Interim Management - Eine Einführung - Ein Beitrag von Ludger Grevenkamp
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30.10.2006

Serie Interim Management - Teil I

Interim Management - Eine Einführung

Die in vieler Hinsicht positiven schlanken Strukturen in den Unternehmen bedeuten in kleineren und mittleren Firmen aber auch eine dünne Personaldecke. Reserven für Krisenfälle, Sonderaufgaben oder unerwartet ausscheidende Mitarbeiter sind kaum vorhanden. Der zunehmende Wettbewerb erfordert jedoch Bestleistungen auf allen Gebieten. Do-it-yourself-Methoden oder längere Vakanzen in wichtigen Bereichen haben hier keinen Platz.




Ein Beitrag von Ludger Grevenkamp

Daraus ergibt sich ein ständig zunehmender Bedarf nach zeitlich befristeter Managementkapazität – nach Interim Management oder „Management auf Zeit“.

Die Schaffung der schlanken Strukturen hat zur „Freisetzung“ zahlreicher erfahrener Führungskräfte geführt. Häufig anfangs eher unfreiwillig –  bieten diese jetzt Ihre Fähigkeiten und Erfahrungen für befristete Einsätze als Manager auf Zeit an. Daneben gibt es eine große Zahl (etwa 1/3) von erfolgreichen ehemals angestellten Managern, die sich aus persönlichen Gründen für eine Selbständigkeit als Interim Manager, im Ein-Mann-Unternehmen, entschieden haben.

Übereinstimmende Schätzungen besagen, dass derzeit in Deutschland etwa 10.000 bis 15.000 Interim Manager ihre Dienstleistung anbieten.

In Deutschland führt Interim Management jedoch – verglichen vor allem mit den Niederlanden, aber auch mit England und USA – ein bescheidenes Dasein. Greifen wir nur einen Einsatzbereich für Interim Management heraus: Die meisten Unternehmen, die Insolvenz anmelden, hat nie ein Interim Manager von innen gesehen. Die vielfältigen Vorteile und Möglichkeiten, die Interim Management auch in anderen Einsatzbereichen bietet, werden noch von viel zu wenigen Verantwortlichen gesehen und auch genutzt.


Auf dem zuletzt Gesagten liegt deshalb auch der Schwerpunkt dieses Beitrags, denn das Konzept „Interim Management“ hat das Potenzial, die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Unternehmen und der gesamten deutschen Wirtschaft nennenswert und nachhaltig zu steigern

Was ist Interim Management?

Eine Definition des Begriffes „Interim Management“ oder „Management auf Zeit“ zu finden, ist in Deutschland nicht so einfach. Selbst Standardwerke der Betriebswirtschaft oder einschlägige Lexika kennen diesen Begriff nicht. Dies kann wohl auch als Indiz für die noch geringe Verbreitung von Interim Management in Deutschland gesehen werden.

Von Carl Hague, dem Direktor einer englischen Interim Management Agency, stammt die interessante Definition „Interim management is a human solution to business problems, not a business solution to human problems.“

In Deutschland wird Interim Management anteilsmäßig häufiger als in anderen Ländern bei Turnaround-Situationen eingesetzt. Das hat dazu geführt, dass viele den Begriff „Interim Manager“ als Synonym für „Turnaround-Manager“ betrachten. Gefördert wird dieser Eindruck von Zeitungsartikeln, die eine spektakuläre Krisensituation gern in den Vordergrund stellen. Dies ist aber nicht nur nicht richtig, wenn man die Tatsachen im In- und Ausland betrachtet oder die weitere Entwicklung des Interim Managements mit einbezieht. Diese Fehleinstufung hemmt auch die Nutzung der Möglichkeiten, die das Interim Management bietet.

Der häufig im Zusammenhang mit Interim Management verwendete Begriff „Feuerwehr“ ist ebenfalls irreführend. Er deutet ein vorheriges Versagen anderer an – und wer gesteht das schon gern ein? Außerdem assoziiert er eine gewisse Unvorhersehbarkeit und berücksichtigt überhaupt nicht den gezielten Einsatz von Interim Management als wichtigen Teil eines vorausschauenden flexiblen Personalmanagements.

