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05.06.15Kommentieren

Interview mit Thomas Till

CFO, Leiter Finanz- und Rechnungswesen, Controller – warum sie immer wichtiger werden

In vielen Unternehmen herrscht ein angestaubtes Image von Finanzmitarbeitern: Als Erbsenzähler, als Zahlenfanatiker sind sie verschrien, die sich den lieben langen Tag nur mit Kennzahlen, Bilanzen, Spreadsheets und Excel-Tabellen beschäftigen. Welch wichtigen Beitrag sie tatsächlich zum Unternehmenserfolg leisten, wird oft verkannt.

Finanzprofi Thomas Till (www.tillundfaber.de) über veraltete Klischees, zukünftige Anforderungen an Finanzler und wie man sie am besten ins Unternehmen integriert.

Über keinen anderen Berufsstand existierten so viele Klischees wie über Finanzmitarbeiter – weshalb ist das so?

Thomas Till: Für die meisten Nicht-Finanzler sind Zahlen, Vorschriften und Regelungen eher mühsam bzw. befassen sie sich meist nur ungern damit. Das ganze Finanzwesen ist aber durch rechtliche Vorgaben sehr genau abgegrenzt, inklusive vieler Fristen – das erfordert akribisches Arbeiten. Um ungestört zu sein, haben sich die Finanzler früher in ihre Büros zurückgezogen und ihre Aufgaben eher autark erledigt, mit nur wenig Berührungspunkten zu anderen Abteilungen. Je weniger Einblick andere Kollegen in die Arbeit haben, umso eher entstehen aber auch Gerüchte und Vorurteile. Mitarbeiter werden schnell als Einzelgänger abgestempelt, die sich nur mit ihrem Metier beschäftigen. Unwissen fördert Klischees.

Welchen dieser Klischees begegnen Sie immer wieder?

Thomas Till: Da gibt es beispielsweise den Controller, der eher lästig als nützlich ist; ein Einzelgänger, der dauernd Zahlen in Tabellenkalkulationen eintippt und nur selten von seinem PC aufsieht. Oder aber den CFO – er ist der Platzhirsch unter den Finanzexperten, der mit stolzgeschwellter Brust durchs Unternehmen läuft und Gespräche mit Banken, Investoren oder jedem führt, der seinen Weg kreuzt. Und wir haben die graue Eminenz, den Kaufmännischen Leiter, der im Verborgenen die Strippen zieht, plant, organisiert und jeden überwacht.

Die Klischees außen vorgelassen, wie sieht die Rolle der Finanzexperten tatsächlich aus? Welchen Beitrag leisten sie?

Thomas Till: Mittlerweile nehmen Finanzmitarbeiter eine Schlüsselrolle in Unternehmen ein: sie liefern wichtige Kennzahlen und Informationen, auf deren Grundlage die Geschäftsleitung zielorientiert planen und das Unternehmen erfolgreich steuern kann. Sie sorgen beispielsweise für ein besseres Rating des Unternehmens bei der Hausbank, sichern Finanzierungen, tätigen Investitionen und etablieren Frühwarnsysteme – sofern man sie lässt.

Wie ist das zu verstehen?

Thomas Till: Nun ja, oftmals gestaltet sich eine Zusammenarbeit zwischen Finanzlern und operativem Management schwierig. Finanzler können aber nur dann einen wertvollen Beitrag zum Erfolg beisteuern, wenn ihre Kompetenzen und ihre Ressourcen richtig eingesetzt werden.

Wie gelingt das?

Thomas Till: In erster Linie ist es an der Geschäftsleitung, die Finanzexperten als strategische Berater ins Boot zu holen: Sie hinterfragen kritische Projekte, äußern unangenehme Wahrheiten, entwerfen aber auch gleichzeitig Entscheidungsalternativen und schlagen Anpassungsmaßnahmen vor. Sie sind Ratgeber in allen finanziellen Belangen und können maßgeblich Einfluss auf die Unternehmensplanung und -strategie nehmen. Außerdem halten sie Kontakt zu wichtigen Geschäftspartnern des Unternehmens wie Banken, Behörden, Wirtschaftsprüfern oder Steuerberatern.

Welche Qualifikationen oder Fähigkeiten werden in Zukunft noch stärker bei Finanzlern gefragt sein?

Thomas Till: Natürlich gibt es viele Kompetenzen und Fähigkeiten, die eine große Rolle spielen – der Aufgabenbereich von Finanzlern ist sehr vielseitig und sie müssen gute Allrounder sein. Aber ich denke, es sind vor allem vier Schlüsselkompetenzen, die in Zukunft ausschlaggebend sein werden.

Welche sind das?

