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01.09.14Kommentieren

Interview mit Bernd Fuhlert

Bernd Fuhlert über NSA-Spionage, persönliche Daten und betrieblichen Datenschutz

Herr Fuhlert, Datenschutz ist ein Thema welches inzwischen in allen Bereichen der Gesellschaft angekommen ist. Fühlen Sie sich als Verbraucher oder Geschäftsführer beobachtet durch die NSA?

Bernd FuhlertBernd Fuhlert ist geschäftsführender Gesellschafter der Revolvermänner GmbH und leitet die DEUTSCHE DIGITAL.

Bernd Fuhlert: Der Datenschutz ist seit den Enthüllungen von Edward Snowden nun immer mehr im Bewusstsein der Menschen verankert. Die Entwicklung ist vergleichbar mit der des Umweltschutzes. Je mehr die ökonomischen Nachteile für die Menschen zunehmen, wenn der Datenschutz keine Berücksichtigung findet, desto mehr bestimmt dieser dann auch das Handeln eines jeden Einzelnen. Gerade bei der Abgabe seiner Daten sollten immer so wenig wie möglich und nur so viel wie nötig, abgegeben werden. Auch ich fühle mich manchmal unsicher, bei der Abgabe meiner Daten und versuche daher Anbieter zu nutzen, die einen hohen Datenschutzstandard haben und nicht schon durch die Medien genannt worden sind, wenn es um den Diebstahl von Daten oder Ausspionieren durch Dritte geht. 

Gibt es Unternehmen die durch die NSA oder Wirtschaftsspionage ernsthaft Geschäftsgeheimnisse verloren haben?

Bernd Fuhlert: Die meisten Vorfälle dieser Art werden gar nicht bekannt. Die Unternehmen wollen in einem solchen Fall dann nicht in der Presse genannt werden, da der Reputationsschaden oft  irreparabel ist. Corporate Trust hat 2012 ermittelt, dass der Schaden durch Hackerangriffe oder Geheimnisverrat in Deutschland allein 4,2 Mrd. Euro pro Jahr beträgt. Wenn man jetzt noch die Studie Cost of Cyber Crime des Ponemon Institut aus dem Jahr 2012 heranzieht, die besagt, dass 1,1 mal pro Woche in Deutschland ein Angriff auf Unternehmen oder Behörden erfolgreich ist, dann sagt das doch alles, oder?

Die Werbeindustrie arbeitet an neuen Techniken um traditionellen Geschäftsmodelle und E-Commerce zu verteidigen. Canvas Fingerprinting und Evercookie sind die Schlagwörter, ist das legal?

Bernd Fuhlert: Das Problem ist, dass Gesetze national gestaltet werden können, aber das Internet global ist. Deutschland hat sehr hohe Anforderungen an den Datenschutz, doch enden diese deutschen Vorschriften auch an der deutschen Grenze. In den USA ist das zum Beispiel völlig anders. Praktisch gibt es hier keinen Datenschutz. Was also in anderen Ländern legal ist, kann in Deutschland verboten sein. Die Erfahrung zeigt, dass es schwierig ist als Betroffener über Landesgrenzen hinweg sein Recht durchzusetzen.

Was hat der Nutzer auf Webseiten zu befürchten, wo diese Techniken zum Einsatz kommen?

Bernd Fuhlert: Je mehr Daten über meine Nutzung erhoben werden, desto besser ist das Profil, das ein Anbieter von mir erstellen kann. Die Werbeindustrie verweist dann darauf, dass so individuelle Angebote erstellt werden können. Aber die Daten können eben auch durch andere Stellen verwendet werden. Wenn ich auf Facebook mitteile, dass ich gerne Ski fahre und Bungee Jumping betreibe, dann ist das auch eine wichtige Info für eine Krankenversicherung. Sie wird mich dann eher als Risikokandidat einstufen und mein monatlicher Beitrag wird nicht 39 Euro betragen, wie in der letzten Werbeanzeige versprochen.

