
III. Was erwarten und benötigen Unternehmer und Mitarbeiter, wenn Sie Businesspläne lesen?
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, die Planung aufzugeben, sondern es geht darum, so zu planen, dass die relevanten Akteure, nämlich der Unternehmer und seine Mitarbeiter mit dem Plan arbeiten können.
Es geht also um die Frage, wie ein Plan aussehen müsste, der darauf ausgerichtet ist, ein Unternehmen zu schaffen, das seinen Zweck erfüllt. Also den Kunden Nutzen bietet, nicht den Investoren eine Rendite. Und um noch einem Missverständnis vorzubeugen: Ich habe nichts gegen Rendite. Wenn das Unternehmen seinen Kunden einen überzeugenden Nutzen bietet, ergibt sich diese sowieso. Ich halte nur die primäre Ausrichtung des Handelns auf die Rendite für falsch, weil diese nicht dem Zweck eines Unternehmens entspricht.
Was sollte man nun planen und wie? Im Folgenden gebe ich einige Anregungen, welche Elemente in einen Plan für Unternehmer und Mitarbeiter wünschenswert sind:
- Fokussierung auf eine kleine Zielgruppe. Das A und O ist, so schnell wie möglich zum Marktführer zu werden. Dazu brauchen Sie einen kleinen Markt. Die Größe des Marktes sollte etwa so sein, dass Sie mit Ihrer aktuellen Leistungsfähigkeit rund 5 bis 10 Prozent des Markts abdecken könnten. Das ist dann Ihr(!) Markt. Dort müssen Sie besser sein als alle anderen. Und in Ihrem Plan sollten Sie beschreiben, mit welchen Instrumenten der permanenten Kundenkommunikation Sie das absichern werden. Kundenkommunikation ist dabei nicht einseitig, sondern viel wichtiger ist noch die Frage, wie Sie permanent die Kundenbedürfnisse erfassen und aufnehmen.
- Klarer Nutzen. Welchen klaren, überzeugenden und unterscheidbaren Nutzen bieten Sie Ihrer Zielgruppe? Was tun Sie, um sicherzustellen, dass dieser Nutzen in drei oder in fünf Jahren noch überzeugender ist als heute? Was tun Sie, um sich in den Köpfen Ihrer Zielgruppe zu positionieren? Wie messen Sie das? Und welche Ressourcen (Geld und vor allem Zeit) stellen Sie dafür zur Verfügung?
- Vision, Werte und Führungsprinzipien. Häufig vernachlässigt oder falsch gemacht. Eine Vision ist nicht, in fünf Jahren 50 oder 500 oder 5000 Mitarbeiter zu haben. Eine Vision ist auch nicht, 1 Mio., 10 Mio. oder 100 Mio. Umsatz zu machen. Zum einen ist das völlig inhaltsleer und 10 Mio. sind nichts anderes als 100 Mio., solange Sie kein Bild im Kopf haben, was Sie damit machen möchten. Zum anderen und wesentlicher: Es ist der Hauptperson in Ihrem Unternehmen, nämlich Ihrem Kunden völlig egal! Eine Vision war z.B. bei Microsoft: "Ein Computer in jedem Wohnzimmer" oder bei Kennedy: "Vor Ende des Jahrzehnts landen Menschen auf dem Mond". Eine Vision ist ein möglichst großes und emotionales Leitbild, das dem Kunden etwas sagt und in der konkreten Planung eine Richtschnur bietet.
Noch wichtiger ist die Frage der Werte und Führungsprinzipien - gerade vor Gründung eines Unternehmens. Ein funktionierendes Unternehmen benötigt eine einheitliche Ausrichtung. Die schaffen Sie nicht, indem Sie jedes Detail regeln (wie z.B. durch unsere mittlerweile 69.000 deutschen Gesetze und Verordnungen), sondern indem es einige wenige verbindliche Grundregeln des Verhaltens gibt. Achten Sie darauf am Anfang nicht, dann werden Sie es später fast nie mehr schaffen, eine einheitliche Kultur zu installieren. Das setzt sich fort wie Krebs.
Bei Vision, Werten und Führungsprinzipien müssen Sie auch die Frage beantworten, mit welchen Mechanismen Sie dafür sorgen möchten, dass diese wirksam und damit gelebt werden. - Ablauf der permanenten Optimierung. Ein Unternehmen ist nicht statisch. Sie können beständig etwas verbessern. Tun Sie es nicht, dann macht es der Wettbewerb. Allerdings: Die meisten Ideen entstehen in der täglichen Arbeit. Also nach der Erstellung des Plans. Wie wollen Sie diese Ideen in Ihr Unternehmen einfließen lassen? Nach welchen Kriterien wollen Sie über die Umsetzung der Ideen entscheiden? Welche Ressourcen (Geld und vor allem Zeit) reservieren Sie für solche Optimierungen? Wer ist verantwortlich und wer entscheidet?