Thomas Till: Weitsicht, um neue Entwicklungen am Markt schnell zu erkennen, zu deuten und rechtzeitig gegenlenken zu können. Emotionale Intelligenz, da Finanzmitarbeiter verstärkt mit Geschäftspartnern, Kunden, aber natürlich auch mit Kollegen arbeiten müssen. Gerade bei Banken ist es beispielweise wichtig als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden und bedeutende Projekte wie Finanzierungen oder Umschuldung souverän handeln zu können. Auch unternehmerisches Denken ist entscheidend: Finanzler müssen sich nicht nur mit internen Zahlen beschäftigen, sondern auch Märkte beobachten, Benchmarks erstellen bzw. zusammentragen und immer hinter die Fassade der Zahlen schauen. Nur so werden sie als wahre Business Partner der Geschäftsleitung wahrgenommen. Und nicht zuletzt rückt globales Denken immer mehr in den Fokus.

Weshalb?

Thomas Till: Viele Mittelständler sind international tätig, dementsprechend müssen Finanzexperten zum Beispiel wissen, wie die Steuersysteme in einzelnen Ländern sind oder wo es besser ist, Kosten auszuweisen, wo Gewinne.

Sie haben anfangs gesagt, dass es in der Praxis durchaus Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen Finanzabteilung und Management geben kann – wie können diese beseitigt werden?

Thomas Till:Schwierigkeiten bzw. Missverständnisse entstehen, wenn über die Arbeits- oder Sichtweise der anderen nur wenig bekannt ist. Deswegen ist es am besten durch Hospitationen einen Einblick in die Welt der Finanzler und vice versa zu erhalten. Zu sehen, wie der Alltag aussieht, wie Meetings ablaufen, wie Probleme angegangen werden, wie Abläufe strukturiert sind. Dadurch werden gleichzeitig die Beziehungen zu anderen Abteilungen gestärkt; dies kann durch Firmenfeiern oder Betriebsausflüge selbstverständlich noch intensiviert werden. Ziel sollte sein, sich abteilungsübergreifend kennen zu lernen und sich auszutauschen.

Weshalb ist das so wichtig?

Thomas Till: Andere Kollegen bringen frischen Wind in die eigene Abteilung, sie können mit neuen Ideen unterstützen und die Augen öffnen für andere Sichtweisen und Möglichkeiten.

Haben Sie dazu ein Beispiel aus der Praxis?

Thomas Till: Es ist zwar simpel, aber recht plakativ: Beispielsweise hält der Leiter der Marketingabteilung sein wöchentliches Jour Fix ausschließlich im Stehen ab. Alle Teilnehmer sind durch diese Maßnahmen sehr aufmerksam und fokussiert, Entscheidungen werden schneller gefällt, nächste Schritte differenzierter vereinbart. Nimmt nun der Finanzmitarbeiter an einem solchen Treffen teil, kann er die Idee des stehenden Jour Fixes seinem eigenen Abteilungsleiter vorschlagen – mit dem Ergebnis, dass die wöchentlichen Treffen nicht wie früher 60 Minuten, sondern nur noch die Hälfte der Zeit in Anspruch nehmen. So wird eine gute, leicht praktikable Idee von einer Abteilung in die nächste transportiert, mit wenig Aufwand.

Welche anderen Tipps gibt es, die die Zusammenarbeit zwischen Abteilungen stärken und für das Unternehmen zu einem besseren Ergebnis führt?

Thomas Till: Wie bereits erwähnt ist es enorm hilfreich, sich neue Sicht- und Denkweisen, vor allem von anderen Abteilungen und Kollegen, anzueignen. Wird ein bestimmtes Thema kontrovers diskutiert, kann es sinnvoll sein, dass sich der Finanzmitarbeiter in die Rolle seines Gegenübers begibt und versucht, an dessen Stelle zu argumentieren. Muss zum Beispiel Personal abgebaut werden, kann der Finanzmitarbeiter die Rolle des HR Managers einnehmen und erklären, was diese Maßnahme nun bedeutet, wie viele Mitarbeiter gehen müssen und welche Veränderungen daraus folgen. Der HR Mitarbeiter versucht stattdessen in der Rolle des Finanzlers die voraussichtlichen Kosten des Personlabbaus in das Gesamtbudget zu integrieren. Danach findet eine Feedbackrunde statt, in der gegenseitig konstruktiv Kritik geübt wird. Nur dieses kleine Rollenspiel kann bereits die Augen für die Probleme und Arbeit des anderen öffnen und zu enormen Verbesserungen in der Zusammenarbeit führen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Interview mit Thomas Till, Geschäftsführer von Till & Faber, einem Interim Provider, ausschließlich spezialisiert auf Finanzpositionen.

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