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20.07.07Kommentieren

Interview mit Marco Winzer, High-Tech Gründerfonds

"Die Businesspläne, die wir sehen, sind räsonierter, schlüssiger und realistischer"

förderland im Gespräch mit Marco Winzer, Senior-Investmentmanager des High-Tech Gründerfonds, über Frühphasenfinanzierung, ideale Gründer, Netzwerke und erfolgreiche Folgefinanzierungen.

Marco Winzer ist Senior-Investmentmanager des High-Tech Gründerfonds.Marco Winzer ist Senior-Investmentmanager des High-Tech Gründerfonds. Bild: HTGFInvestitionsschema HTGF

förderland: Herr Winzer, würden Sie sich, Ihre Tätigkeit und den High-Tech Gründerfonds bitte kurz vorstellen?

Marco Winzer: Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) investiert Risikokapital in junge Unternehmen, deren Geschäftsidee auf innovativen Technologien basiert. Der HTGF agiert dabei als Seedfonds, ist also ein klassischer Frühphaseninvestor. Das heißt in der Praxis, dass die Unternehmen längstens seit einem Jahr operativ tätig sein dürfen bevor sie zu uns kommen. Knapp die Hälfte der Gründungskonzepte stammen aus F&E-Einrichtungen oder Hochschulen. Den typischen Eigenentwickler aus der Garage trifft man vorwiegend im Bereich von Internet und Software-Unternehmen. Zudem finanzieren wir Spin-offs aus großen oder auch kleineren Unternehmen.

Ich selbst arbeite mit drei Kolleginnen und Kollegen im Technolgiebereich "Life Sciences". Hier sehen wir Konzepte aus der Biotechnologie, der Pharmazie, Medizintechnik und Cleantec in sehr frühen Phasen. Also wenn es einen Laborprototypen gibt oder erste proof-of-concept Studien vorliegen. Unsere Tätigkeit besteht darin, die potentialreichsten Businesspläne auszuwählen, die due diligence (Prüfung) durchzuführen und bei positiver Beteiligungsentscheidung das Portfolio-Unternehmen anschließend bis zum Exit zu betreuen. In den meisten Fällen ist es die primäre Aufgabe, auf die Akquisition einer Folgerunde hinzuwirken.

förderland: Vom ersten Kontakt mit den Gründern bis zum Exit - wie läuft eine typische Beteiligung des High-Tech Gründerfonds ab?

Winzer: Die Gründer senden uns ihren Businessplan und eine so genannte Konzeptskizze zu. Dies ist ein Word-Dokument, das man sich auf unserer Internetseite downloaden kann. Wichtig beim Ausfüllen der Konzeptskizze ist neben statistischen Daten die Referenz eines unserer akkreditierten Coaches, Netzwerkpartner oder eines externen Investors. Diese Referenz ist für uns ein erstes Auswahlkriterium.

Die Gründer erhalten dann zeitnah ein erstes Feedback von uns und nach einem Erstgespräch im Idealfall ein TermSheet des HTGF, mit dem wir die intensive Prüfung/due diligence beginnen. Dabei wird ein externer Technologiegutachter hinzugeholt. Final wird die Finanzierungsentscheidung durch ein Expertenkomitee getroffen, vor dem die Gründer persönlich präsentieren. Der gesamte Prozess vom ersten Kontakt bis zur Beteiligungsentscheidung dauert durchschnittlich drei bis vier Monate. 

förderland: Was kommt auf die Gründer zu, wenn Sie den HTGF mit ins Boot holen? Wie viel Prozent erwerben Sie im Normalfall/Durchschnitt an einem Start-Up und bringen Sie sich auch in das operative Geschäft mit ein?

Winzer: Da unsere Seedfinanzierung von bis zu 500.000 Euro aus einer Kombination von offener Beteiligung und einem mezzaninen Finanzierungsinstrument besteht, werden wir Mitgesellschafter und erhalten die entsprechenden Stimmrechte in der Gesellschafterversammlung. Standardmäßig zeichnen wir 15 Prozent der Stammkapitalanteile zu nominal und bringen den Rest als nachrangiges Wandeldarlehen ein. In einer Folgefinanzierungsrunde wandeln wir das Darlehen zur Bewertung dieser Runde in Eigenkapital und schützen uns damit vor Verwässerung.

