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03.01.11Leser-Kommentare

Interview mit Ibrahim Evsan, United Prototype

"Du bist die Botschaft"

Der Sevenload-Macher Ibrahim Evsan erschafft mit dem Social Game "Fliplife" gerade eine neue virtuelle Welt, um uns eine zweite Heimat im Internet zu geben. Wir trafen ihn in seinem Büro am Friesenplatz in Köln zu einem Gespräch über das Zusammenwachsen von Mensch und Technik, brachliegende schöpferische Potentiale und internationale Digitalität als gigantische Chance. Viel Vergnügen!

Ibrahim Evsan, Geschäftsführer von United PrototypeIbrahim Evsan, Geschäftsführer von United Prototype

förderland: Herr Evsan, welches Schlüsselerlebnis hat Sie zum Unternehmer gemacht?

Ibrahim Evsan: Das ist ganz einfach: Ich wollte überhaupt nicht abhängig von irgendwelchen Chefs sein, das war bei mir schon früh klar. Ich habe nicht studiert und nur einen Hauptschulabschluss, trotzdem bin ich erfolgreicher Unternehmer. Weil ich von Anfang an mit Herzblut dabei war und wusste, was ich wollte.

Sie haben sich bei Sevenload inzwischen aus dem unternehmerischen Tun verabschiedet und agieren offiziell "nur noch" als Denker & Ideengeber. Gab’s Stress?

Evsan: Auf gar keinen Fall. Inzwischen läuft das Geschäft bei Sevenload von alleine und ich weiß, dass die Jungs dort auch ohne meine operative Unterstützung einen sehr guten Job machen. Das läuft.

Was passt Ihnen nicht am operativen Geschäft?

Evsan: Als Sevenload eine bestimmte Größe erreicht hatte, gab es viel mehr im Management zu tun, als dass ich wirklich kreativ arbeiten konnte. Ich fühle mich aber nicht als Manager, sondern als Kreativer. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich kein BWL studiert habe und nicht den klassischen Bildungsweg sondern früh schon meinen eigenen Weg gegangen bin.

Wo finden Sie die Inspiration für Neuentwicklungen?

Evsan: Die Inspiration kommt von den Menschen, die uns mitteilen, was wir an unseren Produkten verbessern oder zusätzlich noch einführen könnten – darauf legen wir großen Wert. So können natürlich bei einem Projekt wie Fliplife, mit dem wir bewusst in der Beta-Phase an den Start gegangen sind, auch Entwicklungskosten sparen. Grundsätzlich kann sich bei uns jeder einbringen, der eine gute Idee hat. Und es kommen sehr viele gute Ideen zusammen, von denen wir viele schon umgesetzt haben.

Was kann Fliplife?

Evsan: Mit Fliplife wollen wir so was wie ein "Nebenbei-Spiel" erschaffen, das man den ganzen Tag lang im Browser geöffnet hat und nach Bedarf immer mal wieder ein wenig benutzt. Nach der Registrierung und dem Erstellen eines Avatars geht es los mit der Karriereplanung. Man kann außerdem echte Freunde gewinnen und darf sich irgendwann auch eine Partnerin wählen, während man weiter arbeitet, "Geld" verdient und an Freizeitaktivitäten teilnimmt.

Warum brauchen wir das?

Evsan: Zunächst ist es ja so, dass wir Menschen mit den Maschinen zusammenwachsen. Die Maschinen sind uns sehr nah gekommen. Das fing mal mit dem Radio an, dann kam der Fernseher, wo die Distanz mit drei, vier Metern bis zur Couch klar definiert wurde. Der Computer war da schon viel näher dran und jetzt sind wir beim Handy, das immer bei uns und immer in unserer Nähe ist. Der Mensch hat sich mit der Maschine vereint und darin einen neuen Freund gefunden. Außerdem stehen die Nutzer zunehmend mit ihrem echten Namen im Netz und nennen sich nicht mehr "Supermaus" oder "Schlampagner". Zweitens stellen sich die Leute im Internet als reale Persönlichkeit dar – deswegen brauchen sie eine digitale Heimat. Facebook sehe ich als Zuhause für Informationen. Das Zuhause für meine Gedanken ist Twitter. Aber wo ist virtuell mein tatsächliches Zuhause? Und hier kommt Fliplife ins Spiel.

Fliplife ist also unser Zuhause im Netz, nach dem wir uns alle sehnen?

Evsan: Die Spieler haben hier ein zweites Leben, in das sie mit dem Login "flippen" (wechseln). Wenn beispielsweise die beruflichen Projekte innerhalb des Spiels scheitern, dann nehmen die Spieler das häufig persönlich. Die User nehmen ihre Projekte in Fliplife sehr ernst und das finden wir super.

Worin liegt der Nutzen dabei?