In einer Werbung für Interim Management könnten folgende Zitate stehen: 

  • „Wer würde ein Hotel kaufen, nur weil er mal Urlaub machen will?“
  • „Wer würde mühsam Spezialwissen aufbauen, obwohl er es nur selten braucht und es ausreichend Spezialisten gibt?“
  • „Welcher auch begabte Auto-Bastler gibt sein Auto bei kritischen Problemen nicht doch lieber in die Fachwerkstatt?“

Alle drei Zitate zusammen ergeben bereits eine gute Beschreibung dessen, was Interim Management ist. Ganz allgemein gesehen ist Interim Management „die befristete Wahrnehmung einer klar definierten Führungsaufgabe“. Etwas ausführlicher ist der Interim Manager

  • ein auf Honorarbasis arbeitender Manager
  • mit einem zeitlich befristeten Mandat
  • für eine klar definierte Führungsaufgabe.

Die Aufgabe besteht entweder in der befristeten Übernahme von Führungsverantwortung bei vorübergehender Vakanz oder – was weit häufiger der Fall ist – im Durchführen bzw. Durchsetzen von Änderungen in begrenzter Zeit und der Einführung von Management-Verbesserungen (Change Management). Alle Aufgaben, die als Projekt definiert werden können, sind potenzielle Einsatzgebiete von Interim Managern. Die Befristung erstreckt sich auf einen Zeitraum von in der Regel maximal zwei Jahren, die durchschnittliche Einsatzdauer in Deutschland beträgt etwa acht Monate.

Der Interim Manager hat etwas, was im Unternehmen nicht ausreichend vorhanden ist, nämlich Spezialwissen, Führungserfahrung, etc., und er ist verfügbar – räumlich und zeitlich. Er erkennt bereits nach einer kurzen Analysezeit, was zu tun ist. Und auf die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen konzentriert er sich. Er ist in erster Linie Praktiker/Pragmatiker.


Der Interim Manager ist kein Angestellter und unterscheidet sich in vielen Aspekten von einem dauerhaft beschäftigten Manager. Aber auch hier gibt es fließende Grenzen: Welcher inhaltliche (nicht vertragliche) Unterschied besteht z.B. zwischen einem Interim Manager, der bei einer Geschäftsführervakanz für bis zu 24 Monate engagiert wird und einem angestellten Geschäftsführer mit einer kurzen Vertragslaufzeit, von z. B. nur zwei oder drei Jahren?

Das Interim Management unterscheidet sich auch erheblich von der Zeitarbeit, obwohl inzwischen Zeitarbeitsunternehmen vermehrt Führungskräfte vermitteln. Ähnlich große Unterschiede bestehen zwischen Interim Manager und Unternehmensberater

Vergleich der Zeitarbeit mit Interim Management

Die wohl wichtigsten Gemeinsamkeiten zwischen Zeitarbeit und Interim Management sind der befristete Arbeitseinsatz und fixe Personalkosten werden zu variablen Kosten.

Vergleich Zeitarbeit und Interim Management
Seit Mitte der 90 er Jahre vermitteln einzelne Zeitarbeitsfirmen auch Führungskräfte. Dies ist jedoch keinesfalls die Regel und wird es wegen der grundlegenden Unterschiede zwischen Zeitarbeit und Interim Management vermutlich auch nicht werden.

Denkbar ist allerdings, dass Zeitarbeitsunternehmen das Geschäftsfeld „Vermittlung von Führungskräften“ ausgliedern und sie sich ebenfalls als Interim Management Gesellschaften etablieren.

Die wichtigsten grundlegenden Unterschiede zwischen Zeitarbeit und Interim Management zeigt nebenstehende Tabelle 1.

Vergleich zwischen Unternehmensberatung und Interim Management

Beide erbringen eine externe Dienstleistung, die bezogen auf Analyse und Konzeption Ähnlichkeiten aufweist.

