie eine Gruppe von gut einem Dutzend Unterstützern, denen das Thema ebenfalls am Herzen liegt. Coworking deckt eine enorme Bandbreite an Themen und Möglichkeiten ab, so dass jeder davon seine ganz eigenen Erwartungen und Wünsche damit verbindet.

Ein angestrebtes Ziel ist die Schaffung einer übergreifenden Plattform für gemeinsame Projekte. Eine Erfahrung aus vielen Coworking Spaces liegt darin, dass sobald Menschen dort regelmäßig zusammentreffen und eine Bindung auf persönlicher Ebene entsteht, dann bewältigt diese Gruppe Projekte in einer Größenordnung, die der Einzelne niemals in Angriff hätte nehmen können. In der Gruppe dagegen funktioniert es wunderbar, weil neben der vielfältigen Expertise im Coworking Space auch die persönliche Ebene vorhanden ist (im Unterschied zu Outsourcing Plattformen oder Open Source Projekten, bei denen sich die Beteiligten oft nur selten, wenn überhaupt jemals persönlich sehen).

Wir sehen darin einen wichtigen Aspekt für unabhängige Wissensarbeiter, die sich nicht an einen festen Arbeitgeber binden wollen, sondern sich dort aufhalten, wo die spannenden Projekte stattfinden. Unternehmen erkennen dieses Potential bereits und so wird ein Coworking Space auch zu einem Marktplatz für Projekte oder Jobs.

Besonders am Herzen liegen uns innovative Unternehmensgründungen und auch hier kann der Coworking Space als Start-up-Inkubator eine hohe Bedeutung einnehmen. Das Potential haben wir auf den bisherigen Startup Weekend Veranstaltungen erlebt – die größte Hürde im Anschluss liegt darin, die Ideen und Geschäftspläne in den Alltag zu bringen. Der zentrale Anlaufpunkt im Coworking Space, um sich jederzeit persönlich treffen zu können ist dabei ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor.

Aber Ihr wollt ja nicht nur den OpenInnovation-Gedanken in die Welt hinaustragen, sondern so ein Coworking-Space muss sich auch rechnen. Habt Ihr einen Geschäftsplan gemacht?

Probst: Es war uns von Anfang an klar, dass der Coworking Space mittelfristig wirtschaftlich belastbar sein muss, auch wenn das für uns nicht der Antrieb ist, warum wir uns dafür engagieren. Trotzdem oder gerade deshalb ist eine nüchterne betriebswirtschaftliche Herangehensweise unverzichtbar, da allein die jährliche Miete und fixen Kosten in einer erheblichen Größenordnung liegen. Der Business Plan ist dabei letztlich nur das Handwerkszeug – sowohl um Partner, Sponsoren und Investoren zu überzeugen als auch für uns selbst, um eine gemeinsame Vision entwickeln zu können.

Wer soll den Coworking Space eigentlich nutzen? Und wie ist das tatsächliche Interesse bisher?

Probst: Coworking Spaces üben eine magische Anziehungskraft auf viele unterschiedliche Zielgruppen aus. Da sind zum einen Freelancer, Selbstständige, Kreative, Künstler und unabhängige Wissensarbeiter, die einerseits nicht jeden Tag im Home Office arbeiten wollen, andererseits aber weder ein eigenes Büro mit der dafür notwendigen Infrastruktur und langfristigen Verpflichtung einrichten wollen, noch in ein teures und oft auch steriles Business Center gehen wollen. Im Coworking Space finden sie viele andere Gleichgesinnte, können sich zu spannenden Themen austauschen, die am Puls der Zeit sind und nutzen die Ausstattung und Infrastruktur ohne eine langfristige Verpflichtung eingehen zu müssen.

Dann gibt es Unternehmen, die den kurzfristig erhöhten Platzbedarf in einzelnen Projekten über einen Coworking Space abdecken, um zusätzliche Flächen nicht dauerhaft vorhalten zu müssen. Sie sind ebenfalls sehr daran interessiert, dass sich ihre Mitarbeiter mit anderen vernetzen, neue Impulse oder Lösungswege finden und vom umfassenden Knowhow Pool im Coworking Space profitieren können. Genau betrachtet ist das nichts anderes als Open Innovation – das Unternehmen öffnet sich über diese Schnittstelle und Wissen kann in beiden Richtungen fliessen.