Evsan: Der gesellschaftliche Nutzen ist die Unterhaltung, die wir den Menschen bieten. Die Menschen wollen spielen. Und das Leben selbst lässt sich ja auch ein wenig als Spiel betrachten. Gut zwei Monate nach dem Startschuss können wir rund 55.000 neue Einwohner bei Fliplife begrüßen. Bis Ende des kommenden Jahres peilen wir eine siebenstellige Millionenzahl an Spielern an. Ende 2011 wird das Spiel weltweit in 40 Ländern und in 27 Sprachen gespielt.

Und wie sieht es unter dem Strich aus?

Evsan: Wir schreiben mit United Prototype noch keine schwarzen Zahlen, aber innerhalb des Jahres 2011 wird es so weit sein.

Fliplife entwickelt sich ständig weiter. Können Sie schon verraten, was in Zukunft ansteht?

Evsan: Die Großen der deutschen Wirtschaft strecken schon ihre Fühler nach uns aus. Ein großer Pharmakonzern beispielsweise wird bald virtuelle Projekte auf Fliplife anbieten und weitere Unternehmerschwergewichte aus den unterschiedlichsten Branchen sitzen schon in den Startlöchern. Sie möchten die Topspieler ihres Unternehmens in Fliplife zu Kennlerngesprächen einladen und ihnen Praktika anbieten. So wird das Spiel zum Rekrutierungstool.

Sie haben mal gesagt, dass es für Sie ewig ein Rätsel bleiben wird, warum die Deutschen das Internet nicht verstehen. Können Sie das konkretisieren?

Evsan: Viele haben das Internet nicht verstanden, das Internet als Abbild unserer Gesellschaft. Was wir online erleben, ist eigentlich eine Kopie von dem, was wir in der Gesellschaft erleben. So schmelzen Internet und das Leben zusammen. Nur in Deutschland ertönt immer gleich der Ruf nach noch mehr Datenschutz und immer mehr nationale Regeln bremsen den internationalen Fortschritt aus. Da sind wir generell zu vorsichtig und an diesem Zustand ist auch die Politik nicht unschuldig. Was das bedeutet, werden wir erst in zehn bis 15 Jahren richtig krass merken.

Inwiefern?

Evsan: In Zukunft spielen nur noch Talente eine Rolle. Weltweit gilt: Du bist die Botschaft! Wir müssen alle lernen, uns im Internet zu beweisen und darzustellen. Aber was nicht funktioniert, das sind globale Technologien und nationale Regeln. Unser Land muss verstehen, dass Digitalität keine Bedrohung ist, sondern eine gigantische Chance.

In Deutschland liegt also noch viel Potential brach in Sachen Internet, oder?

Evsan: Nehmen wir nur das Beispiel Facebook. Die geben im Jahr alleine für ihre Hardware schon so viel Geld aus wie Unternehmen in Deutschland ins Internet investieren. Mehr muss ich dazu eigentlich nicht sagen.

Was machen die Amerikaner besser als Deutschland?

Evsan: Sie sind einfach total digital. Alles, was wir toll finden, kommt aus den USA. Dort herrscht einfach ein anderes Verständnis vom Internet. Es gehört einfach zum Leben dazu.

Was fehlt uns hier in Deutschland, um die "Ressource" Internet besser ausschöpfen zu können?

Evsan: Wie gesagt, unser Fehler ist, dass wir national denken. Wir denken, wir sind frei, aber das sind wir nicht – wir machen uns etwas vor. Wo hier in Deutschland noch aufgeklärt wird, denkt Amerika schon über den Fortschritt nach. Wir müssen immer über alles hundertmal reden, bevor etwas gemacht wird. Auch die deutschen Gründer denken zu klein, zu national und nicht global genug. Und ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass sich das noch mal ändert. Der Zug ist abgefahren. Darüber kann ich mich schwarz ärgern.

Trotz der düsteren Aussichten: Wo sehen Sie in Deutschland Wachstumspotential für neue Geschäftsfelder?

Evsan: Definitiv im nationalen E-Commerce. Ziemlich erfolgreich macht das gerade die Firma Dawanda, der regionale Online-Marktplatz für Selbstgemachtes.

Haben Sie schon Ideen, die Sie in naher Zukunft umsetzen wollen?

Evsan: Ich möchte immer mehr Location Based Services, also standortbezogene Dienste anbieten. Zum Beispiel auch echte Geocaching-Spiele für Fliplife, bei denen jemand innerhalb von einer Stadt irgendetwas versteckt, das dann als Projekt in Fliplife erstellt und andere auf die Suche schickt. Gerade in der Verbindung von Games und Local Based Services sehe ich viel Potential. Sowieso: Social Games werden noch ein Top-Thema – das ist die Zukunft.

Das Interview führte Carina Groh.

Kommentare

  • Florian Mayr

    04.01.11 (09:44:45)

    wer Ivo live kennt, kann das oben Gesagte nochmal ganz anders lesen. Beim Thema Social Games ? f?r gewisse Altersgruppen ??stimme ich voll zu.

  • Sebastian Hahn

    06.01.11 (09:36:46)

    Hab ihn zwei mal live auf Veranstaltungen erlebt. Ein Energieb?ndel.

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