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01.09.11Kommentieren

Gründungsvorbereitung

Gründercoaching zur Unzeit?!

Als einer der attraktivsten Förderungen für Existenzgründer gilt das KfW-Programm Gründercoaching Deutschland – hier insbesondere die Regelung für Unternehmer, die aus dem Arbeitslosengeldbezug heraus gestartet haben und bereits Gründungszuschuss beziehen. Stellen sich nach dem Start in die Selbstständigkeit Fragen und Beratungsbedarf ein, kann der Gründer einen Zuschuss, der bis zu 90 Prozent der Netto-Beratungskosten abdeckt, beantragen. Die Förderungen in den ersten Monaten nach dem Startschuss  sind derart komfortabel, dass so manch kritische Analyse vor dem Start unbewusst vertagt wird.

Ein Beitrag von Guido Ernst Hannig

Häufig sehen Menschen, die im alten Tätigkeitsbereich unzufrieden waren, in einer selbstständigen bzw. freiberuflichen Aufgabe eine heilende Alternative zur erneuten Stellensuche. Wenn die frühere berufliche Aufgabe keine Werte vermittelt, Menschen an ihrem Lebensauftrag vorbei gearbeitet haben oder die Verletzungen durch die Auseinandersetzungen mit dem alten Arbeitgeber nachwirken, fragen sich viele Neuorientierende, ob die ursprüngliche Berufswahl falsch war. Der Suchende erkennt, dass es neben dem reinen Broterwerb noch etwas geben muss. Diese Vorstellung verleitet mitunter dazu, einen Neuanfang in der Selbstständigkeit als Lösung zu sehen. Jetzt wäre die Zeit für eine intensive Klärung und Standortbestimmung da. Doch Beratung vor dem Start ist für den Gründer deutlich teurer.

Flucht in die Selbstständigkeit

"Die Kündigung und die anschließende Arbeitslosigkeit war für mich eine Zeit großer Erleichterung. Mein Verhältnis zu meinen Kollegen und meinem Chef war zerrüttet und ich wurde am Ende gemobbt. Der Betriebsrat half mir durch die für mich psychisch angespannte Zeit und ich handelte eine gute Abfindung aus. Die Vorstellung, dass sich eine so ungute Zusammenarbeit mit einem neuen Team wiederholen könnte, versetzte mich in Panik. Mein Entschluss reifte, nicht mehr ins Angestelltenverhältnis zurückzukehren. Ein Ausweg musste her! Schon während meines Angestelltenverhältnisses absolvierte ich an Wochenenden eine Massageausbildung. Menschen zu helfen und einen Beitrag zu ihrem Wohlbefinden zu leisten, bereitete mir stets Freude. Die ersten praktischen Erfahrungen während meiner Ausbildung nährten den Wunsch, es mit diesem Dienstleistungsangebot zu versuchen. Rückblickend bezeichne ich meinen damaligen Entschluss als eine Art Not-Selbstständigkeit."

Obwohl Nicole Schmitz (Name von der Redaktion geändert) ein mehrtägiges Vorbereitungsseminar in einem Gründerzentrum absolvierte, werden kritische Fragen zunächst ausgeblendet. Es gilt sich an den Bezug von dem geringen Arbeitslosengeld zu gewöhnen und so kommt für sie eine Existenzgründungsberatung mit einem beträchtlichen Eigenanteil nicht in Frage. Ein Buch-Ratgeber und Tipps von Internet-Seiten helfen ihr, ein für die Agentur für Arbeit ausreichenden Geschäftsfahrplan zu erstellen.

In meiner Beratungspraxis zeigt sich immer wieder, dass die wenigsten Gründer, die erst nach dem Start ein gefördertes Gründercoaching besuchen, über ein wirklich aussagekräftiges schriftliches Geschäftskonzept verfügen. Der Businessplan wird zumeist als ein mehrseitiges Antragsschreiben verfasst, ergänzt um ein paar wünschenswerte Zahlen. Die erforderliche Unterschrift der fachkundigen Stelle hinterlässt mitunter Stirnrunzeln und ein dickes Fragezeichen.

Solange die Hoffnung überwiegt und einen die zukünftigen Förderungen in Sicherheit wiegen, treten Fragen wie "bin ich geeignet?" oder "ist die Geschäftsidee tragfähig?" für viele Gründer in den Hintergrund. Auch begeisterte Gründer wie Nicole Schmitz gestehen sich erst Jahre nach der Entscheidung für die Selbstständigkeit ein, dass der Entschluss viele Fragen offen ließ. Als der Gründungszuschuss bewilligt wurde, begann für sie eine Zeit der Leichtigkeit und Freiheit. Diese Freiheit der Wahl zu nutzen, um zu neuen lukrativen Ufern zu gelangen, steht die Verlockung gegenüber, im scheinbar rettenden Hafen zu bleiben.

