Über den Sinn und Unsinn von Businessplänen - Ein Beitrag von Stefan Merath
teaser_fachbeitraege.jpg
12.11.2007

Businessplan

Über den Sinn und Unsinn von Businessplänen

In den letzten 10 bis 15 Jahren werden Businesspläne für Unternehmensgründungen "zwangsdurchgesetzt". Unterstützt wird dies in der Regel von Banken, Businessplan-Wettbewerben, Fördergeldvergaberichtlinien und Vorgaben für Gründungszuschüsse. Dies ist zumindest dann der Fall, wenn für die Gründungen externes Kapital benötigt wird. Die Anzahl der Insolvenzen ist jedoch - trotz eines Rückgangs in diesem Jahr - insgesamt eher gestiegen. Aus dem Anwachsen der geschriebenen Businesspläne ist demzufolge nicht ein Anwachsen erfolgreicher Unternehmen geworden. Wo liegt also der Nutzen solcher Businesspläne? Warum sind keine statistisch signifikanten Verbesserungen zu sehen?




Ein Beitrag von Stefan Merath

Wer liest eigentlich Businesspläne?

Den meisten angehenden Selbständigen und Unternehmern fällt es eher schwer, einen Businessplan aufzustellen. Eine Ausnahme mögen Gründer mit kaufmännischen Vorbildung sein. Viele dagegen stellen sich die Frage, warum sie Zahlen hin und her schieben sollen, wenn sie noch gar nicht wissen, ob das angebotene Produkt überhaupt im erwarteten Umfang einschlägt. Und sie haben Recht!

Letztlich wird eine Scheinsicherheit erzeugt, die in Wirklichkeit nicht existiert. Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich enthält ein klassischer Businessplan mehr als nur ein Zahlenwerk. Meist enthält er Abschnitte über Unternehmen, Team, Produkt und Dienstleistung, Markt und Wettbewerb. Hinzu kommen Marketing & Vertrieb sowie eine Finanzplanung, manchmal auch eine Risikoanalyse.

Doch wer ist eigentlich die Zielgruppe des so wichtigen Dokuments? Anders als man zunächst vermutet, ist nicht der Unternehmer der anvisierte Leser eines regulär erstellten Businessplans. Auch nicht dessen Mitarbeiter, die wissen wollen, was sie zu tun haben. Der anvisierte Leser ist ein Banker, ein Investor, ein Türhüter für Fördergelder und Zuschüsse. Und deshalb ist der Durchschnittsplan auch komplett auf die Zahlen-Erwartungen dieser Zielgruppe ausgerichtet und keineswegs an den Bedürfnissen des Unternehmers oder seiner Mitarbeiter.

Was passiert in der Folge?

Abhängig von der Zielgruppe ändern sich die Inhalte der Planung. Das wesentliche Interesse des Adressaten - in der Regel ein Investor - ist es, das eingesetzte Kapital bei möglichst geringem Risiko mit möglichst hoher Verzinsung zurückzubekommen. Aus Sicht eines Investors ist der wesentliche Zweck eines Unternehmens, Kapital zu vermehren. Damit liegen sie jedoch, wie von führenden Management-Theoretikern wie Malik, Drucker oder Mewes gezeigt, falsch: Der einzige Zweck eines Unternehmens ist, seinen Kunden einen möglichst hohen Nutzen zu bieten.

Welche Bedeutung hat dies für einen Businessplan? Folgendes passiert:

Ein Businessplan fördert die falsche Strategie:
Investoren, die einen Businessplan lesen, wünschen sich eine hohe Rendite bei geringem Risiko. Beides ist am ehesten dann gegeben, wenn der Markt ein hohes Wachstumspotenzial verspricht und möglichst groß ist. Um es in Zahlen auszudrücken: ein Investor erwartet einen Wertzuwachs um den Faktor 40 bis 100 in fünf Jahren. Um dies im Businessplan plausibel zu machen, muss der Markt entsprechend groß sein. Dementsprechend liest man in allen Businessplänen, wie toll und riesig der Markt ist.