Für Startups, Gründer und Unternehmer ist ein Coworking Space ein attraktiver Marktplatz, der sehr viel hochspezialisiertes Wissen bereit hält – es gibt Experten für Usability, SEO, Webtechnologien, Programmierung, Design, Social Media Marketing, IT Recht oder Geschäftsmodelle. Daraus entsteht ein ideales Forum, um auf direktem Weg das Wissen zu den Themen ergänzen zu können, das nicht in der eigenen Kernkompetenz liegt. Zusammen mit der Universität Erlangen-Nürnberg ist noch für dieses Jahr ein eigener Startup Inkubator innerhalb des Coworking Space geplant. Auch das nächste Startup Weekend wird diesmal im Coworking Space stattfinden.

Nicht zu vergessen ist die Nutzung des Coworking Space als "War-Room", um Projekte abseits des Tagesgeschäfts konzentriert abschließen zu können oder um sich für strategische Offsite-Meetings zurückziehen zu können. Dazu kann gezielt der Besprechungsraum gebucht werden und wir sorgen für das Catering, damit sich die Teilnehmer voll auf ihr Thema konzentrieren können. Stößt man auf Punkte, an denen man nicht weiterkommt so finden sich direkt vor Ort viele Experten, die bei einem Cappuccino neue Sichtweisen einbringen oder ungewöhnliche Lösungswege vorschlagen können – wir sind ein Raum für Querdenker und Challenger!

Wie wollt Ihr es anstellen, dass die Menschen von Eurem Angebot erfahren?

Probst: Ein großer Teil unserer Zielgruppen sind zugegebenermaßen besonders IT-, Internet- und Web-affin. Das erlaubt uns gleichzeitig eine sehr gezielte Ansprache über diese Wege. Auf Facebook kann man sehen, was momentan im Space passiert und auch von außerhalb am Leben im Space teilnehmen oder interessante Themen ins Gespräch bringen. Daneben sind wir in den Coworking Verzeichnissen gelistet, auf Twitter, Foursquare und Xing zu finden, oder natürlich über unseren Blog.

Neben den Online Medien werden wir verstärkt auf Gründerzentren, IHK und Netzwerk Nordbayern sowie die Kultur- und Kreativszene zugehen, um auch die Vernetzung in Bereiche außerhalb von Web und IT zu erreichen.

Über vielfältige Veranstaltungen versuchen wir weitere Gruppen anzusprechen, um ihnen direkt vor Ort die Stimmung und den Charakter des Coworking Space zu vermitteln. Als kleiner Ausblick – wir haben bereits Events zu Themen wie 3D-Drucken, Arduino, CreativeMonday, DorkBot, FabLab, Founders at Work, GameJam, Global Service Jam, Google Technology User Group, Lego Mindstorm, Makernight, NerdNite, Pecha Kucha, Rollenspiele oder den nächsten Webmontag geplant.

Um so ein Projekt zu stemmen, muss man sicherlich als Gesellschafter auch in finanzielle Vorleistung gehen? Wie habt Ihr den Coworking-Space finanziert? Habt Ihr Kredite aufgenommen?

Probst: Es ist eine sehr schöne Balance gemeinsam mit allen unseren Unterstützern, beide Seiten haben jeweils gleiche Teile eingebracht. Das war notwendig, da allein die Mietkaution für die Räume in der Höhe unseres Stammkapitals liegt. Zusätzlich hat uns das Wirtschaftsreferat der Stadt Nürnberg den Start mit einer deutlichen Unterstützung erleichtert – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Stadt Nürnberg sowie unser Unterstützer Team, dem neben einigen Privatpersonen auch Unternehmen wie Cogneon, InsertEFFECT, Netways, Pixelmechanics, Proud Sourcing, SES Special Event Service, Sobanco, tec-promotion.de, User Centered Strategy oder Vietz Communications angehören.

Nach Eurer internen Rechnung: Wann soll sich der Space amortisieren?

Probst: Wir müssen uns spätestens Ende 2011 wirtschaftlich tragen. Die Amortisierung ist für Ende 2012 angepeilt. Wenn wir es schaffen, den Space bis Ende diesen Jahres auszulasten, dann eröffnen sich Optionen für weitere Flächen in unmittelbarer Nähe, d.h. wir denken vor allem über weitere Investitionen nach.

Gibt es für solche Projekte auch öffentliche Gelder in irgendeiner Art und Weise? Habt Ihr Euch nach Fördermitteln umgehört?