Der scheinbar rettende Hafen

So manch ein Gründer fühlt sich in den ersten Monaten einer geförderten Selbstständigkeit wohl wie lange nicht mehr. Endlich ist es möglich, frei von Fremdbestimmung und geregelten Arbeitszeiten den Tag autonom zu gestalten. So erinnere ich mich selbst an die grenzenlose Euphorie in meiner eigenen Startphase, die wohl für einige Existenzgründer charakteristisch ist. Die Selbstständigkeit wird als sensationell geeignet empfunden, um die Bedürfnisse des Privat- und Berufslebens unter einen Hut zu bringen.

"In den ersten Wochen meiner Selbstständigkeit erinnerte ich mich an die ersten Semester meines Pädagogikstudiums. Ob ich zu einer Vorlesung ging oder nicht, niemand kontrollierte meine Anwesenheit. Mittagspausen konnte ich je nach Lust und Laune ausdehnen oder abkürzen. Doch wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich auch die mangelnde Energie für das Schaffen innerer Führung und das Fehlen disziplinierten Selbstmanagements. Zu kurz war die Zeit zwischen den traumatischen Erfahrungen meines Ausstiegs aus der Unternehmenswelt und des Einstiegs als Kleinunternehmerin. Ich brauchte die Zeit für mich, Zeit um mich zu sammeln und neue Kräfte zu finden", sagt Nicole Schmitz.

Die persönlichen Herausforderungen an die Unternehmerfähigkeiten werden vor dem Start häufig unterschätzt. Für die Inhaberin der jungen Massagepraxis wurde deutlich, dass sie die meisten Jahre ihres Lebens in klaren Strukturen arbeitete. Sich jeden Tag selbst und ständig zu motivieren, kannte sie aus ihrer beruflichen Erfahrung als Angestellte nicht. Auch in ihrem Studentenleben erinnerte sie sich an die längere Anpassungsphase, die notwendig war, um sich aus der Schülerin Nicole in eine selbstständige Studentin zu verwandeln. Damit die Zeit des Übergangs, sowohl in betriebswirtschaftlicher als auch in unternehmerischer Hinsicht, nicht zu lange wird, helfen Lotsen mit entsprechender Erfahrung. Darum geht es in jedem Gründercoaching!

Die Hoffnung kehrt zurück

"Ich wollte mit meiner Massagepraxis meine Existenz sichern. Meine Aufgabe machte mir sehr viel Freude und ich wollte mein Unternehmen fortführen. Doch ich stellte schon nach wenigen Monaten fest, dass ich mich bei einigen Herausforderungen überfordert fühlte. So spürte ich mein ständiges Unbehagen, stets etwas für Werbung zu tun und dauerhaft präsent zu sein. Ich erkannte, dass ich sowohl Unterstützung beim Bekanntmachen meiner Dienstleistung brauche als auch Ermutigung beim Aufbau meiner Unternehmerfähigkeiten benötige", erzählt Nicole Schmitz.

Mitunter erfahren Gründer erst sehr spät von der Möglichkeit geförderter professioneller Hilfe. Der Zeitraum des Bezugs von Gründungszuschuss nähert sich dem Ende und die Luft zum Atmen wird dünner. Spätestens jetzt ist sich der Gründer längst über die trügerische Ruhe im rettenden Hafen bewusst. Der Entschluss zur Unternehmensberatung wird vom Wunsch genährt, die Tipps aus Finanzwirtschaft, Organisation und Marketing mögen zur Überwindung der neuen Hürden helfen. Das muss der Anspruch an jedes Gründercoaching sein. Doch damit ist manchmal auch die Illusion verbunden, der Existenzgründungsberater verfüge über Verbindungen zu den entsprechenden Nachfragern nach der jeweiligen Dienstleistung. Seriöse Beratung betont die Hilfe zur Selbsthilfe wie in jeder anderen Beratungsform, auch die entsprechende Vermittlung von Fachkenntnissen. Alles andere wäre eine Verkaufsdienstleistung. Selbst wenn der Gründer schon unter höllischem Druck steht, ist es in dieser Phase unerlässlich, mit einer kritischen Standortanalyse zu beginnen. Erst dann können wirkliche tragfähige Lösungsvorschläge entwickelt werden.