Sind damit nicht auch Risiken verbunden?

Bernd Fuhlert: Absolut! Es kann heute keiner sagen, welche Nachteile sich durch diese Profile in Zukunft noch für die Betroffenen ergeben können. Merkmale die heute völlig belanglos erscheinen, könnten zukünftig in die Berechnung von Bonitätsmerkmalen einfließen. Das zeigte schon das Forschungsprojekt der SCHUFA vor einigen Jahren: hier sollten zum Beispiel die Facebook-Freunde und die dortigen Interessen in das SCHUFA-Scoring miteinfließen. Je mehr Technik zur Verfügung steht, um die Daten zu erfassen und auszuwerten, desto mehr Merkmale können auch herangezogen werden, die heute nicht im Fokus stehen.

Der Vertrieb in kleinen und mittelständigen Unternehmen wird immer schwieriger, da die Kommunikation zur Kundengewinnung seit Jahren eingeschränkt wird. Ist es denn überhaupt noch möglich in einem Unternehmen einen erfolgreichen Vertrieb zu haben, ohne mit dem Datenschutz in Konfliktsituationen zu kommen? 

Bernd Fuhlert: Ja, natürlich geht das. Zwar ist es in den letzten Jahren wesentlich schwieriger für die Unternehmen geworden mit den Kunden in Kontakt zu treten und die personenbezogenen Daten zu nutzen. Allerdings liegt das auch an der Menge der Werbung, die ein Mensch heute am Tag konsumiert. Mehr als 6000 Werbekontakte pro Tag erlebt der Mensch, davon werden nur 5% wahrgenommen. Nach 24 Stunden verbleiben 3 Werbekontakte im „Relevant Set“ des Betroffenen.  Allein deswegen ist schon Kreativität gefragt. Es liegt also nicht an den Vorschriften, sondern die Menschen sind insgesamt auch zurückhaltender geworden, wenn es um Ihre Daten geht.

Was sind die typischen Handlungsfelder eines Datenschutzbeauftragten?

Bernd Fuhlert: Die Tätigkeiten des Datenschutzbeauftragten sind im Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) beschrieben. Die Ausgestaltung ist dann oft individuell und hängt auch von der Branche und Größe des Unternehmens ab. Neben den Aufgaben zur Dokumentation, wie zum Beispiel Erstellung der Verfahrensverzeichnisse, Erstellung der Auftragsdatenverarbeitungen mit den Dienstleistern oder der Vorabkontrolle, ist es wichtig, dass der DSB die Mitarbeiter erreicht. Nur ein gelebter Datenschutz kann auch als Qualitätsverbesserungsmerkmal fungieren. Die Sensibilisierung für das Thema Datenschutz ist daher eines der wichtigsten Handlungsfelder. 

Welchen Zeitaufwand rechnen Sie für ein Unternehmen, welches sich ernsthaft mit dem Thema Datenschutz beschäftigen will?

Bernd Fuhlert: Das ist von vielen Faktoren abhängig und kann daher nicht pauschal beantwortet werden. Der Zeitaufwand hängt zum Beispiel von der Anzahl der Mitarbeiter, der Art und Sensitivität der verwalteten Daten, der Branche und weiteren Faktoren ab. Sinnvoll ist die Bestellung eines internen oder externen Datenschutzbeauftragten, der sich zentral um die Belange des Datenschutzes kümmert. Das ist schon ein sehr guter Anfang.  

Bernd Fuhlert ist geschäftsführender Gesellschafter der Revolvermänner GmbH und leitet die DEUTSCHE DIGITAL. Mit über 10 Jahren Erfahrung berät er internationale Kunden in Fragen rund um Datenschutz, Krisenkommunikation und IT-Security. Bernd Fuhlert ist aktives Mitglied der von der Bundesregierung initiierten Stiftung Datenschutz und ist als Dozent für verschiedene Hochschulen tätig. Zudem bloggt Bernd Fuhlert regelmäßig im Verbraucherschutz-Blog.

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