
Das Edison-Prinzip
Mit System zu neuen Ideen
Welchen Grund gibt es für ein Unternehmen, Aufgaben auszugliedern und von selbstständigen Unternehmern ausführen zu lassen? Die Antwort, die Sie auf diese Frage erhalten, sind fast immer die gleichen: Um Kosten zu senken und damit flexibler zu werden, um Risiken auszulagern und um spezielles Know-how einzukaufen. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, den gerade große Unternehmen nur selten offen zugeben: Um kreativer zu werden und neue Ideen zu bekommen.
Ein Beitrag von Jens-Uwe Meyer
In einer Zeit, in der der Ruf nach Innovationen immer lauter wird, eine wichtige Angelegenheit. Großunternehmen sind kreative Dinosaurier, bei denen durch Abstimmungsprozesse, verteilte Verantwortlichkeit, mangelnde Risikobereitschaft und interne Firmenpolitik radikale Ideen schnell unter die Räder kommen.
Doch die Zeit der Dinosaurier nähert sich dem Ende. Unternehmen müssen schneller, flexibler und kreativer werden. "Kreativität in ihren verschiedenen Formen ist zum größten Wachstumsmotor geworden", schreibt die amerikanische Business Week im August 2008. Und eine Studie von IBM prognostizierte schon vor zwei Jahren, dass sich die Arbeitswelt im radikalen Wandeln befindet. Weg von festen Strukturen, die nach einer Studie von IBM für viele Chefs zu "teuer, nicht reaktionsfähig genug, ineffizient und veraltet" sind, hin zu Arbeitsstrukturen, die Kreativität fördern und es Unternehmen somit ermöglichen, sich und ihre Produkte immer wieder neu zu erfinden. "Creative Work" nennt es das deutsche Zukunftsinstitut in einer Studie aus dem Jahr 2007: Flexible Arbeitsverhältnisse statt fester Positionen, Bezahlung nach kreativer Leistung statt nach abgesessener Stunden.
Ideen systematisch entwickeln
Hier liegt eine große Chance für Sie. Als Selbstständiger sind Sie ohnehin gezwungen, ständig neue Ideen zu entwickeln. Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass gerade das Ihr größter Wettbewerbsvorteil ist? Im Gegensatz zum trägen Dinosaurier können kleine Unternehmen und Netzwerke wie flinke Mäuse agieren: Ideen entwickeln, die in erstarrten Unternehmensstrukturen niemand zu äußern wagt, nach Problemen suchen, die innerhalb großer Firmen niemand anzusprechen wagt und das Neue wagen statt im Alten zu verharren.
Dass kleine Unternehmen flexibler agieren können ist nicht neu: Thomas Edison, der die Glühbirne, die Filmkamera, den Akku und knapp 1.080 Dinge erfand, legte mit seiner Arbeit die Grundlage für den Weltkonzern General Electric. Er war sogar im Vorstand des Unternehmens. Allerdings nicht lange: Binnen weniger Jahre machten ihn die Konzernstrukturen von einem mutigen Neuerer zu einem konservativen Verteidiger des Status quo. Er zog schließlich selbst die Reißleine, kehrte GE den Rücken und kehrte in die Selbstständigkeit zurück.
Edison hatte einen Weg gefunden, Ideen systematisch zu entwickeln und sie zum Erfolg zu führen. Einen Weg, der erlernbar ist. Edison selbst hat ihn anderen beigebracht. Er war kein einsames Genie, das Dinge vollbrachte, die niemand anders vollbringen konnte. Die meisten seiner Erfindungen entstanden in einer von ihm konstruierten Ideenfabrik, in der er seine Angestellten für sich arbeiten und erfinden ließ. Viele von ihnen kamen, obwohl Edison ihnen schon beim Einstellungsgespräch sagte: »Also: Wir zahlen überhaupt nichts und wir arbeiten immer.« Sie kamen, um von ihm zu lernen, wie man Ideen entwickelt. Mit seiner Methodik – dem Edison-Prinzip – können Sie so wie der Glühbirnen-Erfinder neue Ideen in Serie entwickeln.
Kreativ in sechs Schritten - Edisons Weg zur genialen Idee
Bei seinen Erfindungen folgte Thomas Edison stets der gleichen Systematik: Sechs Schritten, die allen Erfindungen zugrunde lagen und die Sie nutzen können, um systematisch neue Ideen zu finden und sie zu Konzepten weiter zu entwickeln.