Späte Erkenntnisse

Ein Gründercoaching ist in der Regel eine Existenzgründungsberatung! Eine gründliche Bestandsanalyse des Ist-Zustandes kann dem Gründer nicht erspart werden. Viele Gründer kehren gedanklich an den Geburtsort ihres Unternehmens zurück. Damit ist das Unternehmen erfolgreich arbeitet, muss das Unternehmertum zur wirklichen Berufung des Gründers gehören.

"Bevor ich mich an das Veränderungsprojekt wagen konnte, musste ich mir erst einmal den ein oder anderen Irrtum eingestehen und mir dafür verzeihen. Ich hatte mir vor der Gründung vieles schön ausgemalt, ohne mir viele kritische Fragen zu stellen. Die intensive und geduldige Beschäftigung mit einem Alleinstellungsmerkmal kann z. B. helfen, ein längst gängiges Dienstleistungsprodukt als innovative Geschäftsidee neu zu positionieren. Oder eine Marktanalyse zur rechten Zeit bringt frühzeitige Erkenntnisse über den regionalen Bedarf und die Anzahl von Mitbewerbern in dem entsprechenden Umfeld. Das führt zu der richtigen Investition am richtigen Ort", erkennt Nicole Schmitz.

Die Selbstklärung und die Bestimmung der Kernkompetenzen führen dazu, dass wir jetzt die Erfolgsaussichten neu einschätzen. Die Einzigartigkeit des Unternehmers beruht auf seiner Berufung und seinem Seelenplan. Die ergänzende Ermittlung der richtigen Zielgruppe und die Analyse von Markt und Wettbewerbern führen zu einer wahrhaftigen Programmatik und Positionierungsstrategie. Erst wenn die innere Welt mit der äußeren Welt übereinstimmt, kann die Fortsetzung der Selbstständigkeit Sinn machen.

"Mir wurde durch das Gründercoaching klar, dass ich nicht wirklich zum Unternehmer berufen bin. Zwar habe ich viele Fähigkeiten entwickeln können, aber während der Beratungszeit erkannte ich auch, dass meine Neigung für Inszenierung und Verkauf nicht ausreichend angelegt sind. Die Bereitschaft nachhaltig am Bekanntheitsgrad meines Unternehmens zu arbeiten, d. h. der immense Kommunikationsaufwand der für die Verstetigung grundlegend ist, sind mir letztendlich nicht in die Wiege gelegt. Die Lust daran, Pro-Aktivität und Ideenreichtum zur Gewinnung neuer Kunden zu entwickeln, konnte ich selbst durch das Gründercoaching nicht entfachen", erkennt Nicole Schmitz.

Fazit

Ein Gründercoaching muss immer auch die Option beinhalten, dass der Gründer Kurskorrekturen in alle Richtungen vornehmen kann. Späte Erkenntnisse sind nicht immer Erkenntnisse, die zu spät kommen. "Mein Gründercoaching hat mir zu einem relativ späten Zeitpunkt die Erkenntnis über den Wesenskern meiner Persönlichkeit gezeigt. Mir wurde bewusst, dass mein mangelnder Erfolg darauf zurückzuführen war, dass ich nicht zum Unternehmer berufen bin. Eine frühzeitigere Beschäftigung mit meinen Stärken und den Risiken einer Existenzgründung hätte mir einigen Kummer erspart. Heute verbinde ich beide Tätigkeitsformen: einerseits gehe ich einer festen nebenberuflichen Beschäftigung nach, andererseits unterstütze ich eine gutlaufende Massagepraxis auf freiberuflicher Basis. So bin ich selbst wieder in Balance", erklärt Nicole Schmitz.

Das Programm Gründercoaching Deutschland ist in vielen Fällen eine verspätete Existenzgründungsberatung, weil eine notwendige intensive Beratung und Prüfung des Geschäftsvorhabens vor dem Start zu lückenhaft war. Es muss auch im Interesse der öffentlichen Fördermittelgeber sein, dass die Kandidaten für eine Existenzgründung schon vor dem Start eine Existenzgründungsberatung in Anspruch nehmen. Zwar stehen hier ebenso Fördertöpfe zur Verfügung, die jedoch bei weitem nicht an die Attraktivität des Gründercoachings Deutschland heranreichen. Auf den ersten Blick ist es verständlich, dass Gründer aus Kostengründen zu einem späteren Zeitpunkt zur professionellen Hilfe greifen. Der zweite Blick lässt aber erkennen, dass sich diese taktische Entscheidung für den Gründer als sehr teuer erweisen kann.

Autor: Guido Ernst Hannig

Spiritueller Berufscoach und ganzheitlicher Gründungsberater
Website des Autors
Guido Ernst Hannig

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