- Wachstumsstrategie. Dabei geht es nicht um die Frage, wie viel Sie nächstes Jahr mehr auf dem Konto haben als dieses Jahr. Es geht um die Frage, wie Sie die Energie, die durch Ihre Anziehungskraft auf Ihre Kunden entsteht, in Wachstum umsetzen wollen. Auf der biologischen Ebene gibt es unterschiedliche Wachstumsmodelle: Zellteilung, Zellwachstum, Fortpflanzung etc. Bei Unternehmen gibt es dies auch: Wollen Sie einfach immer nur größer werden (und sich dann ständig restrukturieren)? Oder gleichgroße Einheiten mittels Franchising vervielfältigen? Und wie organisieren Sie Ihr inneres Wachstum krebsfrei - also mit einer Ausrichtung an einheitlichen Werten und Verhaltensnormen? Wie ziehen Sie die besten Mitarbeiter an und wie integrieren Sie neue Mitarbeiter in Ihre Organisation? Und auch: Was tun Sie, um die nicht passenden los zu werden und was sind die Kriterien dafür?
- Unternehmensweite Planungs- und Umsetzungsmaßnahmen. Bisher bewegten wir uns auf der Ebene der Konzepte, Visionen, Werte und Strategien. Wie bekommen Sie die PS auf die Straße? Welche Planungsverfahren installieren Sie? Jahrespläne? Monatspläne? Wochenpläne? Was tun Sie, damit allen die Pläne und Hauptziele klar sind? Wie kontrollieren oder unterstützen Sie bei der Umsetzung? Wie messen oder überprüfen Sie permanent die Zielerreichung?
- Sollbruchstellen und Maßnahmen. Dinge entwickeln sich oft anders als geplant. Das spricht nicht gegen die Pläne, sondern dafür, sich einige wenige Grundregeln für Abweichungen zu definieren. Das wie vielfache des Monatsumsatzes soll als Rücklage für solche Abweichungen zurückgelegt werden? Wie werden diese Rücklagen geschaffen? Unter welchen Voraussetzungen dürfen diese Rücklagen angetastet werden und welche begleitenden Maßnahmen sind beim Antasten zwingend in Gang zu setzen? Welche Mechanismen werden installiert, um die Einhaltung dieser Regeln sicherzustellen?
- Persönliche und Management-Entwicklung. Das ist der absolut entscheidende Punkt, der allerdings praktisch nie berücksichtigt wird. Der Hauptmotor eines Unternehmens ist der Unternehmer. Allerdings gilt auch das Umgekehrte: Der Hauptengpass eines Unternehmens ist ebenfalls der Unternehmer. Je stärker sich ein Unternehmen entwickelt, desto stärker ändern sich auch die Anforderungen an einen Unternehmer.
Auch der Umgang mit Krisensituationen muss erst gelernt werden: Wie schafft man es, gut zu schlafen, wenn man weiß, dass ein Projekt völlig aus dem Ruder gelaufen ist oder dass in drei Monaten eine Kreditrückzahlung von einer halben Mio. fällig wird und man keinen Cent in der Tasche hat?
In der Tat ist mir kein Job bekannt, der solche umfassenden Anforderungen an die eigene Weiterentwicklung stellt, wie der des Unternehmers. Und das sollte geplant werden. Wenn Sie erst dann Selbstmanagementfähigkeiten lernen wollen, wenn Sie bereits 90 Stunden pro Woche arbeiten, können Sie es vergessen. Sie haben dann nämlich keine Zeit mehr dafür.
Also: Welche Anforderungen kommen in den nächsten fünf Jahren auf Sie als Unternehmer zu? Wie müssen Sie sich verändern (in Fachwissen, Kompetenzen und Einstellungen), um diese Anforderungen zu bewältigen? Welche Mittel setzen Sie zur Veränderung ein (Seminare, Bücher, Unternehmercoach, Feedback, Mentoren, etc.)? Welche Ressourcen (Geld und vor allem Zeit) stellen Sie dafür bereit? Wie sichern Sie ab, dass die Persönlichkeitsentwicklung auch in stürmischen Zeiten nicht unter den Tisch fällt?
Beim Punkt der persönlichen Entwicklung erlaube ich mir einen Hinweis, der scheinbar nicht dringend ist und fast immer im Alltag untergeht: Es handelt sich nicht um ein nettes "Nice-To-have", sondern um die Frage Ihrer Existenz. Wenn Ihr Unternehmen wächst, haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie wachsen mit und haben Erfolg oder Ihr Unternehmen wächst Ihnen über den Kopf und Sie gehen unter.
Über den Autor
Stefan Merath hat Philosophie, Psychologie, Publizistik und Informatik studiert und war Anfang der 90er Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin tätig. Seit nunmehr 10 Jahren ist er Unternehmer aus Leidenschaft, kennt somit nahezu alle Probleme und Höhepunkte des Unternehmerlebens. Seit einigen Jahren gibt er diese Erfahrungen als gefragter Unternehmercoach an Unternehmer weiter.
Der Diplom-Soziologe hat zahlreiche Coaching- und Positionierungsweiterbildungen absolviert, ist begeisterter Sachbuchleser und gilt zudem als Experte für erfolgreiches Franchising.
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