Probst: Das war ein intensives Thema und die Recherche ging bis auf Europa Ebene. Noch vor einigen Jahren wäre eine Förderung als Gründerzentrum denkbar gewesen, dafür gibt es momentan leider keine Möglichkeiten mehr. Das zentrale Innovationsprogramm für den Mittelstand (ZIM) fand das Konzept interessant, setzt aber eine klare Alleinstellung voraus, die bei einem Coworking Space nur über weitergehende Technologien wie die angesprochene Projektplattform darstellbar wären. Das könnte durchaus ein denkbarer Weg sein, sobald der Coworking Space rund läuft ist aber momentan noch zu weit weg.

Du hattest mir über das intelligente Bezahlsystem für Euren Space berichtet. Was hat es damit auf sich und wie hängt das mit anderen Coworking Spaces zusammen?

Probst: Wir setzen die weltweit am häufigsten verwendete Coworking Abrechnungsplattform cobot.me ein. Kommt ein Nutzer in den Space und möchte sich im Netzwerk einloggen, dann wird automatisch sein Mitgliedsstatus über einen Radiusserver (VPN) bei cobot.me abgeglichen. Er kann dort auch alle Extras wie den Besprechungsraum oder eine Postadresse bei uns buchen sowie seine Mitgliedsschaft oder Tagestickets verwalten.

Für die Coworker, die auch in anderen Spaces arbeiten ist cobot.me ein vertrautes System, mit dem sie zentral in den meisten Coworking Spaces einchecken können. Auch Standort-übergreifende Tickets sind damit denkbar. Das werden wir auf dem nächsten Deutschland-weitem Treffen aller Coworking Space Betreiber diskutieren, das im September bei uns stattfinden wird.

Als Ihr den Coworking Space renoviert und ausgebaut habt, konntet Ihr auf eine ganze Reihe von Leuten zählen, die noch nicht einmal Geld für ihre Arbeit haben wollten. Hat sich der Open Innovations-Gedanke bei Euch in der Stadt schon so etabliert? Auch offline?

Probst: Wir haben eine wunderbare Community, nicht erst seit dem Coworking Space sondern schon seit mehreren Jahren mit einer Vielzahl von Aktivitäten wie dem Barcamp Nürnberg, dem Startup Weekend Nürnberg, den Creative Hotspots Nürnberg oder dem FabLab Nürnberg. Letzten Sommer konnten wir mit dem CCF10 (Creative Coworking Festival 2010) in der Zentrifuge (Auf AEG) bereits eine tolle Test-Plattform starten, die ausschließlich von der Community organisiert und umgesetzt wurde.

Diese Community und viele weitere Unterstützer haben uns ganz wesentlich beim Ausbau geholfen, ohne diese Hilfe wären wir nicht so weit gekommen. Größten Respekt habe ich dabei vor den unermüdlichen Netzwerkern und Machern wie Markus Teschner (nuernberg-startups.de), Michael Nique (FabLab Nürnberg), Stefan Peter Roos (Barcamp) oder Markus Hormeß (Global Service Jam).

Apropos Global Service Jam: Die Idee dazu entstand in Nürnberg und wurde zu einem globalen 48-Stunden-Event mit mehr als 60 Städten weltweit über alle Zeitzonen hinweg und über 2000 aktiven Teilnehmern, koordiniert von Markus Hormeß und Adam Lawrence aus dem Nürnberg Headquarter heraus. Die GSJ 2012 wird dann natürlich aus dem Coworking Space Nürnberg heraus durchgeführt, Ehrensache.

Also Stefan, vielen Dank für das Gespräch, aber bitte nenne uns doch zum Abschluss noch Eure nächsten Termine! Was ist demnächst los bei Euch?

Probst: Am 1. Juni starten wir mit einem Kick-Off Event zum Thema FabLab/Makernight mit einem Special zu Lego Mindstorm, am 8. Juni findet der OpenCoffeeClub (9-12h) bei uns statt, am 9. Juni trifft sich ab 19 Uhr die Gesellschaft für Wissensmanagement (GfWM) im Space. Alle weiteren Termine finden sich unter Veranstaltungen auf unserer Facebookseite. Dort können auch jederzeit weitere Themen angeregt werden – der Space steht bereit und kann an verfügbaren Tagen jederzeit fest gebucht werden (kostenfrei!).

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