Wir sind ein mittel- bis langfristig orientierter Investor mit Beteiligungshorizonten von fünf bis acht Jahren. Natürlich können frühere Exits für uns auch attraktiv sein. Wir leisten indirekt über ein Netzwerk von Coaches Unterstützung. Direkt helfen wir den Gründern bei wichtigen Themen wie der strategischen Ausrichtung, Recruiting und vor allem bei der Gewinnung der Anschlußfinanierung.

förderland: Wenn Sie merken, in einem Unternehmen aus Ihrem Portfolio läuft etwas schief. Wie reagieren Sie - greifen Sie ein?

Winzer: Selbstverständlich greifen wir ein. Über unseren Gesellschafterstatus und darüber hinaus über bestimmte Zustimmungsrechte haben wir hier Möglichkeiten einzugreifen und mitzugestalten. Ich persönlich halte es für sehr wichtig, frühzeitig gemeinsam mit dem Gründerteam Lösungsstrategien zu diskutieren. Denn nur wenn Unternehmer und Investor an einem Strang ziehen gibt es Aussicht auf Erfolg.

förderland: Welche Eigenschaften muss ein erfolgreicher Gründer Ihrer Erfahrung nach mitbringen oder anders gefragt: wie sieht der ideale Gründer für Sie aus?

Winzer: Der ideale Gründer vereint Motivation, Überzeugungskraft, Durchhaltevermögen, Einsatzbereitschaft und Erfolgswille in seiner Person. Wir suchen also das "Eier-legende-Woll-Milch-Schwein" - wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben. Nein, im Ernst: Das Gründerteam ist der zentrale Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens. Wir verbringen sehr viel Zeit damit, die Personen kennen zu lernen. Wichtig ist, dass der Gründer bereit ist, ihm fehlendes Know-how und Expertise im Management durch ergänzende Personen zu komplettieren. Also, der typische technologielastige Ingenieur soll als Gründer die Einsicht und Bereitschaft zeigen, einen Kaufmann oder Vertriebler mit in das Management aufzunehmen. Auch, indem er den neuen Manager durch Anteile langfristig am Erfolg partizipieren lässt.

förderland: Was muss ein Businessplan enthalten, um Sie von einem Investment zu überzeugen? Welche Faktoren spielen bei der Entscheidungsfindung noch eine Rolle?

Winzer: Die erste Frage, die ich einem Gründerteam bei der Präsentation stelle ist folgende: "Skizzieren Sie mir in drei Sätzen, wer sollte warum zu welchem Preis wie das Produkt/Dienstleistung kaufen?". Hinter dieser Frage verbergen sich vielschichtige Komponenten. Wer sind die Kunden, wurde eine Marktanalyse betrieben und die Wettbewerber in Augenschein genommen? Wo genau liegt der Kundennutzen, das Alleinstellungsmerkmal? Hat der Gründer die Kostenseite berechnet, wo liegt der Deckungsbeitrag, wann wird die Gewinnschwelle erreicht? Und zu guter letzt hat er sich Gedanken zum Vertrieb gemacht und ist er selbst ein Verkäufertyp?

All diese Fragen sollten in ausführlicher Form im Businessplan beantwortet werden. Speziell bei innovativen High-Tech Gründungen erwarten wir eine gesicherte Patentsituation und eine langfristig ausgelegte Patentstrategie um den Wettbewerbsvorteil möglichst lange zu sichern. Die Märkte schließlich müssen groß genug sein, damit das Unternehmen nachhaltig wachsen kann.

förderland: Wie viel Kapital steht dem HTGF insgesamt zur Verfügung? Gibt es ein Investitionslimit?

Winzer: Der HTGF verfügt über ein Fondsvolumen von 272 Millionen Euro, woraus bis zu 300 Unternehmensgründungen in Deutschland finanziert werden sollen. Eingelegt wurde das Geld vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, der KfW Bankengruppe sowie den Industrieunternehmen BASF, Deutsche Telekom, Siemens, DaimlerChrysler, Robert Bosch und Carl Zeiss. Wir beteiligen uns pro Unternehmen in der Seedphase mit bis zu 500.000 Euro und können in Folgerunden weitere 500.000 Euro pro Unternehmen investieren.

förderland: Wie viele Unternehmen befinden sich momentan in Ihrem Portfolio und aus welchen Branchen stammen sie. Welche Branchen habe Ihrer Meinung nach das größte Potential?

Winzer: Zur Zeit haben wir 72 Unternehmen in unserem Portfolio, bei rund 20 weiteren befinden wir uns im Prozess der Vertragserstellung. Ziemlich gleich stark vertreten mit jeweils über einem Drittel sind Gründungen aus den "T.I.M.E.S. –Technologien" (Telekommunikation, Internet, Multimedia Entertainment und Software) sowie Gründungen aus den "Life Sciences". Wir würden gerne mehr Investitionen im Cleantec-Bereich tätigen, jedoch ist hier die anfängliche Kapitalbedarf oft immens hoch, so dass ein Seed-Investor sich nicht nachhaltig positionieren kann. Wir finanzieren aber nicht nur "VC Fälle", sondern auch Unternehmen, die sich zu typischen Mittelständlern entwickeln werden.

förderland: An welchem Start-Up haben Sie sich zuletzt beteiligt? Und warum?