Das Problem dabei: In diesem großen Markt ist man ein kleiner Fisch. Betrachtet man dagegen die Strategie der Hidden Champions - die von Hermann Simon untersuchten deutschen Weltmarktführer - dann ist diese genau entgegengesetzt: Die Unternehmen haben sich, als sie noch klein waren, Märkte neu geschaffen, die exakt auf ihre Stärken zugeschnitten waren. Die Strategie ist hier, möglichst schnell der Marktführer in einem sehr kleinen Markt zu werden und von dieser sicheren Basis aus zu wachsen. Wenn Sie aber in Ihrem Businessplan einen winzigen Markt ansprechen, bekommen Sie kein Kapital.

Ein Businessplan fokussiert die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung:
Es bestehen zwei Möglichkeiten, um als Unternehmen Geldmittel zu erhalten: über Investoren oder über Kunden. Beide wollen gepflegt werden. Dabei geht es dem Investor nicht nur um eine einmalige Erstellung eines Businesplans, sondern um permanente Berichterstattung, Plananpassung, nach Möglichkeit sucht er Mitsprache und mehr.

Das Problem dabei: In der Zeit, in der Sie sich mit den Investoren beschäftigen, können Sie sich nicht mit den Kunden beschäftigen. Da der Zweck eines Unternehmens ist, seinen Kunden Nutzen zu bieten, beschäftigen Sie sich also in der Zeit, in der Sie sich um die Investoren kümmern, gerade nicht mit dem Zweck des Unternehmens. Auf die lange Sicht wird jedoch immer der Unternehmer im Vorteil sein, der sich mehr mit seinen Kunden und seiner Zielgruppe beschäftigt.

Ein Businessplan unterschätzt die Dynamik des Alltags:
Jedes Unternehmen ist ein dynamischer Organismus. Es ist sicher sinnvoll, sehr langfristige Strategien zu entwickeln. Dennoch kann es sich als notwendig erweisen, auch kurzfristig einen völlig anderen Weg einzuschlagen. Das will der Investor aber nicht wissen oder zur Kenntnis nehmen. Er will ja ein möglichst geringes Risiko. Möglichst kontinuierliche und berechenbare Verläufe machen ihn glücklich - eine Welt ohne Excel wäre für Investoren ein schlechter Ort. Auch die Risiko-Abschnitte in Businessplänen sind meist nur dazu gedacht, die Investoren zu beruhigen: Ja, wir haben die Risiken bedacht und im Griff.

Das Problem dabei: Wenn Sie als Unternehmer auf die Idee kommen, im Businessplan darauf hinzuweisen, dass es auch zu einer anderen Entwicklung kommen kann, erhalten Sie die Standard-Antwort: Bitte überarbeiten Sie doch noch mal ihr Konzept. Die Fiktion der Sicherheit (es steht doch schwarz auf weiß im Businessplan!) ist dem Investor lieber als das offene und realitätsnahe Management von Chancen und Risiken.

Die Adressaten einer solchen Planung, die Kapitalgeber und Banker verstehen sicher sehr viel von Investments und Finanzplänen. Sie kennen sich aber nicht zwangsläufig mit Unternehmensführung aus. Das liegt daran, dass sie keine Unternehmer sind.

Das Ergebnis dieser Ausrichtung der Businessplanung auf die Rendite- und Risikoerwartungen der Investoren, ist folgendes: Wer einen Businessplan liest, weiß nicht, wie das Unternehmen irgendwann einmal aussehen wird. Wofür steht das Unternehmen? Wie sind die Kundenbeziehungen? Wie arbeitet man im Unternehmen zusammen? Elementare Fragen bleiben offen.

Wer einen Businessplan liest, weiß auch nicht, was er tun soll. Das Papier ist nicht mit einer Handlungsanweisung zu verwechseln. Wie wird begonnen, das Unternehmen aufzubauen? Wie werden die Innovationen vorangetrieben? Nach welchen Kriterien werden Mitarbeiter eingestellt? Wie werden Prozesse erarbeitet und getestet? Dies jedoch sind Fragen, die sich der Leser von Businessplänen instinktiv stellt.