ERFOLGSCHANCEN ERKENNEN
Edison erkannte Chancen, für die andere blind waren: Marktchancen und technische Chancen.
DENKMUSTER ERWEITERN
Edison entwickelte unzählige Zugänge, um sein Ziel zu erreichen. Er nutzte neue Wege, um Probleme zu lösen und ging gedankliche Umwege.
INSPIRATIONEN SUCHEN
Edison war ein Schwamm, der Anregungen und Ideen förmlich aufsaugte. Er nutzte Analogien zu bestehenden Dingen, um zum Neuen zu kommen.
SPANNUNG ERZEUGEN
Die Phase der Ideenfindung: Edison nutzte eine Technik, die "kaleidoskopisches Denken" genannt wird.
ORDNEN UND OPTIMIEREN
Edison suchte die besten Ideen aus und entwickelte er sie weiter. Zu Hunderten von Konzeptalternativen: Bis er das optimale Ergebnis hatte.
NUTZEN MAXIMIEREN
Dann organisierte er das Gesamtsystem. Edison wusste, dass gute Ideen gut verkauft werden müssen! Er entwickelte perfekte Strategien für seine Erfindungen.
Die sechs Schritte des Edison-Prinzips bauen logisch aufeinander auf, was der Kern seines Erfolges war: Keine Kreativtechnik der Welt kann Ihnen neue Ideen bringen, wenn Sie die richtigen Chancen nicht sehen oder das Problem immer von der gleichen Seite angehen. Und keine Idee kann erfolgreich sein, wenn sie nicht genauso kreativ umgesetzt und dem Umfeld angepasst wird, für die sie gedacht ist.
Der erste Schritt ist der wichtigste. Denn er ist der Einstieg in den kreativen Prozess. Dabei ist problemorientiertes Denken eine der wichtigsten Eigenschaften. Heute bereits geht es in der Wirtschaft in vielen Bereichen nicht mehr darum, Produkte zu verkaufen, sondern Probleme zu lösen. In Zukunft wird das noch wichtiger: Unternehmen werden sich auf die ständige Suche nach Problemen ihrer Kunden begeben. Und zwar nicht nach aktuellen Problemen: Sondern nach Problemen, die die Kunden in drei bis fünf Jahren haben werden und von denen sie heute noch nicht einmal etwas ahnen. Ein Beispiel soll das verdeutlichen.
In den Pionierzeiten des Internets sorgte eine neue Entdeckung für eine Revolution in der Kommunikation: Die E-Mail. Plötzlich war es möglich, praktisch jeden Menschen, der an das Internet angeschlossen war, per Mail zu erreichen. Sofort. Und kostenlos. Kreative Köpfe überlegten zu diesem Zeitpunkt: Welche Probleme werden Konsumenten daraus in Zukunft erwachsen? Und sie kamen auf Spam Mails und Viren. Die Produkte, die sie entwickelten, waren Spam Filter, Firewalls, Anti-Viren-Programme und sonstige Sicherheitsbarrieren, mit denen sich Internetnutzer schützen konnten und bis heute können. Diese Form von Kreativität – Probleme drei bis fünf Jahre vorauszuahnen und eine Lösung parat zu haben, wenn das Problem da ist – ist eine der wichtigsten kreativen Eigenschaften, die Sie als Selbstständiger künftig brauchen.
Zukunftsforscher prophezeien bereits einen Wettlauf um die kreativen Köpfe von morgen, die in kleinen flexiblen Strukturen selbstständig arbeiten. Die in ihrer Arbeit Sinnerfüllung und nicht nur Broterwerb sehen. Und die das leben, was James Carville, der Wahlkampfmanager von Bill Clinton, dem späteren Präsidenten im Vorstellungsgespräch sagte: "Sie bezahlen für meinen Kopf. Und mein Herzblut bekommen Sie kostenlos dazu." Dieses Herzblut wird das sein, was Sie als Selbstständiger künftig wertvoll macht.
Über den Autor
Jens-Uewe Meyer ist Buchautor und Inhaber der Firma "Die Ideelogen - Gesellschaft für neue Ideen", Deutschlands erster Beratungsfirma für unternehmerische Kreativität. Als Trainer und Berater zeigt er Mitarbeitern und Führungskräften, wie sie Ideen entwickeln und diese zum Erfolg bringen können. Außerdem unterrichtet er Corporate Creativity an der Handelshochschule Leipzig.
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