Winzer: Die letzte Beteiligung ist die Firma Subitec GmbH aus Stuttgart, eine Ausgründung aus dem Fraunhofer Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik. Die Gründer haben einen so genannten "Photobioreaktor" entwickelt, mit welchem nachhaltige Bioprodukte aus Mikroalgen im industriellen Maßstab hergestellt werden. So z.B. Fettsäuren, Proteine, Vitamine, Karotinoide und Farbstoffe, die dann als Ausgangsstoffe in der Chemie-, Pharma- und Lebensmittelindustrie zum Einsatz kommen. Dabei werden biologische Prozesse in chemische Wertschöpfungsketten eingebunden, was ich für sehr zukunftsträchtig und potenzialreich ansehe.

Neben der Technologieplattform und dem Geschäftsmodell waren insbesondere eine gesicherte Patentsituation, das dem Unternehmen zur Verfügung stehende Know-how aus dem Fraunhofer-Institut und die Beteiligung eines Business Angels aus der Lebensmittelbranche, nämlich von Herrn Dr. Hengstenberg, ausschlaggebend für die Beteiligung.

förderland: Stichwort: Folgefinanzierung. Hier ist meist ein Vielfaches an Kapital nötig. Leisten Sie selbst Folgefinanzierungen oder helfen Sie den Unternehmen aus Ihrem Portfolio bei der Suche nach neuen Investoren? Wenn ja, wie?

Winzer: Das weit gespannte und intensive Netzwerk des HTGF in die VC-Industrie, zu Beteiligungsgesellschaften und Business Angels ist der eigentliche Mehrwert, den wir neben dem Kapital liefern können. So waren zu unserem Family Day im Juni dieses Jahres neben rund 110 Gründerinnen und Gründern auch etwa 90 Investoren aus ganz Deutschland anwesend. Ziel war es unter anderem, die kapitalsuchenden Unternehmen mit den Investoren zu matchen. Wir sehen uns hier auch als Dealflow-Lieferant für Investoren. Also, summa sumarum beteiligen wir uns aktiv an der Akquise von Folgerunden unserer Portfoliounternehmen und können selbst noch mal 500.000 Euro pro Unternehmen zusätzlich investieren. 

förderland: Wie viele erfolgreiche Anschlussfinanzierungen können die von Ihnen unterstützten Unternehmen bereits verzeichnen?

Winzer: Bis dato wurden 15 Anschlussfinanzierungen in unserem Portfolio generiert. Darunter einige mit den "top five" der deutschen VC-Branche aber auch mit Privatinvestoren und öffentlichen Beteiligungsgesellschaften. Besonders bestätigt hat uns in unserer Arbeit die Anschlussfinanzierungsrunde der Heliatek GmbH aus Dresden, die vom VC Wellington Partners und von zwei unserer Industrieinvestoren - nämlich BASF und Bosch als strategische Investoren - durchgeführt wurde. Zahlreiche weitere Folgerunden befinden sich derzeit in finalen Verhandlungen.

förderland: Momentan sprechen alle von der neue deutschen Gründerszene. Wieder nur ein Strohfeuer?

Winzer: Nein, die Konsolidierung nach Internetboom und Biotech-Blase um die Jahrtausendwende ist endgültig abgeschlossen. Die Wunden sind verheilt, Investoren wie Gründer haben dazugelernt und wichtige Erfahrungen gesammelt. Die Businesspläne, die wir sehen, sind räsonierter, schlüssiger und realistischer geplant. Wer sich heutzutage selbstständig macht und dazu Risikokapital benötigt, hat sich dies sehr gut überlegt und bringt belastbare Technologien und Alleinstellungsmerkmale mit.

Auf der Seite der Investoren ist die herdentriebsmäßige Euphorie aus den neunziger Jahren, die bei Nennung bestimmter Schlagworte ausbrach einer vernunftbasierten, sehr intensiven Prüfung der Geschäftsmodell gewichen. Beide Seiten haben meines Erachtens nach dazugelernt und gewonnen - die deutsche Gründerszene wird sich nachhaltig ausbauen.

förderland: Vielen Dank für das Gespräch.

© 2007 förderland

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