Welche Veränderungen kann der Businessplan abfangen ? Wie sieht der systematische Plan zum Management von Chancen und Risiken aus? Welche Reserven dürfen unter welchen Bedingungen wie benutzt werden?
Betrachtet man einen Plan z.B. eines Architekten und weiß danach nicht, wie das Haus aussehen soll oder wie die Wände gebaut werden sollen, dann taugt der Plan nichts. Selbst dann nicht, wenn unten rechts der exakte Preis für den Hausbau steht. Genauso ist es mit den Businessplänen. Und weil die meisten Unternehmer dies intuitiv ahnen, verschwinden die Pläne nach ihrer Erstellung in den Schubladen und werden dann nie wieder gesichtet.

  drucken        versenden
Bewerten Sie diesen Beitrag:

Durchschnittliche Bewertung:
[ 30 Bewertungen ]

Über den Autor

Stefan Merath hat Philosophie, Psychologie, Publizistik und Informatik studiert und war Anfang der 90er Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin tätig. Seit nunmehr 10 Jahren ist er Unternehmer aus Leidenschaft, kennt somit nahezu alle Probleme und Höhepunkte des Unternehmerlebens. Seit einigen Jahren gibt er diese Erfahrungen als gefragter Unternehmercoach an Unternehmer weiter.

Der Diplom-Soziologe hat zahlreiche Coaching- und Positionierungsweiterbildungen absolviert, ist begeisterter Sachbuchleser und gilt zudem als Experte für erfolgreiches Franchising.

www.unternehmercoach.com

Neue Fachbeiträge

  • Online-Marketing

    Was man im Umgang mit sozialen Netzwerken beachten sollte

    Vor dem Hintergrund der sich immer stärker abzeichnenden Schwächen herkömmlicher Marketinginstrumente wie der Kaltakquise flüchten immer mehr Unternehmen in die Welt der sozialen Netzwerke. In ihnen lassen sich mit wenig Aufwand und geringen Investitionen hohe Erfolgsraten realisieren - so zumindest die Theorie. Viele Firmen aber scheitern in der Online-Welt und stellen nach einigen Monaten enttäuscht fest, dass sie keine neuen Kunden gewonnen, sondern Ansehen verloren haben. Was man im Umgang mit sozialen Netzwerken beachten sollte, erklärt Robert Nabenhauer in seinem Fachbeitrag. mehr
  • Kundenbefragungen

    Critical Incident Technique (CIT)

    Klassische Kundenbefragungen bleiben meist an der Oberfläche – und sie sind gefährlich. Denn auf ihre mehr oder weniger sorgfältig ausformulierten Fragen erhalten die Interviewer kaum Wahrhaftigkeit, sondern vornehmlich Antworten, die opportun erscheinen oder aber den Befragten vor sich selbst und anderen in ein gutes Licht rücken sollen. Dies passiert in aller Regel nicht absichtlich. Die Ursache liegt vielmehr darin, dass uns der Zugang zum Unbewussten fehlt. Wir machen uns selbst etwas vor. Psychologen nennen das Wahrnehmungsgefängnis. Die Critical Incident Technique kann uns daraus befreien. Lernen Sie mehr über diesen Ansatz im Fachbeitrag von Anne M. Schüller, führende Expertin für Loyalitätsmarketing. mehr
  • Versicherung

    Berufsunfähigkeit - Auch für Gründer ein Thema

    Wer ein Unternehmen gründet oder führt, sollte sowohl das Gewerbe als auch sich selbst gegen alle möglichen Risiken absichern. Dazu gehört beispielsweise die Absicherung gegen Schadensersatzansprüche Dritter. Aber auch die eigene Arbeitskraft sollte beim Versicherungsschutz nicht außen vor gelassen werden. Einen Einblick ins Thema gewährt uns Juliane Wellisch, Redakteurin bei berufsunfaehigkeit.com, in ihrem Fachbeitrag. mehr
  • Do it yourself

    Facebook-Marketing für Gründer

    Mit über 22 Millionen Mitgliedern allein in Deutschland ist Facebook unbestritten das soziale Netzwerk Nummer 1. Kaum verwunderlich, dass es auch von Unternehmen unterschiedlichster Größe genutzt wird, um sich der breiteren Online-Öffentlichkeit vorzustellen und eine eigene Community aufzubauen. Doch wie verhält es sich mit Existenzgründern, deren Budget meist begrenzt ist? Welche Möglichkeiten bietet Facebook-Marketing fürs kleine Portemonnaie? Diese Fragen beantwortet Dr. Rebecca Belvederesi-Kochs in ihrem Fachbeitrag. mehr
  • Fachbeitrag