Vergleich
Unternehmensberatung und Interim Management
Seit einigen Jahren ist ein verstärkter Trend zur „Umsetzungsorientierten Beratung“ festzustellen. Berater werden verstärkt in die Planungen und Aktivitäten für die Umsetzung von Konzepten einbezogen, aber nach wie vor als Berater. Einige Unternehmensberatungs-Gesellschaften sind allerdings bereits dazu übergegangen, Interim Management als zusätzliche Dienstleistung anzubieten.

Auch wenn dadurch die Trennlinien zwischen Unternehmensberatung und Interim Management an Schärfe verlieren, gibt es grundlegende Unterschiede zwischen beiden (siehe nebenstehende Tabelle 2). 

Noch einige kurze Erläuterungen zur Thematik der Arbeitnehmerüberlassung:

In fast allen Fällen werden Interim Manager für Aufgaben eingesetzt, bei denen es um Veränderungen geht oder wo Führungsverantwortung wahrgenommen werden soll. Es wird von ihnen geradezu erwartet, dass sie Weisungen erteilen. Darüber hinaus treten sie als selbständige Unternehmer auf, die auch auf Grund ihrer finanziellen Unabhängigkeit nicht als schutzwürdig im Sinne des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes eingestuft werden. Damit dürften mittelbare Beschäftigungsverhältnisse zwischen beauftragendem Unternehmen und Interim Manager, die ja eine nicht weisungsunabhängige Tätigkeit im Unternehmen voraussetzen, de facto nicht entstehen.

Entwicklung von Interim Management

Erste Gesellschaften für Interim Management wurden in Europa bereits in der zweiten Hälfte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegründet, und zwar in Skandinavien. Wer wirklich der erste war, lässt sich nur schwer feststellen, denn die Grenzen zwischen Umsetzungsorientierter Unternehmensberatung, die es auch vorher schon gegeben hat, und Interim Management sind teilweise fließend. Darüber hinaus sind mehrere Interim Management Gesellschaften als Ableger von namhaften Personal- und Unternehmensberatungsfirmen entstanden.

Seit den 70er Jahren lehren die meisten Management-Konzepte das schlanke und auf nur ein oder wenige Geschäftsfelder konzentrierte Unternehmen, das möglichst alle anderen Aktivitäten veräußert und Arbeitsprozesse, soweit sie isolierbar sind, nach außen an entsprechend fokussierte Unternehmen übergibt.
In diesem Sinne kann Interim Management als notwendige Begleiterscheinung von Lean-Management gesehen werden. Die Konzentration der Unternehmen auf ihre Kernkompetenzen und das konsequente Outsourcing isolierbarer Arbeitsprozesse bedingen das Hinzuziehen einer „externen“ Ressource, wenn absehbar oder plötzlich ein erhöhter Managementbedarf entsteht.

Ist dieser Managementbedarf darin zu sehen, dass wichtige Veränderungen im Unternehmen dauerhaft verankert werden sollen, geht Interim Management über die „Begleiterscheinung des Lean- Management“ deutlich hinaus. Es ist zum Change Management geworden, das dem Unternehmen hilft, besser im globalen Wettbewerb zu bestehen und sich auf wichtige zukünftige Entwicklungen einzustellen.

Den Führungskräften gibt es die Möglichkeit, gemeinsam mit erfahrenen Interim Managern ihre Kenntnisse und ihren Horizont nachhaltig zu erweitern – Interim Management als Coaching.

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Über den Autor

Diplom-Wirtschaftsingenieur, Marketing- und Vertriebskarriere bei Hewlett-Packard, mehrfach erfolgreiche Neuausrichtung von Unternehmen in Industrie und Handel im In- und Ausland, zahlreiche Beratungs- und Interim-Management-Projekte, heute Geschäftsführender Gesellschafter der ELGRECO Professional Services GmbH, Dassendorf bei Hamburg. 

www.elgreco-consulting.de

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