
Der Mittelstand und die Angst vor der Veränderung
Warum es mittelständischen Unternehmen an Geld fehlt, obwohl der Markt genug bereit hält
Glaubt man der Psychologie, dann ist rationale Einsicht folgenlos. Die wichtigste Triebfeder für Veränderungen ist der Leidensdruck. Und der ist, wenn man den Diskussionen auf dem Fachkongress „Erfahrungen mit strukturierten Finanzierungsmodellen im Mittelstand“ der Rating Services AG Mittel Juli 2006 in München folgt, immer noch nicht hoch genug.
Ein Beitrag von Dr. Perry Reisewitz
Nichts von der Stange
Die Möglichkeiten, wie sich mittelständische Unternehmen aus der Misere fehlenden Eigenkapitals befreien können, sollten, seit die neue Kapitalmarktrichtlinie Basel II ins Haus steht, hinlänglich bekannt sein.
Es gibt jedoch eine Reihe von Gründen, warum die frohe Botschaft, dass Geld für den Mittelstand vorhanden ist, die Zielgruppe der mittelständischen Unternehmer bisher nur in geringem Maße erreicht hat. Zunächst die Komplexität des Themas: Darauf hat Professor Dr. Manfred Steiner von der Universität Augsburg in seinem Grundsatzvortrag hingewiesen. Um sich mit den komplexen Modellen und Möglichkeiten auseinanderzusetzen, benötigt man Finanzvorstände, die ihr Unternehmen nicht aus Sicht der Buchhaltung sondern derjenigen strukturierter Finanzierungen sehen. Den Chief Finance Officer US-amerikanischer Prägung gibt es in Deutschland aber bisher kaum. „Inzwischen ist das Teil der universitären Ausbildung, aber es dauert natürlich, bis diese jungen Leute in den Unternehmen in den entsprechenden Positionen sind“, so Steiner.
Mittelständischen Geschäftsführern und Vorständen fehlt oft der Zugang zu den komplizierten Lösungsmöglichkeiten. Sie haben in der Regel kaum die Zeit, um sich in die Thematik so weit einzuarbeiten, so dass sie die Perspektiven, die sich daraus ergeben, oftmals übersehen. „Die meisten mittelständischen Unternehmer sind ins Tagesgeschäft involviert und sie sind ausgewiesene Spezialisten auf ihren Gebieten. Jetzt verlangt man, dass sie auch Finanzspezialisten werden. Da sollte die Finanzbranche ihre Hausaufgaben machen und die Produkte übersichtlicher gestalten“, ärgert sich ein Unternehmer. „Es geht doch nicht, dass man zwei Jahre investieren muss, um zu dem für das eigene Unternehmen richtigen Modell zu kommen.“
Transparenz durch Information und aktive Beratung
Anregungen, wie schnell Abhilfe geschaffen werden kann, gibt es indes. Zum einen sind die Berater gefragt. Die können etwa mit Factoring- und Leasinginstrumenten die Liquidität des Unternehmens deutlich verbessern. Darauf wies Andreas Jorns, Geschäftsführer der F&U Consulting GmbH hin. Aber auch bei der Beschaffung von Kapital von außen sei, so Professor Steiner, der Beratungsbedarf in Unternehmen in der Regel hoch. Oft stellt sich angesichts der Vielfalt der Möglichkeiten erst einmal Ratlosigkeit ein. „Es ist die Aufgabe der Finanzbranche, hier mehr Klarheit und Transparenz zu schaffen“, erläutert Dr. Maria Zeller, Chefanalystin der Rating Services AG. Die Psychologie gibt ihr Recht. Wenn der Leidensdruck in Ratlosigkeit mündet, wird das Problem meist verdrängt. Zeller: „Deshalb ist es wichtig, mit klaren Informationen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Nur so können Veränderungen angestoßen werden.“
Für Kapitalgeber ist dies eine ungewohnte Situation. Denn wer Geld benötigt, fragt in der Regel danach. Was bei Kreditinstituten üblich ist, hat sich bei alternativen Finanzierungskonzepten bisher nicht durchgesetzt. „Unternehmen kommen nicht auf uns zu. Wir müssen sie suchen“, erklärt Alfred Wieder, Vorstand der Alfred Wieder AG, die mittelständischen Unternehmen über anlegerfinanzierte, bankenunabhängige Fonds Kapital zur Verfügung stellt.
Stefan Hock, Vorstand der Baader Wertpapier Handelsbank AG, die mittelständische Unternehmen als Konsortialbank an die Börse begleitet, stellt fest, dass seit Anfang des Jahres die Börse für kleinere und mittlere Unternehmen wieder an Attraktivität zunimmt und damit die Aufträge für IOPs wieder gestiegen sind. Mittelständische Unternehmen müssen einen einfachen Überblick über die Möglichkeiten alternativer Finanzierungen erhalten, auch wenn diese selten standardisierbar sind. Raphael Fiz, Geschäftsführer der Wabio GmbH, regte eine Informationsplattform an, mit der die Suche nach geeigneten Lösungen unterstützt werden könnte.
Praxisberichte einbinden
"Wir müssen weiter informieren", so Hans J. Loges, Vorstand der Rating Services AG, auf dem Kongress "Strukturierte Mittelstandsfinanzierungen" in München.
Universitäre Ausbildung, Einsatz von Beratern, Informationsplattform – neben diesen drei grundsätzlichen Ansätzen zeigte ein weiterer, implizit vorhandener Ansatz, wie das Thema Mittelstandsfinanzierung an Breite gewinnen könnte. „Wir haben ganz bewusst drei Praxisberichte ins Zentrum unseres Kongresses gestellt“, sagt Hans J. Loges, Vorstand der Rating Services AG. Wir wollten den Anstoß zu Diskussionen und zum Erfahrungsaustausch geben.“
Die rund 70 Teilnehmer – die Hälfte davon selbst Unternehmer – nutzten im Haus der Bayerischen Wirtschaft in München die Gelegenheit und hinterfragten in der Diskussion mit Raphael Fitz, Dr. Wolfgang Weiss (externer CFO) und Stephan Holzner, dem Vorstandsvorsitzenden der Etkon AG, die verschiedenen Finanzierungsformen von Venture Capital über Private Equity bis zu mezzaninen Formen und zum Börsengang. „Die meisten Teilnehmer haben sich mit dem Thema ‚strukturierte Finanzierungen’ bereits im Vorfeld beschäftigt. Aber die Diskussionen und Gespräche am Rande haben gezeigt, dass wir hier weiterhin informieren müssen.“, zieht Loges das Fazit. „Der Gedankenaustausch hat im Mittelstand erst begonnen.“
Über den Autor
Perry Reisewitz studierte Romanistik, Germanistik und Politikwissenschaften in Münster, Konstanz und Eichstätt. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für große Tageszeitungen und Rundfunkanstalten. Erfahrung im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit sammelte er über mehr als zehn Jahre als PR-Berater für klassische mittelständische Unternehmen, für börsennotierte Gesellschaften und als Account Director mit der Verantwortung für umfangreiche Konzern-Etats. Seit 2001 ist er Geschäftsführender Gesellschafter der Compass Communications GmbH.
Prof. Dr. Perry Reisewitz lehrt zudem Public Relations und Kommunikationsmanagement an der macromedia hochschule für medien und kommunikation (München) und unterrichtet an der Akademie der bayerischen Presse (München). Er ist Autor zahlreicher Fachbeiträge und Lexikonartikel und Mitglied im Vorstand der DPRG Bayern.
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