    Über Ziele und wie die Chance wächst, diese tatsächlich zu erreichen

    Der Jahresanfang ist ja oft der Zeitpunkt, an dem Menschen sich sowohl persönlich als auch beruflich oder für ihr Unternehmen Ziele setzen, Veränderungen erreichen wollen. Nur zu oft werden diese Ziele, obwohl grundsätzlich durchaus realisierbar, letztendlich nicht erreicht, das Vorhaben wieder ad acta gelegt. In seinem Fachbeitrag erklärt Unternehmercoach Jörg Mann wie die Chance wächst, Ziele tatsächlich zu erreichen. mehr
  • Journalisten die Arbeit erleichtern

    Der perfekte Pressebereich: Zwölf Tipps und fünf Tabus

    Bevor ein Redakteur zum Telefonhörer greift, holt er sich erste Informationen über ein Unternehmen oder eine Person aus dem Netz. Hier bekommen Sie zwölf Tipps für einen perfekten Pressebereich – und fünf Tabus. Zusammengestellt von Ulf-Hendrik Schrader, geschäftsführender Gesellschafter der Aufgesang Public Relations GmbH. mehr
  • Fachbeitrag

    Das historisch bedingte Wissen um die Macht einer Geschäftsidee!

    Der Blick auf das Unternehmertum, seine Aufgabenbereiche und die daraus resultierenden Entscheidungen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Besonders bei jungen Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten vieles in Bewegung gesetzt und verändert. In ihrem Fachbeitrag wirft Marketingberaterin Nicole M. Pfeffer einen Blick auf das historisch bedingte Wissen um die Macht einer Geschäftsidee. mehr
  • Vertriebsanalyse

    Wenn die Umsätze nicht stimmen

    Start-ups und junge Unternehmen geraten oft in Schwierigkeiten, weil die Umsätze stagnieren oder sinken, Absatzziele nicht erreicht werden oder die Anzahl der neu geworbenen Kunden zurückgeht. In solchen Situationen ist es hilfreich, den Vertrieb auf den Prüfstand zu stellen, um herauszufinden, ob es Schwachstellen und Optimierungspotenziale gibt. Was es bei einer Vertriebsanalyse zu beachten gilt, erklärt Dipl.-Ing. (FH) Volker Wendeler in seinem Fachbeitrag. mehr
  • Online-Marketing

    Vorsicht bei E-Mail-Marketing!

    Aus Unternehmersicht ist E-Mail-Marketing eine schnelle, kostengünstige und praktische Methode, um viele potenzielle Kunden zu erreichen. Doch Vorsicht: Grundsätzlich ist E-Mail-Marketing unzulässig, egal ob sich die Informationen an Privatpersonen oder an Gewerbetreibende richten, und unabhängig davon, ob sie explizit als Werbung gekennzeichnet sind oder beispielsweise als Newsletter bezeichnet werden. Zur Vorsicht beim E-Mail-Marketing mahnt Fachanwältin Bettina Krause in ihrem Fachbeitrag. mehr
  • Corporate Branding

    Das neue Corporate Branding - konsequent auch für Facebook

    Seit der Beliebtheitsgrad sozialer Netzwerke immer weiter steigt, haben sich die Anforderungen an die Selbstdarstellung von Firmen stark verändert. Die Unternehmens-Identität bildet sich in den Köpfen der Menschen über weit mehr Faktoren als zuvor. Das wirkt sich selbstverständlich auch auf die formalen Aspekte der Corporate Identity aus. Einen Einblick in das neue Corporate Branding gibt Gründercoach und Designerin Ulrike Thiel in ihrem Fachbeitrag. mehr
  • Cloud Computing

    Geschäftssoftware der Zukunft kommt aus dem Netz

    Der klassische Server ist ein Auslaufmodell. Zukünftig werden komplexe Unternehmenslösungen bei Firmen immer weniger vor Ort installiert, sondern über das Internet genutzt. Das sogenannte Cloud Computing ist günstig, flexibel und einfach zu handhaben. Warum die Geschäftssoftware der Zukunft aus dem Netz kommt, erklärt Markus Stahl, Leiter Business Development bei SAP Deutschland, in seinem Fachbeitrag. mehr

anzeige

förderland-Newsletter

Close